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Probleme in der Landwirtschaft im Kreis Weimar

15. April 1968
Einzelinformation Nr. 417/68 über einige Probleme der Landwirtschaft im Kreis Weimar, [Bezirk] Erfurt

Dem MfS liegen Hinweise von Landwirtschaftsfachleuten und von Genossenschaftsbauern aus dem Kreis Weimar vor, deren wesentlicher Inhalt sich auf Fragen der Leitungstätigkeit der Kreisproduktionsleitung, deren Schwächen und Mängel, bezieht.

Die Entwicklung der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft im Kreis Weimar wird allgemein positiv gewertet, wobei sich die Kreisproduktionsleitung in der Vergangenheit besonders auf die fortgeschrittenen LPG und Kooperationsgemeinschaften konzentriert habe.

Kritisch festgestellt wird aber auch, dass die Kreisproduktionsleitung aufgrund ihrer kadermäßigen Zusammensetzung durchaus in der Lage gewesen wäre, die Aufgaben bei der Gestaltung des ökonomischen Systems im Bereich der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft besser zu lösen, als es die erreichten Ergebnisse bisher erkennen lassen.

So wurde beispielsweise im Juli 1967 damit begonnen, regelmäßig in der Kreisproduktionsleitung Beratungen mit Fachkadern der Landwirtschaft durchzuführen. Seit Jahresende 1967 wurde diese Arbeitsmethode jedoch kaum noch weitergeführt. Fehlende Auseinandersetzungen über nichterfüllte Aufgaben und Kritiklosigkeit sowie die etwas zu einseitige Orientierung auf die fortgeschrittenen LPG usw. gehören nach Äußerungen von Fachleuten bisher zu den wesentlichsten Schwächen der Kreisproduktionsleitung.

Bei der Entwicklung der Kooperationsbeziehungen und Bildung entsprechender Gemeinschaften war in der Produktionsleitung eine Tendenz spürbar, die Freiwilligkeit in einer derartigen Zusammenarbeit so überzubetonen, dass diese Entwicklung etwas dem »Selbstlauf« überlassen wurde. Im südlichen Teil des Kreises Weimar haben aus diesem Grunde einige LPG sich erst einer, später dann anderen Kooperationsgemeinschaften angeschlossen. Dadurch musste die Perspektivplanung immer neue Aufgaben lösen, sodass in einzelnen LPG die Meinung aufkam, die Kreisproduktionsleitung hätte selbst keine klaren Vorstellungen. Deshalb entstand u. a. auch eine solche Meinung, die Kreisproduktionsleitung sei nicht konsequent bemüht gewesen, eine stabile Ordnung in das Kooperationswesen innerhalb des Kreises zu bringen. Die LPG Mechelroda, Kiliansroda, Kranichfeld und Rittersdorf lösten beispielsweise ihre Kooperationsbeziehungen, ohne dass die Kreisproduktionsleitung darauf Einfluss genommen hätte. Die in der LPG Rittersdorf eingenommene abwartende Haltung zur Mitarbeit in einer Kooperationsgemeinschaft wurde von der Produktionsleitung nicht zum Gegenstand von Auseinandersetzungen genutzt.

Erst auf eindringliches Einwirken des Bezirkslandwirtschaftsrates wurde durch die Kreisproduktionsleitung eine aussagefähige Konzeption für die Konzentration der Milchproduktion erarbeitet. Dem war eine äußerst unzureichende perspektivische Arbeit der Kreisproduktionsleitung vorangegangen. Deren unzureichende Arbeit drückt sich u. a. auch darin aus, dass auf der Grundlage der effektiv vorhandenen Kuhbestände äußerst schematisch fünf Zweitausender-Kuhställe auf den Kreis aufgeteilt wurden. Die LPG wurden dabei überhaupt nicht befragt, und die vorgesehenen Standorte wurden weder mit der geografischen Lage noch mit der Futtergrundlage abgestimmt. Aus diesen Gründen mussten bereits durchgeführte Bauarbeiten wieder eingestellt werden, obwohl schon bis zu 70 TM ausgegeben worden waren.

Als weiteres Hemmnis zeichnete sich die Übernahme der alten Leitungsmethoden in der Nahrungsgüterwirtschaft ab. So warteten die Endproduzenten teilweise auf die Initiative der Produktionsleitung, während die Produktionsleitung bestrebt war, dem Endproduzenten die Verantwortung zu überlassen.

Die Bildung des Rates für landwirtschaftliche Produktion und Nahrungsgüterwirtschaft war bis zum 10.3.1968 noch nicht erfolgt, obwohl für dessen Bildung konkrete Vorstellungen bestanden. Aus diesem Grunde beabsichtige eine Reihe Mitarbeiter der Produktionsleitung, sich nach anderen Arbeitsmöglichkeiten umzusehen.

Die Konzeption der Kreisproduktionsleitung, die Neuholländer Methoden1 mit Wirkung vom 1.1.1968 in allen LPG des Kreises Weimar einzuführen, konnte nicht erfüllt werden. Die Meinung der Fachleute besagt dazu, eine solche Aufgabenstellung wäre auch zu weitgehend gewesen. Obwohl in vielen Jahreshauptversammlungen durch den maßgeblichen Einfluss des landwirtschaftlichen Beratungsdienstes oft konkrete Beschlüsse über die Durchsetzung der gemeinsamen Feldwirtschaft mehrerer LPG als Voraussetzung für die Einführung des Neuholländer Systems gefasst wurden, soll trotzdem erst ab Herbst dieses Jahres mit der gemeinsamen Feldwirtschaft begonnen werden.

Die Durchsetzung der Prinzipien sozialistischer Betriebswirtschaft in den LPG Typ I2 scheiterte bisher vor allem an der ungenügenden politisch-ideologischen Arbeit unter den Genossenschaftsbauern bzw. mit den Vorständen.

Die Leitungstätigkeit im ländlichen Bauwesen und im Meliorationswesen wurde den Anforderungen bisher noch nicht gerecht, was u. a. auch daran zu erkennen ist, dass im Bezirk Erfurt insgesamt günstigere Ergebnisse erzielt wurden als im Kreis Weimar. Die Fachleute weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Stellvertreter des Vorsitzenden der Produktionsleitung und Verantwortliche für das landwirtschaftliche Bauwesen und Meliorationswesen sowie der Leiter der Bauinvestitionsgruppe in der Vergangenheit unzureichend ihre Anstrengungen auf Schwerpunkte gerichtet und auch zu wenig an der Basis angeleitet hätten. Beispielsweise wurde der Meliorationsplan erhöht, ohne die anteilmäßige Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit mit vorzusehen. Die Erhöhung des Bauplanes 1968 auf 22 Mio. Mark ist mit einer weiteren Erhöhung der Hochbauinvestitionen verbunden, was allgemein als Mangel empfunden wurde. Dabei sind u. a. auch Zweihunderter-Kuhställe vorgesehen, ohne die Möglichkeit zu berücksichtigen, Komplexe für 600 und mehr Kühe zu schaffen.

Erfolge wurden in der politisch-ideologischen Überzeugungsarbeit unter den Werktätigen der Landwirtschaft, insbesondere in den fortgeschrittenen LPG und Kooperationsgemeinschaften, erreicht. Es gab jedoch zeitweise Anzeichen für eine Unterschätzung der politischen Arbeit mit den Genossenschaftsvorständen.

Allgemein wird weiterhin eingeschätzt, dass die mit dem Experiment zusammenhängenden Maßnahmen in der Vergangenheit nicht umfassend genug ideologisch vorbereitet wurden. Beispielsweise zeigten sich diese Mängel besonders im Zusammenhang mit der Einführung des Grundabführungsbetrages und des Preisexperimentes. Eine Reihe von LPG Typ I versuche aus diesen Gründen, ohne entsprechende sachliche Voraussetzungen zum Typ III überzugehen.

Als die wesentlichsten Schwerpunktgenossenschaften werden die LPG vom

  • Typ I Troistedt und Döbritschen,

  • Typ II Saalborn,

  • Typ III Thangelstedt, Döbritschen, Rottdorf, Göttern, Rittersdorf und Leutenthal

bezeichnet.

Die LPG Troistedt habe zwar eine stark entwickelte genossenschaftliche Viehhaltung, jedoch eine gleichmäßig niedrige Leistung des Viehs (niedrige Produktivität) zu verzeichnen, sodass mit dem Wunsch nach Übergang zur LPG Typ III spekulative Absichten verbunden sind. Man hofft durch den Übergang einen höheren Anteil des Verkaufs zu Aufkaufpreisen erreichen und auf diese Weise die Rentabilität der LPG steigern zu können. In der LPG bestehen größere Schwächen in der Leitungstätigkeit. (Übergang zur LPG Typ III von Produktionsleitung aus vorgenannten Gründen bisher abgelehnt.)

In den LPG Döbritschen (I und III) und Göttern (III) lehnt man die Entwicklung von Kooperationsbeziehungen, besonders in der Feldwirtschaft, ab. Dieser Zustand wird mit einem nur auf den Nutzen der eigenen Genossenschaft ausgerichteten Denken erklärt.

In der wirtschaftsschwachen LPG Typ II Saalborn, in der ebenfalls Widerstände gegen die Entwicklung von Kooperationsbeziehungen vorhanden sind, existieren Auffassungen unter den Genossenschaftsbauern, dass die genossenschaftliche Entwicklung für die Bauern sich nachteilig ausgewirkt hätte.

Gleiche Erscheinungen wurden in der Vergangenheit in den LPG Typ III Thangelstedt, Rittersdorf und Leutenthal sowie in der LPG Typ I Rottdorf festgestellt. In Thangelstedt hatten die LPG-Mitglieder unter dem Einfluss von Kräften der seit dem 1.1.1968 eingegliederten LPG Typ I einen neuen »illegalen« Vorstand gewählt (alles Mitglieder der ehemaligen LPG Typ I). Beschlüsse und Vereinbarungen zur Realisierung der beschlossenen Kooperationsverbindungen werden durch den LPG-Vorsitzenden in Übereinstimmung mit dem Vorstand der LPG Typ III Rittersdorf nicht eingehalten.

Über die Meliorationsgenossenschaft des Kreises Weimar wird berichtet, dass sie sich nur ungenügend entwickelt habe, durch die Kreisproduktionsleitung wenig Unterstützung erhalte und bisher noch keine Kooperationsbeziehungen zu zentralen Bauorganisationen im Kreis Weimar zur Ausnutzung nicht voll ausgelasteter Technik entwickelt habe.

Unverständnis herrscht in den LPG des südlichen Teils des Kreises Weimar über die Bildung des »Kooperationsverbandes Speisekartoffel«. Es wird angeführt, dass es besser wäre, die Kartoffeln dort anzubauen, wo eine volle Mechanisierung möglich ist (Nordbezirke) und nicht in dieser Gegend, wo man »mehr Steine als Kartoffeln ernten« würde. In diesem Zusammenhang wird gegen die Ausnahmegenehmigung für den Bereich Berlstedt Stellung genommen, der mit Partnern in Nordbezirken der DDR Vereinbarungen zum Bezug von Speisekartoffeln treffen durfte. Dabei wird auf die günstigeren Bodenverhältnisse im Bereich Berlstedt im Gegensatz zu den im südlichen Teil des Kreises vorherrschenden Bodenverhältnissen verwiesen.

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    15. April 1968
    Einzelinformation Nr. 419/68 über einen in Güstrow, [Bezirk] Schwerin, tot aufgefundenen afrikanischen Bürger
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    15. April 1968
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