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Sitzung der Leitung der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg (West)

29. August 1968
Einzelinformation Nr. 944/68 über die Sitzung der Kirchenleitung der evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg am 27. August 1968 in Westberlin

Am 27.8.1968 tagte in den Vormittagsstunden die Kirchenleitung der evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg unter Vorsitz von Bischof Scharf1 in Westberlin.

Bischof Scharf gab eine umfassende Information über die Lage in der ČSSR und konzentrierte sich dabei auf folgende Punkte:

  • Lage in der ČSSR vor der »Besetzung« durch die fünf Warschauer Vertragsstaaten und die Haltung der Protestantischen Kirche zu dem Reformkurs Dubčeks;2

  • »Besetzung« durch die fünf Warschauer Vertragsstaaten und die Haltung der Protestantischen Kirche dazu;

  • Tagung des »Synodalrats der Kirche der Böhmischen Brüder« in der Tschechoslowakei;

  • Gespräch zwischen Bischof Scharf, Westberlin, und leitenden Vertretern des Weltkirchenrates in Genf.

Im Ergebnis der Berichterstattung durch Bischof Scharf war sich die Kirchenleitung einig, dass kein gesonderter Beschluss im Zusammenhang mit den Ereignissen in der ČSSR durch die Kirchenleitung gefasst wird, sondern dass sie sich aus taktischen Gründen hinter den Aufruf des »Prager Synodalrats der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder«3 stellen wird.

In diesem Zusammenhang wolle die Kirchenleitung immer wieder versuchen, auf den Weltkirchenrat in Genf dahingehend einzuwirken, eine Sitzung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates einzuberufen, auf der man sich mit dem Aufruf des »Prager Synodalrates der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder« befasst. Alle Versuche in dieser Richtung seien bis jetzt ergebnislos verlaufen.

Der Leiter des »Evangelischen Publizistischen Zentrums Westberlin«, Sepp Schelz,4 wurde von der Kirchenleitung beauftragt, im westdeutschen Fernsehen und Rundfunk zur Lage in der ČSSR zu sprechen. Dabei käme es darauf an, den Menschen zu erklären, dass

  • die Lage in der ČSSR deutlich bewiesen habe, dass unter den heutigen Bedingungen in der Welt die Konflikte nicht mehr mit Gewalt gelöst werden können;

  • die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten im Zusammenhang mit ihren Maßnahmen in der ČSSR in Widerspruch zum Marxismus geraten seien. Marx habe gesagt, kein Volk kann frei sein, wenn es selbst andere unterdrückt.

Die Kirchenleitung der evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg in Westberlin wolle weiter den Aufruf des »Prager Synodalrates der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder« verbreiten und die Öffentlichkeit informieren.

Sie beabsichtige, die Bitte an den Weltkirchenrat heranzutragen, sich mit diesem Aufruf zu solidarisieren und die Mitgliedskirchen des Weltkirchenrates aufzufordern, Fürbitten für die Menschen in der ČSSR durchzuführen.

Die Information darf im Interesse der Sicherheit der Quelle nicht publizistisch ausgewertet werden.

  1. Zum nächsten Dokument Haltung der Mitarbeiter der Botschaft der ČSSR in der DDR
    29. August 1968
    Einzelinformation Nr. 949/68 über die Haltung der Mitarbeiter der Botschaft und der Handelsvertretung der ČSSR in der Hauptstadt der DDR zu den Ereignissen in der ČSSR
  2. Zum vorherigen Dokument Brief des Westberliner Regionalausschusses der an Ulbricht
    28. August 1968
    Einzelinformation Nr. 927/68 über einen Brief des Regionalausschusses der Prager Christlichen Friedenskonferenz (PCF) in Westberlin an den Vorsitzenden des Staatsrates der DDR und Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED, Genossen Walter Ulbricht