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Haltung von Bischof Scharf und seine Verbindung zu Schönherr

28. August 1968
Einzelinformation Nr. 920/68 über die Haltung von Bischof Scharf/Westberlin zur Situation in der ČSSR und seine Verbindungen zu Bischof Schönherr/Berlin

Bischof Schönherr1/Hauptstadt der DDR befindet sich in der Zeit vom 13.8. bis 29.8.1968 zu einem Urlaubsaufenthalt in der ČSSR.

Intern wurde dem MfS bekannt, dass Schönherr seinen dortigen Aufenthalt dazu ausnutzte, sich mit Bischof Scharf2/Westberlin zu treffen. Wie inzwischen auch vom Leiter des evangelischen publizistischen Zentrums in Westberlin, Sepp Schelz,3 bestätigt wurde, haben Scharf und Schönherr über die »Verselbstständigung« der evangelischen Kirchen in der DDR beraten und Überlegungen angestellt, wie eine Herauslösung aus der »Evangelischen Kirche in Deutschland« erfolgen kann.

In Auswertung des in der ČSSR erfolgten Zusammentreffens zwischen Scharf und Schönherr wird vorgeschlagen, dass das Staatssekretariat für Kirchenfragen mit Bischof Schönherr nach seiner Rückkehr aus der ČSSR eine Aussprache führen sollte.

Dabei könnte ihm zu verstehen gegeben werden, dass sein Zusammentreffen mit Scharf und seine illegalen Verhandlungen als Fortsetzung »gesamtdeutscher« kirchlicher Tätigkeit gewertet werden und sein Verhalten im Widerspruch zur Kirchenpolitik der DDR steht.

Bischof Scharf kehrte am 22.8.1968 von seinem zwölftägigen Aufenthalt in der ČSSR nach Frankfurt/M. zurück. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Prag rief Scharf die evangelischen Gemeinden in Deutschland und die Ökumene zur Bekundung der »Solidarität« mit der Bevölkerung und den Christen der Tschechoslowakei und zur »Fürbitte« auf. Scharf erklärte, es sei die Hoffnung der christlichen Kirchen in der ČSSR, dass überall in der Welt Sympathiekundgebungen und Fürbittegottesdienste stattfinden.

Vor Mitarbeitern des Kirchlichen Außenamtes in Frankfurt/M. schilderte Scharf seine Prager Eindrücke. Scharf legte dabei einen sogenannten Aufruf des Synodalrates der »Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder« vor, in dem ein Bekenntnis zum »Regenerationsbestreben« und zur Regierung in der ČSSR abgelegt wird. In dem »Aufruf« protestiert der Synodalrat gegen die »Verletzung der Staatssouveränität« und gegen die »Okkupation« des Landes durch ausländische Truppen.4 Der Synodalrat habe die Erwartung geäußert, dass sich der Ökumenische Rat der Kirchen, Genf, hinter den »Aufruf« der »Kirche der Böhmischen Brüder« stellt. Scharf reiste am 23.8.1968 von Frankfurt/M. nach Genf weiter, um dem Präsidium des Ökumenischen Rates dieses Protestschreiben zu überbringen. (Dieses »Dokument« wird als Anlage im vollen Wortlaut beigefügt.)

Vor seiner Abreise nach Genf gab Scharf in Frankfurt/M. eine Pressekonferenz über seine Wahrnehmungen beim »Einmarsch der russischen Truppen« in Prag. Scharf betonte u. a., die Prager Bevölkerung habe sich »einhellig in einer bewundernswerten Weise zur alten Regierung bekannt« und sei in »gewaltlosem Widerstand, in einem tapferen, tollkühnen, mutigen Protest gegen die Okkupation aufgetreten«; das Volk fordere »Rückkehr zur Freiheit«.

Scharf erklärte weiter, er habe die »Botschaft« des »Synodalrates der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder« bereits durch Fernschreiben nach Genf weitergegeben und dessen Bitte übermittelt, dass sich die Kirchen der Welt zu dieser »Botschaft« äußern sollten. Außerdem sei vorgesehen, die »Botschaft« von der Kirchenkanzlei der »EKD« an alle Gliedkirchen zu senden mit der Bitte, sich den Wortlaut zu Eigen zu machen. (Eine Versendung des »Aufrufes« an die Landeskirchen in der DDR wurde bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht festgestellt.)

Diese Information darf im Interesse der Sicherheit der Quellen nicht öffentlich ausgewertet werden.

1 Anlage

Anlage zur Information Nr. 920/68

»Die Gnade und der Friede Gottes, des Vaters unseres Herrn Jesu Christi, sei mit Euch allen.«

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir schreiben Euch diesen Brief in den Mittagsstunden des Tages, an dem die Souveränität und Freiheit unserer Republik durch einen Angriff von außen verletzt worden sind. Wir sind dadurch tief erschüttert, und wir sehnen uns in dieser schweren Zeit, mit Euch allen in unseren Gemeinden engstens verbunden zu sein. Wir erklärten uns alle gern zum Regenerationsstreben unseres Volkes, das den Präsidenten Ludvík Svoboda,5 den Ministerpräsidenten Oldřich6 Černík und den 1. Sekretär der KSČ7 Alexander Dubček8 an der Spitze hat.

In diesem Streben sehen wir die Fortsetzung unserer besten nationalen und geistigen Traditionen. Im Namen unserer ganzen Kirche protestieren wir gegen die Bedrohung dieses Regenerationsprozesses, gegen die Verletzung unserer Staatssouveränität und gegen die Okkupation unseres Landes durch ausländische Armeen, und wir verlangen ihre Abberufung.

Wir wissen nicht, was uns die nächsten Tage bringen werden. Zu dieser Zeit teilen wir mit unserem Volk seinen ganzen Schmerz und Hoffnung. Wir rufen euch alle, Brüder und Schwestern in unseren Gemeinden, auf, auf dem betretenen Weg treu weiterzugehen und euch als Diener der Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit zu bewähren. Lasst uns gemeinsam um die Weisheit beten, dass wir bekennen mögen, was wir in dieser Zeit in vollster Verantwortung zu tun haben. Wir erinnern uns heute an alle unsere Brüder und Schwestern in der Welt, die den Ausweg aus schwersten Situationen im gewaltlosen Widerstand suchten. Lasst uns beten, dass wir Christen die Wahrheit des Evangeliums bekennen und als Bürger unseres Staates in Freiheit und Frieden denken, sprechen und arbeiten dürfen. Lasst uns alle festhalten an der Erfahrung unserer hussitischen und brüderischen Väter, dass die Wahrheit des Herrn siegen muss. Im Glauben, in der Liebe und der Hoffnung mit Euch verbunden. Synodalrat der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder.«

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    28. August 1968
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