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Beachtenswertes zum Schriftsteller Rolf Schneider

17. Dezember 1976
Information Nr. 891/76 über beachtenswerte Aspekte im Zusammenhang mit dem Schriftsteller Rolf Schneider

Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen wird der freischaffende Schriftsteller Rolf Schneider, geboren am 17. April 1932 in Chemnitz, Diplom-Germanist, wohnhaft: Schöneiche, [Adresse], parteilos, als ein sehr produktiver Prosaschriftsteller eingeschätzt, der gleichzeitig als Hörspiel- und Fernsehautor, Dramatiker und Nachdichter bekannt wurde. Als Erzähler gehört er seit 1958 zu den profilierten Autoren der DDR.

Zu seinen Hauptwerken zählen u. a.

  • »Die Tage in W.«, 1965 – Roman,

  • »Zwielicht«, 1966 – Fernsehspiel,

  • »Prozess in Nürnberg«, 1968,

  • »Der Tod des Nibelungen«, 1970 – Roman,

  • »Einzug ins Schloß«, 1972 – Komödie,

  • »Nekrolog«, 1974 – Erzählung,

  • »Die Reise nach Jaroslaw«, 1974 – Erzählung,

  • »Neues Glück«, 1976 – Erzählung.1

Schneider erhielt folgende staatliche und gesellschaftliche Auszeichnungen der DDR:

  • 1961 – Vaterländischer Verdienstorden in Bronze,

  • 1962 – Lessing-Preis,

  • 1972 – Kunstpreis des FDGB.

Im Zusammenhang mit Veröffentlichungen von Werken in der BRD wurde ihm 1965 der Hörspielpreis der Kriegsblinden in der BRD und 1966 der Hamburger Leserpreis (3 000 DM) zuerkannt.

Schneider gehört dem PEN-Zentrum der DDR an und ist Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR.

Schneider entwickelte etwa seit 1970 rege Aktivitäten, in der BRD als Schriftsteller und Hörspielautor zu publizieren, wobei er an bereits früher erfolgte Veröffentlichungen einiger seiner Arbeiten anknüpfte. In diesem Bestreben fand er umfassende Unterstützung bei westlichen Massenmedien, insbesondere bei den Zeitungen/Zeitschriften »Akzente«, »Merian«, »Die Zeit«, »Der Spiegel« und »Stern«. Fernsehspiele Schneiders wurden von mehreren Rundfunk- und Fernsehanstalten in der BRD, denen er z. T. auch Interviews gewährte, gesendet.

In der BRD erschienene Werke Schneiders – wie »Brücken und Gitter«, »Tod des Nibelungen«, »Die Reise nach Jaroslaw« – sind auch in der DDR verlegt worden.

Schneider bemüht sich, seine literarischen Arbeiten inhaltlich so abzufassen, dass sie sowohl in der DDR als auch in der BRD veröffentlicht werden können. Aus diesem Grund mussten von Verlagen der DDR teilweise Forderungen nach Änderungen in Manuskripten erhoben werden, da sozialistische Positionen nicht zu erkennen waren, wozu sich Schneider auch bereit erklärte.

Die von ihm in der BRD veröffentlichten Arbeiten sowie seine Interviews beinhalten keine feindliche Position gegenüber der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR. In Interviews gestellte direktbezogene Fragen auf seine politische Haltung umgeht er geschickt bzw. lehnt deren Beantwortung ab. In einigen Interviews bzw. Äußerungen Schneiders ist erkennbar, dass er eine antifaschistisch, antiimperialistische Position einnimmt.

In politisch komplizierten Situationen der Vergangenheit – wie am 17. Juni 1953, während der Ereignisse 1956 in der VR Ungarn und 1968 in der ČSSR – ist Schneider nicht mit negativen Erklärungen oder Äußerungen in Erscheinung getreten.

Im Jahre 1973 äußerte er sich ablehnend zu der politischen Haltung Sacharows und Solschenizyns, bei denen sich »Elemente des Revisionismus, Anarchismus und einer kleinbürgerlichen Denkweise verwischen« würden. Havemann sei nach Schneiders Meinung eine »Parallelerscheinung« in der DDR; nur würde man »mit ihm geschickter umgehen«.

Nach dem VIII. Parteitag der SED2 äußerte er in individuellen Gesprächen, er habe zur Partei Vertrauen; er sei jedoch skeptisch im Hinblick auf die Arbeitsweise »mittlerer« Kader im kulturellen Bereich, die z. T. zur Verärgerung der Kulturschaffenden führe. In individuellen Gesprächen äußerte er, in seiner literarischen Produktion »versuche er auch untergründig etwas zu sagen, was der Partei nicht angenehm sei, aber der Wahrheit nahekomme«. 1975 bezeichnete er in diesem Zusammenhang seine Erzählung »Die Reise nach Jaroslaw« als »literarische Solidarisierung mit Plenzdorf«.3

Fachexperten schätzen ein, im Schaffen Schneiders seien satirische Aspekte ausgeprägt, und er beherrsche gut die »Technik der Zweideutigkeit«. Personen aus seinem Umgangskreis bezeichneten ihn als eine »gespaltene Persönlichkeit voller innerer Widersprüche«, die leicht beeinflussbar sei.

Schneider hatte sich im Februar 1976 bereit erklärt, an der Anthologie »Berliner Geschichten« mitzuwirken, die von einigen negativ-feindlichen Schriftstellern unter Umgehung der »Zensur« in einer Art »Selbstverlag« publiziert werden sollte.4 Schneider äußerte, sich von diesem Unternehmen zurückziehen zu wollen, nachdem er erfuhr, dass die Initiatoren Schriftsteller sind, die mehrfach Konflikte mit leitenden Institutionen der DDR und der Partei hatten. Tatsächlich hat er seine Zusage jedoch nicht rückgängig gemacht.

Im November 1976 lehnte es Schneider während eines Aufenthaltes in der BRD ab, sich in der Westpresse zum Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR zu äußern und verwies auf das mit Hermann Kant veröffentlichte Interview.5 Nach Rückkehr aus der BRD äußerte Schneider, er verurteile Kunzes Buch »Die wunderbaren Jahre«;6 Kunze könne mit keinerlei Unterstützung von ihm rechnen.

Schneider gehört zu den Unterzeichnern des »Protestbriefes« von 13 Schriftstellern gegen die Aberkennung der Staatsbürgerschaft Biermanns.7 (Er hatte dieser Erklärung zugestimmt, nachdem Stephan Hermlin mit ihm ein persönliches Gespräch führte.) Im individuellen Gespräch äußerte Schneider in jüngster Zeit, er habe nicht vor, zu Biermann eine persönliche öffentliche Stellungnahme abzugeben, auch nicht in der Westpresse.

Schneider hatte und hat zu einer Vielzahl von Personen aus nichtsozialistischen Staaten und zu in der DDR akkreditierten Journalisten enge persönliche Beziehungen, die bis zu Kontakten auf familiärer Ebene reichen. Dazu gehörte der aus der DDR ausgewiesene »Spiegel«-Korrespondent Mettke, aber auch Loewe (ARD), Nette (ARD) und Menge (»Die Zeit«). Mit dem stellvertretenden Leiter der Ständigen BRD-Vertretung in der DDR, Dr. Bräutigam, erfolgen ebenfalls gegenseitige Besuche auf privater Ebene. Schneider wurde 1975 und 1976 zu Empfängen in die Ständige BRD-Vertretung eingeladen. Am 16. Dezember 1976 suchte der Leiter der Vertretung der BRD in der DDR, Gaus, den Schneider in dessen Wohnung auf, wo beide ein ca. eineinhalbstündiges Gespräch führten.

Von Schneider wurden bisher jährlich mehrere Reisen in nichtsozialistische Staaten, vornehmlich in die BRD und nach Westberlin, durchgeführt. Dabei besuchte er Verlage, Theater, Archive, Bibliotheken und Einzelpersonen.

  1. Zum nächsten Dokument Statistik erwartete Westbesucher – DDR (Jahresende 1976)
    21. Dezember 1976
    Information Nr. 892/76 über den Umfang der zu erwartenden Einreisen von Personen aus nichtsozialistischen Staaten und mit ständigem Wohnsitz in Westberlin in die DDR in der Zeit vom Mittwoch, dem 22. Dezember 1976 bis zum Sonntag, dem 26. Dezember 1976 (Weihnachtszeitraum) und vom Mittwoch, dem 29. Dezember 1976 bis zum Sonnabend, dem 1. Januar 1977 (Jahreswechsel)
  2. Zum vorherigen Dokument Vorkommnis mit britischem Soldaten an der GÜST Friedrichstraße
    16. Dezember 1976
    Information Nr. 879/76 über ein Vorkommnis mit einem in Westberlin stationierten Angehörigen der britischen Besatzungstruppen an der Grenzübergangsstelle Friedrich-/Zimmerstraße am 13. Dezember 1976