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Flucht des Kappellenleiters Schikora bei Zwischenlandung in Kanada

21. September 1976
Information Nr. 658/76 über das ungesetzliche Verlassen der DDR durch den Kapellenleiter Hans-Uve Schikora

Wie dem MfS bekannt wurde, hat der DDR-Bürger Schikora, Hans-Uve, geboren am [Tag] 1942 in Breslau, wohnhaft: Berlin-Friedrichshagen, [Adresse], Kapellenleiter und Musiker, parteilos, verheiratet, am 18. September 1976 nach einer Zwischenlandung der Sondermaschine der Interflug (Flug von Berlin-Schönefeld nach Havanna/Kuba) in Gander/Neufundland/Kanada die DDR ungesetzlich verlassen.1 Schikora begleitete mit seiner Combo Sportler der DDR-Olympiamannschaft nach Kuba.

Er hatte vom Ministerium für Kultur der DDR für die Zeit vom 15. September 1976 bis 20. Oktober 1976 die Genehmigung für eine Reise nach Kuba erhalten.

Die bisherigen Überprüfungen des MfS haben ergeben:

Schikora flog am 18. September 1976, 10.17 Uhr, mit der Sondermaschine der Interflug, Flug Nr. 9001, ab Flughafen Berlin-Schönefeld nach Havanna/Kuba ab. An Bord der Maschine befanden sich 118 Passagiere.

Als die Sondermaschine am 18. September 1976, 16.45 Uhr, in Gander/Neufundland/Kanada zwischenlandete, verließen alle Passagiere das Flugzeug und begaben sich in den Transitraum. Schikora entfernte sich dabei von der Delegation und kehrte nicht wieder zur Maschine zurück. Der Flugkommandant der Sondermaschine der Interflug wandte sich daraufhin an den zuständigen Mitarbeiter der kanadischen Abfertigung mit der Bitte, Schikora über Lautsprecher zur Rückkehr zum Flugzeug aufzufordern. Durch eine hinzukommende weibliche Person erhielt der Flugkommandant die Auskunft, dass sich Schikora bei der kanadischen Polizei befinde.

Daraufhin wurden die Passagiere erneut zum Verlassen des Flugzeuges aufgefordert. Nach Ablauf von ca. einer Stunde wurde dem Flugkommandanten nach wiederholter Vorstellung in der kanadischen Abfertigung erklärt, dass dem Schikora eine Aufenthaltsgenehmigung für Kanada erteilt worden sei und er sich bereits in der Stadt befinde. In Verbindung mit dieser Auskunft wurde die Forderung erhoben, für Schikora 1 000 Dollar zu hinterlegen, wozu die Fluggesellschaft angeblich verpflichtet sei. Dieses Ansinnen wurde durch den Flugkommandanten kategorisch zurückgewiesen.

Während der Zwischenlandung auf dem Rückflug von Havanna wurde der Flugkommandant am 19. September 1976 erneut bei den kanadischen Behörden in Gander vorstellig, wo ihm erklärt wurde, dass Schikora aus eigenem Willen in Kanada geblieben sei, bereits eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten habe und weitere Verhandlungen nur auf Regierungsebene möglich seien. Auch der Hinweis des Flugkommandanten, dass Schikora jung verheiratet ist und seine Ehefrau sich in anderen Umständen befinde, fand keinerlei Beachtung.

Zur Person des Schikora ist bekannt:

Nach Beendigung der Grund- und Mittelschule nahm er in der Zeit von 1958 bis 1959 eine Lehrausbildung als Dreher im VEB Edelstahlwerk Freital auf. Er brach das Lehrverhältnis vorzeitig ab und absolvierte von 1959 bis 1964 ein Studium als Orchestermusiker an der Musikhochschule »Carl Maria von Weber«. Danach gründete er die Uve-Schikora-Combo in Dresden.2 Seit dieser Zeit wurde er durch eine Vielzahl von Veranstaltungen im Rundfunk und Fernsehen bekannt. Schikora war mehrfach zu Veranstaltungen im sozialistischen und nichtsozialistischen Ausland eingesetzt, so u. a. 1971 in Österreich, 1972 in der BRD, 1973 in Norwegen, 1974 in der BRD, in Norwegen und in der Schweiz sowie mehrfach in Westberlin. Er gehörte der Kulturdelegation der DDR zur Eröffnung der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München an.

Schikoras politische Einstellung war durch loyale und positive Haltungen zur DDR und zur sozialistischen Gesellschaftsordnung gekennzeichnet.

Schikora ist seit 1975 mit der [Name der Ehefrau] geboren am [Tag] 1955, parteilos, [Beruf], verheiratet, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt bei ihrer Mutter in Erfurt, [Adresse], aufhält. Sie begleitete am 18. September 1976 den Schikora zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Aus dem Verhalten des Schikora bei der Verabschiedung waren keine Hinweise für seine späteren Handlungen erkennbar.

Die Untersuchungen des MfS zur umfassenden Aufklärung der Ursachen, Motive und begünstigenden Bedingungen des ungesetzlichen Verlassens der DDR werden fortgesetzt.

  1. Zum nächsten Dokument Gefährdung der Tagebausicherheit im Braunkohlebergbau der DDR
    22. September 1976
    Information Nr. 645/76 über einige Probleme der Gefährdung der Tagebausicherheit im Braunkohlenbergbau der DDR
  2. Zum vorherigen Dokument Kirchentag der ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Halle
    21. September 1976
    Information Nr. 657b/76 über den Kirchentag der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (Magdeburg) vom 17. bis 19. September 1976 in Halle/Saale [Kurzfassung]