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Reise des Regisseurs Adolf Dresen in die Schweiz

14. Januar 1977
Information Nr. 32/77 über den Regisseur am Deutschen Theater Berlin, Dresen, im Zusammenhang mit seiner bevorstehenden Reise in die Schweiz

Der Regisseur am Deutschen Theater Berlin, Dresen, Adolf, geb.: 31.3.1935 in Eggesin, wohnhaft: 1017 Berlin, [Adresse], stellte im Sommer 1976 bei den zuständigen Stellen (Ministerium für Kultur, Künstleragentur der DDR)1 den Antrag, einer Einladung des Intendanten des Theaters Basel/Schweiz – die er vorlegte – zur Inszenierung des Stückes »Der arme Vetter« von Barlach Folge leisten zu können. Die Bestätigung der Reise in die Schweiz erfolgte am 28.10.1976 gemäß den Terminvorstellungen des Dresen für die Zeit vom 21.1. bis 1.5.1977 nach Zustimmung durch den Stadtrat für Kultur, Dr. Oswald, und der Bezirksleitung der SED.

Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Reise des Regisseurs Dresen sind folgende Hinweise beachtenswert:

Dresen unternahm bisher folgende Reisen in nichtsozialistische Staaten:

  • 1966, 1967, 1968 und 1973 je einmal kurze Besuche (1 Tag) in Westberlin zur Einschätzung bestimmter Theater-Inszenierungen Westberliner Theater,

  • 1974 Februar bis Mai Inszenierung des Stückes »Die Wupper« von E. L.-Schüler2 an den Kammerspielen München,

  • 1975 und 1976 Tagesbesuche in Westberlin.

Die Einladung zur Inszenierung an den Kammerspielen München wurde – nach internen Äußerungen des Dresen – von seinen »Freunden« organisiert. (Intendant der Kammerspiele München, Müller; Chefdramaturg der Kammerspiele München und im »Drei-Masken-Verlag« München, Pavel; Chefregisseur an den Städtischen Bühnen Frankfurt/M., Peter Palitzsch, der bis gegen Ende der fünfziger Jahre am Berliner Ensemble tätig war.) Von diesem Kreis und anderen Theaterschaffenden nichtsozialistischer Staaten sei er besonders nach seiner Inszenierung in München als »talentierter, hoffnungsvoller Regisseur im deutschsprachigen Raum popularisiert worden«.

Nachdem er ein Angebot, auch 1975 an den Kammerspielen München zu inszenieren, habe ablehnen müssen, da ihm die Reise seitens der DDR nicht gestattet wurde, hätten »seine Freunde« das Angebot aus der Schweiz für 1977 »organisiert«.

Intern ist dem MfS bekannt, dass Dresen darüber hinaus für 1977 beabsichtigt, eine Inszenierung am Burgtheater Wien zu übernehmen. Einen offiziellen Antrag zur Genehmigung einer Reise nach Wien hat Dresen bisher nicht gestellt.

Zur Person des Regisseurs Dresen und zu seiner politisch-ideologischen Haltung ist u. a. bekannt:

Dresen entstammt einer religiösen kleinbürgerlichen Familie. Er wurde bis zur 11. Klasse in einer Klosterschule erzogen, die er mit dem Abitur abschloss. Danach studierte er von 1953 bis 1958 mit einem Jahr Unterbrechung an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Sektion Germanistik, wo er sein Staatsexamen ablegte. Während des Studiums war Dresen Mitglied der Studentenbühne, wo er seine erste Inszenierung herausbrachte und in den letzten beiden Jahren als deren Leiter fungierte. Nach seinem Studium arbeitete er an verschiedenen Theatern der Republik und wurde 1964 durch Prof. Wolfgang Heinz an das Deutsche Theater geholt. Durch sein anerkanntes Talent und unbedingtes Streben nach Originalität erwarb er sich in der DDR den Ruf eines eigenwilligen sowie erfolgreichen Regisseurs. In seiner Arbeit zeichnet er sich durch großen Fleiß aus. Dresen wurde 1970 als »Aktivist der sozialistischen Arbeit« und 1974 mit dem Orden »Banner der Arbeit« ausgezeichnet.

Im Jahre 1963 wurde Dresen Mitglied der SED, da er – wie er später intern äußerte – glaubte, dadurch seinen damaligen Intendanten in Greifswald,3 der nicht der SED angehörte, »stürzen« zu können. In den letzten Jahren gab es mit Dresen zunehmend politisch-ideologische Auseinandersetzungen, in deren Mittelpunkt vorwiegend seine zum Anarchismus neigenden Auffassungen standen. Dabei versucht Dresen bis zur Gegenwart, einen Kreis junger Schauspieler um sich zu sammeln, die ihm bei der Durchsetzung seiner ideologisch-ästhetischen Ansichten als Basis dienen sollen. Dresen vertritt u. a. auch diesem Kreis gegenüber die Ansicht, in der DDR werde ein Künstler nur dann akzeptiert, wenn er auch im westlichen Ausland arbeite.

Ideologische Probleme gab es mit Dresen ständig in politisch angespannten Situationen, so z. B.

  • lehnte er 1968 die Maßnahmen der sozialistischen Staaten gegen die Konterrevolution in der ČSSR ab und erklärte sich öffentlich auf Versammlungen mit der Linie Dubčeks solidarisch;

  • lehnte er die Ausweisung Solschenizyns aus der Sowjetunion4 ab und solidarisierte sich mit ihm.

Nachdem unsere Partei eindeutig auf die selbstständige Entwicklung der sozialistischen Nation der DDR orientierte, schrieb er im November 1974 provokatorisch einen Brief an die Europäische Akademie Berlin (West)5 aus Anlass des Symposiums »Zwei deutsche Staaten – eine deutsche Kultur«,6 in dem er die Position der westdeutschen Sozialdemokratie vertrat.

Im November 1976 erklärte er sofort seinen »Protest« gegen die Maßnahmen zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR für Biermann und unterschrieb eine Protestresolution.7

Im Dezember 1976 wurde Dresen als Mitglied der Partei gestrichen. Auch danach erklärte er in internen Gesprächen, dass er zu seiner Unterschrift unter die Protestresolution stehe und sich als Freund Biermanns betrachte.

In individuellen Gesprächen betonte Dresen, er habe versucht, in dem von ihm inszenierten Stück »Kohlhaas« nach einer Novelle von Kleist, das am 20.1.1977 am Deutschen Theater Premiere haben soll, bestimmte von ihm vertretene ideologische Haltungen umzusetzen, um sie einem möglichst breiten Besucherkreis zugänglich zu machen. Nach den mit ihm Ende des Jahres 1976 erfolgten Auseinandersetzungen und seiner Streichung aus der SED befürchte er jedoch, dass der ideologische Inhalt seiner Arbeit an »Kohlhaas« noch vor der Premiere erkannt wird.

Nach weiter intern vorliegenden Hinweisen haben die ideologischen Auseinandersetzungen mit ihm – nach eigenen Worten – keine »Klärung« gebracht, sondern ihn in seiner Grundhaltung noch bestärkt. In diesem Sinne äußerte er u. a.,

  • in der DDR könne man niemandem, weder der Regierung noch der Partei, Glauben schenken (er bezichtigte sie der »Lüge«);

  • die Regierung habe »Angst vorm Volk«; darum auch die Maßnahmen gegen Biermann;

  • die »Hetze der Regierung gegen die Intelligenz« steige ständig; dadurch würden die Arbeiter Biermann halb als Mensch und halb als Tier sehen;

  • der »Mut« der Christa Wolf sei zu »bewundern«, die der Partei die Stirn biete; auch er glaube wie sie, dass in der DDR »der Faschismus nicht überwunden« sei;

  • in seiner Kaderakte sei seine Parteistreichung als »unauslöschbarer Schandfleck« vermerkt;

  • in der DDR wäre man »der letzte Dreck«, wenn man aus der Partei ausgeschlossen sei;

  • er müsse befürchten, dass nun seine Arbeiten in der DDR behindert würden und er nicht mehr wie bisher in nichtsozialistischen Staaten zum Einsatz komme.

Seit ca. einem Jahr bemüht sich Dresen um Übersiedlung seiner Freundin Krätschel, Christiane, geb.: [Tag] 1945, wohnhaft in Westberlin, dort tätig als Sprechstundenhilfe in einer privaten Arztpraxis, mit der er ein 1972 geborenes gemeinsames Kind hat, in die DDR. Die Krätschel war bis 1971 als Schauspielerin am Schweriner Theater tätig und siedelte 1971 legal gemeinsam mit ihrem Vater, der als Pfarrer in Berlin-Pankow eingesetzt war, nach Westberlin über. In einem Brief des Dresen an den Stadtrat für Kultur gab er an, die Krätschel wolle zwecks Eheschließung mit ihm übersiedeln; dem gegenüber erklärte er im Theater – u. a. gegenüber dem Intendanten, Genossen Wolfram, und der Kaderleiterin – er wolle seine Freundin lediglich auf ein Jahr »Probezeit« in die DDR holen. Die Krätschel, die auf Dresen einen starken Einfluss ausübt, habe Freunden gegenüber angegeben, an eine eventuelle Übersiedlung knüpfe sie die Bedingung, jederzeit wieder aus der DDR ausreisen zu dürfen.

Durch den Stadtrat für Kultur, Genossen Oswald, erhielt Dresen auf der Grundlage seines Schreibens Unterstützung bei der Zuweisung einer 4-Raum-Wohnung im IV. Quartal 1976. Nachdem sich die Zuweisung verzögerte, richtete Dresen eine erneute schriftliche Anfrage im Dezember 1976 an den Genossen Oswald, wonach ihm Wohnraum für März 1977 zugesichert wurde.

Ein offizieller Antrag der Krätschel auf Übersiedlung in die DDR liegt bisher nicht vor.

Aufgrund der politischen Haltung des Regisseurs Dresen ist davon auszugehen, dass er bei einem längeren Aufenthalt im westlichen Ausland einen politischen Unsicherheitsfaktor darstellt und nicht die Bedingungen für eine würdige Repräsentierung der DDR erfüllt. Es ist zu erwarten, dass der Gegner durch Kenntnis der Persönlichkeit und der politischen Haltung des Regisseurs Dresen diesen für seine Zwecke zu missbrauchen versucht.

Es wird vorgeschlagen, mit dem Regisseur Dresen vor Antritt seiner Reise in die Schweiz durch einen verantwortlichen Funktionär ein Gespräch zu führen, in dem ihm aufgezeigt wird, welche Haltung von ihm als Repräsentant der DDR in der Schweiz erwartet wird und wie sich das Ministerium für Kultur das weitere Wirken des Dresen in der DDR vorstellt. Über das MfAA sollte eine Betreuung für den Regisseur Dresen für die Zeit seines Aufenthaltes in der Schweiz angeregt werden.

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    14. Januar 1977
    Information Nr. 33/77 über das Ableben des evangelischen Pfarrers [Name 1, Vorname 1, Ort 1], Bezirk Karl-Marx-Stadt
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    11. Januar 1977
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