Direkt zum Seiteninhalt springen

Sitzung der KKL am 9. und 10.9.1977 in Berlin

27. September 1977
Information Nr. 601/77 über die Sitzung der Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes evangelischer Kirchen in der DDR vom 9. bis 10.9.1977 in Berlin

Dem MfS wurde über eine am 9. und 10.9.1977 in Berlin stattgefundene interne Tagung der Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes evangelischer Kirchen1 in der DDR Folgendes bekannt:

Die Tagesordnung beinhaltete eine Reihe innerkirchlicher Probleme. Von Bedeutung war jedoch die Behandlung einer Stellungnahme des Bundes zur Neutronenbombe. Dazu entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die ca. 50 % der Beratungszeit einnahm.

Bischof Schönherr, Berlin, und Oberkonsistorialrat Stolpe, Berlin, informierten die Konferenzteilnehmer eingangs darüber, dass der Bund von Hermann Kalb, Stellvertreter des Staatssekretärs für Kirchenfragen, aufgefordert worden sei, eine Stellungnahme zur Neutronenbombe abzugeben. Diese Aufforderung sei »in einem bisher im Staatssekretariat für Kirchenfragen unüblichen Ton gegenüber dem Präsens der Synode des Bundes, Landessuperintendent Schröder, Parchim, vorgebracht« worden und sei in verschiedenen Gremien des Bundes deshalb bereits auf Ablehnung gestoßen. Das Sekretariat des Bundes habe jedoch unanhängig von dieser Aufforderung eine hauptsächlich von Oberkirchenrätin Lewek und Oberkonsistorialrat Stolpe vorbereitete Stellungnahme zur Neutronenbombe verfasst, die dem Nationalen Christenrat der USA, dem höchsten Gremium aller evangelischen Kirchen und Religionsgemeinschaften der Vereinigten Staaten,2 zugesandt werden sollte. Es sei nach den Ausführungen der beiden Genannten nicht geplant, eine Veröffentlichung in der DDR vorzunehmen. Den USA-Kirchen werde freigestellt, wie sie mit der Stellungnahme verfahren. Die Leitung des Bundes hoffe jedoch, bereits bis zur Synode des Bundes (21. bis 23.10.1977 in Herrnhut, Bezirk Dresden) eine Antwort zu erhalten.

Im vorgelegten Briefentwurf wurde die Kritik an der Produktion von Neutronenbomben mit der Forderung nach allgemeiner Abrüstung verbunden. Es wurde betont, die Neutronenbombe solle nicht als alleiniges Symbol des Wett- und Aufrüstens angesehen werden, da sonst die anderen Massenvernichtungsmittel verharmlost würden. Einer solchen Einseitigkeit könne die Kirche nicht zustimmen. Alle Kirchen seien verpflichtet, für das Leben einzutreten. Die USA-Kirchen wurden abschließend in dem Dokument aufgefordert, Schritte gegen die Aufnahme der Neutronenbomben-Produktion zu unternehmen. Sie könnten sich dabei auf die Unterstützung der evangelischen Kirche in der DDR berufen.

In der anschließenden Diskussion zu diesem Vorschlag bezogen u. a. Bischof Schönherr, Berlin, Pfarrer Kramer, Magdeburg, Pfarrer Uhle-Wettler, Magdeburg, Dr. König, Erfurt sowie Bischof Rathke, Schwerin, positive und zustimmende Stellungnahmen.

Bischof Fränkel, Görlitz, warnte dagegen vor »übereilten Schritten« und warf die Frage auf, »ob man denn schon alles genau über die Problematik wisse«. Schwankende Kräfte innerhalb des Bundes wurden damit von Fränkel im negativen Sinne beeinflusst. Von ihnen wurde die Meinung vertreten, dass bei einem solchen Problem volle Einmütigkeit herrschen müsse, anderenfalls sei es besser, gar nichts zu tun. Sie unterbreiteten den Vorschlag, vor der Verabschiedung eines solchen Papiers erst noch eine umfassende Diskussion und Aufklärungskampagne in den Gemeinden durchzuführen.

Insbesondere Bischof Hempel, Dresden, und Domsch vom Landeskirchenrat Dresden reagierten gegen eine Stellungnahme des Bundes evangelischer Kirchen zur Neutronenbombe und brachten zum Ausdruck, es käme für sie nicht infrage, mittels dieser Stellungnahme »für eine Seite Partei zu ergreifen«, denn darauf laufe das Unternehmen schließlich hinaus.

Im Ergebnis der Diskussion wurde festgelegt:

  • Der Briefentwurf wird nochmals überarbeitet und erhält eine Sperrfrist bis zum 8.10.1977 (ein Text wurde nicht verteilt).

  • Eine Weiterbehandlung der Thematik erfolgt auf der Synode des Bundes vom 21. bis 23.10.1977 in Herrnhut.

  • Nach der Sperrfrist kann das Papier als »Orientierungshilfe« in den Landeskirchen verwendet werden. Eine Verwendung für publizistische und Propagandazwecke ist zu vermeiden.

Die Überarbeitung des Textes soll von OKR Stolpe vorgenommen werden.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nicht zur öffentlichen Auswertung geeignet.

  1. Zum nächsten Dokument Verbleib eines Arztes der Berliner Charité in der Schweiz
    27. September 1977
    Information Nr. 611/77 über den Verdacht des ungesetzlichen Verlassens der DDR durch den Oberarzt der Charité, Dr. sc. med. Rieche
  2. Zum vorherigen Dokument Sexueller Missbrauch von Kindern durch einen Pfarrer
    26. September 1977
    Pfarrer [Name 1], [Ort 1], Bezirk Karl-Marx-Stadt [Bericht O/52]