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Tagung der Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

30. Oktober 1981
Information Nr. 551/81 über die Tagung der Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens vom 17. bis 21. Oktober 1981 in Dresden

Vom 17. bis 21. Oktober 1981 fand im Gemeindehaus der Christuskirche in Dresden-Strehlen die ordentliche Tagung der Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens statt.

Die turnusmäßige Tagung der Synode hatte folgende Tagesordnung:

  • Bericht des Landesbischofs des Landeskirchenamtes und der Kirchenleitung

  • Diskussion und Beschlussfassung zur Bildung der »Vereinigten Evangelischen Kirche« (VEK) in der DDR1

  • Diskussion zu Eingaben an die Synode, die sich mit dem Vorschlag der Einrichtung eines »Sozialen Friedensdienstes« (SoFd)2 befassten, und Erarbeitung eines Antwortschreibens an die Absender der Eingaben

  • innerkirchliche und theologische Probleme (Haushaltsplan, Gehaltsordnung, Wiedertäuferbewegung usw.).

An der Tagung nahmen neben Vertretern der Landeskirchen in der DDR als ökumenische Gäste teil:

  • Landespastor Kirschstein, Alexander, Westerrönfeld (BRD), Nordelbische Kirche

  • Oberstudienrätin Thieme, Elisabeth, Gifhorn (BRD), Landeskirche Hannover

  • Diakonisse Pfotenhauer, Anneliese, Bad Gandersheim (BRD), Landeskirche Braunschweig

  • Schwertfeger, Wollrad, Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Als Vertreter westlicher Massenmedien war der Journalist Röder, Hans-Jürgen, (epd) anwesend.

Zu Beginn der Synodaltagung war u. a. vom Präses der Synode, Cieslak,3 bekanntgegeben worden, dass der Landeskirche insgesamt 808 Eingaben mit 2 252 Unterschriften mit der Forderung zur Schaffung eines »Sozialen Friedensdienstes« vorliegen.

Im Verlaufe der Diskussion zu diesem Problem – das einen erheblichen Teil der Konferenzzeit beanspruchte – gab es keinen Redner, der bestimmte Eingaben oder den Inhalt in den Eingaben enthaltener Vorschläge unterstützte.

Die überwiegende Mehrheit der Diskussionsredner ließ sich von dem Bemühen leiten, das Entstehen einer eigenen, außerhalb der Kirche existierenden Bewegung »Sozialer Friedensdienst« zu verhindern.

Es wurde versucht, das Problem »Sozialer Friedensdienst« als innerkirchliche Angelegenheit zu betrachten. Das Bestreben war darauf gerichtet, keine Konfrontation von Staat und Kirche zuzulassen.4 Wiederholt wurde auf die bestehende Regelung des Bausoldatendienstes5 hingewiesen.

Auch durch leitende Personen der Landeskirche, wie Landesbischof Hempel6 (Dresden), Oberlandeskirchenrat Ihmels (Radebeul) und Präsident Domsch7 (Dresden), wurde versucht, die Diskussion zum »Sozialen Friedensdienst« in realistischen Bahnen zu halten.

Sie nahmen in der Diskussion und in der am 17. Oktober 1981 durchgeführten Fragestunde zum »Sozialen Friedensdienst« Stellung und betonten wiederholt, dass durch den Staat bereits die Möglichkeit des Bausoldatendienstes gesetzlich geregelt sei und ihrer Meinung nach durch junge Christen noch nicht voll ausgeschöpft werde. Auch weitere Diskussionsredner nahmen daraufhin eine ähnliche Haltung ein.

So erklärte u. a. Professor Amberg,8 Theologische Sektion der Karl-Marx-Universität Leipzig, in der Diskussion, dass es unnötig wäre, sich mit derartigen Problemen zu befassen, wenn sich die Christen bereits 1950 für eine atomwaffenfreie Zone eingesetzt hätten. Der »Soziale Friedensdienst« sei keine Lösung des Problems, auch nicht des Problems des Arbeitskräftemangels in kirchlichen Heimen. Er diene auch nicht der Schutzfunktion des Staates.

Dr. Kinze (Dresden) brachte zum Ausdruck, die Jugend solle nicht nur in militärischen Kategorien denken, sondern auch an die Solidarität mit den Ländern der Dritten Welt. Gerade dies sei ein echter Beitrag zur Erhaltung des Friedens. Die Arbeit in Altersheimen oder anderen Einrichtungen könne man nicht mit der Ablehnung des Wehrdienstes verbinden, sondern den jungen Christen stehe die Arbeit im sozialen Bereich jederzeit offen.

Dr. Kinze zitierte aus einer Ansprache von Außenminister Oskar Fischer vor der UNO,9 dass die DDR dem Frieden verpflichtet sei und keine Alternative zur Abrüstung existiere.

Auch er betonte, dass der Staat eine Schutzfunktion habe und dass er sich die Frage stelle, ob der von den Einsendern der Eingaben vorgebrachte Weg ein wirklicher Weg zum Frieden sei.

Pfarrer Dr. Kandler (Freiberg) brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass hinter manchen der Absender der Eingaben nicht eine strikte Antihaltung stehe. Er äußerte wörtlich: »Wir leben in diesem Staat, der unser Staat ist und mit dem wir das Gespräch suchen müssen.«

Durch das einheitliche Auftreten loyaler und progressiver kirchlicher Kräfte kam es zu keinen wesentlichen politisch negativen Aussagen während der Synode zum »Sozialen Friedensdienst«.

Im Zusammenhang damit ist beachtenswert, dass der Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, die als erste Landeskirche der DDR die Herbstsynode durchführte, richtungsweisende Bedeutung für die anschließend stattfindenden Herbstsynoden der anderen Evangelischen Landeskirchen in der DDR beigemessen wird.

(Durch die im Wesentlichen ohne Konfrontationsversuche abgelaufene Tagung der Synode erklärt sich auch die Tatsache, dass der BRD-Journalist Röder (epd) in seiner Berichterstattung zwar auf die Zahlen der Eingaben, nicht aber auf entsprechende Kommentierungen in der Synode verweisen konnte.)

Lediglich in der öffentlichen Fragestunde – einer Abendveranstaltung der Synode, an der insgesamt ca. 150 Personen teilnahmen – wurden durch ca. zehn Jugendliche aus dem sogenannten Friedensseminar Königswalde10 provozierende Fragen zum Problem »Sozialer Friedensdienst« gestellt, mit denen sie offensichtlich diese Entwicklung unterstützen und weitere Teilnehmer der Fragestunde zur offiziellen Zustimmung zu diesem Problem aktivieren wollten.

Zu diesen Fragestellungen wurde durch die anwesenden kirchenleitenden Persönlichkeiten die gleiche Position wie in der Tagung der Synode bezogen; dadurch wurde ein weiteres Wirksamwerden dieser Gruppe in der Fragestunde unterbunden.

Festzustellen war, dass eine Reihe – insbesondere der stark lutherisch geprägten – Synodalen der Sächsischen Synode in erheblichem Maße mit innerkirchlichen Problemen befasst waren und dem Problem »Sozialer Friedensdienst« daher wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Zu diesen innerkirchlichen Problemen gehörte u. a., dass es in mehreren Gemeinden und Splittergruppen der Landeskirche zu Wiedertaufen von Erwachsenen gekommen ist, was sich strikt gegen die Theologie Luthers richte.

Im Ergebnis der Diskussionen zum Problem »Sozialer Friedensdienst« und der Arbeit des »Sozial-ethischen Ausschusses« wurde am letzten Tag der Synode ein Antwortbrief an die Absender der Eingaben verabschiedet. Dieser Brief wird in Verbindung mit dem Beschluss der Bundessynode zum gleichen Problem jedem Absender zugeleitet.

In diesem von der Synode verabschiedeten Brief kommt zum Ausdruck, die Synode würde in der Sache eines Wehrersatzdienstes im sozialen Bereich an der Seite der Absender stehen und deren Anliegen weiter vertreten.

(Der Wortlaut des Briefes wird als Anlage beigefügt.)

Im weiteren Verlauf der Synode wurde der vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR vorliegenden gemeinsamen Entschließung zur Bildung der »Vereinigten Evangelischen Kirchen« in der DDR zugestimmt. Diese Zustimmung wurde mit nur einer Stimme über die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht. Zugleich erfolgte die Zustimmung zum entsprechenden Kirchengesetz.

In die neu zu bildende Bundessynode wurden nachfolgende Synodale der Landessynode gewählt:

  • Superintendent Küttler (Plauen)

  • Pfarrer Pilz (Mittelherwigsdorf)

  • Präses Cieslak (Seifhennersdorf)

  • Oberkirchenrat Mendt (Dresden)

  • Kirchliche Angestellte Kahl, Hanna (Dresden)

  • Verwaltungsleiterin Kahle, Anneliese (Großhennersdorf)

  • Pfarrer Adolph (Struppen)

  • Pfarrer Grellner (Dresden)

  • Superintendent Wetzel (Dresden)

  • Oberkirchenrat Schlichter (Dresden)

  • Verwaltungsleiter Schirmacher (Leipzig)

  • Ingenieur Böttcher (Grünhain)

  • Rechtsanwältin Huhn (Hopfgarten)

  • Bauingenieur Höfgen (Dresden)

  • Angestellte Bär (Radebeul)

  • Dr. Ing. Gäbler (Leipzig)

  • Dipl.-Ing. Magerstädt (Dresden)

  • Dr. Krause-Winter (Meißen)

Im Schlusswort zur Synodaltagung erklärte Präses Cieslak u. a., es habe seines Erachtens noch keine Tagung einer Synode gegeben, die so stark von Eingaben aus den Gemeinden und von Einzelpersonen geprägt gewesen sei.

Er schloss die Synode mit dem Hinweis, dass die Annahme des Antwortbriefes auf die Eingaben auch als ein »Dienst an unserer Gesellschaft« verstanden werden sollte.

Präsident Domsch teilte der Synode abschließend mit, dass der Vorstand der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen am 23. Oktober 1981 mit Staatssekretär Gysi zusammentreffe.

Die Information ist nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

Anlage zur Information Nr. 551/81

Wortlaut des Briefes der Synode der Sächsischen Landeskirche an die Eingabenabsender zum Problem »Sozialer Friedensdienst« (SoFd)

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Initiative zu einem Friedensdienst, wie er von Euch unterstützt wurde, hat ein erstaunlich breites Echo hervorgerufen. Manche Eingaben haben uns tief bewegt, denn sie bringen eine Sorge und zugleich eine Sehnsucht und Hoffnung zum Ausdruck, die auch die unseren sind. In Euren Gedanken finden wir unsere Unruhe wieder und sehen darin ein Zeichen Eures vom Evangelium bestimmten Friedenswillens.

Wir sind erfreut, dass darin ein konstruktiver Beitrag erkennbar ist, der unserer Gesellschaft zugutekommt. Wir wissen uns mit Euch einig, dass jeder Schritt zum Frieden im Zusammenhang mit Gerechtigkeit, Abrüstung und Versöhnung zu sehen ist.

Mitglieder unserer Kirchenleitung haben über unsere Friedensveranstaltung und über Euer Anliegen oft und ernst mit staatlichen Stellen gesprochen. Obgleich es bisher mit einer Reihe von Argumenten abgelehnt wurde, werden wir uns weiter um Gespräche bemühen.

Wir stehen in der Sache eines Wehrersatzdienstes im sozialen Bereich an Eurer Seite. Dennoch müsst Ihr wissen, dass Ihr ein eigenes Risiko tragt. Deshalb bitten wir Euch, geht verantwortlich mit dieser Initiative um. Sucht nach Möglichkeiten, wo Ihr jetzt schon in ihrem Geiste soziale Dienste übernehmen könnt.

Vor uns liegt ein mühevoller Weg. Wir gehen ihn nicht allein. Der Zentralausschuss des ökumenischen Rates der Kirchen11 und die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR haben erst kürzlich zu Fragen des Friedens Stellung genommen.12 Wir legen Euch den Beschluss der Bundessynode, den wir uns zu eigen gemacht haben, bei.

Für weitere Fragen und Gespräche stehen Euch auch die Mitglieder unserer Landessynode zur Verfügung.

Dresden, den 21.10.1981 | gez. Wegert | Vorsitzender | sozial-ethischer Ausschuss | und Berichterstatter

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    5. November 1981
    Information Nr. 562/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 26. Oktober 1981 bis 1. November 1981
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    27. Oktober 1981
    Information Nr. 542/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 19. Oktober 1981 bis 25. Oktober 1981