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Aktuelle Aspekte zu Reaktionen der Bevölkerung (Kurzfassung)

2. Juni 1988
Hinweise zu einigen aktuellen Aspekten der Reaktion unter Bevölkerungskreisen der DDR [Bericht O/202b – Kurzfassung]

Nach vorliegenden Hinweisen aus allen Bezirken der DDR haben unter breitesten Kreisen der Bevölkerung die Diskussionen zu innenpolitischen Fragen, insbesondere zu Problemen der Um- und Durchsetzung der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie zu Problemen des Handels und der Versorgung, weiter zugenommen.

Das betrifft insbesondere Meinungen und Auffassungen zu folgenden Schwerpunkten:

1.

Bei Anerkennung der bisher erreichten Ergebnisse in Durchsetzung der ökonomischen Strategie der Partei und mehrheitlich bekundeter Bereitschaft, diese Zielstellungen auch künftig durch entsprechende Arbeitsleistungen unterstützen zu wollen, haben sich dennoch kritische Meinungsäußerungen über alle Bereiche der Volkswirtschaft erfassende Störfaktoren erheblich verstärkt. Sie hätten – so wird verbreitet argumentiert – ein solches Ausmaß angenommen, dass in vielen Kombinaten/Betrieben die Plandurchführung und der vorgesehene Effektivitätszuwachs nicht mehr voll gewährleistet werden könnten.

In diesem Zusammenhang wird insbesondere verwiesen auf die ständige Zunahme von Störungen in Produktionsabläufen der Betriebe, hauptsächlich bedingt durch

  • fehlende bzw. diskontinuierliche Zulieferungen seitens der Kooperationspartner,

  • erhebliche Qualitätsmängel bei Materialien und Rohstoffen,

  • verschlissene bzw. veraltete Maschinen/Anlagen,

  • fehlende Ersatzteile und Ausrüstungen.

Das widerspiegelte sich am drastischsten in der als besorgniserregend bezeichneten Situation auf dem Gebiet der Ersatzteilversorgung für Industriebetriebe, für die Bereiche des Bau- und Transportwesens sowie für die Landwirtschaft.

Zuständige Wirtschaftskader aus diesen Bereichen verweisen z. B. darauf, dass die Ausfälle an Nutzkraftwagen, Baggern, Lade- und Mehrzweckgeräten sowie an landwirtschaftlichen Maschinen einschließlich Traktoren ständig anwachsen und vereinzelt bis zu 50 % des Gesamtbestandes betragen. Des Öfteren müssten, um die Versorgung der Betriebe und der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, Fahrzeuge zum Einsatz gebracht werden, die nicht mehr voll betriebs- und verkehrssicher sind. Trotz fortgesetzter diesbezüglicher Hinweise an leitende Partei- und Staatsfunktionäre sei keine Veränderung dieser Lage absehbar.

2.

Unter Hinweis darauf, dass es sich hierbei in der Regel um Probleme handelt, die bereits seit Jahren einer Veränderung bedürfen, bisher jedoch keiner befriedigenden Lösung zugeführt wurden und sich stattdessen weiter zuspitzen, wird erklärt, dass offensichtlich die zentralen staats- und wirtschaftsleitenden Organe die ökonomische Situation immer weniger beherrschen; Tendenzen der Resignation, der Gleichgültigkeit und Ratlosigkeit seien ansteigend. Entsprechende Beschlüsse und Entscheidungen der Partei- und Staatsorgane zur Überwindung der Schwierigkeiten blieben nahezu wirkungslos. Die vielfältigen ungelösten Probleme in Kombinaten und Betrieben und die daraus resultierenden Störungen im Produktionsprozess hätten in zahlreichen Arbeitskollektiven bereits zu Erscheinungen absinkender Leistungsbereitschaft und Arbeitsmoral sowie zu einem Rückgang gesellschaftlichen Engagements geführt.

Versammlungen gesellschaftlicher Organisationen in Betrieben und Einrichtungen seien in den letzten Monaten zunehmend durch Mängeldiskussionen beeinflusst worden.

Besonderen Stellenwert würden in diesem Zusammenhang Kritiken an der Informations- und Medienpolitik der DDR einnehmen, wobei vor allem im Mittelpunkt stünden

  • die fehlende Offenheit bei der Darlegung vorhandener Probleme, besonders in der Volkswirtschaft und im Bereich Handel und Versorgung, die Erläuterung diesbezüglicher Ursachen und Zusammenhänge sowie

  • die auf Propagierung von Erfolgsbilanzen ausgerichtete Berichterstattung, die teilweise in erheblichem Widerspruch stünde zu der in den Betrieben anzutreffenden tatsächlichen Lage.

3.

Erheblich zugenommen haben Diskussionen unter Werktätigen über die vermeintlichen Ursachen der vorhandenen Probleme in der Volkswirtschaft.

Immer öfter wird die Frage aufgeworfen, ob die Partei- und Staatsführung überhaupt die reale Lage in der Volkswirtschaft und auf dem Gebiet der Versorgung kenne. Als Begründung für eine derartige Fragestellung wird wiederholt angeführt, aus dem eigenen Tätigkeitsbereich genügend Kenntnisse darüber zu besitzen, dass an die Berichterstattung von unten nach oben unkritisch herangegangen werde und tatsächlich vorhandene Probleme bagatellisiert bzw. gänzlich verschwiegen würden.

Des Weiteren wird häufig der Standpunkt vertreten, den zentralen staats- und wirtschaftsleitenden Organen mangele es an der konsequenten Durchsetzung der gefassten Beschlüsse und an der dazu erforderlichen Kontrolle »vor Ort«. Vielfach wird auch behauptet, bei ihnen fehle es bei der Lenkung und Leitung volkswirtschaftlicher Prozesse offenkundig an der rechtzeitigen Einstellung und Orientierung auf neue Erfordernisse.

Breiten Raum nehmen auch Auffassungen ein, in der DDR finde das Leistungsprinzip immer weniger Anwendung (Argument: »heute könne fast jeder sein Geld verdienen, ob er viel oder wenig arbeite!«); Verletzungen der Arbeitsdisziplin würden zunehmend toleriert, prinzipiellen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit derartigen Erscheinungen werde häufig ausgewichen.

4.

Unzufriedenheit und zum Teil offen geäußertes Missfallen unter breitesten Kreisen der Bevölkerung über die sich nach deren Auffassung weiter verschärfenden Probleme im Bereich Handel und Versorgung wachsen weiter an. Mitarbeiter des Handels, insbesondere Verkaufspersonal, verweisen auf ein zunehmend aggressiveres Auftreten der Kunden beim Nichterhalt gewünschter Waren und auf damit im Zusammenhang stehende Anzeichen wachsender Ratlosigkeit unter Handelsmitarbeitern.

Im Mittelpunkt der Kritik der Bevölkerung steht insbesondere das unzureichend bzw. nicht bedarfs-, sortiments- und qualitätsgerechte Angebot an modischer Damen- und Herrenoberbekleidung, Schuh- und Lederwaren, Wohnraummöbeln, hochwertigen Konsumgütern (besonders Erzeugnisse der Heimelektronik), Arbeitsbekleidung und Baumaterialien.

Unverständnis rufen auch die fortgesetzt auftretenden Sortimentslücken bei Waren des täglichen Bedarfs sowie die diskontinuierliche Belieferung der Verkaufsstellen des staatlichen Einzelhandels, besonders in Kreisen und Landgemeinden, vorrangig mit Fleisch- und Wurstwaren, hervor.

Bei Warenanlieferungen, vor allem bei modischen Textil- und Schuhwaren, bilden sich sofort lange Käuferschlangen. Vielfach verlassen Werktätige ihre Arbeitsplätze zu Einkäufen. Die dadurch entstehenden Ausfallzeiten werden als erheblich bewertet; staatliche Leiter sehen aber immer weniger Möglichkeiten, dagegen aufzutreten, u. a. auch deshalb, um nicht in andauernde Mängeldiskussionen zu geraten, an denen sich zunehmend auch Mitglieder der SED und befreundeter Parteien aus Betrieben und Einrichtungen beteiligen würden.

Außerordentlich heftige und scharfe Reaktionen, teilweise verbunden mit abwertenden Äußerungen über die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft der DDR, werden fortgesetzt ausgelöst durch die sich ständig verlängernden Wartezeiten beim Neuerwerb von Pkw (Import-Kfz bis zu 18 Jahren; Inland-Kfz bis zu 15 Jahren) sowie durch das sich weiter verschlechternde Angebot an Kfz-Ersatzteilen, insbesondere für Import-Fahrzeuge. Werktätige aus Industrie und Landwirtschaft äußern sich empört über ihnen durch Mitarbeiter von Kfz-Reparaturwerkstätten erteilte Ratschläge, sich Ersatzteile (besonders Verschleißteile bei Import-Kfz) persönlich, auch unter Nutzung privater Kontakte in das nichtsozialistische Ausland, zu beschaffen. Vielfach wird argumentiert, es sei unverständlich, dass die DDR – obwohl sie zu den zehn stärksten Industrienationen der Welt zählt – dieses Problem nicht lösen könne.

In jüngster Zeit verstärken sich Gerüchte über angeblich bereits erfolgte Preisfestlegungen für die künftig mit Viertaktmotoren ausgerüsteten Pkw vom Typ »Trabant« und »Wartburg«, wobei zu den genannten Summen (»Trabant« 18 000 bis 20 000 Mark; »Wartburg« bis zu 32 000 Mark) die Auffassung vertreten wird, damit werde es den Werktätigen mit unteren und mittleren Einkommen unmöglich gemacht, ein derartiges Kfz zu erwerben.

Häufig wird darauf hingewiesen, auf viele Fragen der Werktätigen, vor allem nach den Ursachen und Lösungswegen für permanent auftretende und nichtbewältigte Probleme in den Bereichen Handel/Versorgung und Dienstleistungen, keine überzeugenden Antworten mehr geben zu können.

Beachtenswert sei auch, dass Diskussionen über Versorgungsfragen in erheblichem Maße genährt und beeinflusst werden durch von Reisen in dringenden Familienangelegenheiten zurückkehrende DDR-Bürger.

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    2. Juni 1988
    Information Nr. 278/88 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 23. Mai 1988 bis 29. Mai 1988