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Gottesdienst in der Sophiengemeinde am 13. März

16. März 1988
Information Nr. 134/88 über den am 13. März 1988 in der Sophienkirche (Berlin-Mitte) stattgefundenen Gottesdienst

Am 13. März 1988 fand in der Zeit von 10.00 Uhr bis 11.10 Uhr der Gottesdienst in der Sophienkirche unter Teilnahme von ca. 350 bis 400 Personen, darunter ca. 100 Übersiedlungsersuchende, statt.

(Durch Übersiedlungsersuchende war in Vorbereitung des am 6. März 1988 stattgefundenen Gottesdienstes in der Sophienkirche angekündigt worden, diese Kirche während des Gottesdienstes zu besetzen.)1

Während des Gottesdienstes am 6. März 1988 hatte Pfarrer Passauer bekannt gegeben, dass jeweils im Anschluss an die folgenden Sonntagsgottesdienste Gespräche mit Übersiedlungsersuchenden vorgesehen sind.

Am 11. März 1988 wurde durch den Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Hauptstadt der DDR, Berlin, für Inneres2 mit Konsistorialpräsident Stolpe und den Pfarrern Passauer und Hildebrandt – beide Sophiengemeinde – ein Gespräch durchgeführt.

Den kirchlichen Amtsträgern wurde unmissverständlich erklärt, dass die Beschäftigung der Kirchen mit der Übersiedlungsproblematik nicht ihre Angelegenheit sei und die Schaffung von Möglichkeiten für Übersiedlungsersuchende, im Rahmen der kirchlichen Veranstaltungen und Räumlichkeiten konzentriert zusammentreffen zu können, eine Überschreitung kirchlicher Kompetenz bedeutet. Den kirchlichen Amtsträgern wurde wörtlich erklärt: »Wir werden ein Zusammentreffen von Übersiedlungsersuchenden und deren organisiertes Tätigwerden unter dem Dach der Kirche nicht zulassen; hier sind keine Kompromisse möglich.«

Während des Gottesdienstes am 13. März 1988 waren seitens der Leitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Bischof Forck und Konsistorialrat Stolpe sowie Pfarrer Passauer anwesend.

Des Weiteren nahm der Korrespondent des Evangelischen Pressedienstes (epd), Röder, am Gottesdienst teil. Im Umfeld der Kirche fertigte ein Kamerateam der ARD Aufnahmen.

In seiner Predigt stellte Pfarrer Hildebrandt, ausgehend von biblischen Zitaten, direkte Zusammenhänge zu den Ereignissen um den Gottesdienst am 6. März 1988 in der Sophienkirche und zu den darauf folgenden Gesprächen der Vertreter zuständiger staatlicher Organe mit kirchlichen Amtsträgern her.

Hildebrandt äußerte, das Haus Gottes sei für alle offen, auch für Übersiedlungsersuchende. Sie seien fester Bestandteil der Gemeinde, und für alle müsste die Bibel Orientierung sein. Er forderte die Anwesenden zum »Zusammenhalten« auf und begründete die Verantwortung und Offenheit für die Probleme der Übersiedlungsersuchenden mit dem Ausspruch »Einer trage des anderen Last« (unter Anspielung auf den Titel des DEFA-Spielfilmes).3

Mit Hinweis auf die Maßnahmen der Schutz- und Sicherheitsorgane am 6. März 1988 in der näheren Umgebung der Sophienkirche äußerte er, dass die Feinde Gottes auch Menschenfeinde seien, die man daran erkennt, dass sie andere bedrängen, einengen und bevormunden. Unter Verwendung von Bibelzitaten von Moses verdeutlichte Hildebrandt, der Staat sei offenbar nicht in der Lage, die Vielzahl anstehender Probleme zu lösen und verwies darauf, »so wie Moses die Älteren zur Hilfe nahm«, sollte der Staat die Kirche an der Bewältigung solcher Probleme beteiligen.

Hildebrandt hob hervor, die Teilnahme von Gläubigen aus Bezirken der DDR an den Gottesdiensten in der Sophienkirche sei bereits zur Tradition geworden.

Im Anschluss an die Predigt verlas Hildebrandt eine nach den Ereignissen vom 6. März 1988 an den Magistrat der Hauptstadt gerichtete sogenannte Beschwerde der Sophiengemeinde.

Danach wurde durch den Vorsitzenden der Kreissynode Friedrichshain, Pohl, eine Erklärung der Tagung der Kreissynode vom 12. März 1988 zur Kenntnis gebracht, in der sich die Teilnehmer dieser Tagung mit der Sophiengemeinde solidarisierten und Unterstützung zusagten.

Nachdem die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher die Kirche verlassen hatte, verblieben ca. 100 Personen – überwiegend Übersiedlungsersuchende – ohne entsprechende Aufforderung in der Kirche, um die von Passauer am 6. März 1988 angebotene Gesprächsmöglichkeit wahrzunehmen. Hildebrandt wies die Anwesenden darauf hin, dass Mitglieder einer Gemeinde aus Luckau (ca. 10 ältere Personen) die Sophiengemeinde am heutigen Tag besuchten, um sich über Geschichte und Besonderheiten der Gemeinde zu informieren. An dieser Vorstellung der Sophiengemeinde könnten die Übersiedlungsersuchenden gerne teilnehmen. Falls sie jedoch andere Erwartungen hätten, so würde diesbezüglich heute in der Sophiengemeinde nichts mehr stattfinden.

Daraufhin verließen alle Übersiedlungsersuchenden die Kirche. Vereinzelt führten sie danach vor der Kirche Gespräche mit Bischof Forck und Konsistorialpräsident Stolpe, in denen sie sich enttäuscht darüber äußerten, dass entgegen ihren Erwartungen die Problematik der Übersiedlungsersuchenden lediglich in religiösen Gleichnissen in der Predigt angesprochen wurde und keine konkrete Unterstützung durch die Kirche erfolgt sei.

Gegen 11.30 Uhr hatten bis auf die Delegation der Gemeinde aus Luckau alle Besucher das Gelände der Sophiengemeinde verlassen.

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    16. März 1988
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