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122. Tagung der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen

14. April 1989
Information Nr. 154/89 über die 122. Tagung der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen (KKL) in der DDR vom 10. bis 12. März 1989 in Buckow

An der Tagung der KKL (Klausurtagung) nahmen mit Ausnahme von Bischof Demke,1 Magdeburg, (Krankheit) und Bischof Forck,2 Berlin, (Dienstreise)3 alle anderen Bischöfe, die Leiter der kirchlichen Verwaltungseinrichtungen der evangelischen Landeskirchen sowie die synodalen Mitglieder der KKL in der DDR teil. Als Vertreter von Bischof Forck war Propst Furian4 anwesend.

Im Mittelpunkt der Tagung standen

  • Einführungsvorträge und Diskussionen zum Klausurthema »Aufgaben und Perspektiven der evangelischen Kirchen in der DDR für das nächste Jahrzehnt«,

  • Stellungnahmen zum KSZE-Prozess5 und zu den gegenwärtigen Abrüstungsinitiativen,6

  • der Bericht des Vorstandes zur kirchlichen Lage, die Auswertung der Vorstandssitzungen und die Stellungnahme zur Ökumenischen Versammlung in Dresden,7

  • Gedenktage 1989, Konferenztermine 1990,

  • Berichte aus den Landeskirchen,

  • innerkirchliche und theologische Fragen.

Das Klausurthema wurde im Auftrage des Vorstandes der KKL durch drei Vorträge, die durch Bischof Leich,8 Eisenach, Präsident Kramer,9 Magdeburg, und Konsistorialpräsident Stolpe,10 Berlin, gehalten wurden, behandelt. Die Vorträge waren ausschließlich darauf ausgerichtet, entsprechend des Themas der Klausurtagung Aufgaben und Perspektiven der evangelischen Kirchen in der DDR für die nächsten zehn Jahre aus theologischer, gesellschaftlicher und struktureller Sicht darzulegen.

Bischof Leich, der zu theologischen Aspekten sprach, führte u. a. aus, in der Theologie müsse man die Frage stellen: Was ist das Gewisse – was ist das Ungewisse? Das Ungewisse sei die gesellschaftliche Seite des Lebens; es sei ungewiss, wie sich unser Land, Europa und die Welt in den nächsten zehn Jahren entwickelten … Es komme darauf an, die Einheit der Kirche in Form der Ökumene anzustreben und sie als die zentrale theologische Dimension zu verstehen. Die Ökumene müsse das Denken bestimmen, sonst verkümmere die Kirche in der DDR zur Provinzkirche … »Weil wir uns auf Jesu Christi verlassen, können wir die Geschichte mitgestalten.«

Präsident Kramer, der zu »gesellschaftlichen Berührungspunkten« sprach, hob u. a. hervor, das gesellschaftliche Tun der Kirche müsse dem Wohl aller dienen. Die Kirche müsse nicht als Ganzes auftreten und anstelle des Staates wirksam werden; der gesellschaftliche Dienst der Kirche könne nur durch jeden Einzelnen geschehen.

Das gesellschaftliche Engagement des Einzelnen dürfe die Glaubensgemeinschaft nicht zerstören. So dürften die Mitglieder der CDU und der CFK11 in der Kirche nicht diskriminiert werden. Er stellte die Frage, ob es richtig sei, dass Kirche und Gruppen12 Umgestaltungen fordern müssten.13 Seiner Meinung nach behindere das die innenpolitische Ordnung. Veränderungen in der DDR seien Aufgabe der Partei und Regierung und nicht der Kirche. So sei es auch in der Sowjetunion geschehen. Veränderungen wären nur in der Stabilität möglich. Wenn die Kirche die Stabilität gefährde, gefährde sie auch die Veränderungen. Man müsse auch die Veränderungen in der DDR sehen, wo in den letzten Jahren sehr viel geschehen sei. »Es ist leicht, Umgestaltung zu sagen und die Machtfrage dabei zu meinen. Wer das will, muss es auch ehrlich sagen.« Auch Fragen der Abrüstung und Friedensprobleme dürften nicht die Machtfrage berühren.

Eingehend auf kirchliche Forderungen zur Wehrdienstverweigerung14 betonte Kramer, dies sei »ein sehr idealistisches Ziel«; für die Perspektive wären andere Lösungswege erforderlich. Politisch möglich, aber ökonomisch nicht durchführbar sei die Aufstellung eines »Berufsheeres«.

Weiter führte Präsident Kramer aus, die innere Sicherheit der DDR sei durch »Furchtverhalter« gekennzeichnet. Diese Furcht dürfe die Kirche nicht noch durch gesellschaftspolitische Forderungen verstärken. Die Kirche ließe sich noch zu sehr von Tageserscheinungen, z. B. bezogen auf Antragsteller,15 Reiseverordnung u. a.,16 beeinflussen; sie müsse sich festlegen, ob sie für die gläubigen Gottesdienstbesucher oder für die lautstarken Gruppen spreche. Für die Kirche bestehe die Gefahr, dass sie in den Ruf eines »besserwisserischen Klerikalismus« gerät.17

Konsistorialpräsident Stolpe sprach zu strukturellen Aspekten im kirchlichen Leben und führte aus, die evangelische Kirche in der DDR werde in den nächsten zehn Jahren von 5,5 Millionen Mitgliedern auf 3,5 Millionen schwinden; die Teilnahme an Gottesdiensten und Zusammenkünften der Jungen Gemeinde sei zwar territorial unterschiedlich, aber im Durchschnitt rückläufig.

Die Aufgaben der Kirchen würden jedoch ständig umfangreicher. Die »Kirche für das ganze Volk« habe nach wie vor missionarische, diakonisch-seelsorgerische, sozial-ethische Funktionen zu erfüllen und müsse Vertrauen bei den Menschen gewinnen. Sie müsse »moralische Instanz« für die gesamte Gesellschaft werden und habe in der Perspektive vor allem folgende Aufgaben:

  • Gewinnung von mehr Menschen für den Dienst der Kirche;

  • Übertragung höherer Verantwortung an nicht ordinierte Mitarbeiter der Kirche, um sie zum Verkündigungsdienst zu befähigen;

  • Überarbeitung des kirchlichen Ausbildungsprogramms mit dem Ziel der Erreichung stärkerer Praxisnähe und höherer Effektivität;

  • Beibehaltung der territorialen Struktur der Kirche in der DDR. Der sich abzeichnende Trend, dass die Verwaltungseinrichtungen der Landeskirchen zu Dienstleistungseinrichtungen umprogrammiert werden, müsse aufgehalten werden;

  • Zulassung kirchlicher Neubauten nur noch in Ausnahmefällen; kirchliche Gebäude seien ausreichend vorhanden und müssten erhalten werden;

  • Einstellung der Landeskirchen auf finanzielle Probleme. Durch rückläufige Kirchensteuern und allgemeinen Preisanstieg im Preisgefüge der DDR sei die finanzielle Seite des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) sehr fragwürdig. »Die Kirche sitzt in finanziellen Problemen mit der Regierung in einem Boot. Es ist wahrscheinlich, dass das ökonomische System der DDR in den nächsten 30 Jahren nicht aufrechterhalten werden kann; darauf müssen wir uns einstellen.«

Diesen drei Vorträgen schloss sich eine kontroverse Diskussion an, während die insbesondere politisch negativen und politisch konservativen kirchenleitende Amtsträger versuchten, die im Grundsatzgespräch vom 6. März 197818 vereinbarte Perspektive des BEK sowie den Weg einer »Kirche im Sozialismus«19 anzuzweifeln.

In den Diskussionen wurde mehrfach an den Vortrag von Präsident Kramer zu gesellschaftlichen Aspekten der Tätigkeit der evangelischen Kirchen in der DDR in den nächsten zehn Jahren angeknüpft.

Propst Furian und Pfarrer Passauer,20 beide Berlin,21 die als erste Diskussionsredner sprachen und im weiteren Verlauf mehrmals das Wort ergriffen, kritisierten in massiver Form die Ausführungen von Kramer. Er habe völlig vergessen, »dass es heute notwendig ist, dass der Mensch an der Machtausübung beteiligt wird und ist, und man muss die Machtfrage stellen«.

Ein einzelner Christ in der DDR könne sein Mandat nicht wahrnehmen, oder er müsse der Partei zum Munde reden bzw. sich der »bestehenden Bürokratie« fügen. Deshalb – so Furian – müsse die Kirche die politische Funktion für den Einzelnen übernehmen. Seiner Meinung nach hätte die DDR keine Perspektive. Ausdruck dafür sei u. a., dass Antragsteller auf ständige Ausreise ihm gegenüber die »Unerträglichkeit« des Lebens in der DDR betonen würden. Ausgereiste DDR-Bürger hätten in der BRD in fünf Jahren das erreicht, was andere sich in 30 Jahren in der DDR geschaffen hätten. Furian erklärte wörtlich: »Wir müssen unsere Gesellschaft vom realen zum demokratischen Sozialismus führen.«22

Furian wurde durch Passauer voll unterstützt und ergänzte ihn dahingehend, er sehe die Perspektive der Kirche im Wirken charismatischer Gruppen und »Politgruppen«. Die Furcht der Kirche vor ihrer eigenen Kraft bedeute für sie Lähmung. Er forderte ständige Verlautbarungen der Kirche zu Verletzungen der Menschenrechte in der DDR.

Gegen die Ausführungen von Furian und Passauer wandten sich Bischof Gienke,23 Greifswald, Kirchenpräsident Natho,24 Dessau, Bischof Hempel,25 Dresden und der Präsident des Landeskirchenrates Müller,26 Schwerin.27

Bischof Gienke argumentierte, die Gesellschaft der DDR lebe bereits in den 1990er, die Kirche jedoch noch in den 1970er Jahren. Sie müsse lernen, gegenüber dem Staat nicht als Besserwisser dazustehen, zumal es ihr nicht gelungen sei, das seit jeher bestehende Misstrauen des Staates gegenüber der Kirche abzubauen. Wörtlich führte er aus: »Wenn man die Worte Furians hört, der sagt, die Kirche muss in diesem Land die Opposition sein, so bestätigt er damit den staatlichen Standpunkt. Das kann man nicht mittragen.«28

Gienke forderte, politische Themen in direkten Gesprächen mit kompetenten Vertretern des Staatsapparates zu behandeln und nicht auf Synoden und in anderen kirchlichen Gremien in den Mittelpunkt zu stellen.

Bischof Hempel brachte zum Ausdruck, generell solle man die Schuldfrage für Missverständnisse und Erschwernisse zwischen Staat und Kirche nicht ausschließlich dem anderen vorwerfen. Er erklärte, es gebe gegenwärtig keine »Sünde«, die man nicht auch in der sächsischen Landeskirche finde. Seiner Meinung nach befänden sich die charismatischen Gruppen und die »Politgruppen« weit weg von der Realität des täglichen Lebens; sie stellten radikale und unerfüllbare Forderungen. Die Kirche müsse aber auch in politischen Fragen realistisch bleiben, eigene Fehler einsehen und dürfe nicht übertreiben. Auf den Diskussionsbeitrag von Furian eingehend, führte er wörtlich aus: »Ich warne, nehmt die Finger weg von der Machtfrage.«29

Präsident Müller betonte, seiner Meinung nach dürfe die Kirche kein politisches Programm vertreten, auch nicht ein »Perestroikaprogramm«.30 Die Kirche dürfe sich nicht als Vereinigung zum politischen Handeln verstehen, und die Grenze sei dort, wo Sachaussagen in politische Forderungen umschlagen.31

Kirchenpräsident Natho unterstützte sinngemäß die von Kramer erfolgten Ausführungen, wonach die Kirche nicht anstelle des Staates wirksam werden könne, und erklärte, auch in der Perspektive müsse eine klare Trennung zwischen Staat und Kirche geben. Er vertrat die Auffassung, die Kirche solle die Mitgliedschaft der CDU und CFK zum politischen Engagement mehr nutzen.32

Präses Gaebler33 stellte konkret die Frage, inwieweit nun die These »Kirche im Sozialismus« in der Perspektive überhaupt noch aufrechterhalten werden könne.

Bischof Leich, der sich daraufhin zu Wort meldete, verwies auf die Darlegung seines diesbezüglichen Standpunktes in der Zeitschrift »Glaube und Heimat«, Nr. 11 vom 12. März 1989,34 den er erneut bekräftigte. (In dem genannten Artikel wurden folgende Aussagen getroffen: »… für eine Änderung der Wendung Kirche im Sozialismus, mit der das Verhältnis zwischen Kirche und Staat formelhaft beschrieben wird, hat sich der Vorsitzende des DDR-Kirchenbundes, Landesbischof Leich, ausgesprochen. Er schlug statt ihrer die Formulierung Evangelische Kirche in der DDR vor. Wenn sie auch nicht Kirche für den Sozialismus zu sein vermag, so versteht sie sich doch als Kirche für Jesus Christus unter den Bedingungen der DDR. Fern aller bloßen Akklamationen zu staatlichen Maßnahmen sieht sie sich der Wahrheit verpflichtet, mit der sie versucht, den Menschen in ihrem Lebensschicksal nahe zu sein.«)

Da aufgrund der kontroversen Diskussion kein einheitlicher Standpunkt erarbeitet werden konnte, wurde zum Thema »Aufgaben und Perspektiven der evangelischen Kirchen in der DDR für das nächste Jahrzehnt« entgegen der ursprünglichen Absicht kein Beschluss gefasst.

Allen Mitgliedern der KKL sollen stattdessen die drei Vorträge (Leich, Kramer, Stolpe) sowie ein Protokoll über die dazu durchgeführte Diskussion zugesandt werden. Weitergehende Festlegungen wurden nicht getroffen.

Zum anschließenden Tagesordnungspunkt (Stellungnahme zum KSZE-Prozess und zu den gegenwärtigen Abrüstungsinitiativen) lag den Mitgliedern der KKL ein vom Sekretariat des BEK erarbeiteter Entwurf vor, zu dem sich wiederum eine kontroverse Diskussion entwickelte.35

Massiv gegen diesen Entwurf sprachen sich insbesondere Bischof Stier,36 Schwerin, Propst Furian, Berlin, Pfarrer Noack,37 Wolfen und Dr. Nollau,38 Dresden (synodales Mitglied der KKL, Dipl. Mathematiker/TU Dresden) aus.39

Dagegen versuchten Bischof Gienke, Konsistorialpräsident Stolpe und Oberkonsistorialrat Harder,40 Greifswald, die im Entwurf enthaltenen politisch realistischen Aussagen zu erhalten.

Bischof Stier41 erklärte, dieses Papier sei ihm zu »vollmundig« in Bezug auf Formulierungen hinsichtlich »einer Dankbarkeit gegenüber dem Staat«. Seiner Meinung nach stoßen die diesbezüglichen Aussagen bis in die Gemeinden hinein auf Unverständnis. Demgegenüber fehlten exakt die Nennung von Erschwernissen in der DDR, wie z. B. des Reiseproblems, sowie überhaupt die »menschlichen Dimensionen«. Er verwahrte sich nachdrücklich gegen die Formulierung im Entwurf – vorletzter Absatz: »DDR … ökonomisch stabile Gesellschaft« – und legte Wert auf die Feststellung, die DDR sei ökonomisch sehr instabil.

Propst Furian,42 der das Papier »eine Zumutung« nannte, betonte, damit befände sich die KKL im krassen Widerspruch zur Ökumenischen Versammlung zu den Gruppen und kirchlichen Gemeinden und werde unglaubwürdig. Er forderte eine Überarbeitung, da er sonst dagegen stimme.

Pfarrer Noack und Dr. Nollau bemängelten die angebliche Unausgewogenheit des Entwurfes. Die für den Staat positiv zu wertenden Probleme würden darin über Gebühr hervorgehoben, dagegen wären gesellschaftspolitisch kritikwürdige Seiten nicht benannt. Z. B. könne aus dem Entwurf nicht entnommen werden, dass die DDR die Schaffung von KSZE-Überwachungsgruppen verhindert.43

Bischof Gienke44 diskutierte für die Beibehaltung des Inhalts des Entwurfs. Bezogen auf die Formulierung im letzten Absatz – »den Streit unterschiedlicher Meinungen zu führen« – betonte er, er habe mit dem Staat keinen Streit; man diskutiere über unterschiedliche Meinungen und fände immer eine Lösung.

Konsistorialpräsident Stolpe brachte zum Ausdruck, dass man mit diesem Papier zwei Ziele verfolgt habe. Man wolle den Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Abrüstung deutlich artikulieren. Es habe sich in der DDR in den letzten Jahren in beiden Dingen viel zum Positiven entwickelt, das müsse man auch sagen. Des Weiteren wollte man gegenüber dem Staat »ein Zeichen setzen«. Mit einem Papier, welches anders als dies hinausläuft, würde man nur bei dem Staat »ängstliche Reaktionen« hervorrufen; das sollte man vermeiden.

Im Ergebnis der Diskussion wurde eine Passage, in welcher der Staatsführung der DDR der Dank ausgesprochen wird, gestrichen. (Das betrifft konkret die im Entwurf enthaltene Formulierung: »Die Konferenz dankt der Staatsführung der DDR, dass sie den Prozess zur Sicherheit und Entspannung mit einseitigen Abrüstungsmaßnahmen und durch ihre Dialogbemühungen gefördert hat.«)45

Der überarbeitete Beschluss der KKL zu diesem genannten Tagesordnungspunkt, der mit 16 Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme und vier Stimmenthaltungen angenommen wurde, ist als Anlage 1 beigefügt.

Im weiteren Verlauf der KKL-Tagung wertete Oberkirchenrat Ziegler46 die letzten beiden Vorstandssitzungen der KKL aus. Dabei bezog er sich auch auf die Herausgabe der sogenannten Dokumentation »Pechblende«.47

Das unter wesentlicher Autorenschaft der wegen ihrer politisch negativen Aktivitäten bekannten Personen Beleites,48 Gera, und Pflugbeil,49 Berlin, erarbeitete und innerhalb der kirchlichen Basisgruppen umfangreich verbreitete Pamphlet »Pechblende« – es beinhaltet Probleme der Urangewinnung in der DDR und damit verbundene Folgeerscheinungen unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes – sei vom Vorstand der KKL mit der Feststellung gebilligt worden, dass es keiner kirchlichen Kritik unterliege.

Das synodale Mitglied der KKL, Dr. Domke,50 Potsdam, Diplom-Physiker am Zentralinstitut für Astrophysik Potsdam, gab eine Einschätzung zu den Abrüstungsmaßnahmen der Warschauer Vertragsstaaten. Er bezeichnete sie als qualitativen Durchbruch und nannte u. a. als Aufgabe der Kirche, diese einseitigen Abrüstungsschritte gegen Verleumdungen zu schützen.

Kirchenpräsident Natho51 informierte über einen Brief des Präsidiums der Ökumenischen Versammlung. Danach würden die KKL und die katholische Bischofskonferenz eingeladen, an einer feierlichen Veranstaltung im Rahmen der »3. Vollversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« am 30. April 1989 in der Kreuzkirche in Dresden teilzunehmen, um Dokumente über die bisher durchgeführten Beratungen dieses Gremiums entgegenzunehmen.

In der anschließenden Diskussion dazu sprachen sich die Bischöfe Hempel, Gienke, Natho und Rogge52 gegen eine Annahme dieser Dokumente aus, da sie undurchdacht seien und die gegenwärtigen Beziehungen Staat – Kirche belasten würden. Die KKL beschloss, dass während der genannten Veranstaltung kein Bischof des BEK diese Dokumente offiziell entgegennimmt.

Kirchenpräsident Natho wurde als Vorsitzender der AGCK53 beauftragt, dort ein Dankeswort der KKL zu sprechen und mitzuteilen, dass diese Papiere in den nächsten zwei bis drei Jahren in den einzelnen Landeskirchen durchgearbeitet werden.

Präsident Kramer berichtete während der Tagung über Feststellungen des Vorstandes der KKL, wonach der Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR in jüngster Zeit für offizielle Gespräche auch die Ebene von kirchlichen Gemeinden gesucht habe. Kramer stellte dabei die Rechtmäßigkeit dieser Gesprächsebene infrage und vertrat die Meinung, Gesprächspartner für den Staatssekretär könnten nur leitende kirchliche Amtsträger sein. Um weitere derartige Praktiken auszuschließen, wurde als ein erster Schritt dem Leiter der Brüderunität Herrnhut,54 Müller,55 vorgeschlagen, im Hinblick auf das vom Staatssekretär gewünschte Gespräch mit Mitarbeitern der Brüderunität das Besuchsprogramm so anzufüllen, dass eine Zusammenkunft mit Mitarbeitern nicht mehr durchgeführt werden kann.

Bischof Leich56 berichtete u. a. über ein Gespräch, das er und Oberkirchenrat Ziegler am 28. Februar 1989 in Westberlin mit dem Intendanten des ZDF, Dr. Stolte,57 und weiteren Vertretern des Leitungsgremiums des ZDF auf deren Veranlassung geführt haben.

Leich sei in dieser Unterredung zur Teilnahme an einem Sonntagsgespräch im ZDF eingeladen worden, in dem er u. a. zur Rolle der Kirche in der Gesellschaft und speziell zum Verhältnis Staat – Kirche in der DDR befragt werden sollte. Leich habe aber keine Zusage gegeben, und weitere Festlegungen dazu seien nicht getroffen worden.

Leich habe seinen Ausführungen zufolge versucht, auf Stolte Einfluss zu nehmen, dass Aussagen und Einmischungen im Hinblick auf Belastungen im Staat-Kirche-Verhältnis durch das ZDF nicht noch verstärkt werden.58

Stolte habe daraufhin angeregt, dass der BEK in der DDR in geeigneter Form und mit ausgewählten Partnern selbst eine offensivere Informationspolitik betreiben sollte. Es sei vereinbart worden die Verbindungen zwischen dem BEK in der DDR und den in der DDR akkreditierten ZDF-Korrespondenten zu aktivieren.59

Bischof Hempel schätzte in einem entsprechenden Diskussionsbeitrag jüngste Gespräche mit Vertretern staatlicher Organe des Bezirkes ein. Er bezeichnete sie als sehr offen und konstruktiv. Im Gegensatz dazu seien die Gespräche mit staatlichen Vertretern in Leipzig bedeutend schwieriger. Ursache hierfür wären die andauernden Aktivitäten der Basisgruppen in Leipzig. Er habe den Eindruck, dass der Staatsapparat mit Blick auf den bevorstehenden Kirchentag in Leipzig Druck auf die Kirchenleitung ausüben wolle.60

Als offen und konstruktiv wurden durch Präsident Kramer auch die jüngsten Gespräche zwischen Vertretern des Staatsapparates Magdeburg und Bischof Demke bewertet.

Der Stellvertreter des Leiters des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirchen in der DDR, Dr. Koltzenburg,61 Berlin, informierte die Tagung, der Hauptvorstand des Diakonischen Werkes in der DDR habe den Vorstand der »Evangelischen Kirche in Deutschland« (EKD/BRD)62 ersucht, Mitarbeitern des Diakonischen Werkes der DDR, die ohne Genehmigung in der BRD verbleiben bzw. eine ständige Ausreise in die BRD erzwingen, keine Anstellung in einer Diakonischen Einrichtung in der BRD zu genehmigen.63 Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes in der BRD sei dem Ersuchen stattgegeben worden. Bezogen auf Ärzte sei jedoch entschieden worden, dass sie zunächst für zwei Jahre als Mitarbeiter im Diakonischen Werk arbeiten sollen und erst danach wieder entsprechend ihrer Qualifikation tätig werden können.64

Der Vorstand der KKL stimmte einstimmig den vorgeschlagenen Konferenzterminen für 1990 zu (Wortlaut siehe Anlage 2).

Auf bevorstehende Gedenktage eingehend, wurde der Beschluss gefasst, anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der DDR keine offizielle Stellungnahme seitens des BEK abzugeben. Bischof Leich solle lediglich in seinen Ausführungen auf der Synode des BEK im September 1989 diesen Jahrestag in einer kurzen Passage würdigen.

Die KKL beschloss ferner, anlässlich des 50. Jahrestages des Beginns des 2. Weltkrieges am 1. September 1989 einen zentralen Gottesdienst in Berlin durchzuführen. Einladungen dazu an Vertreter der EKD/BRD und der evangelischen Kirche Österreichs würden erwogen.

Die Abstimmung, anlässlich dieses Gedenktages ein »Gemeinsames Wort« BEK/DDR – EKD/BRD herauszugeben, ergab: 13 dafür, drei dagegen, fünf Enthaltungen. Konkretere Festlegungen dazu wurden nicht getroffen.

Den evangelischen Landeskirchen in der DDR sollte die Durchführung morgendlicher Gottesdienste mit Glockenläuten am 1. September 1989 empfohlen werden.

Die Information ist wegen äußerster Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

Anlage 1 zur Information Nr. 154/89

[Abschrift eines Beschlusses der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen vom 11.3.1989]

Bund der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik

Beschluss der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR vom 11. März 1989

Die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der Deutschen Demokratischen Republik hat sich bei ihrer Tagung vom 10. bis 12. März 1989 über den Stand der Bemühungen um Abrüstung, Sicherheit, Zusammenarbeit und humanitäre Fragen in Europa berichten lassen.

Die Konferenz begrüßt die mit dem 3. KSZE-Folgetreffen in Wien erreichten Ergebnisse.65 Während der letzten eineinhalb Jahrzehnte hat der Bund der Evangelischen Kirchen im KSZE-Prozess ein Zeichen der Hoffnung gesehen. Er hat dabei besonders den Zusammenhang von militärischer Sicherheit, Zusammenarbeit der Staaten und humanitären Anliegen herausgestellt. Das abschließende Dokument des Wiener Treffens setzt den 1975 in Helsinki begonnenen Weg fort, hält wichtige Ergebnisse fest und legt eine präzise Planung für die Weiterführung des Entspannungsprozesses vor. Das liegt im Interesse der Menschen, dient der Sicherung des Friedens und entspricht damit einem Grundanliegen der Kirche.

Inzwischen haben die Verhandlungen über die Verringerung konventioneller Streitkräfte sowie über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen begonnen.

Die Konferenz sieht in konkreten Abrüstungsschritten, aber auch im Abbau von Misstrauen im militärischen Bereich eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des KSZE-Prozesses. Sie begrüßt deshalb die einseitigen Schritte einer kalkulierten Abrüstung durch die Sowjetunion und andere Staaten des Warschauer Vertrages.66 Die Konferenz würdigt hierbei auch den von der Regierung der DDR angekündigten Beitrag.

Mit Genugtuung hat die Konferenz festgestellt, dass mit dem abschließenden Dokument des Wiener Treffens die menschliche Dimension als grundlegende Verpflichtung der Teilnehmerstaaten zur Achtung der Menschenrechte und für humanitäre Fragen definiert und international verbindlich erklärt wurde. Die Konferenz schöpft daraus die begründete Hoffnung, dass die Bemühungen um menschliche Erleichterungen, wie sie in den letzten eineinhalb Jahrzehnten erfahrbar wurden, konkret und kontinuierlich fortgesetzt werden.

Sie ist dankbar, dass Sicherheit, Entspannung und Vertrauensbildung im Rahmen des KSZE-Prozesses auch durch den Beitrag der DDR gefördert wurden. Die Konferenz erwartet, dass schmerzlich empfundene Defizite sich im Fortgang dieses Prozesses schrittweise überwinden lassen.

Der Bund der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik wird auch weiterhin den Prozess für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa begleiten und fördern. Er sieht darin eine wichtige Aufgabe aller Kirchen in Europa und spricht die Hoffnung aus, dass die Europäische Ökumenische Versammlung im Mai 1989 in Basel67 hilfreiche Impulse für die Gestaltung des europäischen Hauses in Gerechtigkeit und Frieden geben wird.

Die Konferenz bittet die Kirchengemeinden, sich über die Ergebnisse des Wiener Treffens zu informieren und mit konkreter Sacharbeit an dem europäischen Friedensprozess teilzunehmen.

Auch die Bemühungen der Kirchen und Christen, im gesamtgesellschaftlichen Prozess der DDR in seiner Dialektik von Kontinuität und Wandlung mitzuwirken, sollen ein Beitrag zur Friedenssicherung in Europa sein. Je besser es gelingt, in einer politisch und ökonomisch stabilen Gesellschaft Dialog und Toleranz zu praktizieren, den Streit unterschiedlicher Meinungen zu Einzelfragen konstruktiv zu führen und gemeinsam Lösungen für anstehende Probleme zu finden, umso wirksamer können wir in der DDR den KSZE-Prozess unterstützen.

Unser Eintreten als Christen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gründet im Auftrag und in der Verheißung des Herrn der Kirche.

Wir bitten deshalb erneut Gemeinden, Gruppen und einzelne Christen in der Bindung an das Wort Gottes, im Gebet und im Geiste der Versöhnung nach dem rechten christlichen Engagement im gesellschaftlichen Leben zu suchen.

Buckow, den 12. März 1989 | Dr. Leich | Vorsitzender der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen

Anlage 2 zur Information Nr. 154/89

[Abschrift der Termine der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen 1990]

122. Tagung der Konferenz der | Ev. Kirchenleitungen in der DDR | 10./12. März 1989 in Buckow

Konferenz-Termine 1990

Der Vorstand empfiehlt folgende Sitzungstermine für das Jahr 1990:

  • 12./13. Januar 1990 (23.–25. Februar 1990 Konstituierung der Bundessynode, Neukonstituierung der KKL und des Vorstandes)

  • 9./11. März 1990 (Klausurtagung)

  • 6./7. April 1990

  • 11./13. Mai 1990 (Bundesbesuchstage)

  • 29./30. Juni 1990

  • 31. August/1. September 1990 (21.–25.9.1990 Bundessynode)

  • 5./6. Oktober 1990 (Eventualtermin)

  • 9./10. November 1990

Anmerkung

Wegen des Pfingsttreffens wurde für Juni kein Eventualtermin vorgeschlagen, sondern für April 1990. Um den Abstand zu verringern und die Vorbereitung des Konferenzberichtes zu sichern, wurde die Juli-Sitzung auf Ende Juni 1990 vorgezogen.

  1. Zum nächsten Dokument 5. Tagung der IX. Synode der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg
    17. April 1989
    Information Nr. 181/89 über wesentliche Inhalte der 5. ordentlichen Tagung der IX. Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (31. März bis 4. April 1989 in Berlin)
  2. Zum vorherigen Dokument Politisch-ideologische Situation in LDPD
    14. April 1989
    Information Nr. 125/89 über einige beachtenswerte Aspekte der politisch-ideologischen Situation in der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD)