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Tagesbericht

30. Juni 1953
Information Nr. 6 [Meldung Nr. 30/53]

Auch am heutigen Tage waren keine besonderen Vorkommnisse wie Streik, Demonstration usw. im demokratischen Sektor von Berlin und der DDR zu verzeichnen.

[Besondere Vorkommnisse]

Aus dem VEB Gaselan wurde mitgeteilt, dass eine Resolution mit der Bitte um

  • 1.

    Aufhebung des Ausnahmezustandes,

  • 2.

    Öffnung der Sektorensperren,

  • 3.

    unbeschränkten S-Bahn-Verkehr zwischen Ost- und Westberlin

von Hand zu Hand gereicht und von einer Reihe Belegschaftsmitgliedern unterschrieben wurde. Die Resolution mit den entsprechenden Anträgen sollte an das ZK der SED weitergereicht werden. Nachdem diese Sache bekannt wurde, wurde über die Betriebsparteiorganisationen die Diskussion über diese Frage im Betrieb organisiert, die zur Klarstellung führte.

Am 28.6.1953 entfernte in einer HO-Gaststätte in Oschersleben/Magdeburg der [Vorname Name 1] die Bilder vom Staatspräsidenten und Regierungsmitgliedern der DDR und warf dieselben zum Fenster hinaus. [Name 1] wurde festgenommen.

Am 28.6.1953 überfielen unbekannte Täter in der Nähe von Raba/Zeitz einen VP-Offizier, der sich auf dem Heimweg befand, schlugen denselben besinnungslos und fesselten ihm mittels Bindedraht die Hände. Infolge Ladehemmung konnte der VP-Offizier von seiner Dienstwaffe keinen Gebrauch machen. Er warf sie deshalb weg, sodass sie die Täter nicht in den Besitz bekamen. Nach Ausführung der Tat ergriffen die Täter die Flucht.

Am 28.6.1953, gegen 22.00 Uhr, wurden zwei VP-Angehörige am Objekt Saalebrücke bei Roßbach mit Steinen beworfen. Die Person konnte entkommen.

Am 29.6.1953, gegen 2.50 Uhr, wurde auf der Strecke Dessau–Magdeburg bei Ausfahrt aus dem Bahnhof Königsborn der D 82 durch bisher unbekannte Täter beschossen. Ein Geschoss durchschlug die Scheibe der hinteren Tür vom Packwagen des Mitropa-Abteils und prallte zurück. Bei dem Geschoss handelt es sich vermutlich um ein MPi-Geschoss. Zwei Personen wurden durch Glassplitter leicht verletzt.

Am 27.6.1953, gegen 1.00 Uhr, wurde ein VP-Angehöriger, der allein eine Gaststätte in Eilenburg verließ, mit Steinen beworfen und ins Gesicht geschlagen. Beide Personen brachten zum Ausdruck, dass sie jeden VP-Angehörigen schlagen werden, den sie allein antreffen.

Neu eingegangenes Material über Entstehung der Bewegung, Organisatoren usw.

Aus Westberlin wurde bekannt (unüberprüftes Material), dass die am aktivsten an der Provokation beteiligten Rowdys vom Bezirksamt Zehlendorf – Jugendstelle der SPD – 500 Westmark für ihre Tätigkeit erhalten haben.

Einige Tage vor dem Putschversuch im demokratischen Sektor erschien ein Mann in dem Bunker (wo sich Flüchtlinge aufhalten), der sich an die Bewohner des Bunkers wandte und erklärte, dass es eine Möglichkeit gäbe, damit die Flüchtlinge aus dem Osten wieder nach Hause kommen. Diese Möglichkeit würde aber nur dann bestehen, wenn die Regierung in der Ostzone gestürzt würde. Er forderte vor allem die Jugendlichen auf, sich aktiv am Sturz der Ostzonenregierung zu beteiligen.

Der Lehrling [Name 2] von der Autowerkstatt Xaverer in Berlin-Friedenau berichtet über seinen Einsatz Folgendes: »Wir brachen den Eingang zum ›Haus Vaterland‹ auf und hatten den Auftrag, das Buntmetall in den Westsektor zu bringen. Als wir das Buntmetall durch den hinteren Ausgang herausbrachten, war schon ein Schrottwagen aus dem Westsektor zur Stelle, der es sofort auflud. Nachdem steckten wir das Haus an.«

Zum »Tag des Bergmanns«1 wird aus Zwickau Folgendes bekannt

Die Kumpels führen erregte Diskussionen über die zu zahlende Treueprämie zum »Tag des Bergmanns«. Allgemein sprechen die Kumpels, dass sie in diesem Jahr nicht mehr mit der ungerechten Treueprämien-Verteilung einverstanden sind, wie sie im Jahre 1952 durchgeführt wurde (1952 wurde noch an Einzelne Treueprämie ausgezahlt). Nach der Herausgabe der Ergänzung zur Verbesserung der Lage der Bergarbeiter im Bergbau, die von den Fachministerien unmittelbar an die Werksleitungen gesandt wurde, wird folgendermaßen im Allgemeinen diskutiert:

Die Diskussionen im Steinkohlenbergbau unterscheiden sich hier durch zwei Gruppen; eine Gruppe, die positiv und erfreut über die zu zahlende Treueprämie an alle Bergbauarbeiter diskutiert, und die zweite Gruppe, die sich abwartend über die Realisierung des Ministerratsbeschlusses verhält. Allgemein gesehen ist die Situation im Steinkohlenbergbau Zwickau zufriedenstellend.

Eine besondere Lage ist in den Steinkohlenschächten »Karl Marx« und »August Bebel« dadurch entstanden, dass in beiden Schächten ca. 1 000 Personen beschäftigt sind, die nicht zwei Jahre ununterbrochen tätig sind. Nach dem Beschluss des Ministerrates2 würden diese Kumpels über Tage keine Treueprämie erhalten. Von seitens der Werksleitungen ist beabsichtigt, aus dem Direktorenfonds3 den Kumpels eine bestimmte Belohnung zu geben.

Die Werksleitung des Karl-Marx-Werkes in Verbindung mit der IG Bergbau und Vertretern des Staatssekretariats Kohle verhandeln zurzeit über die Zahlung von DM 25 an die Kumpel, die unter zwei Jahre tätig sind, in den anderen Werken wird von 8, 10 und 30 DM gesprochen. Hierüber wird von diesen Kumpels eine erregte Diskussion aufgrund der bestehenden Unstimmigkeiten geführt.

Lage der Versorgung der Bevölkerung

Die Verkaufstätigkeit läuft normal ab. Es treten jedoch in den einzelnen Bezirken Schwierigkeiten in verschiedenen Warenarten auf.

Im Bezirk Erfurt bilden sich vor den Geschäften beim Verkauf von Mangelwaren der HO, wie Butter, Margarine und Fisch, Schlangen. Die privaten Großhändler verlangen planverteilte Waren ohne Einschränkung.

Im Kreis Apolda wurde durch ein Unwetter in der Nacht vom 26. zum 27.6.1953 ein Teil der neuen Ernte sowie Lebensmittelbestände vernichtet.

Im Bezirk Suhl ist Margarine und Öl eine Mangelware. Die Eisenbahner äußern sich dazu, dass sie lieber Margarine und Öl statt Butter kaufen würden. (Es handelt sich um Arbeiter mit einem Verdienst von 200 bis 280 DM.) Weiterhin wünscht die Bevölkerung vom Bezirk Suhl, dass man die Fleischabschnitte der Lebensmittelkarte voll mit Fleisch und Wurstwaren beliefern sollte, dagegen Fisch und Fischwaren grundsätzlich nur auf Sonderabschnitte ausgeben.

Aus dem Bezirk Leipzig wird gemeldet, dass laut Beschluss der SED Bezirksleitung HO Butter, Margarine und Schlachtfette sowie Fischkonserven und Zucker nur an Betriebe abzugeben ist. Die Bevölkerung ist sehr erbost. Der Bevollmächtigte für Handel und Versorgung hat sich in Leipzig bereits eingeschaltet, da einzelne Betriebe sich weigern, diese Waren anzunehmen. Weiterhin sind die Privathändler noch skeptisch und beobachten sehr genau die Entwicklung im Handel sowie die Verbesserung in der Warenbereitstellung. Gerüchte über eine Währungsreform sind weiter in Umlauf.4

Im Bezirk Magdeburg hat sich in der Entwicklung der Verkaufstätigkeit durch ein höheres Warenangebot ein Aufschwung bemerkbar gemacht. Die Bevölkerung wünscht und erwartet eine HO-Preissenkung. Positive Diskussionen sind in Magdeburg über das gute und preiswerte Gemüse aufgetreten. Wünsche nach Importfrüchten werden gestellt.

Im Bezirk Brandenburg5 bewegen sich die Diskussionen der Bevölkerung in der Hauptsache um die Höhe der Fleischpreise. Aus dem Bezirk Brandenburg wird gemeldet, dass die Arbeiter billigere Konsumgüter verlangen, gleichfalls wurde verlangt, dass Margarine und Magermilch zum Markenpreis verkauft werden soll. Weiterhin ist eine starke Diskussion und Unzufriedenheit in der Bevölkerung über den augenblicklichen Stand der Brennstoffversorgung. Auch die zu niedrigen Kontingente für freie Brennstoffe werden bemängelt.

Bei Industriewaren werden aus verschiedenen Bezirken folgende Wünsche gemeldet: Windeln, Scheuertücher, Kinderschuhe, Arbeitskleidung, Baumwollstoffe, Sommerstoffe, Frottierhandtücher, Bettwäsche.

Der Ministerratsbeschluss vom 25.6.1953 über die weitere Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Industriewaren6 sieht eine erhöhte Warenbereitstellung an Industriewaren für das III. Quartal aus dem staatlichen Fonds vor. Es wurde jedoch festgestellt, dass dem Ministerium für Handel und Versorgung vonseiten der staatl[ichen] Verwaltung für Materialversorgung nicht die gesamten Mengen laut Ministerratsbeschluss zur Verfügung gestellt wurden. Es wird damit begründet, dass die Mengen, die bereits im 1. Halbjahr 1953 auf die Freigabe M 207 ausgegeben wurden, mit in den Mengen des Ministerratsbeschlusses enthalten sind. Es wird daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass der Ministerrat vonseiten der staatl[ichen] Verwaltung für Materialversorgung über die vorhandenen Bestände falsch informiert wurde. Wenn dieser Ministerratsbeschluss so ausgelegt wird, so ist keine entscheidende Verbesserung der Versorgung zu erreichen.

In Groß-Berlin bestehen im Augenblick erhebliche Schwierigkeiten in der Gemüseversorgung. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass8 [für] den Abtransport9 aus den Randgebieten von Groß-Berlin nicht genügend Kraftfahrzeuge zur Verfügung stehen, weil von den Stellen, welche die Transporte ausführen, mitgeteilt wird, dass sie durch andere wichtigere Transporte ausgelastet sind. So war es zu verzeichnen, das am 23.6.1953 ca. 30 % des angefallenen Gemüses nicht auf den Markt gebracht werden konnte, demzufolge verwelkte und der menschlichen Ernährung verloren ging. Ein besonderes Problem ist hierbei, dass infolge des Ausnahmezustandes nachts keine Transporte durchgeführt werden können. Durch die Unbeweglichkeit von HO und Konsum ist die Streuung des Gemüses vollkommen ungenügend, was zur Folge hatte, dass bei den privaten Gemüsehändlern schon vom frühen Morgen an gutes Sortiment Gemüse vorhanden ist, während [die Waren] im staatlichen und genossenschaftlichen Handel größtenteils erst in den Mittagsstunden eintreffen. Die Bevölkerung verrichtet jedoch ihre Einkäufe zum größten Teil in den Vormittagsstunden. Genauso unbeweglich ist der HO und Konsum bei starkem Gemüseanfall in der Preisbildung. So verkauft der Privathändler z. B. Kohlrabi für 12 Pfg., während in der HO noch mit 25 Pfg. gerechnet werden. Diese unterschiedlichen Preise führen natürlich zur Verärgerung bei der Bevölkerung. Die Koordinierung mit dem Außenhandel ist ebenfalls sehr schlecht, am 25. und 26.6. wurden in das Gebiet von Groß-Berlin, obwohl durch das Überangebot aus dem Eigenaufkommen bereits ein gewisser Gemüsestau vorhanden war, noch größere Mengen an Importgemüse nach Berlin eingeführt.

Die allgemeine Versorgung der Bevölkerung im Kreis Klötze, Bezirk Magdeburg, ist mangelhaft. Vor allen Dingen die Gemüseversorgung ist sehr schlecht, Obst und gutes Gemüse sind überhaupt nicht vorhanden. Die Diskussionen über diese Angelegenheiten lassen eine sehr unzufriedene Stimmung erkennen. Ebenfalls ist die Kohlenversorgung äußerst schlecht. Seit langer Zeit hat es auf Haushaltskarten kein Brennmaterial gegeben, obwohl schon einige Zentner pro Person aufgerufen sind.

Im Bezirk Cottbus sind einige Engpässe in Haferflocken, Kindernährmittel, Kunsthonig und Marmelade zu verzeichnen. Wegen Transportschwierigkeiten wurden in einigen Fällen Werksküchen nicht mit Kartoffeln beliefert. Lebendes Vieh wird aus dem Kreisgebiet nach Forst geliefert und fehlendes Frischfleisch für das Kreisgebiet wird aus Forst wieder zurückgeholt. Weiterhin weisen die Bauern des Kreises Cottbus auf große Mengen an Futtergetreide, die in einzelnen BHG des Kreises lagern, hin. Sie verlangen, dass diejenigen Personen, welche zur Erhaltung des Viehs Futtergetreide benötigen, es von der Regierung fordern, dass es aus diesen BHG freigegeben wird. Diese Forderung wird im verstärkten Maße für die Bauern erhoben.

Berlin, am 30. Juni 195310

[Stimmung der Bevölkerung]

Auch am 29.6.1953 wurde der Versuch fortgesetzt, eine ungefähre prozentuale Zusammensetzung der positiven und negativen Stimmungen durch völlig unbeeinflusste Unterhaltungen mit verschiedenen Personenkreisen zu erhalten.11

So ergab eine Befragung in Karl-Marx-Stadt folgendes Bild: Von 80 befragten Personen waren 50 positiv eingestellt zu unserer Regierung und deren Maßnahmen, während 30 Personen eine negative Haltung einnahmen.

Von 44 in Halle befragten Personen nahmen 18 eine positive und 26 Personen eine negative Haltung gegenüber den von Partei und Regierung getroffenen Maßnahmen ein.

Ein ähnliches Bild ist bei einer Befragung in Magdeburg zu verzeichnen. Hier äußerten sich 16 Personen positiv zu den Beschlüssen von Partei und Regierung, während 13 Personen sich ablehnend und feindlich äußerten.

Ein ganz anderes Bild gegenüber der Befragung in den oben angegeben Städten der Republik zeigt die Befragung im demokratischen Sektor von Groß-Berlin. Von 97 befragten Personen äußerten sich 86 positiv. In ihren Äußerungen kommt zum Ausdruck, dass sie zu den von der Regierung sowie der Partei gefassten Beschlüssen und Maßnahmen volles Vertrauen haben und dass dieselben zu einer Verbesserung des Lebensstandards der gesamten Bevölkerung führen werden. Die elf negativen Stimmen sind feindlich und ablehnend gegenüber der Regierung und Partei.

Hieraus ist zu ersehen, dass aus den durchgeführten Befragungen eine ganz eindeutige Veränderung der Stimmung noch nicht festzustellen ist. Vielmehr bietet das Resultat dieser Befragungen ein noch sehr schwankendes Bild. Die Stimmung ist also noch außerordentlich labil, muss aber in kürzester Zeit durch die Auswirkungen der Regierungsmaßnahmen mit der Zeit zu einer Verminderung der negativen Stimmen führen und dies muss eindeutig im Resultat der Befragungen sich widerspiegeln. Wir werden daher diese Methode der Meinungsforschung fortsetzen und laufend darüber berichten.

Aus Mitteilungen von Genossen aus den Bezirken Kreuzberg, Charlottenburg, Neukölln und Westend erfahren wir, dass es dort genügend Kartoffeln gibt und diese zu billigeren Preisen, als das »Neue Deutschland« schreibt. Es gibt neue Kartoffeln 3 Pfd. und 4 Pfd. zu jeweils 1 DM.

Frau [Name 3], die in der [Straße, Nr.] wohnt und in Westberlin beschäftigt ist, kam vor ein paar Tagen wieder in den demokratischen Sektor und war verwundert, dass es nicht so ist, wie der Westen propagiert hat, nämlich Haussuchungen würden stattfinden bei Leuten, die aus dem Westen zurückkämen, die Russen würden wie 1945 hausen. Frau [Name 3] berichtete ihrem Arbeitgeber, dem Wäschereibesitzer in Westberlin, wie es tatsächlich im demokratischen Sektor aussieht, worauf dieser erwiderte: »Na, ich wusste es ja gleich, dass unsere Presse und der RIAS übertreiben.« Die Arbeitskollegen von Frau [Name 3] wollen dies aber nicht glauben, da der RIAS und die reaktionäre Presse eine mächtige Hetzwelle hinausposaunen.

Im Gespräch mit drei Personen wurde in Erfahrung gebracht, dass in den Westberliner Wechselstuben das Geld aus dem demokratischen Sektor, welches noch eine niedrige Nummer hat, nicht umgetauscht wird. Dabei dreht es sich um 10-, 20- und 50-DM-Scheine.

Aus Westberlin wird berichtet, dass sich der Geschäftsverkehr in alter Form vollzieht. Presse und Bevölkerung diskutieren über die Demonstration am 26.6.195312 im demokratischen Sektor und sind der Auffassung, dass die Kundgebungsteilnehmer auf höhere Weisung gehen mussten. Man war allgemein der Meinung, dass innerhalb der Kundgebung etwas über die Gestaltung der weiteren Lage zu hören war. Man hoffte auf baldige Beilegung der Sperrmaßnahmen, um die Verwandten besuchen zu können. Die Westberliner stöhnen in erster Linie auf den Gemüsemärkten gegen die hohen Preise und äußern sich dahingehend, dass es unbedingt möglich sein müsste, wie früher Gemüse aus den Rieselfeldern der Ostrandgebiete zu erhalten. Die politischen Gesichtspunkte der Zeitungen wird [sic!] der großen Masse egal, so hat auch der Zeitungsumsatz ein starkes Rückgehen zu verzeichnen. Die Redaktionen versuchen durch die Herausgabe von Werbenummern die Interessen anzuregen. Die Lebensmittelhändler klagen über Geschäftsrückgang besonders bei Tabakwaren, da die Bewohner der DDR und des demokratischen Sektors viel zur Belebung des Geschäftes beitragen würden. Abfällige Bemerkungen gegen die DDR konnten auf keiner Stelle festgestellt werden. Das Bild rundet sich ab mit der Feststellung, dass die Masse der Westberliner Bevölkerung für die Aufnahme von Tendenzen und Kampfpropaganda müde ist.

Weiterhin wird aus Westberlin bekannt, dass im Sozialamt Kreuzberg ca. 60 bis 70 Personen, die sich aktiv an Provokationen im demokratischen Sektor beteiligt haben, registriert sind. Diese Personen, die sich nicht in den demokratischen Sektor zurücktrauen, sind in einem Bunker in Kreuzberg untergebracht und erhalten täglich 1,50 Westmark ausgezahlt. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, ist die Stimmung der betreffenden Personen sehr schlecht, gern wollten sie in den demokratischen Sektor zurück, haben aber Angst, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Vom Sozialamt wird diese Angst durch Hetze gesteigert, um sie von einer Rückkehr in den demokratischen Sektor abzuhalten.

Aus der Abteilung Handel und Versorgung, Schönhauser Allee 109, wird bekannt, dass die Angestellten jetzt schon etwas offener und freimütiger ihre Meinung über die Gründe und Folgen des Streiks zum Ausdruck bringen. So z. B.: »Obwohl die Kollegen Klagen hatten, durfte nichts gesagt werden, da sonst der Sprecher gerügt wurde.« Auf diese Weise wurde jede Kritik unterbunden. Besonders hervorgehoben wird der (nach ihrer Meinung) übertriebene Personalabbau, der für die verbleibenden Kollegen eine noch größere Arbeitsleistung bedeutet und durch notwendige Überstunden sowie Einsätze zur Wahl von Haus- und Straßenvertrauensleuten, Hauskomitees, Aufbauverpflichtungen, Versammlungen, Demonstrationen usw. unerträgliche Ausmaße angenommen hatte. Stark wird die Arbeit des FDGB kritisiert, mit dem Bemerken, dass sie nur aus Furcht, die Arbeit zu verlieren, nicht ausgetreten sind. Angestellte, die im März entlassen wurden, sind angeblich heute noch ohne Arbeit. Trotz dieser Diskussionen, die Unzufriedenheit zeigen, ist zu verzeichnen, dass die Angestellten durch Mehrarbeit und Nachtwache in den kritischen Tagen sehr viel geleistet haben.

In Einzeldiskussionen und Aussprachen kam zum Ausdruck, dass die Provokationen und Gewaltakte bei den Kollegen kein Verständnis fanden. Die zum Teil berechtigten Forderungen der Arbeiter hätten ohne Demonstrationen ebenfalls gehört und erfüllt werden können. Man ist sich darüber klar, dass ohne Eingreifen der sowjetischen Militärbehörden ein nicht zu übersehendes Blutbad unter den Arbeitern stattgefunden hätte und die demokratische Bevölkerung durch Plünderungen und Zerstörungen der Provokateure um die Früchte ihrer harten Aufbauarbeit gebracht worden wäre. Die gezeigte Verbundenheit der Roten Armee mit der Bevölkerung in den letzten Tagen hat Bewunderung erregt und wird wohlwollend anerkannt. In Aussprachen und Mitgliederversammlungen der Partei und Gewerkschaftsfunktionäre wurde selbstkritisch dazu Stellung genommen, inwieweit durch falsche und nachlässige Arbeit den Vorgängen im Juni Vorschub geleistet wurde. Hierzu gehört in erster Linie die Schönfärberei in Berichten an Partei und FDGB. Das sei mit ein Grund für die falsche Information unserer Regierungsmitglieder. Die inzwischen erlassenen Sofortmaßnahmen unserer Regierung sind mit Genugtuung aufgenommen worden, werden aber noch nicht als endgültig angesehen.

Von vielen Angestellten der BVG Lichtenberg wird die Meinung vertreten, dass die Regierung bald zusammenbricht. Sie erklären: »Wenn die Russen abziehen, streiken wir sowieso wieder, die Polizei ist doch machtlos gegen die ganzen Berliner. Wenn sie nicht die Besatzungsmacht gehabt hätten, wären sie sowieso schon alle weg gewesen. Aber die Regierung stützt sich immer wieder auf die Russen.« Weiterhin erzählten sie auch, dass der Russe jetzt abzieht, er hat schon in Karlshorst alles gepackt, die müssen alle nach Russland hin. Der Amerikaner besetzt dann ganz Berlin und wir sind alle endlich frei. Ein großer Teil der BVG-Angehörigen sind eifrige RIAS-Hörer, was auch aus ihren Diskussionen zu entnehmen ist.

Am 28.6.1953 äußerte sich der Rentner [Name 4], wohnhaft: Berlin-Johannisthal, wie folgt: »Ich werde bald 75 Jahre alt, aber so etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt. Trotzdem ich in der SED bin, habe ich den Laden satt. Am Mittwoch, als hier der Streik richtig los ging, waren bei mir ein paar Westberliner, schenkten mir 1 Pfd. Butter und sagten, dass mir nichts passieren würde, wenn ich beim Umschwung nur alles, was man wissen will, aussagen würde. Im Moment ist hier scheinbar Ruhe. In Wirklichkeit war die Sache am Mittwoch bloß ein Vorspiel. Die Hauptsache folgt ja noch.«

Die Ehefrau eines selbstständigen Kürschnermeisters sagt: »Trotzdem ich eine sogenannte Unternehmerfrau bin, muss ich sagen, dass ich wohl den Streik der Bauarbeiter für berechtigt hielt. Das war am Dienstag und ist ja auch ordnungsgemäß verlaufen. Was sich aber am Mittwoch in Berlin abspielte, kann man nur mit den Methoden der SA-Schlägergruppen vergleichen. Trotzdem uns die Regierung im letzten Jahr eine Ohrfeige nach der anderen versetzte, hatte ich direkt aufgeatmet, als die ersten sowjetischen Panzer die Neue Krugallee entlangrollten, denn diese hemmungslosen Banditen hätten hier alles geplündert und es wäre ein Chaos entstanden. Hier half nur eine rücksichtslose Säuberungsaktion. Diese Unruhestifter waren ja keine Arbeiter, sondern abenteuerlustige Banditen, welche sich durch Plünderungen bereichern wollten. Ich persönlich war ja auch mit der Politik der Regierung bis Ende 1952 zufrieden. 1953 war der Zeitpunkt gekommen, wo wir durch die hohen Steuern nicht mehr weiterkonnten. Einen Stich hat es mir gegeben, als Walter Ulbricht auf einer seiner Reden sinngemäß erklärte, dass die Unternehmer aufgrund von Steuerschulden den Aufbau sabotieren und auf Kosten der Arbeiter leben wollen. Das ist bei uns bestimmt nicht der Fall. Entsprechend unserer Einnahmen werden wir immer bereit sein, laufend unsere Steuern zu begleichen. Durch die neusten Regierungsbeschlüsse werden wir ja jetzt auch zu unserem Recht kommen.«

In der Gastwirtschaft Kienscherf in Ahrensfelde werden negative Diskussionen geführt und es scheint sich hier ein Sammelpunkt negativer Elemente zu bilden. Am 26.6.1953 wurde dort ein Provokateur festgenommen, der unserer Streife zurief: »Macht sofort eine Kehrtwendung ihr Hunde und schmeißt die Waffen weg. Am 5. August steht die ganze Arbeiterschaft zusammen und wenn ihr nicht mitmachen werdet, schlage ich euch den Schädel ein.«

Stimmung innerhalb der Angestellten Bezirksamt Treptow: »Der FDGB versagt in allen Phasen. Die Funktionäre trauen sich nicht mit den Arbeitern oder der Bevölkerung über die täglichen Probleme zu sprechen. Sie müssen Angst haben, zu all diesen Dingen Stellung zu nehmen. Der Beitrag des FDGB ist zu hoch und muss unbedingt gesenkt werden. Hunderte von Wohnungen stehen leer und das Wohnungsamt bekommt nicht das Recht, diese Räume zu belegen, da von höherer Stelle darüber verfügt wird.«

Anlässlich der Kreisbaumeistertagung am 24.6.1953 in Cottbus wurde die für Friedrichshain vorgegebene Bausumme gestrichen und somit das Bauprogramm hinfällig, darauf ergibt sich folgende Diskussion: »Eben beginnt sich das Vertrauen zur SED und Regierung zu festigen und im gleichen Moment wird der Weg beschritten, der schon so oft die Werktätigen enttäuscht hat.«

Der Altbauer [Name 5] aus Börtewitz, Kreis Oschatz, sagte: »Ich kann nur eines sagen, dass diese Maßnahmen unserer Regierung von uns Bauern ganz besonders begrüßt werden. Sehen Sie sich zum Beispiel unsere Felder an, unser Getreide steht bei Weitem nicht so gut als das der LPG, weil wir nur 50 % von dem Dünger erhalten, den wir eigentlich brauchen. Es fällt uns deshalb schwer unser Soll zu erfüllen. Durch die Maßnahmen unserer Regierung hoffen wir, dass unseren Bauern auch in dieser Frage besser geholfen wird als bisher, dann werden wir als Bauern auch Vertrauen zu unserer Regierung haben.«

Bauer [Name 6] aus Ammelshain, Kreis Grimma, sagte: »Wir, die wir nicht in der LPG sind, waren verärgert durch die Beschneidung verschiedener Art. Wenn ich jetzt meine Felder sehe, ärgert es mich immer, dass ich nicht so wie notwendig Dünger streuen konnte, um höhere Erträge zu erzielen. Trotzdem bin ich zufrieden, weil dieses Jahr das Wetter sehr günstig ist. Zu den neuen Verordnungen der Regierung verhalte ich mich noch abwartend. Ich muss erst die Durchführungsbestimmungen und ihre Auslegung bei den unteren Stellen abwarten, denn dem Kreisrat und seinen Angestellten schiebe ich mehr Schuld zu, uns ungerecht behandelt zu haben, als die Regierung beabsichtigt hat. Hilft mir die Regierung, dass ich bei fleißiger Arbeit bestehen kann, dann bin ich der Erste, der dem Staat gegenüber seine Pflicht erfüllt.«

[Name 7], Stoßer in der WMW Meuselwitz, Mitglied der BGL: »Die Ruhe in unserem Betrieb ist echt. Ob das frühere Vertrauen der Kollegen zur Partei und Regierung wieder hergestellt wird, hängt davon ab, wie die Funktionäre auf Kritik reagieren. Wenn keinem, auch bei einer negativen Kritik, etwas passiert, werden die Kollegen offen sagen, wo es Fehler gibt.«

[Name 8], Bauer aus Ammelshain, Kreis Grimma, sagte: »Wir einzeln wirtschaftenden Bauern hatten immer große Schwierigkeiten unsere Verpflichtungen zu erfüllen, aber durch die entscheidenden Maßnahmen unserer Regierung wird es für uns leichter, unser Soll zu erfüllen. Hoffentlich wird auch alles so durchgeführt, wie es in der Zeitung geschrieben steht. Die meiste Schuld trifft bisher die Kreisräte wegen ihrer bürokratischen Arbeitsweise, denn die Angestellten des Kreisrates müssen sich nunmehr an erster Stelle befleißigen, ihre Arbeit im Sinne aller Werktätigen durchzuführen und allen gerecht zu werden.«

[Name 9], Kontrolleur, VEB ABUS-Getriebewerkstatt Leipzig, diskutiert im Betrieb positiv, indem er die Arbeiter auffordert, die Beschlüsse der Regierung und des ZK laufend zu befolgen, da diese den richtigen Weg aufzeigen. Er war am 18.6.1953 durch die Freunde verhaftet worden und sagte, dass er über die Behandlung sehr überrascht war, er habe sich diese anders vorgestellt, vor allen Dingen habe er damit gerechnet, dass er geschlagen wird.

Stimmen aus den bürgerlichen Parteien wie NDPD, CDU, LDP usw.:

Mitglied der NDPD: [Name 10], wohnhaft: Joachimsthal/Eberswalde, begrüßt die Beschlüsse des ZK der SED und meint, dass dies schon eher hätte kommen können.

Ein anderes Mitglied der NDPD, wohnhaft: Eberswalde, sagt: »Mit den Maßnahmen der Regierung und des ZK bin ich einverstanden und davon überzeugt, dass es besser wird. Jedoch halte ich es nicht für richtig, Wirtschaftsfunktionäre erst jetzt zu kritisieren und sie für den geringen Verdienst in den VEB verantwortlich zu machen.«

Der Produktionsleiter [Vorname Name 11] vom Konsum Prenzlau, NDPD, sagte: »Ich begreife nicht, warum die Sowjetunion eingegriffen hat und nicht unsere Volkspolizei, wozu wird denn diese bezahlt. Die VP kostet uns ja wohl genug Geld. Ethel und Julius Rosenberg haben zwei Jahre im Gefängnis gesessen, um erst richtig zu prüfen und zu untersuchen und sie dann doch hinzurichten,13 warum erschießt man bei uns Provokateure an Ort und Stelle.«

Der Bühnenbildner [Vorname Name 12] aus Neustrelitz, NDPD, äußerte, dass die neuen Verordnungen ein neuer Schlag gegen die Unruhestifter im Kriegslager sind, welche die Unzufriedenheit der Bevölkerung ausnützen wollten, um diese zu Provokationen aufzuhetzen. Das Verhalten der Regierungsorgane sowie der Besatzungsmacht ist nicht anders als korrekt zu bezeichnen.

Der Kollege [Name 13] aus Rostock, NDPD, sagte: »Es kommt darauf an, wenn wir die Beschlüsse, die jetzt gefasst worden sind, realisieren wollen, dass wir einen engen Kontakt mit der SED herstellen, dass wir keine Parteikriege führen, sondern dass wir uns gegenseitig aufmerksam machen, um eintretende Fehler sofort zu beseitigen. Um die Blockpolitik zu festigen, ist es notwendig, dass wir in unserer Partei, welche in ihren Reihen vorwiegend ehem. Mitglied der NSDAP und Offiziere vereinigt, genauestens prüfen, um nicht zuzulassen, dass sich aus ihr feindliche Gruppen bilden. Man soll uns nicht nachsagen können, dass wir keinen Kampf gegen Provokateure und Agenten führen. Wir erwarten jedoch von der SED, dass sie bei Einstellung für den Staatsapparat und dem Schulwesen nicht immer ablehnende Bescheide gibt.«

Das CDU-Mitglied [Name 14], Kranfahrer im ABUS Kranbau Eberswalde, sagte: »Die gestrige Rede von Walter Ulbricht gibt mir die Überzeugung, dass es besser wird. Wenn aber alles nur schönes Gerede ist, sollen sie einpacken. Mit meinem Verdienst bin ich einverstanden, ich möchte mir aber mehr für mein Geld kaufen können.«

Neumann, 1. Vorsitzender der CDU Gera,14 soll nach Angaben eines CDU-Mitgliedes gesagt haben, dass der Block der Parteien und Organisationen in 14 Tagen aufgelöst würde, und die sogenannten bürgerlichen Parteien dann einen großen Teil der jetzt von der SED besetzten Stellen einnehmen würden. Auch soll N. seine Zustimmung gegeben haben Geld zu sammeln, um den Angehörigen, von welchen Verwandte verhaftet wurden, zu helfen.

[Name 15] – beschäftigt bei der Stadtverwaltung Sondershausen – Mitglied der CDU: »Es kommt noch mehr, niemand wird zurückkommen. Die Einheit Deutschlands kommt. Man wird den Russen Bedingungen stellen. In der Türkei befindet sich eine Basis für Flugzeuge, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Überall gärt es. In der ČSR haben sie auf die Stadt Pilsen mit Artillerie geschossen. Die Zonenflucht der Tschechen nach Bayern hält weiter an.« Als die Frage auf den Vorsitzenden der CDU, Nuschke,15 zu sprechen kam, sagt er weiter: »Sie hätten ihn lieber dort behalten sollen, der tauge sowieso nichts.«

Kollegin [Name 16], Sachbearbeiterin CDU: »Unsere Zeitungen und unser Rundfunk übertreiben alles gewaltig. Im Fall Nuschke z. B. hat man eine vollkommen falsche Meldung gebracht. Er ist nicht aus seinem Wagen gerissen und unter Misshandlungen verschleppt worden (und sein Wagen nicht zerstört), sondern man hat ihn ›nur‹ mit samt dem Wagen in den Westsektor verschoben.«

Herr Kind, Vorsitzender des Bezirksverbandes der CDU Potsdam:16 »Ich verurteile die Vorkommnisse in Brandenburg und bin der Meinung, dass trotz des Entgegenkommens unserer Regierung keine Ausnahme oder mildere Beurteilung von Provokateuren aus kirchlichen Kreisen stattfinden darf.«17

Koll. [Name 17], CDU Rostock: »Ich bin für eine gute Blockpolitik, aber ich lehne die Vormundschaft der SED ab und werde die Beschlüsse so diskutieren, dass sie unsere Mitglieder verstehen.«

Herr Fransen, Mitglied der CDU, ca. 50 Jahre alt, wohnhaft: Magdeburg, Stadtverordneter, begrüßt ganz besonders die Herabsetzung der Fahrpreise, da es vielen dadurch möglich ist, öfters nach Hause fahren zu können.

Der Schulleiter (Erfurt), 41 Jahre alt, Mitglied der CDU, diskutiert sehr positiv über die neuen Beschlüsse und ist erfreut, dass die Regierung die Überspitzungen der letzten Zeit eingesehen hat. Er ist der Meinung, dass nun eine Beruhigung in der Bevölkerung eintreten wird. Er sagt, dass es soweit nicht hätte kommen dürfen, man müsste doch mehr die Stimmen der Massen hören.18

Koll. [Name 18], CDU, Rentner, Ruppersdorf: »Sei bloß froh, dass du kein großer Funktionär bist (gemeint ist ein SED-Mitglied), sonst kommst du hinter Gitter. Die Russen haben schon die Wohnung von Grotewohl besetzt und Walter Ulbricht soll auch schon abgehauen sein. Im August wirst du was erleben, da sprechen wir uns wieder.«

Selbstständiger Fuhrunternehmer [Name 19, Vorname], geb. 1917, wohnhaft: Förtha, Kreis Eisenach, Mitglied der LDP, sagt: »Wenn ich jetzt drüben [etwas] zu sagen hätte, würde Nuschke auch totgeschlagen, was die hier können, können die drüben auch.«

[Name 20, Vorname], LDP, äußerte, dass sie auf den Sturz der Regierung schon lange warten. Die VP ist nicht in der Lage, allein fertig zu werden, sodass die Russen mit eingreifen müssen.

[Name 21, Vorname], geb. 1913, wohnhaft: Stadtroda, [Straße, Nr.], Mitglied der LDP, sagte: »Meine Mitgliedschaft in der DSF werde ich sofort streichen lassen, da ich die Freundschaft zur SU nicht mehr anerkennen kann, denn eine Besatzungsmacht, die Ausnahmezustand verhängt, kann kein Freund sein.« Von [Name 21] ist bekannt, dass er am 18.6.1953 sämtliche Funktionen in der LDP niedergelegt hat.

Der Schüler [Vorname Name 22], Schule für Agronomen Potsdam, DBD, sagte: »Die Ausschreitungen in Berlin wurden von Rowdys aus Westberlin angezettelt, auch sind die Provokationen von langer Hand vorbereitet worden.«

Der Vorsitzende der LPG, Fritz Jäger, DBD, Bürgermeister von Gotha-Siebleben, brachte anlässlich des Tages der Bereitschaft auf der MTS Wandersleben zum Ausdruck: »Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum die Arbeiter streiken, sie kämpfen doch gegen ihre eigene Klasse und unterstützen damit die kapitalistischen Elemente.«

Der Großbauer [Name 23] aus Martinfeld, DBD, sagte: »Wir fügen uns was unsere Regierung sagt und führen diese Beschlüsse durch. Wir lassen uns das nicht wieder zerstören, was wir in den Nachkriegsjahren aufgebaut haben.«

Der Landarbeiter [Name 24], wohnhaft: Großheringen, DBD, äußerte: »Die ganzen Unruhen hätten nicht zu sein brauchen, wenn die Regierung die Zügel nicht so straff gezogen hätte und mehr mit dem arbeitenden Volk verbunden wäre. Aber es wurde immer nur angeordnet. Eine Aussprache mit den Arbeitern gab es nicht, Kritik wurde vonseiten der Arbeiter nicht geduldet. Meine Überzeugung ist, dass der ganze Kram bestellte Arbeit vonseiten der Kriegstreiber war und wenn denen ihre Pläne geglückt wären, hätten die Arbeiter noch weniger zu bestellen gehabt wie bisher. Es war nur gut, dass die Freunde noch da waren, sonst wäre es uns schlecht gegangen. Die Regierung muss schnellstens ihre jetzt gemachten Versprechungen einlösen, damit sich so etwas nicht wiederholt, denn dann geht es nicht wieder so gut ab wie diesmal. Dass die Rosenbergs doch hingerichtet worden sind, ist ein Verbrechen und kennzeichnet und zeigt uns auch, was wir zu erwarten haben, wenn ihr Wunsch nach der Weltherrschaft in Erfüllung geht.«

Die [Vorname Name 25] aus Ulm teilte mit, dass die LPG-Bauern aus Heiligenthal sich weigern, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und die Aufwiegler davon sind DBD-Mitglieder.

Diskussionen aus der Kreisvorstandssitzung am 23.6.1953 in Liebenwerda der NDPD:

Parteifreund [Name 26] sprach über die schlechte Materialzuteilung für Korbmacher. Die Planung von 1952 war richtig erfolgt, leider war die Zuteilung gleich Null. Dies hat sich dahingehend ausgewirkt, dass viele alte Handwerker kein Material haben und ihren Beruf aufgeben müssen. Der Grund ist darin zu sehen, dass bei der VEAB Liebenwerda ein Mädel auf diesen Posten gesetzt wurde, die nicht fähig ist, dieses auszuführen.

Parteifreund Schurig, Leiter der Kreishandwerkskammer, begrüßte die Feststellung, dass im 3. Quartal keine Stromabschaltungen mehr vorgenommen werden. Er forderte, dass die Stromgrundpreise revidiert und herabgesetzt werden. Das ist ein Punkt, der die Handwerker alle hart betrifft, ganz besonders die Sparte des Tischlerhandwerks. Sehr wichtig ist ebenfalls, dass19 die Begleichung der Rechnungen von Republikflüchtigen von der Verwaltung aus vorgenommen werden müsste. Das Finanzamt fordert ja auch von diesen Summen die Steuern. Auch die Nachwuchsfrage des Handwerks müsste eine Überprüfung erfahren. Es war bisher so, dass die privaten Handwerker die schlechtesten Schüler zur Heranbildung bekamen, auch die zweitägige Schulzeit in der Woche müsste besprochen werden, ihm scheint die praktische Arbeit wichtiger.

[Name 27], Obermeister im Herrenschneiderhandwerk und Mitglied des Aufsichtsrates der Genossenschaft, stellte fest, dass die Gesetze zur Förderung des Handwerks20 nicht erfüllt worden sind. Man nannte uns Handwerker Ausbeuter, wir zählen uns aber zu den Arbeitern, denn ein Handwerker, der nicht selbst mitarbeitet, geht zugrunde. Schlecht war auch, dass die Kredite den Genossenschaften weggenommen worden sind. Die Nachfrage nach Stoffen ist enorm. Was bekamen wir jedoch über unsere Genossenschaft? Es waren Zellwollstoffe, Somolana II. Wahl, von Futterstoffen gar nicht zu sprechen, auch Einlegestoffe erhielten wir in geringen Mengen. In der HO jedoch gab es Einlegestoffe, daraus fertigten sich die Frauen Schürzen an. Die DHZ hat sogar von Einlegestoffen 5 000 Mützen anfertigen lassen, d. h. dann die VEB-Pläne werden vorfristig erfüllt, das Handwerk jedoch stand hintenan und die Kunden mussten warten. Man sagt, wenn ein Arzt nach Elsterwerda fährt, so ist es eine Leistung, wenn wir jedoch reisen, um Material heranzuholen, wurden wir Schieber genannt. In der Planung wird alles geplant, nur nicht das, was gebraucht wird. Es liegt auch teilweise an einer guten Warenstreuung, z. B. haben wir keine Haken, keine Öse und nicht einen Reißverschluss, jedoch werden diese Dinge produziert, wo sie jedoch hinkommen, weiß man nicht. Wenn wir uns in Ausspracheabenden dagegen wandten, so warf man uns vor, wir trügen nur private Instinkte in uns und bezeichneten uns als reaktionär. Gerade weil wir uns zum Arbeiter zählen fordern wir, dass man den produzierenden Menschen besser bezahlen soll, denn es gibt noch viele Leute, die große Mengen Geld erhalten ohne es zu verdienen.

Herr [Name 28] führte aus, dass im Einzelhandel es vor allem die Steuern sind, welche den Handel ruinieren, vor allem die Steuerveranlagung seit April 1953. Ein Steuergesetz für den Einzelhandel sollte geschaffen werden, die Steuern stiegen jedoch von Tag zu Tag. Wir sollten Kredite für den Einkauf bekommen, es ist jedoch nichts geschehen. Das Rechnungseinzugsverfahren wurde durchgeführt, wonach innerhalb sechs Tagen bezahlt werden muss. Dies macht uns praktisch ungeheure Schwierigkeiten und es entstehen dabei ungeheure Bankunkosten, da jede Buchhaltung bezahlt werden muss. Zur Nachwuchsfrage muss ich sagen, dass auch wir uns wünschen, dass unsere Söhne wieder Kaufmann werden können, damit sie das väterliche Geschäft übernehmen können.

Der Kürschnermeister [Name 29] äußerte, dass der größte Teil der Teilnehmer an Fachschulen Arbeiter- und Bauernsöhne sind, welche das Stipendium bekamen. Die Handwerkersöhne soweit sie überhaupt eine Schule besuchen durften, mussten die Eltern dies aus eigener Tasche bezahlen. Hier müsste auch eine Änderung getroffen werden.

Der stellvertretende Bezirksgerichtsdirektor Kaulfersch21 aus Halle, Vorsitzender des Kreisvorstandes NDPD Halle, sagte: »Du kannst mir glauben, dass ich geweint habe, als ich sah, dass es Arbeiter waren, die an unserem Gebäude (Gerichtsgebäude) die Transparente heruntergerissen. Unsere Losungen hatten doch nichts mit Normerhöhung o. Ä. zu tun. Ich habe in diesem Augenblick mich der Situation mit Bitterkeit erinnert, in denen wir Ähnliches damals in der ČSR erlebten, als die Henlein-Hetze22 deutsche Arbeiter verhetzte.«

Stimmung von Rückkehrern in das Gebiet der DDR

In der Zeit vom 29.6.1953, 6.00 Uhr, bis 30.6.1953, 6.00 Uhr, kehrten aufgrund des Ministerratsbeschlusses vom 11. Juni 195323 insgesamt 88 Personen in das Gebiet der DDR zurück. Davon sind 67 Personen Rückkehrer und 21 Personen kommen aus Westdeutschland und haben noch nicht in der DDR gewohnt. In dem gleichen Zeitraum wurden 40 Personen republikflüchtig.

Bei einer freundschaftlichen und zwangslosen Unterhaltung wurden 115 Personen über die Aufnahme des Ministerratsbeschlusses von den Flüchtlingen sowie über ihre Eindrücke in der DDR befragt. Aufgrund der Angaben dieser Personen kann Folgendes berichtet werden:

1. Einstellung der Flüchtlinge zum Ministerratsbeschluss

Der Beschluss des Ministerrats wurde im Allgemeinen von den Flüchtlingen, die nicht wegen eines Verbrechens die DDR verlassen haben, mit Begeisterung aufgenommen. In den Flüchtlingslagern werden viele Diskussionen darüber geführt. Die meisten der Flüchtlinge haben auch den Willen in die DDR zurückzukehren, werden jedoch durch die Hetze und Agitation von westlicher Seite aus gehindert. Viele von ihnen sehen den Ministerratsbeschluss als eine Falle an und stehen diesem deshalb noch abwartend und skeptisch gegenüber.

So äußerte der Rückkehrer [Name 30, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1926 in Barth, wohnhaft in Barth, [Straße, Nr.] (er war im Lager für nicht politisch anerkannte Flüchtlinge in Berlin-Charlottenburg im Krankenhaus Westend): »Dort ist die Stimmung der Flüchtlinge nicht gut, da man diese nicht als politische Flüchtlinge anerkannt hat. In diesem Lager wurde der Ministerratsbeschluss der DDR gut aufgenommen. Aber aufgrund der Ereignisse am 17.6.1953 stehen die Flüchtlinge jetzt etwas skeptisch gegenüber und nehmen eine abwartende Haltung ein.«

2. Stimmung und Hemmungen der Flüchtlinge in Westdeutschland und Westberlin über ihre Rückkehr

Die Stimmung der Flüchtlinge, vor allem von denjenigen, die in einem Lager untergebracht sind, kann als äußerst schlecht bezeichnet werden. Meist müssen die Flüchtlinge in Baracken wohnen und auch die Verpflegung ist nach den Schilderungen der Rückkehrer nicht besonders gut. Arbeit ist in den seltensten Fällen zu bekommen. Unterstützung bekommen sie sehr wenig, sodass sie nicht davon leben können. Aus diesem Grunde hatten auch schon viele Personen den Wunsch, wieder in ihre Heimatorte zurückzukehren.

So sagte der ehem. Flüchtling [Name 31, Vorname], anlässlich einer Unterhaltung: »Die Stimmung im Lager Schwarzwald Bodensee war nicht gut. Wir hatten eine schlechte Unterkunft, mussten auf Stroh schlafen und das Essen war schlecht. Aus diesem Lager wollten auch schon Verschiedene in die DDR zurück, aber ihnen wurde der Ausweis abgenommen. Ich selbst bekam acht Tage Gefängnis, weil ich mich aus dem Lager entfernte und der FDJ angehörte.«

Vonseiten der Westmächte wird mit allen Mitteln versucht, die Flüchtlinge in dem Lager zu verhetzen und zu verwirren. Sie verbreiten Gräuelmärchen über die Zustände in der DDR und stellen den Beschluss des Ministerrats als eine Falle hin. Viele der Flüchtlinge, die sich von diesen Äußerungen beeinflussen ließen, warten jetzt nur noch auf eine Antwort von den Personen, die schon wieder das Gebiet der DDR aufgesucht haben, um dann gleichfalls zurückzukehren.

3. Die Durchführung der Maßnahmen des Ministerratsbeschlusses bei zurückgekehrten Personen

Die befragten Personen äußerten fast übereinstimmend, dass sie erstaunt über die freundliche und schnelle Abfertigung an der Grenze und bei den Behörden waren. Sie brachten zum Ausdruck, dass man hier am besten den Unterschied zwischen der Deutschen Volkspolizei und der Stummpolizei24 bemerken könnte. Die Rückkehrer bekamen an der Grenze das Fahrgeld (soweit sie dies nicht hatten), um in ihre Heimatorte zurückkehren zu können. Die meisten von ihnen bekamen auch durch das zuständige Arbeitsamt eine ihnen zusagende Beschäftigung zugewiesen.

So sagte der Rückkehrer [Name 32, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1935, wohnhaft: Parey,25 Kreis Genthin, [Straße, Nr.]: »Ich war in Westberlin in einer Villa untergebracht, wo noch andere Hunderte von Jugendlichen untergebracht waren, welche in der DDR etwas ausgefressen hatten. Diese Jugendlichen trauen sich aufgrund dessen nicht wieder in die DDR zurück. In diesem Lager wird den Jugendlichen der Ausweis abgenommen und sie bekommen Urlaubsscheine für zwei Stunden, um auszugehen. Ich war einige Tage in diesem Lager und kehrte dann gleich wieder in die DDR zurück, da ich eingesehen habe, dass ich in der DDR früher Arbeit bekomme als drüben.«

Zur besseren Übersicht noch zwei Beispiele von Rückkehrern und zwar eines Besitzers einer Likörfabrik und ein Beispiel über Angaben von einem ehemaligen Volkspolizisten.

So äußerte bei einer Befragung der 50 Jahre alte [Name 33, Vorname], (Besitzer einer Likörfabrik in Neudietendorf, Kreis Erfurt): »Da ich als Geschäftsmann in Neudietendorf meine Existenz nicht mehr aufrechterhalten konnte, ging ich nach Berlin-Frohnau zu Verwandten. Als ich von den neuen Verordnungen der Regierung der DDR Kenntnis erhielt, kam ich zurück. Ich habe das Vertrauen, dass nun auf gütlichem Wege geklärt wird. Ebenfalls wird mein Teilhaber in den nächsten Tagen in die DDR zurückkehren. Ich bin als erster gekommen, die anderen warten nur darauf, wie es mir ergeht, und werden dann evtl. auch kommen, ich hoffe, dass man mich jetzt ehrlich behandelt.«

Informatorisch wurde der ehemalige VP-See-Angehörige [Name 34, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1925 in Greifswald, befragt und machte folgende Angaben: [Name 34] setzte sich am 10.5.1953, als er in Berlin bei einer Bekannten auf Urlaub war, nach Westberlin ab. Seine Gründe waren zerrüttete Eheverhältnisse, weiterhin war er mit der unterschiedlichen Gehaltszahlung bei der VP nicht einverstanden, ebenfalls nicht mit dem unterschiedlichen Urlaub von 21 und 30 Tagen. Er meldete sich dort in der Kuno-Fischer-Straße,26 wo er ärztlich untersucht wurde und eine Einweisung in das Lager »Karl Heinrich«, Askanierring 157,27 in Berlin-Spandau bekam.

Darüber berichtet er Folgendes: »Als wir im Mai ins Lager kamen, waren etwa 2 000 Lagerinsassen, zurzeit sind es etwa 5 000. Zum großen Teil sind dort Bauern aus der DDR untergebracht, selbstständige Handwerker und Geschäftsleute. Das andere waren kriminelle und sonstige Elemente. Etwa am 12.5.1953 musste ich die Sichtungsstelle am Karolingerplatz28 aufsuchen. Hier wurde ich erst vom Engländer vernommen, der mich über meine Einheit ausfragte. Da ich eingangs seine Fragen mit Unwissenheit ablehnte, stellte er von sich aus Fragen, und ich musste feststellen, dass er über alles wie Namen der Vorgesetzten, Stärke der Einheit und dgl. Bescheid wusste. Anschließend musste ich zum Franzosen, der ebenfalls dieselben Fragen stellte. Er wusste sogar die Nummern von unseren Fahrzeugen, die ich nicht kannte. Dann musste ich zum Amerikaner, Magdalenen-Heim, Clayallee.29

Eine geldliche Unterstützung erhielten wir nicht, lediglich Fahrkarten für die aufzusuchenden Dienststellen. Die Verpflegung im Lager war schlecht. Ich bin bis jetzt nicht als politischer Flüchtling anerkannt worden.«30

Zu erwähnen sei noch, dass in der Registratur ein etwa 20-Jähriger in der Uniform der KVP arbeitete. Angeblich wurde er als Spitzel der Staatssicherheit von einem Funkwagen Ende Mai aus dem Lager verhaftet. »Von der Lagerleitung hatten wir erfahren, dass er namentliche Listen rausgeschafft habe.«

Auf die Frage, wie der Ministerratsbeschluss im Lager aufgenommen wurde, antwortete er: »Mit Bauern, die mit in meinem Zimmer bzw. meine Bekannten waren, sprachen wir über den Aufruf des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Jedoch machte die Westpresse dagegen eine große Propaganda, indem sie u. a. schrieb, dass es sich nur um einen Bauernfang handele und sie zur Verantwortung gezogen werden. Dass Brot nach dem 17.6. nur noch im Schwarzhandel zu bekommen sei. Dass die Regierung demnächst sowieso gestürzt werde.«

Auf die Frage, was im Lager über den 16./17. Juni 1953 gesprochen wurde, sagte er: »Im Allgemeinen herrschte im Lager eine große Panik, da es sich etwa 3 km von der Sektorengrenze befindet. Sie unterhielten sich, wie schnell ein T 3431 zum Lager kommen würde. Ein Jugendlicher aus dem Rot-Kreuz-Lager in Spandau, der einen Bekannten, einen gewissen [Name 35] aufsuchte, erzählte, dass er und ein großer Teil aus dem Lager Potsdamer Platz bei den Krawallen mit dabei waren und sich dort Schokolade, Zigaretten und Schnaps aus den HO-Kiosken geholt haben. Mir ist bekannt, dass alle Beteiligten an den Krawallen am nächsten Tage nach Westdeutschland abgeflogen sind. Auch wurde im Lager verbreitet, dass die VP wahllos in die Menge geschossen hat und keine Rücksicht auf Kinder und Frauen genommen hat.« Auf die Frage, was er jetzt beabsichtigt zu tun, meinte er: »Ich will mich jetzt ein paar Tage erholen, will mich dann anschließend bei der DSU als Seemann bewerben, um dann später das Steuermannspatent zu machen.«

Soeben erhalten wir genaue Zahlen über die Rückkehr von Personen aus Westdeutschland und Westberlin in der Zeit vom 26.5. bis 25.6.1953:

Danach ergibt sich folgendes Bild:

Insgesamt kehrten vom 26.5. bis 25.6.1953 1 542 Personen zurück. Davon entfallen [auf die Zeit] vom 11. bis 25.6.1953 912 Personen (ist 59,1 %).

Zuwanderung von Personen aus Westdeutschland und Westberlin, die erstmalig in die DDR einreisen: Insgesamt wanderten in der Zeit vom 26.5. bis 25.6.1953 580 Personen zu. Davon in der Zeit vom 11. bis 25.6.1953 256 Personen (ist 44,1 %).

Aufstellung von republikflüchtigen Personen: In der Zeit vom 26.5. bis 25.6.1953 sind insgesamt 21 523 Personen aus der DDR geflüchtet. Davon entfallen in die Zeit vom 11. bis 25.6.1953: 1 244 Personen (ist 6,3 %).

Anhand dieser Aufstellung ist ersichtlich, dass sich der Beschluss des Ministerrats äußerst positiv auf die Flüchtlinge in Westdeutschland und Westberlin sowie auf die Bürger in der DDR ausgewirkt hat. Während vor dem 11.6.1953 die Zahl der Rückkehrer 39 durchschnittlich täglich betrug, so steigerte sich die Zahl nach dem 11.6.1953 auf 65 Personen. Die Zahl der Zuwanderer aus Westdeutschland betrug vor dem 11.6. durchschnittlich 14 täglich und steigerte sich nach dem 11.6. auf durchschnittlich 17 täglich.

Demgegenüber betrug die Zahl der Republikflüchtigen durchschnittlich täglich 1 267 Pers. (vor dem 11.6.53) und nach dem 11.6.1953 ging die Zahl auf durchschnittlich 88 Personen täglich zurück.

Berlin, am 30. Juni 195332

Verhaftete

Zu den am 29.6.1953, 6.00 Uhr, in Haft befindlichen 3 054 Personen wurden im Laufe des 29.6.1953 verhaftet: 114 Personen; [Summe] 3 168 Personen.

Den Gerichten übergeben: 147 Personen, entlassen: 160 Personen; [Summe] 307 Personen.

Es verbleiben in Haft am Morgen des 30.6.1953: 2 861 Personen.

Verurteilt: 18 Personen, davon Freispruch: 3 Personen

Die Zahlen der Verurteilten und der Freigesprochenen beziehen sich einschließlich auf die vom MfS dem Gericht übergebenen.

An den Kontrollpunkten bei den Sektorenübergängen ergaben sich am 29. Juni 1953 insgesamt folgende Zahlen:

Kontrollpunkt Invalidenstraße

Von den durch die Ereignisse in Westberlin Festgehaltenen kehrten 459 Personen in ihre Wohnung zurück: Ein Verdächtiger wurde festgenommen. Der Grenzgängerverkehr bezifferte sich auf 17 644 Personen von Ost nach West und auf 14 538 Personen von West nach Ost.

Kontrollpunkt Brunnenstraße

Von den durch die Ereignisse in Westberlin Festgehaltenen kehrten 446 Personen in ihre Wohnung zurück. Der Grenzgängerverkehr bezifferte sich auf 17 539 Personen von Ost nach West und auf 21 943 Personen von West nach Ost.

Kontrollpunkt Prinzenstraße

Von den durch die Ereignisse in Westberlin Festgehaltenen kehrten 569 Personen in ihre Wohnung zurück. Drei Verdächtige wurden festgenommen. Der Grenzgängerverkehr bezifferte sich auf 23 075 Personen von Ost nach West und auf 22 940 Personen von West nach Ost.

Die Differenz am heutigen Tage (29.6.1953) liegt wiederum wie auch am 28.6.53 zugunsten des demokratischen Sektors mit 1 163 Personen mehr in der West-Ost-Richtung.

Material über Absichten und Maßnahmen des Feindes

Von der »Beratungsstelle Ost des DGB« Berlin SW 29, Wilhelmstraße 10, der Zentrale der NGO (Nurgewerkschaftliche Opposition)33 wurden 20 000 Flugblätter mit der Überschrift »Arbeiter und Frauen vom Wedding!« gedruckt. Das Flugblatt ist getarnt mit der Unterschrift »Die revolutionären Obleute der Ostberliner, Hennigsdorfer und Strausberger Werktätigen«. Das Flugblatt fordert die Bevölkerung des Weddings auf, alle fortschrittlichen Menschen aus den Westberliner Betrieben zu jagen, die Büros der SED und des FDGB im Wedding zu zerstören sowie den offenen Terror gegen alle fortschrittlichen Menschen zu üben.

Dies Flugblatt wurde am Sonntag, dem 21.6.1953, zu ca. 10 000 Stück durch »politische Flüchtlinge« im Bezirk Wedding und ca. 10 000 Stück beim Fußballspiel im Olympiastadion verteilt.34

Am 29.6.1953 wurden ebenfalls von der »Beratungsstelle Ost des DGB« Flugblätter mit der Überschrift »Warnung!« herausgegeben. Dieses Flugblatt ist an alle Funktionäre des Staates, der Partei und der Organisationen, an alle Mitarbeiter der Volkspolizei, Justiz und Staatssicherheit sowie an alle Betriebsleitungen gerichtet. Auf der ersten Seite wird all denen, die sich aktiv an der Zerschlagung der faschistischen Provokation des 17. Juni beteiligt haben, gedroht, dass man sich an ihnen noch rächen werde. Auf der zweiten Seite brüsten sich die Provokateure mit der Ermordung des Betriebsschutzmannes Willi Hagedorn35 aus Rathenow, des Volksstaatsanwaltes Benkendorff36 aus Brandenburg und anderer. Auf der dritten Seite fordern sie die Werktätigen auf, bei Nichterfüllung ihrer Forderungen in den Betrieben weiterzustreiken. Die letzte Seite des Flugblattes ist eine allgemeine Aufforderung zum Langsamarbeiten. Gleichzeitig sollen die kräftigsten und geschicktesten Provokateure die fortschrittlichen und arbeitswilligen Menschen terrorisieren. Auch dieses Flugblatt ist getarnt durch die Unterschrift: »Die vereinigte Streikleitung der Hennigsdorfer und Hohen-Schöbinger37 Betriebe.«

Am 29.6.1953 wurden von dieser Agentenzentrale mehrere 1 000 Flugblätter in die DDR eingeschleust. Die Agenten benutzten zum Betreten des Westsektors sowie auch für die Rückkehr in die DDR und den demokratischen Sektor den Weg über die Glienicker Brücke (Brücke der Einheit). Die Kontrolle erfolgt hier nur auf den deutschen Personalausweis hin. Der Verfasser dieser Flugblätter ist der Leiter der NGO Gerhard Haas.

Vor einigen Tagen wurde vom DGB-Bau38 in Spandau eine Versammlung einberufen. Zutritt hatten nur Mitglieder. Eine strenge Kontrolle fand am Eingang des Saales statt. Der Vorsitzende Klotz39 sprach über den Terror im Ostsektor und der Ostzone, worauf eine Minute stilles Gedenken für die Opfer eingelegt wurde. In der allgemeinen Berichterstattung erklärte er, dass die gesamte Streikleitung von den Bauarbeitern aus dem Osten sich in Westberlin befindet. Ebenso 700 DGB-Kollegen aus dem Ostsektor. Diese können erst dann in ihre Wohnung zurückkehren, wenn sie die Gewissheit haben, dass sie nicht mehr verfolgt werden. Es ist daher notwendig, dass jeder Kollege wöchentlich wenigstens einen Stundenlohn für die Kollegen aus dem Ostsektor spendet. (Ein leises Murren ging durch die Reihen, aber keiner sprach dagegen.) Auf allen Baustellen in Westberlin wurden Listen für die Geldsammlung herumgereicht. Die Beteiligung aber war sehr schwach. Bei einer Belegschaftsstärke von 110 Personen wurden 33 Westmark gesammelt. Auf verschiedenen Baustellen lehnten die Maurer bzw. Bauarbeiter eine Unterstützung ab. Ein Maurer sah die Liste und sagte: »Da gehen die Boogie-Boogie-Jungs rüber, machen Radau und schlagen alles kaputt und wir sollen nun noch spenden. Das kann mir doch keiner erzählen, die Sache war doch angestiftet.«

Es konnte festgestellt werden, dass an den Sektorenübergängen, vorwiegend jedoch Scharnhorst-/Boyenstraße, Angestellte des Amtes für Verfassungsschutz und Angehörige der westlichen Kriminalpolizei die Sektorengrenze bzw. Kontrollstellen ständig mit Ferngläsern überwachen und Personen beobachten, die diese in beide Richtungen passieren.

In der Gastwirtschaft Böhme in Wartenberg treffen sich allabendlich faschistische Elemente, die systematisch das ganze Dorf verhetzen. [Vorname Name 36] brachte offenkundig ihre faschistische Einstellung zum Ausdruck, indem sie die Worte gebrauchte: »Ich bin und bleibe Faschistin.« Ihr Ehemann rief dazu: »Jetzt bestimmen wir wieder.«

Anlage (o. D.) zur Information Nr. 6 (4. Expl.)

Information Nr. 6a: Zusammengefasster Situationsbericht des Ministeriums für Aufbau über die Auswirkungen am 17., 18. und 19. Juni 1953 bei den Betrieben der HV Bauindustrie

1. Bau-Union Aue

Keine Vorkommnisse.

2. Bau-Union Bautzen

Die Arbeit wurde niedergelegt auf den Baustellen Wohnungsbau Lauchhammer, Braunkohlenwerk »Jonny Scheer«, Braunkohlenwerk »Glückauf«, VEAB Guttau, VEAB Reichenbach, Dachziegelwerk Kodersdorf, Kraftwerk und Tiefbau Berzdorf.

Gründe der Auslösung:

Beim Wohnungsbau Lauchhammer geriet die Belegschaft am 17.6.1953 abends in Unruhe, als sie hörte, dass die Arbeiter der Großkokerei eine Demonstration durchführten. Eine durch den BGL-Vorsitzenden einberufene Belegschaftsversammlung brachte keine Ruhe. Am 18.6.1953 wurde nicht gearbeitet. Die Bauarbeiter blieben aber in ihren Baracken. Ankommende Lkw von der Großkokerei forderten sie auf, mit zur Großkokerei zu fahren und an der Demonstration teilzunehmen. Die Bauarbeiter lehnten das zum größten Teil ab und fuhren zu 95 % nach Hause. An der Demonstration beteiligten sich ca. 40 Bauarbeiter, das sind 5 %, vorwiegend Jugendliche, Initiator der Streikbewegung war die Firma Gasolin, Berlin. Im BKW »Jonny Scheer« streikten die Bauarbeiter am 18.6.1953, weil zwei Anführer durch die Baracken gingen und dazu aufforderten. Einer der beiden, Nichtangehöriger des Betriebes, kam kürzlich aus dem Westen und ist im Zuchthaus gewesen. Der 2. Kollege ist der Eisenbieger [Name 1 Vorname], geb. [Tag, Monat] 1927, wohnhaft in Leipzig W 33, [Straße, Nr.], Pers.-Ausweis [Nr.], Aufenthalt zzt. unbekannt. [Name 1] ist am 18.6.1953 wieder der Initiator und lässt gegen die Arbeitsaufnahme abstimmen. Durch telefonischen Anruf von der Baustelle »Jonny Scheer« wird die Baustelle Knappenrofe ebenfalls zur Arbeitsniederlegung am 18.6.1953 veranlasst. Auf der Baustelle VEAB Guttau hat man durch Kraftfahrer, die aus Görlitz kamen, nur zwei Stunden die Arbeit niedergelegt.

Die Forderungen waren auf allen Baustellen im Prinzip dieselben und besagten:

  • 1.

    Erhöhung des Bauarbeiterlohnes,

  • 2.

    Abschaffung der Normen und der hohen Gehälter,

  • 3.

    Bessere Zuteilung von Arbeitsschutzbekleidung,

  • 4.

    Rückführung der Fahrpreisermäßigung auf 75 %,

  • 5.

    Gesamtdeutsche freie und geheime Wahlen,

  • 6.

    Stellungnahme der Regierung zu den Vorkommnissen in Berlin,

  • 7.

    Senkung der HO-Preise,

  • 8.

    Bestrafung der Schuldigen in Gewerkschaft und Regierung für die gemachten Fehler,

  • 9.

    Freilassung sämtlicher politischer Häftlinge.

Durch den Einsatz der Partei- und Wirtschaftsfunktionäre wurde erreicht, dass am 19.6.1953 auf allen Baustellen wieder, zum Teil mit nur geringen Kräften, weil der größte Teil bereits nach Hause gefahren war, gearbeitet wurde.

3. Bau-Union Bitterfeld

Am 17.6.1953 legten die Belegschaften der Großbetriebe

  • VEB Farbenfabrik Wolfen,

  • SAG Filmfabrik Wolfen,

  • EKB und EKM Bitterfeld,

  • Kraftwerk Stalinstadt,

  • Kraftwerk Vockerode,

  • Kraftwerk Karl Liebknecht,

  • Großkokerei Lauchhammer,

  • Transport- und Landmaschinenbau Dessau-Alten,

  • Schiffswerft Roßlau

ihre Arbeit nieder und formierten sich zu Demonstrationszügen.

Die Bauarbeiter schlossen sich teils am 17. und teils am 18.6.1953 diesen Streikbewegungen an.

Die Belegschaft der Betriebsverwaltung Bitterfeld wurde durch Eindringen fremder Demonstranten (Provokateure) zur Arbeitsniederlegung gezwungen. Zum Teil schlossen sie sich den Demonstrationszügen an, zum Teil verliefen sie sich in der Umgebung.

Am 17.6.1953 kehrte gegen 14.00 Uhr ein Teil der Belegschaft der Betriebsverwaltung von der Demonstration zurück, versammelte sich im Speiseraum und führte eine Solidaritätsversammlung durch, die vom Koll. [Name 2], Sachbearbeiter für Unfallschutz, Alter ca. 32 Jahre, geleitet wurde. Es wurde eine Streikleitung gewählt aus:

  • [Name 2], ca. 32 Jahre,

  • Oberbauleiter [Name 3], ca. 40 Jahre,

  • Buchhalter [Name 4], ca. 42 Jahre.

Dem Betriebsdirektor wurde von der Streikleitung der Zutritt zu den Arbeitsräumen verwehrt, das Telefonieren verboten und ebenfalls die Benutzung des Pkw bzw. eines Rades untersagt. Erst durch das Eingreifen der Verbände der Roten Armee war es möglich, die Ordnung wiederherzustellen. Die Arbeitsaufnahme auf den Baustellen erfolgte ebenso unterschiedlich wie die Niederlegung. Am 19.6.1953 waren etwa 60–70 % wieder auf den Baustellen, sie wurden jedoch von provokatorischen Elementen aufgefordert nicht zu arbeiten.

Die Forderungen der Bauarbeiter waren Folgende:

  • Senkung der HO-Preise,

  • Aufhebung der Gleichstellung des Warenbezuges für Schwerpunktbetriebe,

  • ausreichende und preiswerte Belieferung mit Fetten und Textilien.

Die Arbeitsaufnahme am 20.6. war auf allen Baustellen normal, wenn man dabei berücksichtigt, dass ein großer Teil auswärtiger Arbeitskräfte ihre tarifmäßige Heimfahrt mit diesen Aktionen verbunden hat. Die zahlenmäßige Beteiligung an den Streikaktionen war: rund 4 000, das sind 75 % der gesamten Belegschaft.

4. Bau-Union Brandenburg

Am 16.6.1953 begann der Streik bereits auf der Baustelle Hohen Neuendorf, Berliner Außenring, Los AB mit den Forderungen: Keine Normerhöhung [und] Senkung der HO-Preise um 40 %.

Dem Betriebsleiter der Bau-Union gelang es, die Versammlungsleitung in die Hand zu nehmen und eine Kommission zu wählen, die über die wirtschaftlichen Forderungen mit der Betriebsleitung verhandelt. Die Verhandlung der Kommission hatte zur Folge, dass die Arbeit generell wieder aufgenommen werden sollte und dass man in Zukunft nur noch mit der BGL, BPO und der Baustellenleitung wirtschaftliche Forderungen bespricht.

Am 17.6.1953 wurde die Arbeit aber nicht aufgenommen, weil bereits die Aktionen in Berlin bekannt waren. Am 17.6. war der Ausgangspunkt der Streikbewegungen die Baustelle Stahl- und Walzwerk selbst. Die Bauarbeiter, vor allem die Jugendlichen, hatten in ganz kurzer Zeit einen Demonstrationszug formieren können, der den Marsch durch die Stadt ansetzte. Eine Beruhigung bzw. Umleitung des Demonstrationszuges zum Kulturraum des Stahlwerkes hin gelang nicht. Forderungen wie:

  • Keine Normerhöhung,

  • Nieder mit der Regierung,

  • Senkung der HO-Preise

beweisen, dass eine lang vorbereitete Organisation in der Demonstration vorlag, der es nicht auf wirtschaftliche, sondern auf politische Forderungen ankam.

Der Zug ging dazu über, alle anderen Arbeiter der Betriebe Brandenburgs von ihren Arbeitsstätten wegzuholen und sie zur Teilnahme an der Demonstration zu zwingen. Transparente wurden von den Fabriken und Gebäuden abgerissen. Es wurde die Kreisleitung der Partei gestürmt, alle Einrichtungsgegenstände zerschlagen und die dort befindlichen Angehörigen der Dienststelle misshandelt. Es wurde das Amtsgericht gestürmt, die Gefangenen befreit und der anwesende Staatsanwalt misshandelt und seine Akten vernichtet. Dieselben Übergriffe wurden im Gebäude der DSF und in einer Reihe von Buchgeschäften durchgeführt. An allen diesen Ausschreitungen beteiligten sich die Bauarbeiter, ganz besonders die Jugendlichen. Die Aktion hatte sich über ganz Brandenburg ausgedehnt und auch einen Teil der Angestellten der Bau-Union sowie die Werkstatt und Transportabteilungen mit einbezogen. Zur gleichen Zeit wurde auch auf allen anderen Baustellen gestreikt.

Am 18.6.1953 war zwar der größte Teil der Bauarbeiter auf den Baustellen, hielt sich aber in den Baubuden und Unterkünften auf und streikte weiter. Sofort eingesetzte Aufklärungstrupps von Partei- und Wirtschaftsfunktionären erreichten zwar auf den Baustellen eine Beruhigung, konnten die Bauarbeiter aber zur Wiederaufnahme der Arbeit noch nicht bewegen. Erst am 19.6.1953 wurde die Arbeit wieder aufgenommen bis auf diejenigen, die ebenfalls von auswärts sind und die Aktion sofort zu einer Heimreise ausgenutzt haben.

Am 19.6.1953 lagen nur noch Widerstände in der Werkstatt der Bau-Union und bei den Transportarbeitern vor, weil eine Verhaftung eines Kollegen aus der kaufm. Abteilung vorgenommen werden musste, die von der Belegschaft noch nicht eingesehen wurde. Eine sofort durchgeführte Absprache mit der Betriebsleitung und den noch Streikenden hatte zur Folge, dass nach dieser Aussprache die Arbeit aufgenommen wurde.

Die Feststellung bei der Bau-Union Brandenburg ist Folgende: Die an den Unruhen und Ausschreitungen beteiligten Bauarbeiter waren zum größten Teil durch den »RIAS« verhetzte Jugendliche, die sich ihrer Handlungsweise nicht bewusst waren, für deren Erziehung aber der Betrieb verantwortlich ist. Das Verhalten dieser jungen Menschen auf den Baustellen an jenen Tagen zeigte und bewies, dass die gesamte Lehrlingserziehung nicht nur bei der Bau-Union Brandenburg, sondern darüber hinaus in der ganzen DDR nicht die Gewähr der Heranziehung eines anständigen guten Facharbeiternachwuchses bietet.

5. Bau-Union Calbe

Der Bau-Union Calbe wurde am 17.6.1953 früh bekannt, dass in Berlin von der Stalinallee ausgehend, Streikbewegungen und ein Demonstrationszug sich in Marsch gesetzt hatten. Diese Nachricht wurde zur Einleitung von Maßnahmen zur Sicherung des Betriebes und unter der Leitung der Partei wurden folgende Sofortmaßnahmen eingeleitet und durchgeführt:

  • 1.

    Besetzung der Telefonzentrale,

  • 2.

    Einrichtung eines Tag- und Nachtdienstes mit zuverlässigen Genossen,

  • 3.

    Einteilung zuverlässiger Genossen für die Diskussionen auf den Baustellen.

  • 4.

    Der Genosse Betriebsdirektor und ein Mitglied der Parteileitung begeben sich sofort zu den Schwerpunktstellen Wohnungsbau, EWW und Kraftwerk Calbe, um die Bauleitungen und die Leitungen der Partei von den einzuleitenden Maßnahmen zu unterrichten.

Am 17.6.1953 begann gegen 13.00 Uhr, ausgehend von den Stahlbauwerken, die früh um 9.00 Uhr mit dem Zug von Magdeburg ankamen, der Streik im EWW. Die Stahlbauer veranlassten das schwarze Personal40 der Bau-Union, die Feuerungen aus den Dampfloks zu reißen und die Bagger stillzulegen. Der gesamte Tiefbau erklärte sich solidarisch, es schlossen sich an der Hochbau und alle anderen Betriebsteile. Der Demonstrationszug bewegte sich dann zum Schachtofen des EWW, um die Stahlwerker zum Streik aufzufordern. Hier kam es zu den ersten Ausschreitungen gegen Partei und Regierung und Forderungen wurden aufgestellt, wie: Sturz der Regierung, Durchführung freier Wahlen usw.

Der Zug bewegte sich dann zur Baustelle Wohnungsbau, führte die Entwaffnung der Volkspolizei durch, misshandelte Funktionäre der Partei. Am 18.6.1953 erfolgte die Arbeitsniederlegung auf der Baustelle Bernburg. Grund der Arbeitsniederlegung war die Abschaltung des Stromes durch Kollegen der Montagefirma NAGEMA, die damit die Eisenbieger zwangen, an dem Streik teilzunehmen. Die Arbeiter wurden unter Drohungen von ihren Arbeitsplätzen geholt und man konnte feststellen, dass die Neigung zum Streik bei den Bauarbeitern grundsätzlich nicht vorhanden war, sich gegen die verhältnismäßig kleine Zahl der Montagearbeiter zu wehren.

Am 19.6.1953 wurde die Arbeit auf der Baustelle NAGEMA niedergelegt, die sich solidarisch mit den Arbeitern der Firma NAGEMA Maschinen- und Apparatebau erklärten und forderten, dass die dort verhafteten vier Rädelsführer freigegeben werden. Auf allen kleineren Baustellen wurde die Unruhe rechtzeitig verhindert und in den Tagen vom 16. bis 20.6.1953 laufend gearbeitet. Es wurde nur gestreikt auf den Großbaustellen wie Wohnungsbau Calbe, EWW und Kraftwerk Calbe vom 17. bis 19.6.1953, auf der Baustelle Sodafabrik Bernburg am 18.6. und auf der Baustelle NAGEMA Staßfurt am 19.6.1953, das sind rund 75 % der gesamten Belegschaft der Bau-Union Calbe.

Die anschließend durchgeführten Diskussionen und Verhandlungen mit den Kollegen, die auch die Unruhe hervorriefen, einleiteten und praktisch durchführten, gaben im Wesentlichen die Begründung für ihre Handlungsweise in

  • 1.

    Abschaffung sämtlicher Normen und Einführung eines gesunden Stundenlohnes

  • 2.

    Es ist dafür zu sorgen, dass der Bauarbeiter nicht mehr als 5. Rad am Wagen behandelt wird in Fragen des Tarifs und der Gleichschaltung der Versorgung der Schwerpunktbetriebe.

  • 3.

    Verminderung der bestehenden Volkspolizei

  • 4.

    freie gesamtdeutsche Wahlen

  • 5.

    Abschaffung der Parteiarbeit in den Betrieben

  • 6.

    Abschaffung der Personalabteilung

  • 7.

    Abschaffung der Abteilung für Arbeit

  • 8.

    HO-Preissenkung um 40 %

  • 9.

    Beseitigung der Regierung

Folgende Schäden sind im Verlauf der Unruhen entstanden: Auf der Baustelle Calbe wurden

  • 1.

    im Dorf des Friedens die Bibliothek im Werte von 600,00 DM verbrannt und

  • 2.

    die Betonpumpe auf der Baustelle zu einem Zeitpunkt verlassen, wo sie einschließlich aller Zuleitungsrohre voll von Beton war. Eine von der Verwaltung in der Nacht vom 18. zum 19.6. gebildete Katastrophenbrigade hat allerdings einen größeren Schaden verhindert.

6. Bau-Union Karl-Marx-Stadt

Keine Arbeitsniederlegungen

7. Bau-Union Dresden

Am 17.6.1953 sind im Bereich der Bau-Union Dresden keine Arbeitsniederlegungen erfolgt. Lediglich auf der Baustelle Grunaer Straße, die durch die vom Sachsenwerk Niedersedlitz veranlasste Demonstration an der Weiterarbeit behindert wurde, hat nach dem Vorbeimarsch dieser Demonstration die Arbeit wieder aufgenommen. Am 18.6.1953 wurde die Arbeit niedergelegt überall dort, wo die Bauarbeiter von den Kollegen der stationären Betriebe, auf deren Gelände gearbeitet wird, dazu gezwungen wurden, das sind Hillewerke Dresden EKM Görlitz, Kläranlage Dresden Kaditz, EKM Dresden, Transformatoren und Röntgenwerk Dresden. Auf diesen Baustellen erfolgten nur kurzfristige Arbeitsniederlegungen. Auf folgenden Baustellen wurden die Arbeitsniederlegungen durch die Bauarbeiter veranlasst, und zwar beeinflusst durch die Ereignisse des Vortages, bei der Baustelle Nürnberger Straße, dem Altmarkt, der Grunaer Straße, der Oper, der Technischen Hochschule, der Bergakademie Freiberg, auf der Baustelle Deutsches Amt für Material- und Warenprüfung, in der Dürerstraße und beim Feinzink Prama, Freiberg. An der Arbeitsniederlegung beteiligten sich rund 2 000, das sind 20 % der Belegschaft.

Träger der Aktion waren zum größten Teil die Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren. Die aufgestellten Forderungen waren dieselben wie bei den anderen Bau-Unionen, und zwar zuerst wirtschaftliche und anschließend politische.

8. Bau-Union Stalinstadt

Am 17.6.1953 begannen morgens die ATG41-Fahrer mit dem Streik, blockierten die Straße und forderten die anderen Kollegen auf, die Arbeit niederzulegen und sich solidarisch mit den Berliner Maurern zu erklären. Eine sofort durchgeführte Rücksprache mit den ATG-Fahrern ergab, dass sie offenstehende Rechnungen, die bis zum 21.4. zurückliegen, noch nicht bezahlt bekommen haben. Diese Mitteilung stand im Widerspruch zu der Auskunft des Leiters der ATG und deshalb wurde eine Besprechung mit allen Fahrern für abends 19.00 Uhr vereinbart. Darauf wurde die Arbeit von den Fahrern wieder aufgenommen.

Dieser Zwischenfall mit den ATG-Fahrern und die Tatsache, dass bereits einige Brigaden heftige Diskussionen über die Vorgänge in Berlin führten, veranlasste die Betriebsleitung, für 11.00 Uhr in allen Bauleitungen beim Objekt Kurzversammlungen durchzuführen. Kurz vor 11.00 Uhr verbot die Kreisleitung der SED die Durchführung sämtlicher Versammlungen. Die Bauarbeiter, bereits an den Versammlungsorten versammelt, forderten jetzt, aufgehetzt und aufgewiegelt durch die vorausgegangenen Diskussionen, die Durchführung der Versammlungen und zogen jetzt geschlossen zu der Kulturbaracke des Wohnlagers »Helmut Just«. In der Kulturbaracke waren ca. 1 200 Angehörige des Baubereiches Stalinstadt anwesend. Durch wüste Provokationen Einzelner gelang der Betriebsleitung vorerst nicht, die Führung der Versammlung in die Hand zu bekommen. Nach längerer heftiger Auseinandersetzung war es jedoch möglich, die Arbeiter wieder zur Arbeitsaufnahme zu bewegen. Auch nach Schichtwechsel lief die Arbeit weiter. Um 14.30 Uhr wurde im EKS »J. W. Stalin«, auf der Baustelle Erzbunker, die Arbeit niedergelegt. Die Arbeiter formierten sich zu einer Demonstration und zogen entlang der Hochofenstraße in Richtung Seelashof. Auf dem Weg nach dorthin wurden die Arbeiter von allen anliegenden Baustellen zur Teilnahme aufgefordert, die die [sic!] sich auch dem Demonstrationszug anschlossen und dann durch die Stalinstadt durchmarschierten, die auf den Baustellen arbeitenden Kollegen ebenfalls mitnehmend. Auch beim Marsch durch das Wohnlager »Helmut Just« schlossen sich andere, schichtfreie Kollegen dem Zug an. Der Demonstrationszug marschierte nach Fürstenberg rein und auf dem Marktplatz kam es zu Ausschreitungen, zu Demolierungen der Kreisleitung und zu wüsten Provokationen, Hetzreden gegen die Regierung und gegen die Partei der Arbeiterklasse. Erst ein Kommando der Roten Armee schaffte Ordnung.

In der Nacht vom 17. zum 18.6.1953 wurde von Provokateuren an den verschiedensten Stellen versucht, die in der 2. Schicht arbeitenden Kollegen von ihren Arbeitsplätzen zu vertreiben. In Zusammenarbeit der Selbstschutzwache und der Volkspolizei konnte aber diese Provokation unterbunden werden.

Am Morgen des 18.6.1953 wurde die Arbeit nur ganz vereinzelt aufgenommen und trotz Einsatz von starken Agitationsgruppen ist keine wesentliche Besserung eingetreten. Erst eine Bekanntmachung der Betriebsleitung durch Funkanlage, in der u. a. gefordert wurde, dass sofort der Baustellenbereich von allen denen geräumt werden muss, die nicht die Arbeit aufnehmen wollen, erreichte, dass auf der Baustelle Ordnung eintrat, dass sie von den aufrührerischen Elementen gesäubert wurde und dass die, die gewillt waren, ihre Arbeit aufzunehmen, ungehindert an ihren Arbeitsplatz konnten. Die Forderungen der Streikenden waren dieselben wie bei den anderen Bau-Unionen.

9. Bau-Union Halle

Im Bereich der Bau-Union Halle sind keine Arbeitsniederlegungen auf Initiative der Bauarbeiter erfolgt, sondern alle ausschließlich aufgrund der anderen Industriezweige. Bezeichnend ist, dass gerade die Großbaustelle Rapp-Bode-Talsperre, HZO Stalinstadt, ABUS Köthen, Zementwerk Karlsdorf lediglich auf der Baustelle Frankfurt eine Belegschaftsversammlung durchgeführt mit folgenden Diskussionen:

  • keine Normenerhöhung,

  • Senkung der HO-Preise,

  • Wegfall der Zonengrenzen.

Nach Schluss der Versammlung wurde die Arbeit sofort wieder aufgenommen. Für die Baustelle im Bezirk Halle ergibt sich allerdings ein wesentlich anderes Bild, jedoch ist festzustellen, dass die Initiative zur Arbeitsniederlegung von der Belegschaft der stationären Betriebe ausging. Ausgangspunkt der Streiks und Ausschreitungen im Raum Halle war die Waggonfabrik Ammendorf, die mit der gesamten Belegschaft randalierend und provozierend in das Stadtgebiet von Halle einzog und versuchte, alle anderen Betriebe zur Teilnahme aufzufordern. Die Aktion begann am 17.6.1953, gegen 14.00 Uhr. Sie erfasste auch die Baustellen der Bau-Union, obwohl bereits in den Vormittagsstunden Vertreter der Betriebs- und Parteileitung auf den Baustellen waren. Ein geschlossener Abmarsch zur Teilnahme an den Demonstrationen, Übergriffe und Ausschreitungen fand vonseiten der Bauarbeiter nicht statt, sie blieben auf den Baustellen. Von den außerhalb des Stadtgebietes liegenden Baustellen im Bezirk Halle wurde ab 14.00 Uhr des gleichen Tages nur noch teilweise gearbeitet. Auch hier war ein starker Druck vonseiten der Belegschaften der Werke festzustellen. Gute Beispiele zeigten sich auf der Großbaustelle Buna-Werk, wo einzelne Gruppen der Bauarbeiter nach dem Abzug des Demonstrationszuges an ihre Arbeitsstellen zurückkehrten, um die Betonierungsarbeiten zu beenden, an deren Fertigstellung sie vorher mit Gewalt gehindert wurden.

Am 18.6.1953 wurde auf allen Baustellen der Bau-Union wieder gearbeitet, mit Ausnahme der Baustellen:

  • Institut für Lehrerbildung Halle,

  • EKM Hohenthurm,

  • Kraftwerk Rudolf Breitscheid Halle und

  • Chemisches Institut Weinberge Halle.

Dies waren ca. 770 Personen, das sind 12 % der gesamten Belegschaft.

Erschwerend war im ganzen Raum von Mitteldeutschland, dass an diesem Tage ein sehr starker Regenniederschlag zu verzeichnen war und dass dadurch auch die eingesetzten Agitations- und Aufklärungsgruppen der Betriebs- und Parteileitungen keine Arbeitsaufnahme erreichen konnten.

Am 19.6.1953 war die Lage bei den vier genannten Baustellen in Halle vorerst unverändert. Nur ein verhältnismäßig geringer Teil begann am 19.6.1953 zu arbeiten. Am 20.6.1953 wurde auf allen Baustellen der Bau-Union wieder voll gearbeitet.

Im Verwaltungsgebäude der Bau-Union selbst sind in den Abendstunden des 17.6.1953 aus einer ca. 100-köpfigen Menge, die demonstrierend am Verwaltungsgebäude vorbeizog, Gruppen in das Verwaltungsgebäude eingedrungen, haben die Bilder der führenden Staatsmänner zerschnitten und die im Hausflur aufgestellten Fahnen der FDJ, BPO und BGL zerrissen. Einer der Anführer konnte den Staatssicherheitsorganen gemeldet werden. Es handelt sich dabei um eine Person, die vor fünf Jahren aus dem Westen nach Halle gekommen war und sich in den Morgenstunden des 18.6.1953 in der Arbeitskräftelenkung um Arbeitsaufnahme beworben hatte. Es ist zu vermuten, dass er während der Anwesenheit im Verwaltungsgebäude den Auftrag hatte, die örtlichen Verhältnisse auszukundschaften.

10. Bau-Union Jena

Die Streikaktionen in Jena brachen am 17.6.1953 bei den Werken von Zeiss und Schott aus, an der sich die Bauarbeiter der Jenaer Baustellen beteiligten. In der Maxhütte Unterwellenborn ist die Streikbewegung von den Bauarbeitern ausgegangen, es beteiligten sich daran etwa 600 bis 800 Bauarbeiter. Bei dem Versuch, die Kumpel zur Niederlegung der Arbeit zu veranlassen, wurden die Bauarbeiter der Maxhütte von den Kumpels aus den Betrieben geworfen, worauf ein geringer Teil der Bauarbeiter die Arbeitsplätze wieder aufsuchte und ein anderer Teil die einlaufenden Schichtzüge abfing und diese zu einer Streikdemonstration nach Saalfeld veranlasste. Auf der Baustelle in Gera sind ebenfalls Arbeitsniederlegungen erfolgt mit wirtschaftlichen und politischen Forderungen.

In Jena wurde bei den Bauarbeitern die Bewegung auf der Baustelle Beutenberg gegen 1.30 Uhr ausgelöst, als ein Anruf angenommen wurde mit der Aufforderung, sofort die Arbeitsstelle zu verlassen. Generell sind auf allen Baustellen nach der Arbeitsniederlegung heftige Diskussionen geführt worden gegen die ausschließliche Schwerpunktversorgung der Großbaustellen wie Zeiss, Schott und Jenapharm, ohne die Bauarbeiter dabei zu berücksichtigen. Ebenfalls wurde die Frage des Unterkunftsgeldes überall sehr heftig diskutiert, vor allem deshalb, weil im Bereich der Baustelle Stalinstadt eine inkonsequente Auslegung und Ausführung der staatlichen Bestimmungen festzustellen ist, durch die Baustelle Bitterfeld, die 0,50 DM für Unterkunft einbehält und 1,00 DM an die Kollegen auszahlt. Diese Tatsache hat Unfrieden bei unseren Kollegen hervorgerufen und die erklärten, dass in Zukunft nur noch 0,30 DM gezahlt werden und dass sie 1,20 DM zur Auszahlung verlangen, anderenfalls sie ab 1.7.1953 in einen neuen Streik treten.

11. Bau-Union Leipzig

Am 17.6.1953 begann auf der Baustelle Schkeuditz/NAGEMA die Streikaktion, weil die Belegschaft von der Betriebsleitung dort die Beantwortung von vier Fragen mit ja bzw. nein erwartete und bei einer Verneinung dieser vier Fragen sofort die Protestdemonstration in Aussicht stellte. Die Fragen waren Folgende:

  • 1.

    die Abschaffung des gesamten Leistungslohnes,

  • 2.

    Lebensstandard von 1938,

  • 3.

    Rücktritt der Regierung,

  • 4.

    die angeblich im Jahre 1952 versprochene Lohnerhöhung um 30 % ab 1.5.1953 zu geben.

Die Betriebsleitung bemüht sich, eine Erklärung zu diesen vier Fragen zu geben, wurde aber in den Ausführungen gehindert und die Menge formierte sich zu einem Demonstrationszug und führte in diesem bereits Transparente mit den oben bezeichneten vier Fragen mit. Die Belegschaft NAGEMA/Schkeuditz schloss sich dieser Aktion an.

Veranlasst wurde die ganze Aktion durch die Information eines unbekannten Motorradfahrers, der die Kollegen der Baustelle aufforderte, sich mit den Berliner Arbeitern solidarisch zu erklären.

Auf den Baustellen in Leipzig war es den sofort eingesetzten Aufklärungs- und Agitationsgruppen der Betriebsleitung nicht mehr möglich, eine Beteiligung zu verhindern. Es wurde aber festgestellt, dass eine 100%ige Beteiligung bei fast keiner Baustelle vorlag und ein Teil der Belegschaft die Baustellen nicht verlassen hat.

Erst am Montag, dem 22.6., hat man auf allen Baustellen die Arbeit wieder aufnehmen können.

12. Bau-Union Magdeburg

Am 17.6.1953 kam es in den Morgenstunden zu Ausschreitungen in den Betrieben des Schwermaschinenbaues, besonders im Ernst-Thälmann-Werk, im Dimitroff-Werk, im Karl-Marx-Werk. Von dort aus setzte sich gegen 9.00 Uhr ein Demonstrationszug in Bewegung, der seinen Weg durch die Hauptstraße der Stadt nahm. Am Zentralen Platz der Hauptbaustelle des Betriebes der BU Magdeburg arbeiteten die Bauarbeiter bis zum Eintreffen dieses Demonstrationszuges ungefähr bis gegen 11.00 Uhr. Die Demonstranten verhinderten ein Weiterarbeiten und es kam zu tätlichen Angriffen. Als positiv ist festzustellen, dass sich die Bauarbeiter vor ihre Maschine schützend stellten und eine Vernichtung nicht zuließen.

Die Baustellen, besonders die Baustelle im Ernst-Thälmann-Werk, wurde sofort zur Teilnahme an der Demonstration gezwungen, trotzdem hielt eine Anzahl der Kollegen die Be- und Entladung der Waggons aufrecht und schützte ebenfalls ihre Maschinen.

Am 18.6. begannen auch einige auswärtige Baustellen, die Arbeit niederzulegen und wirtschaftliche Forderungen zu stellen. Es war überall dort, wo die Bauarbeiter durch die stationären Betriebe dazu veranlasst wurden.

Am 20.6.1953 haben sämtliche Baustellen wieder gearbeitet. Auch im Bereich der BU Magdeburg wird festgestellt, dass sich an den Provokationen und an den Ausschreitungen zum größten Teil nur Jugendliche beteiligt haben.

Im Lehrlingsheim der Bau-Union und in der Betriebsberufsschule selbst herrschte Ruhe.

Forderungen wurden die gleichen gestellt wie in den Bereichen der anderen Bau-Unionen.

13. Bau-Union Mansfeld

Am 17.6.1953 morgens verweigerten auf der Baustelle »Zweijahresschule« in Eisleben rund 250 Kollegen die Arbeit. Grund zur Arbeitsniederlegung waren Diskussionen um die Normenerhöhung, die Prämienverteilung anlässlich der Wanderfahne, Forderungen zur verbesserten Technisierung und dgl. Verantwortliche Funktionäre der Betriebsleitung, der Kreisleitung der SED und der Bezirksleitung der IG Bau-Holz führten die Diskussionen, in der sich folgende neue Probleme herausstellten:

  • 1.

    Weg mit dem Leistungslohn.

  • 2.

    Warum werden die Großbauern verhaftet?

  • 3.

    Wir fordern den Sturz der Regierung.

  • 4.

    Wir fordern 40%ige HO-Preissenkung.

  • 5.

    Wir erklären uns solidarisch mit den Forderungen der Berliner Demonstranten.

Gegen 8.00 Uhr wurde durch den Plattenleger [Name 5] zur Demonstration aufgefordert. [Name 5] ergriff sofort die Initiative, sprang auf einen Bretterstapel und rief aus: »Wir haben soeben den Beschluss gefasst und fordern den Sturz der Regierung – Otto Grotewohl, Walter Ulbricht und Verurteilung der Verantwortlichen. Wir formieren uns sofort zu einem Demonstrationszug und marschieren von Baustelle zu Baustelle.« Ein bereitgehaltenes Transparent mit der Aufschrift »Wir schließen uns Berlin an« wurde sofort herbeigeholt und der Demonstrationsmarsch begann. Dem BGL-Vorsitzenden der Bau-Union, dem Genossen Auerbach, und dem TAN-Sachbearbeiter [Name 6] waren bereits zwei Tage vorher diese Tendenzen der Bauarbeiter bekannt und in den Baubuden wurde bereits vor Tagen vom »Tag des Losschlagens« gesprochen. Bei der Kreisleitungssitzung am 16.6.1953 wurde dies dem Kreissekretär der IG Bau-Holz, Rahn, mitgeteilt.

Der Demonstrationszug zog durch die Hütte zum Zentrallager und veranlasste hier die Niederlegung der Arbeit des Zentrallagers der Bau-Union. Ein Eindringen der Demonstranten durch die Liebknecht-Hütte wurde durch die Volkspolizei und die Belegschaft verhindert. Gegen 10.30 Uhr demonstrierten rund 2 000 Bauarbeiter an den Verwaltungsgebäuden der Bau-Union vorbei mit den Forderungen: »Nieder mit der Regierung«, »Fort mit den Bonzengehältern«.

Die Demonstration endete auf dem Markt in einer Abschlusskundgebung, bei der [Name 5] in einer Schlussansprache nochmals seine Forderungen zusammenfasste. Der größte Teil der Bauarbeiter ging darauf zurück auf die Baustellen, jedoch sammelten sich um den Polier [Name 7] und [Name 5] sowie um einige andere Rädelsführer eine Meute von ca. 100 Mann, welche am Nachmittag, gegen 17.00 Uhr, das Gefängnis in Eisleben stürmten und die Gefangenen herausließ.

Gegen Mittag setzte im Otto-Brosowski-Schacht bei den Kumpeln des Werkes die Niederlegung der Arbeit ein und die Bauarbeiter der Bau-Union saßen bei den Provokationen auf den Mauern und umliegenden Stapelplätzen des Baumaterials, ohne sich aktiv an der Provokation zu beteiligen. Beim Erscheinen des Betriebsdirektors der Bau-Union forderten 100 Bauarbeiter ihn auf, sofort eine Versammlung der Bauarbeiter in der Baubude anzuberaumen und zu den Forderungen

  • Herabsetzung der Preise und der Lohnsteuer,

  • Fort mit den Normen,

  • Angleichen der Bauarbeitertarife an die Bergarbeitertarife

Stellung zu nehmen.

Trotz der gründlichen Klärung dieser Forderungen erklärten sich die Bauarbeiter solidarisch mit den Kumpels der Schächte und es bildete sich aus den Kumpels und den Bauarbeitern eine Streikleitung, die erst durch das Eingreifen der Roten Armee aufgelöst werden konnte.

Am 18.6.1953 sollte von ca. 120 Bauarbeitern die Arbeit auf der Baustelle »Zweijahresschule« wieder aufgenommen werden. Vor Arbeitsbeginn erschien die Frau des Poliers [Name 7], der in der Nacht verhaftet worden war und forderte, ihren Mann zu sehen. Dieser Forderung schlossen sich sofort die Bauarbeiter an und nahmen die Arbeit nicht auf.

Am 19.6.1953 wurde die Arbeit im Thomas-Müntzer-Schacht durch die Kumpels niedergelegt und die Bauarbeiter gezwungen, ebenfalls die Arbeit einzustellen. Dasselbe geschah auf der Baustelle Volkswohnungsbau Sangerhausen.

Am Montag, dem 22.6.1953, lief die Arbeit ordnungsgemäß wieder an.

Ursachen der Streikaktion der Bauarbeiter auf den Baustellen waren Folgende:

  • 1.

    zunehmende Unzufriedenheit über die Normenerhöhung und über die Erhöhung der Wohnlagerpreise,

  • 2.

    Unzufriedenheit über die Prämienverteilung,

  • 3.

    Unzufriedenheit über die hohen Gehälter der Intelligenz und eine offensichtliche intelligenzfeindliche Einstellung.

14. Bau-Union Potsdam

Am 17.6.1953 wurde die Arbeit niedergelegt, auf den Baustellen Ludwigsfelde, Zossen, Wünsdorf, Hennigsdorf, Zehlendorf, Vogelgesang, Brücke Beeskow, Stalinstadt, MTS Friesnach und die Baustellen im Stadtgebiet Potsdam.

Der Ausgangspunkt war Ludwigsfelde, wo von den Arbeitern des Industriewerkes und den Bauarbeitern eine Versammlung durchgeführt wurde, eine Streikleitung gewählt und ein Programm mit folgenden Punkten aufgestellt wurde:

  • Absetzung der Regierung,

  • Trennung des FDGB von der SED,

  • Abschaffung aller HO-Läden und Wiedereinführung und Erweiterung des kleinen Warenhandels,

  • Abschaffung aller Normen,

  • Herstellung der alten Verhältnisse und

  • Schaffung eines gesunden Lohnes,

  • Presse-, Rundfunk- und Versammlungsfreiheit,

  • keine Repressalien gegen die Streikleitungen,

  • freie, geheime, demokratische Wahlen und Gesamtwahlen in ganz Deutschland,

  • Erhöhung der Renten für alte Leute auf eine ausreichende Höhe, welche einen anständigen Lebensstandard gewährleistet,

  • Zahlung der Gehälter aller Angestellten am 18.6.1953.

Bei den Diskussionen, die auf allen Baustellen durch Agitations- und Aufklärungsgruppen der Betriebsleitung geführt wurden, kam eine Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck, dass angeblich die Regierung bei der Demonstration in Berlin keine Delegation der Demonstranten empfangen hat, um deren Forderungen entgegenzunehmen.42

Weiterhin wurde die Ortsklassenfrage in den Vordergrund der Diskussion gestellt und eine generelle Aufhebung verlangt, weil die HO-Preise auch nicht an Ortsklassen gebunden sind.

Eine Analyse der Vorkommnisse im Bereich der Bau-Union Potsdam ergab, dass die Wirtschaftsfunktionäre der Baustelle eine schwankende Haltung einnahmen und die Funktionäre der gesellschaftlichen Organisationen der Baustellen bei den Diskussionen in keiner Weise in Erscheinung traten.

15. Bau-Union Riesa

Am 17.6.1953 hat die Baustelle in Lauchhammer ihre Arbeit niedergelegt, da ein Demonstrationszug von der Großkokerei in das Baustellengebiet eindrang und die Bauarbeiter zur Niederlegung der Arbeit zwang. Der Aufforderung zur Teilnahme der Bauarbeiter an der Demonstration kam ein verhältnismäßig geringer Teil der Bauarbeiter nach. Die auswärtigen Arbeitskräfte fuhren nach Hause.

Auf der Baustelle Stahlwerk Gröditz kam es am 16.6.1953, um 18.00 Uhr, zu Ausschreitungen, als 200 Kumpels des Stahlwerkes auf der Baustelle erschienen und die Bauarbeiter zur Arbeitsniederlegung zwangen.

Auf der Baustelle im Stahl- und Walzwerk Riesa haben sich nur die Bauarbeiter eines Teilobjektes, rund 150 Personen, an den Streikaktionen beteiligt.

16. Bau-Union Rostock

Besondere Vorkommnisse nur auf den Werft-Baustellen, auf allen anderen Baustellen ist die Arbeit ungehindert weitergelaufen.

Am 18.6.1953 wurden auf der Baustelle Warnow-Werft Warnemünde die Bauarbeiter durch streikende Werftarbeiter gezwungen, die Arbeit niederzulegen. Eine sofort durchgeführte Diskussion mit Wirtschafts- und Parteifunktionären der Betriebsleitung und den Kollegen der Baustellen ergab, dass die Bauarbeiter generell gewillt waren, weiterzuarbeiten, jedoch sich von den Streikenden nicht misshandeln lassen wollten. Am 19.6.1953 wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

17. Bau-Union Senftenberg

Am 16.6.1953 wurde auf der Baustelle Großkokerei »Mathias Rakosi« die Arbeit niedergelegt. Aufgrund einer Forderung des Streikkomitees des Betriebes Gaselan Berlin und weiteren Montagefirmen erging die Aufforderung, am Mittwochvormittag an einer Demonstration43 teilzunehmen. Trotz energischen Widerstandes des Leiterpersonals war es nicht möglich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Ca. 150 Kollegen der Transport- und Ausladekolonne gelang es, sich in dem großen Werk versteckt zu halten und als das Werk geräumt wurde, wieder an ihre Arbeit zu gehen und die begonnene Entladung durchzuführen. Es bildete sich noch am gleichen Tage ein Demonstrationszug, der Transparente mit der Aufschrift44 »Wir wollen unsere Freiheit« mitführte.

Ausgangspunkt für den Streik war der Betrieb Gaselan. Dieser Betrieb ist einer der kleinsten auf der Baustelle, aber auch der reaktionärsten. Die Belegschaft des Betriebes Gaselan wird am besten bezahlt und bekommt außerdem eine Auslösung von 7 DM.

18. Bau-Union Spree

Die Arbeit wurde niedergelegt auf den Baustellen Strausberg, Rüdersdorf, Fürstenwalde, Wildau, Brieselang, Lergerfelde,45 Lübben und Erkner.

Gesamtbeschäftigte auf diesen Baustellen 2 535, davon Streikende 2 010, das sind 44 % der gesamten Belegschaft der Bau-Union. Es wurde nur am 17. und 18.6.1953 gestreikt. Am 19.6.1953 hat auch die letzte Baustelle im Kalk- und Zementwerk Rüdersdorf die Arbeit wieder aufgenommen.

Die Auslösung des Streiks in Fürstenwalde kam auf Veranlassung einiger Kollegen Bauarbeiter, die durch den RIAS Anweisungen bekommen hatten. Auf einer anderen Baustelle ist ein Telefonruf angekommen, wo sich der Anrufende als Betriebsleitung der Bau-Union Spree bezeichnete und angab, dass die Betriebsleitung die Teilnahme am Streik forderte. Eine Überprüfung hat ergeben, dass der Anruf aus dem Verwaltungsgebäude nicht gekommen ist.

Besondere Schwierigkeiten entstanden immer da, wo die Bauarbeiter in einem Werk arbeiteten, weil sie sich an diesem völlig solidarisch mit der Belegschaft des Werkes erklärten.

19. Bau-Union Wismar

Alle Baustellen haben ungehindert weitergearbeitet.

20. Bau-Union Zwickau

Alle Baustellen haben ungehindert weitergearbeitet.

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    29. Juni 1953
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