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Tagesbericht

27. Juni 1953
Tagesbericht Nr. 4 [Meldung Nr. 28/53]

[Titelzusatz:] zusammengestellt und ausgewertet aus den vorliegenden Unterlagen der Abteilungen und Bezirksverwaltungen

Besondere Vorkommnisse in Berlin und der DDR waren auch am heutigen Tage in Bezug [auf] Streik, Demonstration usw. nicht vorhanden.

[Besondere Vorkommnisse]

Parteiaktivtagung der SED-Kreisleitung Leipzig am 24.6.1953:1 Als Referent war anwesend der Genosse Anton Ackermann.2 Unter großem Beifall wurden die Genossen in das Präsidium gewählt, welche sich in den Tagen der faschistischen Putschversuche besonders bewährt haben. Die Tagungsteilnehmer waren in einer gewissen Siegesstimmung und erst die Worte vom Genossen Ackermann ernüchterten sie. Besonderes Interesse wurde gezeigt, Klarheit über die nächsten Aufgaben zu erhalten, was besonders darin zum Ausdruck kommt, dass alle Diskussionsredner, die nicht zu diesem Problem Stellung nahmen, stürmisch unterbrochen wurden. Es konnte festgestellt werden, dass in der Aktivtagung einige negative Kräfte anwesend waren. Starke Kritik wurde am Verhalten des FDGB und der FDJ geübt, die in den vergangenen Tagen nicht die Verbindung zu den Massen gezeigt haben.

Am 25.6.1953 griffen unbekannte Täter in Sangerhausen zwei Funktionäre der SED tätlich an.

Am 25.6.1953 sandten unbekannte Täter im Bezirk Magdeburg mittels Post einen Brief an den Vorsitzenden der BHG und Funktionär der SED, welcher Mordhetze gegen den Genannten und seine Sekretärin beinhaltete.

Am 26.6.1953 fand in Rathenow die Beisetzung des am 17.6.1953 von den Provokateuren ermordeten Genossen Hagedorn3 statt.

In dem Schamottewerk Rietschen wurden 2 000 Hetzschriften in russischer Schrift gefunden.

Bei einer Jugendversammlung im Kbw Pankow am 25.6.1953 war die Diskussion der Jugendlichen sehr lebhaft. Der größte Teil der Jugendlichen brachte offen zum Ausdruck, dass die Provokateure Helden waren, die für die Freiheit gekämpft haben. Die erschossenen Banditen sind nach ihrer Meinung unschuldige Opfer. Von den 20 Jugendlichen war nicht einer, der eine andere Meinung hatte. So erklärte der FDJ-Sekretär [Name 1], dass unsere KVP einfach in den Westsektor hineingeschossen habe, wobei 12-jährige Kinder erschossen wurden. Von den Jugendlichen wurde auch zum Ausdruck gebracht, dass [Name 2], der nur zum Streik aufgefordert hat, was sein gutes Recht war, zu Unrecht verhaftet wurde.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgung der Bevölkerung ist im Großen gesehen als gesichert zu betrachten. Jedoch machen sich in einigen Orten gewisse Störungen bzw. Mangelerscheinungen von Lebensmitteln bemerkbar. So fehlt es z. B. in Pirna, Löbau, Görlitz und Benneckenstein an Fetterzeugnissen. In Großenhain und Löbau ist Mangel an Marmelade, Kunsthonig und Zucker. Eine Verknappung an Teigwaren und Hülsenfrüchten ist in Löbau eingetreten. In Löbau sind Butter, Fleisch und Wurstwaren in genügender Menge vorhanden. Dagegen fehlen ca. 10 Tonnen Teigwaren, 10 Tonnen Marmelade sowie Hülsenfrüchte, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken.

In Riesa soll nach Angaben der Abteilung Handel und Versorgung so viel Frischfleisch, Teigwaren und Zitronen vorhanden sein, dass man schnell andere Kreise mit Produkten versorgen musste, damit diese nicht verderben.

Nach wie vor wird in Löbau die schlechte Versorgung mit Brennstoffen hervorgehoben. Des Weiteren wird die ungenügende Versorgung mit Fettstoffen in der HO und auf Marken kritisiert. Dabei stützt man sich auf die Ausführungen des Genossen Otto Grotewohl, welcher im Dezember des vorigen Jahres versicherte, dass besonders in der Margarineversorgung eine wesentliche Besserung eintreten soll.

Weiterhin besteht eine schlechte Stimmung in Bezug der Versorgung bei der Bevölkerung von Benneckenstein. Hier fehlt es an Kartoffeln, Fett und Kohlen. Wenn dies nicht in Kürze abgeändert wird, müssen die Erholungsheime schließen.

Die abwartende Haltung vieler Bauern bei Ablieferung von tierischen Erzeugnissen ist noch zu verzeichnen. Dies zeigt sich unter anderem bei den Molkereien Lehnsdorf und Kamenz, wo ein Rückgang eingetreten ist, welcher sich auf ca. 1 000 bis 2 500 kg erstreckt.

Es zeigen sich jedoch auch positive Ergebnisse auf dem Lande. So richteten z. B. die Genossenschaftsbauern der LPG »Ernst Putz« in Großröhrsdorf an das ZK der SED ein Schreiben, worin sie zum Ausdruck brachten, dass sie sich von den faschistischen Elementen abgrenzen und unserer Partei und Regierung für ihr entschlossenes Handeln danken.4 Sie stehen geschlossen hinter den Beschlüssen von Partei und Regierung und halten ihre am 1.5.1953 eingegangene Selbstverpflichtung über Lieferung ihres Solls 61 Ztr. Schweine, 16 Mastschweine, 24 Ztr. Rind, 14 500 kg Milch, 4 600 Eier, eine tragende Sau und eine Zuchtkuh darüber hinaus zu liefern.

Im Kreis Großenhain ist jedoch eine Unzufriedenheit unter den Bauern zu verzeichnen, welche darauf beruht, dass die zugeteilte Menge Bindegarn für die Getreidemahd nicht ausreicht, welches zurückzuführen ist auf den sehr guten Stand des Getreides.

[Stimmung der Bevölkerung]

Der Versuch, ungefähr die prozentuale Zusammensetzung der positiven und negativen Stimmungen durch eine völlig unbeeinflusste Unterhaltung mit ganz unterschiedlichen Menschen zu erhalten, [ergab folgendes Bild,]5 hat sich bewährt und ist deshalb am 25.6.1953 fortgesetzt worden.

Eine derartige Unterhaltung mit 145 nicht ausgewählten, ganz zufälligen Personen ergab, dass von diesen 145 Personen 128 positiv zu unserer Regierung und deren Maßnahmen waren, während 17 sich negativ aussprachen. Das wäre das Bild für den demokratischen Sektor Berlins.

Wesentlich anders sieht das Resultat dieser selben Umfrage im Bezirk Magdeburg aus. Dort wurden ebenfalls am 25.6.1953 100 Personen befragt und es ergab sich, dass von diesen 100 Befragten sich nur 45 positiv zur Regierung und deren Maßnahmen stellten, während 55 Personen sich ablehnend und feindselig äußerten.

Die positiven Stimmen erkennen fast durchweg in den Ausschreitungen vom 17.6.1953 einen feindlichen Angriff auf die Deutsche Demokratische Republik mittels Agenten und Provokateuren durch Ausnutzung der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft in der Deutschen Demokratischen Republik und der daraus sich ergebenden Streiks. Sie sind voller Dankbarkeit für unsere Freunde der Sowjetarmee, durch deren Auftreten diese Umsturzversuche im Keime erstickt wurden und sind voller Vertrauen zu unserer Regierung, als der Regierung der Arbeiter und des Friedens, sowie dass dieselbe die versprochenen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung unbedingt durchführen wird.

Die negativen Stimmen lassen einen Hass und Zorn gegen unsere sowjetischen Freunde erkennen und sind erbittert darüber, dass durch deren Eingreifen die Pläne, mit denen sie stark sympathisierten, zerschlagen wurden. Bei ihnen besteht die Hoffnung, dass bei einem neuerlichen Putsch das Resultat für sie günstig aussehen werde.

Bei einer Diskussion von sieben Eisenbahnern in der Fahrmeisterei Pankow wurde erwähnt, dass die Regierung nie freiwillig die Versorgung der Bevölkerung verbessert hätte, erst nachdem gestreikt wurde, sah sie sich gezwungen diese Maßnahmen durchzuführen.

Im Gespräch mit Frau [Name 3], [Straße, Nr.] (dort sind die Autos des FDGB untergestellt), sagt diese: »Na, nächste Woche soll ja noch allerhand los sein, in einer Fabrik wo Ulbricht gesprochen hat, sind über die Hälfte der Arbeiter gar nicht erst hingegangen und die anderen sollen während der Versammlung den Raum verlassen haben. Dasselbe soll auch dort gewesen sein, wo Honecker gesprochen hat.«

Frau [Name 4]: »Was hat die Gewerkschaft in der Frage des Konfliktes vom 16. und 17.6.1953 getan? Wäre es nicht die Aufgabe der Gewerkschaft gewesen, die Streitigkeiten durch Verhandlung mit der Regierung zu klären? Auf unserem heutigen Schulungstag der Hauswarte haben alle Hauswarte abgelehnt, die Beiträge für den FDGB weiterzubezahlen.«

Auf dem Wochenmarkt in Köpenick, Bahnhofstraße, anstehende Frauen diskutierten über Funktionäre der SED recht abfällig, z. B.: »Die sollen sich mal ihre Leute ansehen, dass die genau Westschuhe tragen, die geben ganz schön an. Benehmen sich wie die Ferkel, wenn sie besoffen sind.« Es wurde Genosse [Name 5], Instrukteur des Rates des Stadtbezirkes Köpenick, genannt.

In den einzelnen Abteilungen der Bezirksämter werden vor Beginn der Sprechstunden den Angestellten keine Informationen über die neuesten Beschlüsse und Verordnungen gegeben, sodass die Sachbearbeiter nicht sofort in der Lage sind, ausreichend Auskunft zu geben. Eine Angestellte des Sozialamtes musste sich erst die am 22.6.1953, gegen 11.00 Uhr, erschienene Extraausgabe holen lassen, um über die weiteren zehn Maßnahmen orientiert zu sein und den Fragenden Auskunft zu geben. Beim Erscheinen neuer Verordnungen ist es notwendig und im Interesse der Bevölkerung, diese vor Beginn der Sprechzeit mit den Kollegen durchzusprechen.

Punkt 3 der zehn weiteren Verbesserungsmaßnahmen ist für Sozialunterstützte des demokratischen Sektors unverständlich, weil hier 50,00 DM für Hauptunterstützte gezahlt würde.6 Wenn die Maßnahmen nur für die DDR Gültigkeit haben, muss dies besonders herausgehoben werden, da sonst Enttäuschungen entstehen könnten. Beim hiesigen Sozialamt ist von einer Erhöhung noch nichts bekannt.

Von einem Leser unserer Presse wird die Frage aufgeworfen, wo denn der Stellvertretende Ministerpräsident Nuschke eigentlich entführt wurde.7 So berichtete das »Neue Deutschland« von der Mühlenstraße,8 während die »Berliner Zeitung« von der Sebastianstraße als Tatort spricht.9 Einheitliche Berichterstattung ist zu fordern, damit das Vertrauen zu unserer Presse nicht erschüttert wird.

In der Werkstatt des Bw Pankow diskutiert man lebhaft und zufriedenstellend über die Beschlüsse des ZK10 und des Ministerrats11zwecks Herabsetzung der Normen auf den Stand vom April 1953. Besonders interessiert sind die Kollegen an einer Betriebsversammlung, um eine Aussprache herbeizuführen. Trotzdem viele Kollegen nicht zum Dienst erscheinen konnten, haben die anderen ohne es zu verweigern, den Dienst mit versehen.

Zwei Schlosser, die als RIAS-Hörer bekannt sind, brachten zu dem Beschluss des ZK vom 21. [Juni 1953]12 zum Ausdruck: »Dies sind Maßnahmen, die lassen wir uns gefallen.« Sie sagten weiter: »Wir sehen ein, dass die Demonstration, woran auch wir teilgenommen haben, nur dem Zweck diente, den Faschismus neu zu errichten.«

Über die Lage und Stimmung im Bezirk Suhl ist zu sagen, dass dies einer der ruhigsten Bezirke ist und keine Vorkommnisse zu verzeichnen sind. Ein Bericht der Bezirksverwaltung Suhl gibt folgendes Bild: Im Wirtschaftsleben ist keine Veränderung zu verzeichnen. In den Betrieben wird normal gearbeitet. Anzeichen von Störungen sind nicht vorhanden. Zzt. werden in allen Betrieben Versammlungen aufgrund der 14. ZK-Tagung durchgeführt. Im Thüringer Kugellagerwerk Zella-Mehlis legten am 25.6.1953 die Arbeiter der Dreherei von 6.00 bis 8.00 Uhr die Arbeit nieder und verlangten die Normsenkung laut ZK-Tagung.

Die Versorgungslage im Bezirk ist soweit normal, nur Frischgemüse ist ein Engpass. In allen Orten und Städten stehen Hunderte von Menschen Schlange. Sie diskutieren darüber, dass in anderen Bezirken genügend Gemüse vorhanden ist, nur nicht im Bezirk Suhl.

Bei der Eisenbahn ist die Situation unverändert. In der Landwirtschaft ist keine Störung zu verzeichnen. Innerhalb der LPG traten in den Kreisen Meiningen und Hildburghausen einige Betriebe aus.

Die Mittelschichten gehen offen aus sich heraus und überall ist ein Vertrauen aufgrund der erlassenen Gesetze vorhanden. Innerhalb der LDP und CDU wird noch von einem gewissen Teil die Regierung abgelehnt und [man] fordert eine Neubildung. Die NDPD und DBD vertreten im Bezirksmaßstab die Politik der Regierung. Sie diskutieren positiv über die Vorschläge des ZK der SED.

Bei der Ärzteschaft ist noch keine klare Stellung vorhanden. Sie sind noch zurückhaltend. Unter der Lehrerschaft wird offen diskutiert. Der übergroße Teil steht zur Regierung der DDR. Innerhalb der Justiz ist jetzt ebenfalls die Stellungnahme freier. Bei der Kirche hat sich keine Änderung ergeben.

Der Bauer [Name 6] sagt: »Die werktätigen Bauern waren wie eine welke Blume. Seit den Regierungsverordnungen haben alle neuen Mut. Große Verärgerung gibt es unter den Bauern, dass kein Stickstoff da ist, um die Erträge zu steigern. Wir könnten 30 % mehr Futter produzieren. Die Produktionsgenossenschaften bekommen so viel, dass sie nicht wissen wohin mit dem Zeug.«

Rentner [Name 7]: »Es ist, als ob ein Druck von mir genommen ist, jetzt kann man wenigstens wieder mit den Leuten diskutieren. Was jetzt gemacht wird, kann man nur aus vollstem Herzen unterstützen. Hoffentlich lassen jetzt die Phrasen nach und man lässt den einfachen Arbeiter auch mal seine Meinung sagen, ohne dass man ihn als Sozialdemokrat oder Opportunist bezeichnet. Entscheidende Veränderungen sind aber im FDGB notwendig, denn diese Funktionäre haben vollständig versagt.«

Rentner [Name 8]: »Endlich ist das erlösende Wort gesprochen. Ich freue mich, dass die Partei jetzt in die Betriebe geht und dass nicht die Arbeiter mit den Provokateuren gleichgestellt werden. Es ist auch schön, dass mal für unsere Alten etwas getan wird.«

Der Pfarrer Sehmsdorf13 aus Potsdam äußerte auf einer Tagung der Frauenhilfsleiterinnen in Buckau aufgrund der Regierungsbeschlüsse Folgendes: »Der Russe hat der SED einen Anpfiff gegeben, denn sie hätten alles verkehrt gemacht. Wenn es so weiterginge, wird alles in Grund und Boden gewirtschaftet. Lenin hat gesagt: Drei Schritte vor und zwei zurück, so ist immer noch ein Schritt gewonnen. Jetzt ist Atempause für die Kirche für ein Vierteljahr. Das System wird nicht geändert. Das Ziel ist: Verstaatlichung der Kirche wie in Russland. Die Pause jetzt müssen wir benutzen zur Festigung und Schaffung von Bollwerken. Grotewohl hat zwar gesagt, er führe keinen Kirchenkampf, in Wirklichkeit sieht es aber anders aus. Nicht glauben, dass der Staat seine Fehler einsieht. Geht es nicht auf diesem Wege, versucht er es auf einem anderen. Grotewohl hatte den Plan, die Pfarrerschaft nach Leipzig einzuladen (von 9 000 wurden 3 000 erwartet). Das ist ins Wasser gefallen, weil die Kirchenleitung sagte: ›Verhandlungen können nur über die Kirchenleitung gehen.‹« Präses Scharf14 sagte dazu: »Wir als Kirchenleitung freuen uns, dass der Staat nach den Angriffen auf die ›Junge Gemeinde‹ als nächstes nun die Frauenhilfe angreifen wird. Das soll der Staat nur tun, dann kriegt er es aber richtig.«

Die Bauern in der Ortschaft Gosen diskutieren über die Schwierigkeiten bei der Einbringung der Heuernte von den Spreewiesen in der Gemarkung des demokratischen Sektors Berlins und fordern, dass man ihnen den Grenzübertritt erleichtern sollte.

Kolleginnen von der Kartenstelle Ferdinandshof Ückermünde: »Versprechungen sind bis heute genügend gemacht worden, wir wollen nur noch Taten sehen. 200,00 DM ist ein Lohn zum Verhungern. Oben gibt man Geld aus, aber für unten bleibt nichts übrig.«

Direktor der Hilfsschule Neustrelitz: »Die Partei- und Staatsführung hätte mehr Verbindung mit den Arbeitern halten sollen, dann wäre der Aufstand nicht geschehen. Sie wollen aber alles mit Gewalt machen. Man braucht sich nur die Bezirksverwaltung anzusehen. Die Herren kapseln sich ja völlig vom Volke ab, beschlagnahmen die Orangerie, bekommen dort Essen und halten dort abends ihr Vergnügen ab. Die Bevölkerung kann nicht hinein. Die Orangerie ist das einzige Gartenlokal in Neustrelitz. Nun ist auch der Reichshof für Parteifunktionäre beschlagnahmt.«

Einige negative Diskussionen, die von Genossen unserer Partei in Betrieben geführt werden:

Der Sekretär der BPO im Schleifmaschinenwerk II, Dresden: »Die Stimmung ist nicht angetan, Wahlen von Haus- und Hofgemeinschaften durchzuführen. Wir haben kaum was zu fressen und die Fettsäcke werden noch fetter. Ich für meine Person gehe in kein Haus und meine anderen Genossen gleich gar nicht. Normerhöhungen und schuften von früh bis abends ist Lohnabbau.«

Der Kandidat [Name 9] vom Trafo- und Röntgenwerk Dresden: »Die Regierung muss weg und zwar unter allen Umständen, dabei ist mir ganz gleich, ob eine neue SED-Regierung kommt, aber die alte muss weg.«

Genosse [Name 10], TAN-Sachbearbeiter im VEB Leo-Werk Dresden, hat das Vertrauen der Regierung abgesprochen, weil sie den Weg des Marxismus verlassen hat. Er tritt dafür ein, dass die Genossen zu ihrer Einstellung Stellung nehmen und bringt zum Ausdruck, dass seine Zugehörigkeit zur SED sich in Kürze entscheiden wird. Er macht es davon abhängig, ob die Partei wirklich einen neuen Weg geht. Er vertritt den dogmatischen Marxismus. Er war der Meinung, dass nach Stalins Tod ein neuer Kurs einsetzte und nennt als Beispiel die Moskauer Ärzteangelegenheit15 und die Ereignisse in der ČSR.16 Dieser neue Kurs wurde aber von der Führung der SED nicht verstanden. In einer Aussprache tat er die Auffassung kund, dass Dahlem17 gehen musste, weil er die Wahrheit gesagt hätte. Er schlug einem Kollegen des Betriebes vor, mit ihm eine SPD zu gründen.

Genosse [Name 11], Sachsenwerk Niedersedlitz: »Wir brauchen keinen russischen Sozialismus. Ich habe das Gefühl, dass ein großer Teil der älteren Genossen froh wäre, wenn die SPD wieder hier wäre.«

Prof. Dr. Ing. Richter,18 Fakultät für Maschinenwesen Technische Hochschule Dresden: »Es darf auf keinen Fall zugelassen werden, dass ein Bürger, der frei und offen seine Meinung sagt, immer noch mit Repressalien zu rechnen hat. Die Wachsamkeit darf sich nicht nur nach unten richten, sondern muss sich auch auf die höheren Organe erstrecken. Anordnungen der Regierung wurden bisher widerspruchslos hingenommen. Immer wieder stellte sich heraus, dass dieser oder jener Minister ein Saboteur war. Wer eine reine Weste hat, lässt sich auch kontrollieren. Das müssten sich unsere Staatsorgane gesagt sein lassen. Die Regierung müsste nach diesen Ereignissen abtreten, eine neue müsste geschaffen werden, die den Forderungen, freier Wahlen, Abschaffung der Rüstungsindustrie und Auflösung der KVP, durchführt [sic!].« Die gleiche Forderung stellt der Dipl.-Ing. [Name 12], Technische Hochschule Dresden.

Dr. [Name 13], Dippoldiswalde, erklärte, dass die Tuberkulose-Erkrankungen im Verhältnis zum Vorjahr um 100 % zugenommen haben. Er führt es darauf zurück, dass durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität eine Steigerung der Arbeitsintensität erfolgte, die eine besondere Beanspruchung der Arbeiter mit sich bringt.

Der Chefarzt Dr. König sagt, dass sich die Einrichtungen wie Poliklinik und Landambulatorium schlecht auswirken, weil man sich durch vorherige Untersuchungen über den Anfall der vorhandenen Ärzte nicht richtig orientiert hätte. Er beklagte, dass die zentralen Stellen zu wenig Wert auf die Abstellung dieser Mängel (Ärztemangel) legen.

Dr. Jubitz,19 Wissenschaftler auf dem Gebiet der Infrarotstrahler: »Das sorglose und schlampige Verhalten gegenüber dem Nachwuchs von wissenschaftlichen und technischen Kadern wird sich schlecht auswirken. Seiner Meinung nach dürfte es heute nicht so sein, dass die verantwortlichen Personen darum bangen, einen, der nicht will oder der kurz vor dem Ableben steht, zu verlieren oder sich [von ihm] zu trennen. Man hat acht Jahre Zeit gehabt, an die Seite der erfahrenen Wissenschaftler und Techniker Assistenten zu stellen und ausbilden zu lassen. Er führte aus, dass er bis heute keinen Assistenten hat und, wenn er nicht mehr ist (er ist der einzige Wissenschaftler auf dem Gebiet der Infrarotstrahlen), die DDR vor einem Problem steht, dass schon längst hätte gelöst sein können.«

Material über Entstehung der Bewegung ist wie folgt eingegangen

Durch einen amerikanischen Offizier wurde bekannt, dass die Unruhen in der Ostzone und Ostberlin schlecht organisiert waren, da die Vorbereitungsarbeiten für den Tag X20 erst in drei bis vier Wochen abgeschlossen werden könnten. So ist zu verzeichnen, dass der Aufstand niedergeknüppelt werden konnte und eine Schlappe für sie eingetreten ist.

Durch einen DGB-Funktionär wurde bekannt, dass der DGB in Westberlin in den letzten Tagen viel zu tun hatte. Er sagte ferner, dass sie mit der Einkleidung der Hennigsdorfer, die ja zum Streik in der Arbeitskleidung gekommen waren, sehr beschäftigt waren. Die Hennigsdorfer haben jeder einen Anzug, Wäsche und Schuhe erhalten. Ferner mussten sie entsprechend untergebracht werden. Zu den Ereignissen sagte er, dass der DGB eine treibende Rolle gespielt hat.

Am 17.6.1953, gegen 13.00 Uhr, wurden an der Sektorengrenze Wollankstraße (Pankow) zwei DGB-Funktionäre festgestellt, die in folgender Form diskutierten: »Arbeiter aus dem Ostsektor streikt. Wir vom DGB werden euch in jeder Hinsicht unterstützen. Jagt euren FDGB fort. Es ist ja keine Gewerkschaft. Euer FDGB unterstützt nur die Leute, die euch ausputzen, der FDGB treibt im Auftrag der Regierung die Normen hoch. Kommt heute Abend auf jeden Fall zum Oranienplatz. Ihr könnt auch in Westberlin bleiben, der Westmagistrat wird euch versorgen.«

In der Versammlung des Technischen Hilfswerkes vom 12.6.1953 wurde darauf hingewiesen, dass es nach der Veröffentlichung der Regierung und der Partei in der DDR einige Unruhen geben würde. Das THW hat mit dem demokratischen Sektor eine Solidaritätsaktion geplant, der Schwerpunkt soll hierbei auf die Bauarbeiter gelegt werden, um sie zu einem Streik zu bewegen.

In Westberlin besteht seit einiger Zeit ein »Freikorps Deutschland«.21 Dieses Korps sollte schon am 15.6.1953, 10.00 Uhr, eine Hundertschaft einsetzen, um [mit] Störungen und mit dem Aufrollen der DDR zu beginnen. Zu diesem Einsatz hatte die Bande wohl den Befehl, aber nicht die Genehmigung der Westmächte. Dadurch trat Unsicherheit innerhalb dieser Banditen ein und nur 20 bis 25 Mann waren am 17.6.1953 beim Einsatz im demokratischen Sektor von Berlin.

Wie in Erfahrung gebracht werden konnte, wurden Arbeiter aus dem demokratischen Sektor aufgeklärt, vom DGB in Westberlin Unterstützung mit Geld und Waffen im Kampf um ihre Befreiung zu erhalten. Als Übergangspunkt für illegale Waffentransporte wurde der Friedhof Berlin N 4, Liesenstraße, erwähnt.

Am 12.6.1953 fand in Westberlin eine Versammlung des Technischen Hilfswerkes mit dem Thema »Großkraftwerke« statt. Schwergewicht liege darauf, die Helfer mit technischen Vorgängen eines Kraftwerkes vertraut zu machen. Es wurde darauf hingewiesen, dass dem THW zwei Aufgaben auf diesem Gebiet erwachsen. 1. Übernahme eines Kraftwerkes durch Helfer bei besonderer Situation, evtl. Generalstreik; 2. Lahmlegung aus dem Gefühl nationaler Verantwortung heraus. Bei Notständen besonderer Art.

Im Anschluss daran erläuterte der Bezirksvorstand Dubois, dass solche Aufgaben vielleicht sehr nahe liegen. Die neuen Maßnahmen der Regierung der DDR ließen auf eine allgemeine Unsicherheit schließen. Daher sei es nicht ausgeschlossen, dass der Zeitpunkt kommt, dass das THW in dem heutigen Gebiet der Sowjetzone zum Einsatz gelangt.

Vom 26.6.1953 wird gemeldet: Zur Zeit des Beginns der Demonstration standen in der Kuno-Fischer-Straße drei Omnibusse mit der Aufschrift »Sonderfahrt« sowie ein Lkw. Omnibusse und Lkw waren leer. Am Zoo und in der Nähe des Brandenburger Tores bewegten sich vereinzelt Gruppen von zwei bis drei jungen Menschen in unauffälliger Kleidung.

[Verhaftete]

Zu den am 26.6.1953 – 6.00 Uhr in Haft befindlichen 4 268 Personen kamen im Laufe des 26.6.1953 277 neue Verhaftungen;

[Summe] 4 545.

Den Gerichten übergeben: 246 Personen; entlassen: 1 326 Personen;

[Summe] 1 572 Personen.

Es verbleiben in Haft zum Morgen des 27.6.1953: 2 973 Personen.

Von denen den Gerichten übergebenen wurden 64 Personen verurteilt, für weitere 112 Personen wurde Haftbefehl erwirkt.

Interessantes Material aus der Untersuchung ist nicht eingegangen.

Material über Absichten des Feindes

Am 24.6.1953, 11.20 Uhr, wurden an der Strecke Oranienburg–Schönholz (Überführung) beim Signal Y des Stellwerkes SNB22 zwei französische Offiziere bemerkt, die die Profilmaße mit einem Bandmaß aufnahmen.

Durch eine weibliche Person wurde Mitteilung gemacht, dass Ende dieser bzw. Anfang nächster Woche im RFT Dabendorf zum Generalstreik aufgerufen werden soll.

Es gibt Erscheinungen, dass man die Ernte vernichten will. Es sollen Eisenpfähle in die Felder geschlagen worden sein, um zu erreichen, dass die dort eingesetzten sowjetischen Mähdrescher nicht mehr einsatzfähig sind.

Die Hauptagenten des Ostbüros der SPD23 erklären, dass die Arbeit erst jetzt richtig weitergehen müsse. Sie bedauern, dass die Sendeapparate noch nicht in der DDR seien, bemerken dazu aber, sie kommen jetzt wie auch die kleinen Abziehapparate. Weiterhin sollen Flugblätter hergestellt werden (mit Druckkasten) mit dem Inhalt: »Sperrt dem FDGB die Beiträge.«

Wie in Erfahrung gebracht wurde, sollen Personen, die von Westberlin in den demokratischen Sektor zurückkehren oder im Besitz eines Passierscheines sind, als Briefträger nach dem demokratischen Sektor verwendet werden.

Am 21.6.1953 versammelte sich eine größere Gruppe von Jugendlichen mit Fahrrädern. Der Anführer, ca. 17 Jahre, gab diesen folgende Aufträge:

  • a)

    An die Sektorenübergänge fahren, um die diensttuenden VP-Angehörigen zu fotografieren, besonders Offiziere.

  • b)

    Mit den blau Uniformierten ins Gespräch kommen, in der Richtung diskutieren, dass ein Volkspolizist nicht auf die Arbeiter schießen dürfe.

  • c)

    Die Bevölkerung vor der Rückkehr in den demokratischen Sektor zu warnen, wenn möglich zu hindern, die Personen, die trotzdem zurückkehren, zu fotografieren.

Material über Absichten des Feindes [Fortsetzung]24

Aus geprüften Mitteilungen geht hervor, dass am 25.6.1953 in Westberlin eine Führerbesprechung stattfinden soll. Hier sollen Maßnahmen und Pläne besprochen werden, wie man sich verhält im Falle die Sowjettruppen Berlin wieder verlassen. Der Hauptagent [Name 14] erklärte, dass man seitens der Organisation25 keine Ruhe geben will, sondern es wird vielmehr versucht werden, Gruppen von Jugendlichen in den demokratischen Sektor einzuschleusen, um erneute Unruhen hervorzurufen.

Im gesamten Kreisgebiet Seehausen, Bezirk Magdeburg, geht das Gerücht herum, dass es am 26.6.1953 bis 28.6.1953 blutige Tage geben wird und in diesen Tagen der Amerikaner das Gebiet besetzen soll. Dieses Gerücht hat bereits Schichten der Bevölkerung erfasst.

In der S-Bahn diskutierten die Fahrgäste, dass am 13.8.1953 und 14.8.1953 die Einheit Berlins erreicht sei, aber nicht so, wie es sich die SED denkt. Man soll solange aushalten.

Noch nicht überprüft:

[Vorname Name 15] erzählt, dass ihm ein Funktionär der SPD vom demokratischen Sektor (Friedrichshain) erzählt habe, dass sie vom Westen aus mit Waffen versorgt worden sind, Umfang und Art nicht bekannt.

Der SPD-Mann [Name 16] sagte: »Grotewohl und Ulbricht sollen gestürzt werden. Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir die Macht und werden mit den Russen auf unsere Art verhandeln.«

[Name 17] (Unternehmer aus Westberlin) diskutiert in der Form, dass dieser Einsatz (v. 16.6.1953–18.6.1953) falsch gestartet worden ist. Man hätte alle VP-Angehörigen ergreifen und vernichten müssen. Zum Schluss meinte [Name 17], dass der nächste Angriff besser vorbereitet wird und dann noch mehr Mittel in aller Beziehung zur Verfügung gestellt werden.

Gerüchte, die in der Bevölkerung kursieren

Aufgrund der Überführung von der Schwerindustrie zur Leichtindustrie wurden im EKS Frankfurt Stimmen laut, dass ca. 5 000 Arbeiter zuviel sind und dass man die Arbeiter auf die Straße setzen wird.

[Name 18], Großbauer aus Ritze bei Salzwedel: »Aus der VP müssen viele entlassen werden, weil die VP aufgrund einer Abmachung der Regierung schwächer werden soll. In der Gemeinde kursiert das Gerücht, dass eine neue Regierung gebildet wird und zwar aus Funktionären der CDU und LDP.« Dieses Gerücht wird hauptsächlich von den Großbauern in Umlauf gebracht.

Zur Lage an den drei Kontrollpunkten beim Übergang über die Sektorengrenzen

Von den durch die Ereignisse in Westberlin zurückgehaltenen Personen kehrten am Kontrollpunkt Invalidenstraße 431 Personen zurück, außerdem wurden drei Festnahmen von verdächtigen Personen durchgeführt. Vier republikflüchtige Personen kehrten ebenfalls über diesen Kontrollpunkt zurück. Die Bewegung der Grenzgänger war von Ost nach West 6 401 Personen, 7 572 Personen von West nach Ost.

Am Kontrollpunkt Brunnenstraße kehrten 600 Personen zurück. Die Bewegung der Grenzgänger war 12 501 von Ost nach West und 7 977 von West nach Ost.

Am Kontrollpunkt Prinzenstraße sind 825 Personen zurückgekehrt, außerdem wurden dort zwei verdächtige Personen festgenommen.

Der Strom der Grenzgänger zog mit 14 362 Personen von Ost nach West, während sich von West nach Ost 16 381 Personen begaben.

Soweit die zurückkehrenden Personen befragt wurden, ergaben sich keinerlei verwertbare Anhaltspunkte.

Durch Mitteilung der Bevölkerung wurde bekannt, dass die Brücke der Einheit (Klinkerbrücke) die Möglichkeit zum unkontrollierten Übergang von der DDR nach Westberlin bestehen soll.

Weitere überprüfte Mitteilungen ergaben, dass ab Samstag, den 27.6.1953, vonseiten der Stummpolizei26 ebenfalls Kontrollen durchgeführt werden. Es sollen alle Personen, die die Übergänge passieren, gleichviel in welcher Richtung, kontrolliert werden.

[Maßnahmen des Feindes]

Dass daneben aber auch bereits Maßnahmen von den Organen des Westsektors getroffen wurden, um ihnen geeignet erscheinende Menschen für ihre Ziele auszunutzen bzw. zur Spionage- und Agententätigkeit anzuwerben, beweist die Aussage des [Name 19, Vorname 1, weitere Vornamen], Kaufmann, zzt. beschäftigt beim DIA als Verkäufer, DIA Chemie, [Straße, Nr.], 700 DM brutto, geb. [Tag, Monat] 1919, [Ort], Fürstenberg/Oder, wohnhaft: Erkner bei Berlin, [Straße, Nr.], verheiratet: [Vorname 2 Name 19], geb. [Geburtsname], Berlin N 65, [Straße].

Frage: Schildern Sie den Ablauf des Tages am 17.6.1953.

Antwort: Am 17.6.1953, morgens gegen 7.30 Uhr, kam ich von meiner Frau, aus dem Westsektor kommend, zu meiner Arbeitsstelle in die [Straße] und begann mit meiner Arbeit. Da ich beschäftigt war, konnte ich von irgendwelchen Unruhen und Krawallen nichts bemerken.

Um 9.30 Uhr hatten wir eine Arbeitsbesprechung, wo unser 2. Direktor Zirpel über die Lage berichtete und uns ermahnte, weiterzuarbeiten, was dann auch geschah. Nach Verkündigung des Ausnahmezustandes erhielten wir gegen 14.30 Uhr durch die Direktion (Koll. [Name 20]) die Mitteilung, dass wir die Arbeitsstelle verlassen können. Ich verließ sofort die Arbeitsstelle und ging mit dem Koll. [Name 21] vom Kunststoffreferat Richtung Alexanderplatz.

Am Alexanderplatz trennten wir uns, Koll. [Name 21] ging zu seiner Wohnung nach Rummelsburg. Ich ging die Dircksenstraße, Rosenthaler Platz, Brunnenstraße, um zu meiner Frau ins Kinderkrankenhaus Wedding zu gelangen.

Unterwegs traf ich am Rosenthaler Platz noch die Kollegin [Name 22] und noch eine mir namentlich nicht bekannte Kollegin aus der Abteilung IDH. Ihrer drei [sic!] gingen wir dann die Brunnenstraße entlang, überquerten die Sektorengrenze, die von der Volkspolizei nicht bewacht wurde, Badstraße, Ecke Stettiner Straße, wo wir uns trennten. Die Kolleginnen beabsichtigten, das Geschäft von Schuh-Neumann aufzusuchen. Ich ging dann alleine bis zur [Straße] und traf gegen 15.30 Uhr bei meiner Frau ein.

Frage: Wurden Sie am 17.6.1953 von der Stummpolizei oder anderen westlichen Dienststellen angehalten, kontrolliert oder vernommen?

Antwort: Nein, das ist nicht der Fall.

Frage: Wie bemühten sie sich in den folgenden Tagen, den demokratischen Sektor von Groß-Berlin aufzusuchen?

Antwort: Am 18.6.1953, früh gegen 7.00 Uhr, verließ ich das Haus und versuchte, die Sektorengrenze an der Brunnenstraße zu überqueren. Einen dort diensttuenden Volkspolizisten fragte ich, wie ich in den demokratischen Sektor gelangen könnte, um zu meiner Arbeitsstelle zu kommen. Dieser erklärte mir, dass dieses nicht möglich sei. Daraufhin ging ich zu meiner Frau zurück. Ich verbrachte den Tag bei meiner Frau in der Wohnung.

Am 19.6.1953 früh, 7.00 Uhr, versuchte ich abermals die Sektorengrenze in der Brunnenstraße zu überqueren, was mir nicht gelang. Ich telefonierte (Telegramm) meiner Mutter nach Erkner, wo ich mich aufhalte. Bin wieder zurück in die Wohnung meiner Frau gegangen und habe mich da aufgehalten. Am Abend besuchten wir gemeinsam das Kino »Mercedes-Palast« in der Utrechter Straße. Nach Rückkehr aus dem Kino erfuhren wir, dass die Bewohner des demokratischen Sektors wieder zurückkönnen.

Am Sonnabend, dem 20.6.1953, machte ich mich wieder früh auf den Weg zur Brunnenstraße. Dort war eine große Menschenmenge versammelt. Dort wurden die Gerüchte verbreitet, wer zurückgeht, wird verhaftet. Ich traute mich nicht rüber und ging wieder zurück.

Meine Frau bekräftigte noch meine Meinung und so bemühte ich mich am Sonnabend nicht mehr. Am Sonntag, dem 21.6.1953, mittags versuchte ich mit meiner Frau zusammen, ebenfalls an der Brunnenstraße, die Sektorengrenze zu überschreiten. Wir ließen uns wiederum durch die umherkursierenden Parolen beeinflussen und verbrachten den Tag mit gemeinsamen Spaziergängen.

Am Montag, dem 22.6.1953, Dienstag, dem 23.6.1953, und Mittwoch, dem 24.6.1953, hielt ich mich weiterhin in der Wohnung meiner Frau auf.

Frage: Wann suchten Sie das Polizeirevier der Westpolizei auf und was ergab sich daraus?

Antwort: Am Montag, dem 22.6.1953, gegen 11.00 Uhr, ging ich zum Polizeirevier der Westpolizei in der Oudenarder Straße. Dort erklärte ich einer Dame in Zivil, dass ich Ostberliner sei, gerne zurückmöchte, mich jedoch nicht traue. Die Dame sagte mir, ich soll zur Kuno-Fischer-Straße27 gehen und mich dort melden.

Frage: Sind Sie in diesem Polizeirevier irgendwie befragt oder vernommen worden?

Antwort: Nein!

Frage: Sind Sie dieser Aufforderung nachgekommen und wie ging das vor sich?

Antwort: Ich bin daraufhin wieder nach Hause gegangen und bin dieser Aufforderung erst am Dienstag, dem 23.6.1953, nachgekommen. Gegen 9.00 Uhr war ich in der Kuno-Fischer-Straße und meldete mich dort in der Anmeldung. Ich erklärte, dass ich Ostberliner sei, wieder zurückmöchte, jedoch mich nicht traue. Daraufhin wurde ich aufgefordert, einen Laufzettel auszufüllen. Auf diesen Zettel trug ich meine Personalangaben ein. Dann ging ich in ein anderes Zimmer, dort wurde von mir eine Karteikarte angelegt. Ich musste dort Angaben machen über meine Person sowie über meine Tätigkeit. Als nächste Stelle musste ich zu einem Arzt, der mich oberflächlich untersuchte. Von da weg wieder zurück in den Hof, wo ein Autobus wartete. Dort waren inzwischen ca. 30 Personen zusammengekommen und wir fuhren zum Haus A,28 soweit ich mich erinnern kann, muss das die Karolinenstraße sein. An diesem Haus ist ein Schild angebracht, aus dem ich entnehmen konnte, dass es sich um eine amerikanische Dienststelle handelt.

Frage: Haben Sie bei Ihrem Besuch bei der Westpolizei irgendwelche Ihnen bekannte Personen erkannt bzw. gesehen?

Antwort: Obwohl ich um mich schaute, habe ich keine mir bekannten Personen gesehen.

Frage: Was geschah im Haus VIa weiter?

Antwort: Wir entstiegen dem Autobus, wurden kontrolliert, ob wir alle im Besitz eines Laufzettels sind, und kamen dann über die Anmeldung in einen Warteraum im ersten Stock. Als wir den Raum betraten, waren schon ca. zehn bis zwölf Personen anwesend. Der Reihenfolge nach den Nummern der Laufzettel wurden wir aufgerufen. Gegen 13.00 Uhr wurde ich aufgerufen und kam in das Zimmer Nr. 5 im 2. Stock. Dort saßen zwei Zivilisten und zwar Deutsche. Ich wurde nach meiner Tätigkeit gefragt und musste mich mit meinem Dienstausweis ausweisen. Der Dienstausweis wurde mir abgenommen, nachdem man mich befragt hatte. Ein Protokoll wurde nicht gefertigt, auch habe ich nicht gesehen, dass man sich über meine Tätigkeit Notizen machte. Ich bekam einen Zettel mit der Bemerkung ausgehändigt: »Sie haben einen Sondertermin und müssen sich am Donnerstag, dem 25.6.1953, um 9.30 Uhr, in der Clayallee beim amerikanischen Hauptquartier melden.« Ich muss noch bemerken, dass rechts auf dem Zettel ein großes Z geschrieben wurde. In dem Raum waren außer mir noch sieben Personen, die aber nicht alle einen Zettel erhielten. Wie ich feststellen konnte, erhielten nur die Personen einen Zettel, die eine bestimmte Funktion wirtschaftlicher oder politischer Natur innehatten.

Frage: Haben Sie bemerkt, wer die anderen Personen in dem Zimmer waren?

Antwort: Da es ein großer Raum war und ich ganz entgegengesetzt von den beiden Schreibtischen der beiden Beamten an der Wand saß, konnte ich kein Wort verstehen. Ein Mädchen, ca. 18 Jahre alt, verließ das Zimmer und auf ihrem Zettel stand, soweit ich feststellen konnte, dass Wort FDJ.

Frage: Was haben sie dann weiter getan?

Antwort: Auf meinem Laufzettel waren noch ca. zwölf Stellen offen, die ich aufsuchen sollte, so z. B. Vorprüfung I und II, Passstelle, Fingerabdruck, Abflug, Messehallen 8 und 9, usw., genau ist mir dieses nicht mehr alles bekannt. Da ich aber von dieser Befragung genug hatte, verließ ich das Haus, ohne kontrolliert zu werden, und fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. Den Rest des Tages verbrachte ich dann in der Wohnung.

Frage: Was taten Sie am Mittwoch, dem 24.6.1953?

Antwort: Am Mittwoch blieb ich zu Hause. Beschäftigte mich nur mit Einkäufen usw. Gegen 12.00 Uhr erschien bei meiner Frau der Herr [Name 23] aus Erkner, [Straße], ein Nachbar meiner Mutter, und überbrachte meiner Frau einen Brief. Dieser Brief war vom DIA Chemie an meine Mutter gerichtet und war eine Anfrage, wann ich die Arbeit wieder aufnehmen kann. Nachdem mir meine Frau den Brief aushändigte, schickte ich sofort ein Telegramm an den DIA Chemie. Inhalt: Zurückkommen, war krank.

Frage: Was geschah nun am Donnerstag, dem 25.6.1953?

Antwort: Der Erhalt des Briefes bestätigte mir, dass ich ungehindert zurückkann und ich bemühte mich jetzt wieder schnellstens in den Besitz meines Dienstausweises zu gelangen. Ich ging mit dem noch bei mir befindlichen Laufzettel sowie der Zuweisung zur Clayallee in die Karolinenstraße (oder so ähnlich) zum Haus VIa. Ich ging zur Anmeldung und bat darum, mit dem Herrn aus Zimmer Nr. 5 zu sprechen. Ich wurde ungehindert eingelassen, ging zum Zimmer 5, wo der mir seit Dienstag bekannte Beamte wieder anwesend war. Ich zeigte meine Papiere, unter anderem die Aufforderung, zur Clayallee [zu gehen], und bat um Aushändigung meines Dienstausweises. Der Beamte fragte mich, ob ich die Clayallee aufgesucht hatte, was ich verneinte. Daraufhin sagte er, das ist schlecht und ich möchte einen Moment warten. Er verließ das Zimmer und kam gleich zurück und führte mich in das gegenüberliegende Zimmer zu einem Herrn. In diesem Zimmer befand sich niemand weiter. Der Beamte verließ uns.

Frage: Wer war dieser Mann und wie sah er aus?

Antwort: Dieser Herr stellte sich nicht vor. Er ist ca. 180 cm groß, schlank, schmales Gesicht. Ich glaube, er trug eine dunkle Hornbrille, ca. 30 Jahre alt, aschblondes, nach hinten gekämmtes Haar, bekleidet war er mit einem braunen Straßenanzug. Er sprach ein gutes Deutsch mit ausländischem Akzent. Ich glaube, er war ein Amerikaner.

Frage: Was bemerkten Sie im Zimmer?

Antwort: Es war ein kleines Zimmer. An Möbelstücken waren ein Schreibtisch mit Stuhl sowie ein kleiner Tisch vorhanden, worauf das Telefon stand. Es ist möglich, dass im Zimmer noch ein bis zwei Stühle gestanden haben. An der rechten Wandseite befanden sich drei Wandkarten, Deutschland, Berlin und, soweit ich erkennen konnte, noch einmal die DDR extra. Diese Karten waren keine einfachen geografischen Landkarten, sondern Karten mit Ziffern, Zahlen und anderen Markierungen. Genaues konnte ich nicht erkennen.

Frage: Wie verlief die Unterhaltung mit diesem Herrn?

Antwort: Der Herr war sehr freundlich zu mir, begrüßte mich durch Handschlag und bat mich, Platz zu nehmen. Er sagte zu mir sinngemäß: »Sie wollen wieder zurück? Wollen wir denn nicht Freunde bleiben oder wenigstens Bekannte? Sie können mich mal wieder aufsuchen, wenn Sie bei Ihrer Frau sind.« Er stellte dann noch die Frage, ob ich ihn nicht unterstützen könne, wir brauchen solche Leute. Er machte mir das Angebot zur Mitarbeit. Ferner sagte er mir, dass man mir auch später in der USA-Zone etwas bieten könne. Ich sagte daraufhin, in welcher Form ich denn mit ihm arbeiten soll, ich kann ihnen doch keine besonderen Informationen geben, bei uns wird nur gearbeitet. Außerdem habe ich nicht den Mut dazu, um meine Mutter und meine Frau nicht in Gefahr zu bringen [sic!]. Meine Antworten waren ablehnend. Ich sagte noch, dass er sich doch da lieber jemand von der Partei aussuchen soll. Diese Unterhaltung führte ich zurückhaltend, da ich ja doch wieder herauswollte. Als er meine Ablehnung bemerkte, sagte er: »Wir sind doch keine Hellseher und etwas kann man immer erfahren.« Die ganze Unterhaltung dauerte ca. 15 bis 20 Minuten. Angaben über den DIA Chemie machte ich nicht, wurde auch nicht danach befragt. Am Ende der Unterhaltung sagte er zu mir, dass noch ein Kollege von ihm mit mir sprechen möchte, ich soll im Wartezimmer etwas warten. Nach einigen Minuten kam er zurück, sagte zu mir, in zehn Minuten kommt ein Wagen und bringt sie zu meinem Kollegen. Auf meine Frage, ob ich meinen Dienstausweis zurückbekomme, sagte er, den bekommen sie von meinem Kollegen zurück. Dann verabschiedete er sich sehr freundlich von mir und verließ das Zimmer. Da ich kein Interesse hatte zur Clayallee oder woandershin gebracht zu werden, verließ ich das Haus, was mir auch unbemerkt gelang. Ich muss noch erwähnen, dass ich beim Verlassen des Hauses nicht kontrolliert worden bin. Ich bestieg die Straßenbahn, wo ich gegen 11.30 Uhr zu Hause ankam.

Frage: Wann begaben Sie sich dann zur Sektorengrenze?

Antwort: Gegen 12.15 Uhr begab ich mich zur Brunnenstraße, wo ich festgehalten wurde.

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    29. Juni 1953
    Information Nr. 5 [Meldung Nr. 29/53]
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    26. Juni 1953
    Stimmungsberichte von zurückgekehrten Personen aus Westdeutschland und Westberlin [Meldung Nr. 27/53]