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Zur Beurteilung der Situation

28. Juli 1954
Informationsdienst Nr. 2272 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Der erfolgreiche Abschluss der Genfer Konferenz1 steht im Mittelpunkt der Diskussionen über politische Tagesfragen. Obwohl die Gespräche über die Genfer Konferenz zugenommen haben, ist der Umfang noch gering. Die uns bekannt gewordenen Stimmen sind positiv. Darin bringt man zum Ausdruck, dass alle strittigen Fragen durch Verhandlungen gelöst werden können und der Abschluss des Waffenstillstandes für Indochina einen Sieg des Weltfriedenslagers darstellt. Gleichzeitig hofft man auf die Lösung des Deutschlandproblems auf dem Verhandlungswege. Der überwiegende Teil der Stimmen stammt von Arbeitern, weniger von Angestellten. Ein Arbeiter aus dem VEB IKA Annaberg,2 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es ist direkt eine Genugtuung, wenn man sieht, wie die amerikanischen Kriegstreiber, besonders Dulles,3 einfach nicht mehr zu Worte kommen, wir erkennen daraus, dass das Friedenslager immer stärker wird und dass in kurzer Zeit auch die Frage eines Friedensvertrages mit einem demokratischen einheitlichen Deutschland steht.«

Eine Angestellte aus dem VEB Vereinigte Wäschefabriken Auerbauch, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Genfer Konferenz nahm einen positiven Verlauf. Das um seine Freiheit ringende Volk Vietnams hat sich der knechtenden kolonialen Fesseln entledigt und somit wurde ein gefährlicher Kriegsherd beseitigt. Das heißt, dass jede strittige internationale Frage auf dem Verhandlungswege beseitigt werden kann. Wir als Deutsche können die Note der Sowjetunion nur unterstützen,4 um auch recht bald die Einheit Deutschlands zu erreichen.«

Ein Kollege vom Schacht 31 aus Johanngeorgenstadt, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Dieser große Erfolg ist vor allem der UdSSR zu verdanken, da sie maßgeblich daran beteiligt war. Für uns ist es ein weiterer Schritt vorwärts und auch wir werden den Friedensvertrag bekommen, denn die SU wird nun nicht lockerlassen, damit wieder eine Konferenz über einen Friedensvertrag mit Deutschland stattfindet.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, äußerte, dass auf friedlichem Wege am Verhandlungstisch solche weltbedeutenden Beschlüsse gefasst werden können. Jetzt kommt es darauf an, dass in Deutschland auch der Weg von Verhandlungen, um die Einheit Deutschlands zu erreichen, gegangen wird.

Im Zusammenhang mit der Genfer Konferenz wurden uns vereinzelt Stimmen zur neuen Note der Sowjetregierung bekannt. Teilweise äußert man sich, dass durch die Kraft des Weltfriedenslagers die Gefahr eines neuen Weltkrieges beseitigt werden kann. Oft wird auch in der Form diskutiert, dass die neue Note ein erneuter Beweis für die Verhandlungsbereitschaft der SU ist. Ein Techniker vom BKW »Franz Mehring« Senftenberg, [Bezirk] Cottbus: »Der Brand eines neuen Weltkrieges ist durch die Kraft des Weltfriedenslagers ausgelöscht worden. Auch die neueste Note der Sowjetregierung ist ein Beitrag dazu. Wenn das deutsche Volk weiterhin entschlossen für die Einheit seines deutschen Vaterlandes eintritt, wird es sich auch bestimmt Gehör erzwingen.«

Ein Arbeiter aus dem Kraftwerk des chemischen Werkes Buna: »Die Regierung der UdSSR wird die Regierungen der anderen Mächte dazu bringen, die Konferenz zur Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit in Europa anzunehmen und ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr die Einheit Deutschlands haben werden.«

Ein Dreher aus dem VEB Schraubenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg (parteilos): »Die neue Note des Außenministers Molotow5 an die Westmächte zur Einberufung einer europäischen Konferenz stellt erneut die Verständigungsbereitschaft der SU unter Beweis.«

Ein Hauer vom Schacht 356 aus Gera erklärte: »Wer bis jetzt die Bedeutung der SU noch nicht anerkannt hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Kaum ist die Konferenz in Genf zu Ende, wo der Kriegsherd in Ostasien ausgeschaltet wurde und schon setzt sich die SU wieder ein, um auch in Europa den Frieden herzustellen.«

Über den Besuch des Ministerpräsidenten und Außenministers der Volksrepublik China Tschu En Lai,6 wurden uns bisher nur sehr wenig Stimmen bekannt. Darin wird erklärt, dass dieser Besuch die Freundschaft zwischen den beiden Ländern noch mehr vertiefen wird. Außerdem werden die Verdienste des chin. Ministerpräsidenten bei der Genfer Konferenz gewürdigt.

Ein Arbeiter aus der Filmfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle, äußerte: »Ich bin von der Persönlichkeit Tschu En Lais sehr beeindruckt und sehr erfreut. Ich betrachte den Ministerpräsidenten als den 2. Friedenspfeiler neben dem Außenminister Molotow, der sich stets und ständig mit einer ungeheuren Energie für den Frieden einsetzt. Jetzt hat wenigstens der Außenminister Molotow eine Unterstützung bei der Außenministerkonferenz. Als Beweis, dass es Tschu En Lai genau wie Molotow ehrlich mit ihren Bestrebungen um einen dauerhaften Frieden meinen, ist die Tatsache, dass sie ständig bei ihren Besuchen mit einfachen Arbeitern sprechen und sich um ihre Sorgen und Nöte kümmern, das sind wirkliche Freunde der Arbeiter.«

Eine Stenotypistin aus dem VEB Keramische Werke Hermsdorf, [Bezirk] Gera: »Aus diesem Freundschaftsbesuch können wir ersehen, dass unsere Regierung und Partei eine konsequente Friedenspolitik mit allen Völkern verfolgt und wir von dem großen chinesischen Volk und seiner Regierung anerkannt und geachtet werden.« Ein Ingenieur aus dem gleichen Betrieb: »Es ist eine große Ehre für uns, wenn Tschu En Lai, trotz der schweren und anstrengenden Wochen in Genf, uns einen Besuch abstattet, zumal alle anderen Konferenzteilnehmer sofort in ihre Heimat zurückgekehrt sind.«

Eine Kollegin aus dem VEB Aktivist Berlin7 brachte zum Ausdruck, dass die Erfolge und Verhandlungen in Genf nicht von der Hand zu weisen sind und China viel zum erfolgreichen Abschluss beigetragen hat. Sie ist erfreut, dass der Genosse Tschu En Lai zu uns zu Besuch gekommen ist, kann jedoch nicht verstehen, dass man ihn nicht zu Gesicht bekommen hat. Die Autos fahren alle sehr schnell vorbei und sind immer verhangen. Der Besuch Tschu En Lais soll nicht nur der Regierung gelten, sondern auch dem deutschen Volk.

Einzelstimmen zur Erklärung des Dr. John8 vom Bundesamt für Verfassungsschutz9 wurden uns aus Potsdam und Erfurt bekannt.

Ein Einkäufer des RFT-Fernmeldewerkes Nordhausen, [Bezirk] Erfurt: »Es muss schon gewaltig bröckeln, wenn ein so wichtiger Mann wie Dr. John dem Westen den Rücken kehrt.«

Ein Schichtleiter aus dem Kesselhaus des LEW Potsdam:10 »Ich bin der Meinung, dass noch mehrere Persönlichkeiten aus der Umgebung Adenauers11 in die DDR kommen werden, weil sie sich doch nun darauf besinnen, dass sie Deutsche sind und keine nachgemachten Amerikaner.«

Missstimmung besteht in einigen Betrieben über verschiedene betriebliche Angelegenheiten, wie Lohn- und Prämienregelung. Im VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, sind die Arbeiter verärgert wegen Lohnverlust, der durch die Wartezeiten bei Materialmangel auftritt.

Im Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, konnte der Produktionsplan nicht eingehalten werden, da Materialschwierigkeiten bei der Zustellung von Automatenstahl und Schnellstahl bestehen. Diese Nichteinhaltung des Planes führt bei der Belegschaft zu Missstimmung, weil die Prämienzuteilung, die im Betriebskollektivvertrag festgelegt ist, dadurch nicht zur Auszahlung gelangen kann.

Produktionsstörung: Am 24. und 25.7.[1954] wurde im BKW »John Schehr« Laubusch, [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, eine Betriebsstörung durch vermutliche Selbstentzündung des Kohlenstaubes im Redler verursacht. Der Schaden beträgt insgesamt 1 530 t Brikett.

Im VEB Märkische Ölwerke, [Bezirk] Schwerin, trat die Diskussion auf, dass durch die Hochwasserkatastrophe eine Lebensmittelknappheit eintreten wird.12

Unter einigen Kollegen des VEB Gasversorgung Leipzig traten Diskussionen über eine bevorstehende Preissenkung auf. Ein Arbeiter äußerte: »Dies wird gar keine Preissenkung sein, wie sie alle erwarten. Seit der letzten Preissenkung sind die Preise für Textilien wieder angestiegen und eine neue Preissenkung wird dazu beitragen, den Stand von 1953 zu erreichen.«

Handel und Versorgung

Im Bezirk Rostock hat sich die Versorgung mit Frühkartoffeln gebessert. Die berufstätigen Frauen jedoch beklagen sich, dass sie, wenn sie abends von Arbeit kommen, keine Kartoffeln mehr erhalten. Sie machen den Vorschlag, in den einzelnen Betrieben auch Kartoffeln zur Verteilung zu bringen.

Der VEAB Güstrow, [Bezirk] Schwerin, hat während der II. Julihälfte zur Versorgung des Kreisgebietes Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, 150 t Kartoffeln zu liefern. Schwierigkeiten ergeben sich jedoch dadurch, dass der Anfall der Kartoffeln im dortigen Kreis größer ist als der vorhandene Transportraum. So könnten z. B. täglich 12 bis 14 Waggons verladen werden, während die Reichsbahn nur 2 bis 3 Waggons täglich zur Verfügung stellt. Trotz des Hinweises, dass die Kartoffeln im Erzgebirge dringend benötigt werden, wurde bisher keine Abhilfe geschaffen.

Missstimmung unter der Bevölkerung über die mangelhafte Belieferung mit Kartoffeln herrscht im Bezirk Oranienburg/Berlin13 und es werden dort Vergleiche gezogen, dass Berlin schon 2 bis 3 kg Kartoffeln je Abschnitt erhalten hat, während in den Randgebieten bisher erst 1 kg aufgerufen wurde. Im Zusammenhang damit sagten einige Arbeiter in der S-Bahn auf dem Wege von Oranienburg nach Berlin: »Wir müssen mal wieder streiken, dann wird auch die Belieferung mit Kartoffeln wieder besser.«

In Güstrow, [Bezirk] Schwerin, wird im Konsum und HO darüber Kritik geübt, dass diese Verkaufsstellen nur 10 000 kg Kartoffeln durch die VEAB verkauften, während ein Privathändler im gleichen Zeitraum 32 780 kg Kartoffeln verkaufte.

Im Bezirk Schwerin sind in einigen Orten Mängel in der Belieferung mit Gries, Maizena, Haferflocken, Obst und Gemüse z. B. in Wittenberge, mit Fleisch und Fischkonserven in Berge, Kreis Perleberg, und einigen Orten des Kreises Sternberg, mit Industriewaren, insbesondere Ersatzteile für Fahrräder und Lampen aller Art, im Kreis Parchim. Die dort auftretenden Mängel werden mit der ungenügenden Warenlenkung der DHZ und den nicht rechtzeitigen Anforderungen des gesellschaftlichen Handels begründet.

In einigen Kreisen der Bezirke Neubrandenburg und Halle mangelt es an billigen Zigaretten, bis auf die Sorte »Echte«, zu 0,06 DM, die trotz Überplanbeständen in einigen Kreisen des Bezirkes Neubrandenburg nicht verkauft werden konnte. In einer Kreisvorstandssitzung der Gewerkschaft VBV in Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde zu der Zigarettenfrage Stellung genommen und zum Ausdruck gebracht, dass die Arbeiter nicht in der Lage sind, sich teure Zigaretten zu kaufen. In den Geschäften wurde über diesen Mangel wie folgt diskutiert: »Jetzt sind die Wahlen vorbei,14 jetzt können sie ja machen, was sie wollen.«

Im Kreis Eisenach, [Bezirk] Erfurt, besteht augenblicklich ein großer Engpass an Benzin. Es werden dort 30 000 l benötigt und nur 10 000 l wurden genehmigt. Unter den Kraftfahrern und Fuhrunternehmern werden dieses Problem und die schlechte Versorgung mit Reifen negativ diskutiert. So sagte ein Fuhrunternehmer: »Ich bin der Meinung, dass bestimmt wieder einer auf dem Zeug draufsitzt. Man müsste untersuchen, ob das nicht mit Absicht geschieht.«

Im Kreis Zeitz wurden aus Beständen der Staatsreserve an den Konsum im III. Quartal 19,5 t und an die Wirtschaftsgenossenschaft der Fleischer 25,8 t Schweineschmalz in Kisten angeliefert. Beide Wirtschaftsorganisationen lehnen die Abnahme ab, da aufgrund einer Untersuchung das Schmalz nur noch als Bratfett Verwendung finden darf.

Landwirtschaft

Über politische Tagesfragen wird in der Landbevölkerung nach wie vor nur im geringen Umfange diskutiert. Zum Abschluss der Genfer Konferenz sind nur vereinzelte Stimmen zu verzeichnen, die hauptsächlich aus dem sozialistischen Sektor, wie LPG und MTS, stammen und meist positiv sind. Ein Genossenschaftsbauer aus Scharfstädt, Kreis Merseburg, [Bezirk] Halle: »Die Note der SU an die Westmächte beweist uns immer wieder, mit welchem Friedenswillen die Sowjetregierung an die Aufgaben der kollektiven Sicherheit herangeht. Wir LPG-Mitglieder und werktätige Bauern müssen die Freundschaft mit der SU immer enger schließen, denn nur die SU gibt uns die Garantie eines Friedens auf der ganzen Welt. Gerade wir Werktätigen auf dem Lande haben durch die Lieferung von Mähdreschern die große Unterstützung in der Ernte erfahren.«

Nur in wenigen Fällen wurden über die Genfer Konferenz negative bzw. feindliche Äußerungen gemacht. Ein Landwirt aus Hallungen, [Bezirk] Erfurt: »In der Politik ist es wie beim Schachspiel. Der Gegner muss vielmals gekauft werden, damit er aus seinen Reserven herauskommt. So ist es zum Beispiel hier. Der Russe merkt gar nicht, wie er hinter dem Ofen vorgelockt wird. Ehe man mit einem Erfolg prahlt, sollte man sich vorher informieren.«

Zum Besuch des Außenministers Tschu En Lai sagte der stellvertretende Vorsitzende der LPG in Plaaz, [Bezirk] Schwerin: »Kommen Funktionäre aus dem Weltfriedenslager, dann gehen sie zu den einfachen Menschen in die Betriebe, während die Minister der kapitalistischen Länder nur die Kriegsmaschinerie beobachten.«

Vorwiegend befasst sich die Bevölkerung auf dem Lande mit wirtschaftlichen Fragen bzw. mit der Ernte und den Schwierigkeiten auf dem Lande. So treten bei der Mahd in den Brigaden Osternienburg, Kreis Köthen, [Bezirk] Halle, Schwierigkeiten mit dem Bindegarn auf. Das von der VE-Weberei Olbersdorf gelieferte Bindegarn besteht aus zwei gedrehten Papierbindfäden. Alle 50 m sind sie geknotet oder gerissen. Die Bauern schütteln die Köpfe darüber und schimpfen mächtig auf die Qualität. Im Kreis Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, beschweren sich die Bauern darüber, dass 5/90 g Bindegarn pro ha zu wenig sind und klagen auch über den Mangel an Ährenhebern, die zur diesjährigen Ernte dringend benötigt werden.

Die Bauern aus Hartmannsdorf, [Bezirk] Dresden, klagen über die schlechten Straßenverhältnisse. Der Bürgermeister des Ortes hat bereits vor zwei Monaten an die Bezirksverwaltung diese Zustände berichtet. Eine Änderung erfolgte bis heute noch nicht. Die Bauern sagten hierzu: »Diesen Herren scheint es gleich zu sein, wenn die Straße von 18 Bauern mit Kuhgespannen benutzt wird und darunter die Milchleistung leidet.«

Aus Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, kommen Klagen über ernste Mängel an Treibstoff (Benzin) für landwirtschaftliche Geräte. Von den angeforderten 5 000 Litern sind nur 1 200 l genehmigt worden. Dadurch ist es nicht möglich, alle landwirtschaftlichen Geräte bei der Ernte einzusetzen.

In der MTS Dessow, [Bezirk] Potsdam, bestehen Mängel an Bindetuchnieten und Ersatzteilen für Kartoffelrodemaschinen. Wegen dieser Mängel stehen drei Kartoffelroder still.

In den letzten zehn Tagen trat in verschiedenen Kreisen des Bezirkes Magdeburg verstärkt die Schweinepest auf. Dies trifft besonders im Kreis Osterburg zu, wo 179 Schweine und im Kreis Stendal, wo 127 Schweine notgeschlachtet wurden. Insgesamt wurden in den zehn Tagen bei einem Bestand von 846 Schweinen auf den betroffenen Höfen 627 notgeschlachtet. 25 Schweine sind verendet.

Übrige Bevölkerung

Es besteht wenig Interesse für politische Probleme, sodass der Umfang der Diskussionen über politische Tagesfragen sehr gering ist. Am meisten wird über den erfolgreichen Abschluss der Genfer Konferenz diskutiert. Darin wird der Waffenstillstand in Indochina freudig begrüßt. Dieser Erfolg der Friedenskräfte macht vielen Hoffnung, dass auch die Deutschlandfrage auf dem Wege von Verhandlungen bald gelöst werden wird. Hierzu folgende charakteristische Stimmen: Ein Angestellter vom Rat des Kreises Neuruppin, [Bezirk] Potsdam: »Ich freue mich, dass es den friedliebenden Parteien auf der Genfer Konferenz gelungen ist, die Waffen in Vietnam zum Schweigen zu bringen. Ich hoffe, dass es bald zu weiteren Verhandlungen über Deutschland kommt. Ich bin der Meinung, dass das Deutschlandproblem durch friedliche Verhandlungen zu lösen ist.«

Der Chefarzt des Krankenhauses Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam: »Durch den Erfolg der Genfer Konferenz haben die Amerikaner an Stärke verloren. Ich bin der Meinung, dass auch die Deutschlandfrage ohne die Amerikaner gelöst werden kann.«

Nachstehende negative Stimme wurde bekannt: Eine aus dem Tbc-Heim in Quedlinburg, [Bezirk] Halle, entlassene Patientin: »Die Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Vietnam ist wieder ein guter Zug der Russen. Die wollen doch die ganze Welt mit ihrem roten Tuch umsäumen, aber die Amis werden ihnen schon den richtigen Marsch blasen.«

Über die neue Note der SU an die Westmächte sind erst vereinzelt Stimmen bekannt geworden, die meist von fortschrittlichen Angestellten stammen. Darin wird die Note als ein neuer Schritt zur Sicherung des Friedens begrüßt. Hierzu folgende charakteristische Stimme: Ein Angestellter des Konsums aus Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (SED): »Die Sowjetunion hat eine schnelle Entschlusskraft, wenn es um den Frieden geht. Wenn der Feind einmal angeschlagen ist, wie jetzt nach der Genfer Konferenz, unternimmt sie sofort einen weiteren Schritt, um auch bei uns in Europa für die Sicherheit der Völker zu sorgen.«

Positive Äußerungen über die Aufhebung der Abgabepflicht der Lebensmittelkarten von Interzonenreisenden nach Westdeutschland wurden aus dem Bezirk Frankfurt und Magdeburg bekannt.15 Hierzu folgende Meinungen: Rentner aus Magdeburg freuen sich, dass sie bei Reisen zu ihren Verwandten nach Westdeutschland nicht mehr die Lebensmittelkarten in der DDR abzugeben brauchen. Sie sehen darin eine große Hilfe unserer Regierung. Eine Hausfrau aus Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt: »Das wurde eigentlich auch Zeit, denn so viele Lebensmittel hat die DDR bestimmt. Ich musste 14 Tage eher aus Westdeutschland zurückfahren, weil mich eine Rentnerfamilie, die ich besuchte, nicht ernähren konnte.«

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverteilung

SPD-Ostbüro:16 Dresden 11, Cottbus 4 000, Rostock 1 300.

CDU-Ostbüro: Potsdam 5 000.

NTS:17 Neubrandenburg 9, Dresden 26, Karl-Marx-Stadt 264.

Versch[iedener] Art: Frankfurt 90, Dresden 10.

Die Hetzschriften wurden in den meisten Fällen sichergestellt und gelangten nicht in die Hände der Bevölkerung.

Verschiedentlich wurden gefälschte Telegramme versandt. So erhielten die Mathias-Thesen-Werft Wismar und der VEB Schiffselektrik Wismar, [Bezirk] Rostock, gefälschte Telegramme über die Rückkehr der Kinder aus dem Ferienlager.

Ein Genosse aus Pulsnitz, Kreis Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, erhielt ein gefälschtes in Dresden aufgegebenes Telegramm, wonach er am 28.7.1954 zum ZK der SED kommen sollte.

Terror

Am 23.7.1954, gegen 22.55 Uhr wurde der Leiter des VPKA (B) Volkswerft Stralsund, [Bezirk] Rostock, von fünf Jugendlichen angefallen und halb zu Boden geschlagen. Bevor er sich zur Wehr setzen konnte, waren diese Jugendlichen in der Dunkelheit verschwunden.

In letzter Zeit häufte sich eine gewisse provokatorische Tätigkeit unter den Jugendlichen von 14 bis 16 Jahren in Rerik, Kreis Doberan, [Bezirk] Rostock. Es wurden Fensterscheiben in Schulen eingeworfen, die Goethe-Büste aus der Schule entfernt, ein HO-Kiosk umgekippt, das Zeltlager der Jungen Pioniere mit Steinen beworfen und die Fahne vor dem Pionierhaus auf Halbmast gezogen.

Die Lage in Westberlin

Es wird weiterhin über den Fall Dr. John diskutiert. Dabei treten verschiedene Meinungen auf, die fast zu gleichen Teilen das Verhalten Dr. Johns bejahen, oder ablehnen. So äußerte z. B. ein Westberliner Tabakhändler: »Wieviel Steuergelder hat Kaiser18 dafür verwandt, um solche große Spionageorganisation19 aufzubauen und nun reißt sie Dr. John mit einem Schlag auseinander. Das ist gut so. Dieser John hat für uns das getan, was Molotow und Tschu En Lai in Genf für die ganze friedliebende Welt taten.«

Ein Leser des »Telegraf« sagte: »Ich habe immer gedacht, der Osten gibt an. Aber hier steht ja in meinem Blatt, dass das Verfassungsschutzamt seine Leute im Osten sitzen hat. Was suchen die denn drüben bei den Russen. Da ist es mir auch klar, warum sie im Osten so hart zupacken. Vor ein paar Tagen teilten sie mit, dass Dr. John verschleppt wurde und jetzt geben sie selbst zu, dass er rübergegangen ist.«20

Ein Verkäufer äußerte, dass Dr. John eventuell von Westberliner Seite rübergeschickt wäre, weil er in einer solch verantwortungsvollen Funktionen gestanden hat, um den Osten zu bluffen und um aus dem Osten etwas herauszubekommen. »Ich kann mir nicht vorstellen«, sagt der Verkäufer dann weiter, »dass Dr. John bei seinem großen Einkommen und privaten Eigentum es übers Herz gebracht hat, alles im Stich zu lassen.« Hierauf sagte ein anderer Westberliner: »Dr. John war doch ein Kommunist. Bei diesen Leuten geht es nicht um Geld, sie haben ja alles. Es geht hier um politische Machtfragen. Solche Leute sehen die Verhältnisse in Westdeutschland und Westberlin und alle Korruptionen und bleiben ihrer Idee treu.«

Anlage 1 vom 28. Juli 1954 zum Informationsdienst Nr. 2272

Hetzschriftenverteilung

Gegenüber den Vormonaten hat die Hetzschriftenverteilung zahlenmäßig stark nachgelassen. Die Verbreitung von Hetzschriften auf dem Gebiet der DDR mittels Ballons ist gegenüber dem Monat Juni im Juli 1954 um ca. 4/5 gefallen. Schwerpunkt bildet zzt. der Bezirk Potsdam mit größeren Ballonsendungen, in einem Fall u. a. mit ca. 40 000 kleineren Flugzetteln.

Die Verbreitung von Hetzschriften auf dem Postwege geschieht vor allem durch den »Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen«.21 In geringem Maße benutzt die »Widerstandsgruppe Mecklenburg« der KgU22 bzw. die KgU selbst den Postweg.

Gefälschte Schreiben, deren absendende Feindzentrale23 nicht bekannt ist, wurden seit der Volksbefragung nur gering festgestellt. In den meisten Fällen handelt es sich bei den verbreiteten Hetzschriften um älteres Material, welches sich mit bereits länger zurückliegenden politischen Problemen beschäftigt. Zu neuen Ausgaben von Hetzschriften kam es nur in Einzelfällen bei dem UFJ, der KgU, dem FDP-Ostbüro und dem »Internationalen Bund Freier Gewerkschaften«.24

Auswertung der Hetzschriften

KgU

Die »Widerstandsgruppe Mecklenburg« versendet an Gemeinderäte, LPG, Betriebe, Privatpersonen usw. im Bezirk Rostock Schreiben mit übelster Hetze gegen die Sowjetarmee. Es wird darin über angebliche Manöver der Sowjettruppen auf Rügen »im Raum östlich von Bergen, westlich von Binz bis zur südlichen Stresower Bucht« berichtet.25 Die Bauern wären aufgrund der Manöverschäden nicht in der Lage, ihr Soll zu erfüllen und zum Teil seien Wohnhäuser zerstört worden. Gleichzeitig wird in sehr grober Form gegen die Regierung der DDR gehetzt, da Eingaben bisher nicht geholfen hätten.

Die Empfänger werden aufgefordert, heimlich Widerstand zu leisten. Als Methoden werden die bereits bekannten Hinweise gegeben, wie z. B. Zucker in Benzin, Ölbüchsen von Maschinen mit Sand füllen, Bindfaden oder Draht über Telefonleitungen legen, Krankheiten vortäuschen, Briefe von VEB und Verwaltungen verschwinden lassen, Signaldrähte der Eisenbahn durchkneifen. Die KgU »warnt« davor, »offene Opposition« zu zeigen. Bei der Feindtätigkeit soll vorsichtig vorgegangen werden, dazu werden Ratschläge, wie z. B. zur Verhinderung von Fußspuren »Sackleinen mit Petroleum getränkt um die Füße wickeln«, gegeben.

Hetzschreiben mit der Überschrift »Du bist gemeint« werden von der »Widerstandsgruppe Mecklenburg« an Bürger der DDR gesandt, die wegen vorbildlicher Leistungen in unserer Presse erwähnt wurden. Ähnlich wie die in früheren Berichten angeführten Schreiben, sprechen die jetzigen Drohungen aus. Zum Schluss werden die Empfänger aufgefordert, passiven Widerstand zu leisten, aus dem später ein aktiver werden soll.

Zum Ergebnis der Volksbefragung26 nimmt die KgU in einem Flugblatt »Die Entlarvung des Volksbetruges« Stellung. In Fortsetzung der von allen Feindzentralen geübten Hetze gegen das Ergebnis der Volksbefragung gibt die KgU in dem Hetzblatt an, dass »40 bis 45 Prozent« der Bevölkerung der DDR »dagegen gestimmt« haben. Das Flugblatt schließt mit der Hetze, dass freie Wahlen nicht unter der Aufsicht der SED durchgeführt werden dürfen und mit der Forderung nach »Freien Wahlen«.

»Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen«

Im Rahmen der für bestimmte Bezirke bzw. Sachgebiete herausgegebenen Hetzschriften versendet der UFJ jetzt die Nr. 3 einer für den Bezirk Cottbus bestimmten Hetzschrift mit dem Titel »Lausitzer Freiheitsbote«. Darin werden u. a. folgende Probleme bzw. Ereignisse des Bezirkes Cottbus behandelt: Unter der Überschrift »Planerfüllung kostet Menschenleben« wird über Betriebsunfälle aus dem Kraftwerk der Grube »Friedenswacht« in Lauchhammer und dem VEB »Jonny Schehr«27 berichtet, wodurch sechs Arbeiter getötet worden sein sollen.

Die Hetze wird ausgedehnt auf Betriebe anderer Bezirke wie Kraftwerk »Karl Liebknecht« Bitterfeld, Kraftwerk des Kombinates Böhlen und das Kraftwerk Peenemünde. Die Unfälle seien alle bei einem bestimmten Typ von Kesseln vorgekommen und auf die Nichtbeachtung der Arbeitsschutzbestimmungen zurückzuführen. Die Betriebsleiter und andere verantwortliche Fachleute werden aufgefordert, die Inbetriebnahme »mangelhaft konstruierter Anlagen« abzulehnen.

Bericht über »riesige Waldbrände im Raum Elsterwerda – Hohenleipisch«28 im Mai 1954

Das Ausmaß des Waldbrandes wird stark übertrieben. Ziel des Artikels ist, die Verwaltung u. a. Institutionen verächtlich zu machen, da die Organisation des Einsatzes der Löschmannschaften nicht geklappt habe, die FDJ trotz Waldbrand ihre Kreisdelegiertenkonferenz durchführte, die Angestellten der Kreisverwaltung Liebenwerda trotz Waldbrand in die Sächsische Schweiz fuhren usw.

Die Verunglimpfung der Angestellten der Kreis- bzw. Gemeindeverwaltungen wird fortgesetzt mit kleineren Notizen unter der Überschrift »Was nicht in der ›Lausitzer Rundschau‹29 steht«, in denen von »Orgien, Unterschlagungen usw.« die Rede ist.

Unter der Überschrift »Parolen der ›Deutschen Selbsthilfe‹« werden die bereits bekannten Hinweise, wie z. B. »Nichtbeachtung der politischen Funktionäre« u. a., gegeben.

An personellen Veränderungen im Bezirk Cottbus werden genannt: Ablösung des Bezirksvorsitzenden der CDU, Besetzung der Dienststellen des SfS, Veränderungen bei den Kreisverwaltungen Calau, Jessen, Bad Liebenwerda.

Der »Informationsbrief« Nr. 52 des UFJ enthält Einzelmeldungen, die das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung der DDR untergraben sollen. Zur Verleumdung werden angeführt: »Nötigung von Bürgern durch das SfS«, »Verschärfte Maßnahmen gegen bürgerliche Kinder«, Korruptionsskandal in der »Verwaltungsstelle für Sondervermögen«, »Säuberung im Magistrat« u. a.30

FDP-Ostbüro

Von der Politik der LDPD handelt ein Hetzblatt mit der Überschrift »Nur zehn Zeilen …«. Darin wird auf die Ablösung Täschners31 als Generalsekretär der LDPD Bezug genommen.

Neben diesem Flugblatt und solchen älteren Datums werden an Kreisvorstände der LDPD in der DDR neue Hetzschriften mit der Überschrift »Von Hüben und Drüben« mit der Post versandt. Die Zeitschriften beschäftigen sich mit nationalen und internationalen Fragen, z. B. Genfer Konferenz, Kampf um die Einheit Deutschlands, Saarfrage,32 Wasserstoffbombe,33 Lage in der Weltwirtschaft u. a.

»Internationaler Bund Freier Gewerkschaften«

Das neuste Exemplar der Hetzschrift »Die Wahrheit von a – z« verleumdet den FDGB in mehreren Artikeln. »Die Charta der gewerkschaftlichen Rechte«34 wird kommentiert und u. a. als »gesetzlich durchgeführter Lohnraub« bezeichnet. Es heißt, dass in ihr neue Versprechungen gemacht würden, die nie gehalten werden. Die Verordnung über die Zusatzrente für alte und invalide Arbeiter von VEB35 wird dazu benutzt, von einer »Klassifizierung« der Arbeiter zu sprechen, da nur in bestimmten Betrieben diese Rente gewährt würde. Zum Abschluss heißt es, dass »dem FDGB staatliche Überwachungsfunktionen übertragen wurden«, aber kein Wort über die »Unabhängigkeit des FDGB« und über die Forderungen der Mitglieder des FDGB gesagt wurde.

Als »Forderungen« der Mitglieder des FDGB werden an anderer Stelle genannt: »Durch freie Wahlen zur Wiedervereinigung Deutschlands kommen, die Beseitigung des Systems der Zwangsarbeit für den sowjetischen Staat, Abreise der Kommunisten nach Moskau, Befreiung aller eingekerkerten Kollegen, Abschaffung des FDGB und Wiedererrichtung freier Gewerkschaften.«

Zur Beeinflussung der Arbeiter werden Auszüge aus angeblichen Entlassungsschreiben von VEB an Arbeiter zitiert, wonach Arbeiter wegen ihrer Diskussion im Betrieb oder wegen der Ablehnung des »Lohndrückens« entlassen worden seien.

Die Bestrebungen nach verstärktem Austausch von Arbeiterdelegationen zwischen Ost und West verleumdet die Hetzschrift, indem sie u. a. schreibt, dass KPD-Mitglieder aus Westdeutschland als Delegierte bestimmter Betriebe »getarnt« in die DDR fahren würden. Auf der anderen Seite würden aber die Arbeiter Westdeutschlands Diskussionen mit Delegationen aus der DDR ablehnen, mit dem Hinweis, dass eine Diskussion erst dann erfolge, »wenn in der Sowjetzone demokratische Zustände ihren Einzug halten würden und es den Arbeitnehmern in der SBZ möglich sei, in freiem und eigenem Entschluss freie und demokratische Gewerkschaftsorganisationen aufzubauen«.

In diesem Zusammenhang wird ein Beschluss des »3. ordentlichen Gewerkschaftstages der IG Chemie, Papier, Keramik«36 veröffentlich, in dem die Forderungen gestellt werden: »Entlassung politischer Häftlinge, Wiederherstellung des Streikrechtes, Vertrieb westdeutscher Gewerkschaftszeitungen, Gründung freier, unabhängiger Gewerkschaften und Zulassung demokratischer Parteien«. Der Hauptvorstand wurde beauftragt, »jegliche Annäherungsversuche der FDGB-Leitung und ihrer Untergliederungen zu ignorieren, solange diese Forderungen nicht restlos erfüllt sind«.

Die 3. Seite der Hetzschrift enthält eine Karte der DDR mit der Überschrift »Das Netz des SSD«. In ihr sind die Dienststellen des SfS, Wachregiment, Wachbataillone, Schule und Haftanstalten des SfS eingezeichnet.

Mit dem Absender »Völkischer Bund, Hauptgeschäftsstelle« werden an Bürger der DDR Schreiben gesandt, in denen ihre »Mitarbeit« abgelehnt wird, da sie positiv zur DDR stünden. Ihnen wird mitgeteilt, dass sie beim »nochmaligen Erscheinen … den Sicherheitsorganen« ausgeliefert werden.

Anlage 2 vom 27. Juli 1954 zum Informationsdienst Nr. 2272

Stimmung von Republikflüchtigen aus Westdeutschland

Viele Republikflüchtige bringen zum Ausdruck, dass sie sich die Verhältnisse in Westdeutschland ganz anders vorgestellt haben und jetzt sehr enttäuscht sind. Viele haben keine Arbeit und auch keine Wohnung. Teilweise äußern sie sich, dass sie jetzt einsehen, dass es ein großer Fehler war, die Deutsche Demokratische Republik zu verlassen, da sie sich jetzt überzeugt haben, dass die Menschen in der DDR besser leben als in Westdeutschland. Hierzu einige Beispiele.

Ein Arbeiter aus Rottweil: »Wir haben immer noch keine Arbeit und sind schon ganz verzweifelt. Gerade heute bin ich zur Kirche gegangen, da habe ich einen Gutschein über 5,00 DM für Lebensmittel und 5,00 DM in bar bekommen. Als Flüchtling bekommt man sehr schlecht Arbeit und mit 40 Jahren ist man sogar für die Fabrik schon zu alt. Sie nehmen nur 17- bis 20-Jährige, die sind billiger. Ja, in Gispersleben haben wir nicht gehungert, aber hier essen wir trocken Brot in schwarzen Kaffee eingeweicht. Nun haben sie uns eine große Wohnung gegeben und die Zimmer stehen leer da. Wenn einer Arbeit hätte, wäre alles halb so schlimm, aber so sind die Sorgen groß. Hoffentlich tritt bald eine Änderung ein.«

Ein Jugendlicher aus Dortmund: »Ich sitze hier in Dortmund ohne Arbeit und ohne Geld und ich weiß jetzt schon, dass es ein großer Fehler war, nach dem Westen zu gehen. Es ist hier absolut nicht rosig und die Menschen im Osten leben besser und glücklicher als hier.«

Ein Angestellter aus Bremen: »Wenn man sagt, dass die Menschen aus der DDR, die hier rüberkommen eigenartigerweise immer Glück haben, dass mag ja stimmen, auch ich kenne solche Fälle. Ich kenne aber noch mehr, die kein Glück haben und auf nervenzermürbende Art in die Zukunft schauen. Mein Weg zum Dienst führt mich täglich am Lager für Ostzonenflüchtlinge vorbei und teilweise kommt es auch zu Unterhaltungen. Es kommt natürlich auf den Grad der Not an, aber ich habe viele Male gehört: ›Wären wir bloß drüben geblieben‹.«

Ein Arbeiter aus Unterbirkholz: »Ich bin nicht mit überschwänglichen Hoffnungen hierher gefahren. Mir gefällt hier vieles nicht. Wenn ich irgendwie Chancen hätte, zurückzukehren, würde ich es tun. Hier gibt es nur kurzfristige Arbeitsmöglichkeiten, damit ist mir aber nicht gedient. Nach all dem, was ich hier gesehen und gehört habe, scheinen mir die Augen weit geöffnet zu sein. Die Zukunft liegt bei Euch.«

Ein Angestellter aus Bochum: »Als ich vor ungefähr [einem] ¾ Jahr die DDR verließ, so Hals über Kopf, war ich mir auf meiner Fahrt nach Berlin noch nicht bewusst, warum ich dies eigentlich tat, an erster Linie muss ich zugeben, dass ich unter Einfluss stand und mich hinreißen ließ, die Fahrt nach dem Westen unserer Heimat anzutreten. Jetzt bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass der wirkliche Staat, der für die Arbeiter und die Jugend etwas übrig hat, in der DDR besteht.«

Ein Arbeiter aus Stuttgart: »Ich spare jetzt schon für die Heimreise und schufte nur von früh bis spät, um etwas Geld mitzubringen. Hier sollte jetzt auch gestreikt werden, es ist ja kein Wunder, denn die Preise steigen und arbeiten muss man bis zum Verrecken. Die Bevölkerung würde die Amis und die ganze Regierung am liebsten zum Teufel jagen. Viele Firmen haben Schulden bis zum Stehkragen. Der Mittelstand wird systematisch ruiniert. Wenn ich nach Berlin komme, habe ich keine Lust wieder zurückzufahren. Ich habe dieses Zigeunerleben satt.«

Ein Arbeiter aus Westberlin: »So einfach ist es auch nicht, nach hier zu kommen. Du musst als Flüchtling anerkannt werden. Trotzdem würden sie dich hier aufnehmen, aber du bekommst keine Unterstützung, keine Arbeit und vor allen Dingen keine Wohnung. Wenn du politischer Flüchtling wärst, würdest du anerkannt werden, würdest aber trotzdem keine Wohnung bekommen, auch nach einigen Jahren nicht, denn hier sind die Wohnungsverhältnisse sehr schlecht.«

Ganz vereinzelt werden uns auch negative Stimmen bekannt. Darin äußert man, dass im Westen alles billiger ist und man alles haben kann, »auch bekommt man viel Spenden vom Ami«. Einige äußern sich dahingehend, dass in Westdeutschland alles anders ist und »vor allem hat man seine Freiheit«. Personen, die sich in dieser Form äußern sind meist nach Westdeutschland gegangen, um sich einer gerechten Strafe zu entziehen.

Ein Angestellter aus Bremen: »Die dortigen Verhältnisse in der Ostzone ekeln uns richtig an, dass wir es immer wieder bereuen, nicht früher diesen Weg gegangen zu sein. Es ist auch hier nicht alles so einfach und jeder hat seine Sorgen, aber man hat seine Freiheit und die ist mehr wert, als alles Geld und Gut. Ein Schauder überkommt einem, wenn man sich vorstellt, welchen Elementen man dort ausgeliefert war.«

Eine Hausfrau aus Berlin-Lichtenrade: »Als Ostzonenbewohner werden wir hier nicht mehr angesehen. Alles Spenden vom Ami die ›Wohnung‹, sie ist auch schon ganz schön eingerichtet. Es fehlt vorläufig nichts mehr. Hier ist es ja auch so billig. Ich kann gar nicht alles aufzählen. In die Schaufenster geht nichts mehr rein. Alles, alles kannst du haben und wie niedrig die Preise sind. Nein, das kann man sich nicht vorstellen, das muss man gesehen haben.«

Ein Jugendlicher aus Dortmund: »Ich wusste, dass es so kommen musste. Mein Grund, weshalb ich drüben weg bin, war der 17. Juni [1953], denn sonst wäre ich ja hier gar nicht anerkannt worden. Musste hier auch Zeugen bringen, die mit daran beteiligt waren. Man muss eben sehen, wie es weitergeht. Nach dem Osten kann ich auf keinen Fall mehr zurück, denn meine Sicherheit und mein Leben ist mir hier sicherer.«

Eine Angestellte aus Düsseldorf: »Die Banausen in der DDR haben mich nicht in Ruhe gelassen. Sollte über meine Haftzeit öffentlich vor der KVP sprechen und ähnliche Scherze. Außerdem war auch schon Polizei bei mir gewesen. Jetzt habe ich meine Ruhe.«

Anlage 3 vom 28. Juli 1954 zum Informationsdienst Nr. 2272

Anhang über Industrie

Produktionsschwierigkeiten sind in verschiedenen Betrieben wegen Materialmangel, schlechtem Material und Auftragsmangel zu verzeichnen. Im VEB Berliner Glühlampenwerk traten Schwierigkeiten in der Planerfüllung auf. Diese wurden durch Materialmangel hervorgerufen. So fehlten z. B. 7,7 t 20-mm-Messingblech und 1 250 t 25-mm-Messingblech. Außerdem fehlt es noch an Wellpappe zur Verpackung.

In den Bergbaubetrieben, [Bezirk] Cottbus, bestehen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Materialien für den Bau im BKW Gleisanlagen. So fehlen z. B. im BKW Senftenberg ca. 1 200 m Baggergleis und Schienenmaterial für Grubenwagen. Im BKW Seblitz, [Bezirk] Cottbus, ist ebenfalls ein Engpass an Fahrgleisschienen, von denen 10 000 m fehlen, zu verzeichnen. Hierzu müssen auch die entsprechenden Schwellen und das dazugehörige Kleineisen gerechnet werden. Im BKW »Franz Mehring«, [Bezirk] Cottbus, fehlt es an Schwellen und Schienen.

Im VEB Feinpapierfabrik Königstein, [Bezirk] Dresden, besteht ein Mangel an Spezial-Fotolacfixe. Von der DHZ Chemie Berlin wurden bisher nur 30 Prozent ausgeliefert. Diese sind restlos verbraucht. Ohne dieses Material ist die Herstellung von Fotopapieren nicht möglich.

Im VEB Filzfabrik Georgewitz, [Bezirk] Dresden, besteht ein Mangel an Haaren und Bürsten. Der Lieferbetrieb ist die DHZ Rohstoffe Röhrsdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt.

Im VEB Kabelwerk Meißen wird Klage geführt über die schlechte Qualität der Aluminium-Vorgussdrähte, die von den Elektro-Chemie-Werken Hettstedt und Bitterfeld geliefert werden. Ein weiterer Mangel in diesem Betrieb ist das Fehlen von Kabelisolierpapier.

Im Kreisbauhof Belzig, [Bezirk] Potsdam, besteht Material- und Ersatzteilmangel. Ebenfalls besteht ein Mangel an Zement, sodass auf den einzelnen Baustellen in den Bauarbeiten Stockungen entstehen.

Im Betonwerk Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, wurde bekannt, dass ein großer Mangel an Zement auftritt.

In der Elbewerft Boizenburg tritt ein Verzug des Kühlschiffbaues ein. Die Ursache liegt an der ungenügenden Zuteilung von Material der Isolier- und Kältetechnik in Berlin.

Vom VEB Jachtwerft Berlin wird über Auftragsschwierigkeiten berichtet. Im Sportbootsbau besteht zurzeit eine ungünstige Auftragslage. Es ist nur noch für einen Monat Arbeit vorhanden und zwar für den Monat August. Vom Direktor wurde im Einvernehmen mit der SED-Kreisleitung festgelegt, dass eventuell auch ohne vorhandene Aufträge weitergearbeitet wird, um Entlassungen im größeren Umfange zu vermeiden.

Anlage 4 vom 28. Juli 1954 zum Informationsdienst Nr. 2272

Stimmung aus Berlin über den Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten

Zur Begrüßung des Ministerpräsidenten Tschu En Lai auf dem Flugplatz Schönefeld waren verschiedene Delegationen aus Berliner Betrieben erschienen und umsäumten die Abfahrtsstraßen. Als Genosse Tschu En Lai in seinem Wagen die Straßen passierte, waren die Vorhänge geschlossen und die Kollegen hatten nicht die Gelegenheit, ihn persönlich zu sehen. Das löste bei ihnen eine schlechte Stimmung aus. Sie brachten zum Ausdruck, dass sie auch den hohen Gast sehen möchten, wenn sie sich zu dessen Begrüßung einfinden.

In der gleichen Form wird aus dem VEB Yachtwerft berichtet. 80 Kollegen waren nach Pankow gefahren, in der freudigen Erwartung, den Genossen Tschu En Lai zu begrüßen. Aufgrund des schnellen Tempos der Wagen konnten sie aber noch nicht einmal den Genossen Tschu En Lai wahrnehmen.

Mitarbeiter des Rates, vorwiegend parteilose Kollegen, hatten sich anlässlich des Empfanges des chinesischen Außenministers zur Spalierbildung in Pankow eingefunden, brachten empört ihr Missfallen zum Ausdruck, dass die Wagen mit großer Geschwindigkeit die Straßen passierten, sodass es nicht möglich war, dem Genossen Tschu En Lai zuzujubeln. Ein Kollege äußerte, dass er, wenn er ein Autorennen sehen wolle, nicht nach Pankow fahren brauche.

Dem Aufruf, die Kundgebung am 24.7.[1954] in der Werner Selenbinder-Halle zu besuchen, waren Tausende Einwohner Berlins gefolgt.37 Da man nicht bekannt gegeben hatte, dass der Eintritt nur auf Einlasskarten erfolgt, löste dies bei den Besuchern ohne Karten Verärgerung aus. Mehrere ältere Frauen brachten zum Ausdruck, dass es nicht richtig wäre, die Karten nur über die Betriebe zu verteilen, auch sie möchten gern an einer solchen Veranstaltung teilnehmen. Mehrfach wurde danach gefragt, nach welchem Modus die Eintrittskarten verteilt worden sind. Kurz vor Beginn der Veranstaltung wurden auch die Teilnehmer ohne Karten eingelassen. Dadurch war nicht mehr gewährleistet, dass Besucher mit Einlasskarten, die später kamen, ihre Plätze einnehmen konnten.

Während der Kundgebung herrschte bei den Teilnehmern eine große Begeisterung. Auf den meisten Straßen, die der chinesische Ministerpräsident passierte, wurde unter der Bevölkerung wenig über den Staatsbesuch diskutiert.

Ein Verkäufer eines Konsumgeschäftes aus Friedrichsfelde äußerte: »Ich freue mich, dass so ein hoher Gast in unserer Stadt ist. Ich bedauere nur, dass die Bevölkerung ihre Häuser nicht würdevoll schmückt, ja zum Teil nicht einmal eine Fahne heraushängt.«

Eine parteilose Mitarbeiterin vom Rat des Stadtbezirkes Lichtenberg: »Wenn der Außenminister Chinas gleich nach Abschluss der Genfer Verhandlungen, die Vietnam den Frieden brachte, […]38 so hat das seine Bedeutung. 600 Millionen Freunde sind eine Macht, die mithelfen wird, dass auch Deutschland den Frieden erhält.«

Im Bezirk Köpenick hatten sich viele Personen mit Blumen und Fahnen auf den Anfahrtsstraßen eingefunden, als bekannt wurde, dass Genosse Tschu En Lai das Transformatorenwerk Oberspree besuchte.39

Kraftfahrer, die bei der Durchfahrt der Regierungswagen ihre Fahrt unterbrechen mussten, hatten zum Teil aufgrund des nicht geschlossenen Vorbeifahrens eine Wartezeit von ca. 15 Minuten. Darüber waren sie verärgert und diskutierten negativ. Auch Straßenpassanten brachten verschiedentlich an den Sicherungsmaßnahmen mit solchen Auswirkungen ihr Missfallen zum Ausdruck.

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    29. Juli 1954
    Informationsdienst Nr. 2273 zur Beurteilung der Situation

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    27. Juli 1954
    Informationsdienst Nr. 2271 zur Beurteilung der Situation