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Besucher aus DDR und Ostberlin auf der »Grünen Woche«

30. Januar 1956
»Grüne Woche« (1. Bericht) [Information Nr. M28/56]

Nach Eröffnung der »Grünen Woche« am 27.1.1956 zeigt sich deutlich, dass neben der landwirtschaftlichen Ausstellung der Hauptzweck derselben vor allem in der propagandistischen Beeinflussung der Besucher aus dem Demokratischen Sektor und der DDR besteht. Die Feindzentralen1 entfalten eine große Aktivität, um mit Bewohnern der DDR Kontakt aufzunehmen. Dabei zeigt sich aber, dass nur wenige Personen die »Beratungsstellen« u. a. aufsuchen, obgleich der Anteil der Besucher aus dem Demokratischen Sektor und der DDR verhältnismäßig hoch ist. Im Einzelnen liegen zu folgenden Punkten Berichte vor:

  • I.

    Zahl und Stimmung der Besucher

  • II.

    Arbeit der Feindzentralen

  • III.

    Feindpropaganda

I. Zahl und Stimmung der Besucher

Die genaue Zahl der Besucher bis zum heutigen Tage kann nicht angegeben werden. Es wurde jedoch bekannt, dass zur Eröffnung der Ausstellung am 27.1.1956 gegen 13.00 Uhr ein starker Andrang bestand. Am Sonntag, dem 29.1.1956, war ein sehr starker Besuch, in den einzelnen Hallen war fast den ganzen Tag über ein Schieben und Drängen durch die Vielzahl der Menschen. Die Westberliner »BZ« beziffert die Zahl der Besucher in den ersten drei Tagen der Ausstellung mit 88 000 Personen.2

Über den Besuch von Bürgern der DDR und des Demokratischen Sektors wird bekannt, dass am Eröffnungstage schätzungsweise zwei Drittel der Besucher aus der DDR und dem Demokratischen Sektor kamen. Eine direkte Anfrage an einer »Ostkasse« brachte sogar die Behauptung, dass das Verhältnis 9 : 1 sei. Am Sonntag, dem 29.1.1956, wurde das Verhältnis der Besucher aus der DDR, dem Demokratischen Sektor und Westberlin bis 13.00 Uhr mit ca. 1 : 3, ab 13.00 Uhr aber mit 4 : 1 geschätzt. Während die Abfertigung an den sechs Westkassen reibungslos vor sich ging, standen vor den sechs »Ostkassen« (insgesamt 12 Schalter), wo die Eintrittskarten nur gegen Personalausweise für 1,00 DM der DNB ausgegeben wurden, unübersehbare Schlangen von Besuchern. Die bäuerlichen Besucher werden mit ca. 20 % angegeben.

Die landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte erwecken großes Interesse bei den Besuchern, aber sehr oft kommt es zu der Äußerung: »Prima Maschinen, aber für uns zu teuer, wenn man den Preis umrechnet.« Ein Besucher aus Sachsen äußerte, dass es bei ihm schon Tradition sei, die »Grüne Woche« zu besuchen. Er wäre über die guten landwirtschaftlichen Maschinen erstaunt; frage sich aber nur, wer denn die bezahlen soll.

Westberliner brachten oft ihre Empörung darüber zum Ausdruck, dass der Eintrittspreis für sie auf 1,50 DM der Bank deutscher Länder erhöht wurde, während die Besucher aus der DDR und dem Demokratischen Sektor nur 1,00 DM der DNB zu bezahlen brauchen. Besucher aus der DDR und dem Demokratischen Sektor dagegen waren verärgert, dass sie keine Verzehrbons erhielten und ihr Geld nach dem hohen Westkurs tauschen mussten.

II. Arbeit der Feindzentralen

Im Ausstellungsgelände bzw. in unmittelbarer Umgebung sind folgende »Beratungsstellen« eingerichtet:

  • »UfJ«3

  • SPD

  • DGB

  • »RIAS«

  • »BBC London«

  • Landjugend

  • »Westberliner Jugendforum«

  • »Falken«4

  • Westberliner Parteien und Abgeordnetenhaus

  • Landfrauen

  • Auswanderstelle Kanada

Mehrfach wurde beobachtet, dass die Besucher innerhalb des Geländes von einzelnen umherstehenden Personen angesprochen wurden. Verschiedentlich werden die Hetzschriften durch junge Männer ausgehändigt. Dabei wird das Material oft mit dem Bemerken abgelehnt, man könne es doch nicht mit nach »drüben« nehmen. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass an den Sektorengrenzen keine Kontrollen unserer Organe stattfanden, ob Hetzmaterial in den Demokratischen Sektor mitgebracht wird. Am Sonntag wurde ein starkes Polizeiaufgebot, u. a. auch weibliche Kriminalpolizei, innerhalb des gesamten Geländes festgestellt.

Aus den einzelnen Beratungsstellen wird noch Folgendes bekannt:

  • »UfJ«: Die »Beratungsstelle« befindet sich im Hotel »Haus Tannen« am Karolingerplatz.5 Sie wurde bei einer einstündigen Beobachtung von 10 bis 15 Personen aufgesucht.

  • SPD: Die »Beratungsstelle« befindet sich in einem Zimmer des Durchganges zwischen der Halle VIII und IX. Vor dem Eingang stehen ein bis zwei männliche Personen sowie ein patrouillierender Stupo.6

  • DGB: Kein geschlossener Beratungsraum, sondern nur ein Stand mit Broschüren.

  • RIAS: Auskunftsstellen befinden sich in verschiedenen Hallen. Am Ende der Halle I wird nur immer eine Person in den Raum eingelassen. U. a. zeigt der RIAS Lichtbilder. Bei der Nachfrage nach einem landwirtschaftlichen Fachbuch wurde eine Person aufgefordert, in den nächsten Tagen im Funkhaus vorzusprechen. Zu diesem Besuch sei ein Kennwort und eine Deckadresse mitzubringen.

  • »Falken«: An der Halle VII ist ein Reiseomnibus aufgestellt. Es werden Broschüren, Bücher und Fahrkarten für eine Stadtrundfahrt mit Besichtigung vom Sender »Freies Berlin«, AEG u. a. verteilt. Die Personalien der Besucher wurden festgehalten. Außerdem wird für die Beteiligung an einem Jugendpreisausschreiben geworben.

  • Westberliner Parteien und Abgeordnetenhaus: Männliche Personen im Alter von 20 bis 25 Jahren sprachen Besucher an und führten sie dann in die zwischen den Hallen VII und IX gelegene »Beratungsstelle«. Ein Jugendvertreter gab Besuchern aus der DDR den Rat, im Falle einer Aufforderung, die Verpflichtung zur Volksarmee zu unterschreiben, dann aber notfalls zu »türmen«. Dabei soll die Redaktion »Freie Junge Welt« aufgesucht werden.7 Vor der Beratungsstelle befinden sich zwei Polizisten sowie ein Zivilist.

  • »Landfrauen«: In der »Sachsenhalle« werden Frauen angesprochen und zum Kaffee eingeladen. Die Halle IXa ist nur für Besucher aus der DDR – nicht für Berliner – bestimmt. Sie darf nur einzeln nach Vorzeigen des Wohnortes im DPA betreten werden. Viele Besucher werden abgewiesen. Angeblich8 erhält jeder Besucher ein Paket Nägel. Besucher verließen teilweise kopfschüttelnd diese Halle und äußerten u. a.: »das sei doch unverschämt.«

III. Feindpropaganda

Neben der Vielzahl der Werbeprospekte und Fachliteratur werden Hetzschriften in größeren Mengen verteilt. Zum anderen erhalten Besucher noch Hinweiszettel für die einzelnen Beratungsstellen.

Zur Verteilung kamen bisher folgende Hetzschriften

  • Von der »Tarantel« – Der »Produktionsgenosse«. Illustrierte Hetzschrift mit übelster Hetze gegen die SU, DDR und leitende Genossen.9

  • Broschüre »Bauern auf der Flucht.« Hetze zur Republikflucht, wobei besonders die »Fluchtgründe« hervorgehoben werden.10

  • »ABZ – Mitteldeutsche Arbeiter- und Bauernzeitung«, Herausgeber: DGB. Hetze zu verschiedenen Problemen. Besonders für die Landwirtschaft abgestimmt.11

  • »Der Bauernbrief« des UfJ. Hetze gegen Landwirtschaft der DDR und Hinweise zu den Beschlüssen des 25. Plenums des ZK in der Landwirtschaft.12

  • Zeitung »Landjugend«, Herausgeber: »Freie Junge Welt«. Hetze zu verschiedenen politischen Problemen.13

  • Broschüre: »Die Eingliederung des heimatvertriebenen Landvolkes«.14 Erläuterung des »Bundesvertriebenengesetzes« u. a.15

  • »Freie Welt«, Sonderausgabe zur »Grünen Woche« 1956. Herausgeber: DGB, Hetze zu verschiedenen politischen Problemen. Bekanntgabe der RIAS-Sendezeiten und Wellenlängen.16

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    31. Januar 1956
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