Direkt zum Seiteninhalt springen

Besucher und Aussteller aus DDR und Ostberlin auf der »Grünen Woche«

27. März 1956
»Grüne Woche« vom 27. Januar bis 5. Februar 1956 in Westberlin [Information Nr. M71/56]

I. Ziel der »Grünen Woche«

Die Vorbereitung, Ausgestaltung und Durchführung der »Grünen Woche« zeigte ganz deutlich, dass sie als landwirtschaftliche Ausstellung nur eine untergeordnete Rolle spielte. Sie verfolgte vielmehr den Zweck, einen größeren Personenkreis aus der DDR und dem demokratischen Sektor von Berlin unmittelbar der feindlichen Propaganda auszusetzen und Kontakte zur Werbung neuer Agenten aufzunehmen. Die Zielsetzung zeigt sich schon ganz offensichtlich in der Bevorzugung von Besuchern aus der DDR und dem demokratischen Sektor (z. B. verbilligte Eintrittspreise, besondere Veranstaltungen »Nur für Ostbesucher« u. a.), kommt aber auch in den Äußerungen verschiedener Personen bzw. des RIAS zum Ausdruck. Z. B. sagte ein Aussteller für Ackergeräte: »Wenn ihr Euch auch nichts kaufen könnt, unser Zweck ist, dass wir mit den Leuten aus der DDR Kontakt halten.«

RIAS sagte am 6.2.1956: »… Es wird vielfach betont, dass diese Ausstellung doch ein Politikum ist, dass so also die Landmaschinen von der Industrie hierherkommen, um den Landsleuten aus der sowjetischen Besatzungszone den Fortschritt der Bundesrepublik zu zeigen und das wird besonders natürlich in diesem Jahr betont, weil eine gewisse rückläufige Besucherzahl gewesen ist. Man sagt, dass damit eigentlich die damit verbundenen Erwartungen erfüllt sind, denn das Gespräch mit den Landsleuten aus Mitteldeutschland hat stattgefunden und wir hoffen zuversichtlich, dass man auch im nächsten Jahr wieder der ›Grünen Woche‹ treu bleiben wird …«

II. Die Beeinflussung der Besucher der »Grünen Woche«

Die Beeinflussung der Besucher der »Grünen Woche« erfolgte auf verschiedenartigste Weise, wobei die Einflussnahme auf die Besucher aus der DDR und dem demokratischen Sektor im Vordergrund stand. Neben dem Ansprechen der Besucher in Hinsicht auf die Landwirtschaft bediente man sich aber vor allem anderer »propagandistischer« Mittel, um die Besucher zu beeinflussen. Im Einzelnen wurde dazu hauptsächlich Folgendes festgestellt:

Die ausgestellten modernen Maschinen und Geräte sollten die »Überlegenheit« Westdeutschland gegenüber der DDR dokumentieren. Außerdem konzentrierte man sich vor allem auf hochentwickelte Klein- und Kleinstmaschinen, um die werktätigen Einzelbauern der DDR zu beeinflussen. Besonderen Wert hatte man auch auf die Ausrüstung der Landküchen, besonders mit Elektrogeräten und auf praktische Kleidung für Landfrauen gelegt. Die Besucher wurden auch mit einem großen reichhaltigen Angebot an Massenbedarfsgütern überschüttet, wobei es durch Vorführungen und Kostproben gelang, die Menschen immer wieder zu interessieren. Zu Käufen kam es jedoch infolge der hohen Preise nur ganz vereinzelt. Das Maschinenangebot wird durch eine Vielzahl von Prospekten unterstützt. In großem Maße bot man auch Fachbücher an, die zum Kurs 1 : 1 verkauft wurden. Z. B. hatte die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft1 einen starken Absatz zu verzeichnen.

Auch mit Fachvorträgen für Geflügelzüchter und für Landschaftspflege, mit Reit- und Springturnieren wurde versucht, für die »Grüne Woche« Interesse zu erwecken. Bei den Reit- und Sprungturnieren zeigte sich, dass schon mehrere Stunden vor Beginn die Karten für »Ostbesucher« ausverkauft waren. Für Westberliner wurden zu diesem Zeitpunkt nur noch Karten für 8 bis 12 Westmark angeboten.

Bemerkenswert ist, dass auch Aussteller aus der DDR und dem demokratischen Sektor Hühner und Tauben ausstellten. Insgesamt wurden 14 bekannt (siehe Anhang).

Von den verschiedensten Institutionen wurden Einladungen an Bürger der DDR versandt, welche konfisziert werden konnten. Z. B.

  • Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft: 75 Einladungen;

  • Privatzüchter, Händler, Fabrikanten, Ersatzteilvertretungen aus Westberlin: ca. 200 Einladungen;

  • Landesverband der Wirtschaftsgeflügelzüchter e.V. Berlin-Charlottenburg: ca. 30 Einladungen;

  • Fa. Helmut Rückrieme,2 Berlin-Mariendorf, Einladungen zur Samenschau: 300 Einladungen.

Neben dem bisher berichteten gab es aber eine große Zahl anderer Propagandamethoden, die nichts mehr mit Landwirtschaft zu tun hatten und nur der Beeinflussung und Hetze gegen die DDR und die Sowjetunion dienten. Diesem Zweck diente vor allem eine Schau, in der gleich an dem Eingang der Ausstellung gestalteten sogenannten »Ehrenhalle«. Anhand von Bildmaterial und Zahlenaufstellungen wurden »Vergleiche« zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR und Westdeutschland gezogen, die alle zugunsten Westdeutschlands ausfielen. Neben der landwirtschaftlichen Entwicklung, wobei besonders für die »freie Wirtschaft« agitiert wurde, wurde der Lebensstandard, die Ernährung u. a. behandelt, wobei mehrfach Ausführungen der Genossen Ulbricht und Grotewohl auf dem 25. Plenum des ZK falsch dargestellt wurden.3 Durch viele Hinweise auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete – z. B. durch Darstellung der »verlorenen landwirtschaftlichen Erträge« – sollte der »Revanche«-Gedanke geweckt werden. Gefälschte Darstellungen des Handels der Sowjetunion mit den Volksdemokratien enthielten Hetze gegen die Sowjetunion.

Die größte Hetze wurde mit der sogenannten »Nagelspende« entwickelt, die den »Zusammenbruch« des sozialistischen Aufbaues in der DDR demonstrieren sollte. Zu diesem Zweck wurden in der Halle IXa an Besucher aus der DDR (nicht an Berliner) gegen Vorzeigen des Wohnortes im Personalausweis Pakete mit Nägeln ausgegeben. Die Ausgabe erfolgte verschiedenartig. Meist fanden keine Gespräche mit den Empfängern statt, nur vereinzelt kam es zu Diskussionen. Ein Notieren der Anschriften wurde nicht festgestellt. Die Nagelausgabe wurde ziemlich geheimnisvoll durchgeführt. U. a. wurde Personen, die sich an der Halle IXa aufhielten, erklärt, »man sähe es nicht gern, wenn sich hier jemand längere Zeit aufhält«.

Weitere Methoden, die Menschen zu interessieren und anzusprechen, waren

  • Verkauf von Briefmarken,

  • Wechselstuben auf dem Gelände der Ausstellung,

  • Rundfahrten in Westberlin,

  • Lesestuben im »Marshallhaus«.4

III. Die Tätigkeit der Feindzentralen5

a) Verbreitung von Hetzschriften

Die »Grüne Woche« wurde im großen Maße zur Verteilung von Hetzschriften ausgenutzt. Schon vor dem Ausstellungsgelände und dann vor allem innerhalb wurden Hetzschriften der verschiedensten Art verteilt. Nachdem sie anfangs stoßweise vergeben wurden, verteilte man die Hetzschriften in den letzten Tagen einzeln, wobei nach dem 2.2.1956 Jugendliche fast nichts mehr erhielten.

Die Hetzschriften kamen von sämtlichen Feindzentralen und enthielten übelste Hetze gegen die DDR und die Sowjetunion in der bereits bekannten Art, wobei man sich noch besonders mit Fragen der Landwirtschaft beschäftigte. Erwähnt werden muss ein Hetzblatt mit der Überschrift »Im Namen des Volkes«, welches Auszüge aus einer Rundfunkansprache Ernst Scharnowskis6 gegen die Verurteilung der Agenten Held und Rudert brachte.7 In der von der CDU herausgegebenen Hetzschrift »Bauernwacht für Mitteldeutschland« war eine Karte eingelegt, die u. a. die Aufforderung enthielt: »Bitte geben Sie uns Anschriften auch ›fortschrittlicher‹ Landsleute an, die Aufklärung brauchen oder wünschen!«8 Die »Vereinigung politischer Ostflüchtlinge«9 empfahl den »Ostbesuchern« der »Grünen Woche« auf Hetzzetteln, über ihren Besuch der Ausstellung zu schweigen.

b) Tätigkeit der »Beratungsstellen«

Auf der »Grünen Woche« bzw. in unmittelbarer Nähe waren folgende »Beratungsstellen« eingerichtet:

  • »UfJ«10

  • SPD-Ostbüro11

  • DGB-Ostbüro

  • »RIAS«

  • »BBC London«

  • Landjugend

  • »Westberliner Jugendforum«

  • »Falken«12

  • Westberliner Parteien

  • Landfrauen

  • Auswandererstelle Kanada

Der Besuch der einzelnen »Beratungsstellen« war unterschiedlich und wies auch zu verschiedenen Tageszeiten und Tagen Schwankungen auf. Folgende Beobachtungen wurden gemacht:

  • UfJ:

    • 27.1.1956, gegen 12.00 Uhr: in ca. 20 Minuten zwei Besucher;

    • 31.1.1956, 12.15 bis 13.30 Uhr: zehn Besucher mit ca. 10 bis 15 Minuten Aufenthalt;

    • 31.1.1956, 15.30 bis 16.30 Uhr: keine Besucher;

    • 1.2.1956, 14.00 Uhr: lebhafter Besuch. 16.00 bis 17.00 Uhr: Fünf Besucher. Gegen 17.00 Uhr war der 160. Besucher zu verzeichnen. Beim Verlassen der »Beratungsstelle« saßen 14 bis 15 Personen im Warteraum.

    • 5.2.1956, gegen 14.00 Uhr: in ca. zehn Minuten vier Besucher;

  • Falken: 1.2.1956, gegen 13.00 Uhr: vier Jugendliche zur Omnibusfahrt anwesend;

  • Marshallhaus: 23.1.1956, 14.00 Uhr, Lesehalle: für ca. 400 bis 500 Personen voll besetzt.

Da sich alle Beratungsstellen – außer UfJ – innerhalb des Ausstellungsgeländes befanden, war die Beobachtung der Besucher erschwert.

Mehrere Organisationen boten Kaffee, Zigaretten u. a. an (z. B. »Beratungsstelle für Landfrauen«, Westberliner Parteien), um die Besucher in ihre Beratungsstellen zu locken und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Es konnte beobachtet werden, dass sich mehrere Personen »Rat« wegen einer eventuellen Republikflucht holten. Dabei wurde mehrfach angeraten, »auszuhalten« bzw. nur in dringendsten Fällen nach Westdeutschland zu gehen, d. h. wenn die Anerkennung als »politischer Flüchtling« wahrscheinlich ist.13 Zum anderen wurden folgende Ratschläge für eine eventuelle Werbung zur Volksarmee14 gegeben: Freistellung vom Betrieb erwirken (Facharbeitermangel), ärztliches Attest – aber nur vom Privatarzt – besorgen, wenn alle Maßnahmen nicht helfen: Republikflucht.

Ab 30.1.1956 wurde von den Feindzentralen über die Lautsprecheranlage der Ausstellung wie folgt »gewarnt«: »Ostbewohner! Ostberliner! Achtet bei Gesprächen auf Ostagenten!«

Aus den einzelnen Beratungsstellen wurde noch Folgendes bekannt:

UfJ

Ein Ratsuchender wurde aufgefordert, zur weiteren Auskunftserteilung zur Limastraße 29 zu kommen und dort auch Material zur Verteilung abzuholen. Eine andere Person wurde an einen gewissen Krebs verwiesen. Ein Berater der »demokratischen Parteien« (Pfalzgraf)15 verwies »Ratsuchende« an einen gewissen Wetzel beim UfJ. Außerdem wurde noch ein Dr. Zeitzer (ca. 60 Jahre, im Dezember 1955 als Kriegsverurteilter entlassen) bekannt.

»Beratungsstelle« der Westberliner Parteien

Es bestand besonderes Interesse für Parteizugehörigkeit, berufliche Tätigkeit, Gehalt und Lohn der Besucher. Es wurde auch festgestellt, dass Besucher, die die »Beratungsstelle« verließen, beobachtet wurden, ob sie allein waren. Besucher wurden zur weiteren »Beratung« zur Limastraße 31 verweisen.16 Ein gewisser Marschner von der CDU gab die Auskunft, sich bei Republikflucht wegen Werbung zur Volksarmee beim »Senator für Ostfragen« im Arbeitsamt Kochstraße zu melden und sich auf Marschner zu berufen. Ein gewisser Dr. Remsheimer sagte einem Kraftfahrer des DKV Berlin, der wegen Arbeitsaufnahme fragte, dass er in Westdeutschland Arbeit findet. Er erklärte dann weiter: »Der Staat, d. h. die Regierung, ist ihnen und uns im Wege. Also sieht sich der Westen gezwungen, dem Osten, d. h. der Bevölkerung zu helfen. Uns sind aber die Hände gebunden und wir können das nur, indem wir der Wirtschaft schaden, denn aus der Wirtschaft schöpft ein Staat die Kraft. Aus dem Grunde versuchen wir, die Arbeitsweise der Betriebe kennenzulernen und können dann unsere Maßnahmen treffen, wie auch beim DKV. Ich hoffe, ihnen ist ein Licht aufgegangen.«

»Die Falken«

Es wurde für die 4. Sozialistische Jugendrevue am 18.3.1956, 11.00 Uhr, im Corso-Theater17 geworben. Kartenverkauf ab 20.2.1956 (Karte á 2,00 DM der DNB).

Ein Vertreter der »Beratungsstelle der sozialistischen Jugend« führte am 12.2.1956 in einer Sendung über den RIAS zum »Erfolg« der »Grünen Woche« Folgendes an: Es wären ca. 3 200 (d. h. 700 mehr als im Vorjahr) Besucher in ihrer »Beratungsstelle« gezählt worden. Ursache dazu sei, dass mit vielen Jugendlichen im Laufe des Jahres Kontakt aufgenommen worden wäre, den sie jetzt erneuert hätten. Die Hauptpunkte der Aussprachen mit den Jugendlichen seien gewesen:

  • 1.

    Werbung zur Volkspolizei und Volksarmee;

  • 2.

    Berufsmöglichkeiten in Westdeutschland;

  • 3.

    Nachfrage nach guten Büchern;

  • 4.

    Möglichkeit der Ferienreise in die Bundesrepublik.

Die Sendung schließt mit der Angabe, dass man versuchen werde, »auf der nächsten Industrieausstellung im Herbst des Jahres die Arbeit auf diesem Sektor noch wesentlich zu verstärken«.

c) Methoden der Kontaktaufnahme

Hauptsächlich wurden Besucher durch Handzettel oder durch persönliches Ansprechen in die »Beratungsstellen« eingeladen. Jugendliche wurden durch ein Preisausschreiben angelockt. Bei dem Geschicklichkeitsfahren mit Traktoren musste ein Schein mit den Personalien ausgefüllt werden. In der Lesehalle des »Marshallhauses« wurden von Angehörigen des »Bundes Deutscher Maiden« Buchbestellungen entgegengenommen. Die Bücher sollten dann über eine Deckadresse an den Besteller gelangen. Der »Bauernverband Berlin« warb unter den Besuchern aus der DDR und dem demokratischen Sektor neue Mitglieder, die beitragsfrei blieben. Die Interessenten mussten eine Karteikarte ausfüllen und wurden dann in einen abgetrennten Raum geführt.

d) Werbung von Arbeitskräften für Westdeutschland und zur Auswanderung

In mehreren Fällen wurden Jugendliche angesprochen, zum Bergbau nach Westdeutschland zu kommen. Mittels Prospekten wurde für Auswanderung nach Kanada geworben. Außerdem wurden an einem Stand der Halle IV Auskünfte dazu erteilt und empfohlen, die Visum-Abteilung der Kanadischen Botschaft in Berlin-Zehlendorf, Schützallee 27–29 aufzusuchen.

IV. Die Besucher aus der DDR und dem demokratischen Sektor von Berlin

Aus den vorliegenden Berichten geht übereinstimmend hervor, dass der Anteil der Besucher aus der DDR und dem demokratischen Sektor verhältnismäßig groß war. Ausgehend von den einzelnen Wochentagen schwankt der Anteil schätzungsweise zwischen 40 und 60 %. Die Westberliner Zeitung »MontagsEcho«18 schreibt, dass ca. 304 000 Personen die »Grüne Woche« besuchten und meldet davon 138 000 »Ostbesucher« (das sind 45 %). Entsprechend des offiziellen Charakters der Ausstellung überwog der Anteil der Landbevölkerung, aber auch Arbeiter, Angestellte, Angehörige der Intelligenz, selbstständige Gewerbetreibende, Handwerker, Rentner, Hausfrauen u. a. wurden festgestellt, wobei letztere vorwiegend aus dem demokratischen Sektor von Berlin kamen.

Anhand der Registrierung von Personen, die von der »Grünen Woche« kamen oder diese besuchen wollten, ist festzustellen, dass bezirksmäßig gesehen, Potsdam mit ca. 40 % (an den einzelnen Tagen schwankend) an der Spitze steht. Eine größere Besucherzahl kam auch aus den Bezirken Frankfurt/O. (ca. 7 %), Cottbus und Dresden (mit je ca. 5 %), der Anteil an der Gesamtsumme der registrierten Personen beträgt bei Magdeburg und Halle je 4 %, bei Schwerin und Leipzig je 2 %, während alle anderen Bezirke einen geringen Anteil aufwiesen. Bezüglich der Zusammensetzung der Besucher wurde festgestellt, dass der Besuch meist einzeln erfolgte, d. h. Ehepaare, teilweise mit Kindern, während größere Gruppen nur vereinzelt festgestellt wurden.

  • Z. B. besuchten am 29.1.1956 eine Gruppe Mitglieder der »Jungen Gemeinde« aus Berlin-Weißensee die »Grüne Woche«.

  • Am 3.2.1956 besuchten ca. 15 Jungen im Alter von elf bis zwölf Jahren unter Leitung einer älteren Person die »Grüne Woche«. Aus den Gesprächen der Kinder war zu entnehmen, dass es sich um eine 6. Klasse aus Berlin-Treptow handelt.

  • Am 3.2.1956 besuchten 20 leitende Angestellte des VE-Gestütes Neustadt, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, unter Führung des Betriebsleiters die »Grüne Woche«. An dem Besuch beteiligte sich auch ein Mitglied der Kreisleitung der SED Kyritz. Angeblich erhielt das Gestüt eine gefälschte Einladung durch das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft.

  • Vom 28.1. bis 29.1.1956, 18.00 Uhr, wurden von den Organen der Grenzpolizei am Kontrollpassierpunkt Erkner 32 Schüler der Traktoristenschule Fürstenwalde festgehalten und dem zuständigen VPKA übergeben. Ein Teil der Schüler kehrte bereits vom Besuch der »Grünen Woche« zurück und war im Besitz der »Nagelspende«. Durch entsprechende Maßnahmen konnte verhindert werden, dass weitere Schüler wie beabsichtigt, nach Westberlin fuhren. (Die Lehrgangsteilnehmer fuhren einzeln oder in Gruppen bis zu drei Personen.)

  • Am 30.1.1956 besuchten 20 Berufsschüler aus Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, während der Schulzeit die »Grüne Woche«. Die Schüler wollten dies geheim halten und bedrohten andere, die eventuell etwas erzählen, mit Schlägen.

Die Stimmung und das Verhalten der Besucher der »Grünen Woche« weist einige charakteristische Merkmale auf:

  • a)

    Für die ausgestellten Maschinen und Geräte bestand großes Interesse. Oftmals war die Bewunderung verbunden mit einer Ablehnung der landwirtschaftlichen Geräte in der DDR. Nicht selten kam es dabei zu abfälligen Äußerungen gegen die DDR. Es wurde aber auch gesagt, dass die landwirtschaftliche Ausstellung nicht befriedigte. Z. B. äußerte sich ein 19-jähriger Mann: »Hätte ich das gewusst, hätte ich nicht das viele Fahrgeld ausgegeben.«

  • b)

    Bezüglich der Maschinen trat aber auch immer wieder die Meinung auf, dass sie zu teuer seien und sie doch niemand bezahlen könnte. Andererseits hörte man Äußerungen wie: »Wir können die Maschinen doch nicht mit nach drüben nehmen.« Standinhaber brachten ihre Enttäuschung über mangelnde Geschäftsabschlüsse zum Ausdruck.

  • c)

    Allgemein zeigte sich eine Zurückhaltung in politischen Gesprächen. Beim Ansprechen erfolgte selten eine Antwort und es war fast nicht möglich, mit Besuchern aus der DDR innerhalb des Ausstellungsgeländes in ein Gespräch zu kommen.

  • d)

    Die in großem Maße verbreiteten Hetzschriften wurden verhältnismäßig wenig beachtet. In den meisten Fällen wurden sie nach kurzem Betrachten wieder weggeworfen. Nur vereinzelt wurde beobachtet, dass man Hetzschriften in Taschen oder der Kleidung versteckte, um die mit in die DDR zu nehmen.

  • e)

    Beim Betreten von »Beratungsstellen« u. Ä. vergewisserte man sich sehr oft, ob man beobachtet wurde.

  • f)

    Es wurde festgestellt, dass zahlreiche Bürger der DDR Verschiedenes unternahmen, um unkontrolliert bzw. unbehindert zur »Grünen Woche« zu kommen. Hauptsächlich erfolgte die Fahrt nach Berlin auf der Eisenbahn. Nur in den Randgebieten Berlins wurde teilweise das Fahrrad benutzt. In zahlreichen Fällen wurden die Fahrkarten nach Berlin nicht vom Heimatbahnhof gelöst, sondern es erfolgte ein Nachlösen auf Zwischenbahnhöfen. Vor allem in den nördlichen Gebieten der DDR wurden Fahrkarten über Berlin hinaus, z. B. Königs Wusterhausen u. a., gelöst. Mehrfach wurde auf Befragen angegeben, dass man Verwandte besuchen will.

V. Gegenmaßnahmen unserer Staatsorgane und ihre Ergebnisse

a) Die Verhinderung des Besuches der »Grünen Woche« und die Kontrolle der zurückkehrenden Personen

Personen auf der Fahrt nach Berlin wurden bei Bekanntwerden eines beabsichtigten Besuches der »Grünen Woche« in ihre Heimatorte zurückgeschickt und davon die zuständigen VPKA verständigt. Bei der Rückkehr von der »Grünen Woche« erfolgte Registrierung und ggf. Sicherstellung von Hetzmaterial u. a. Um einen Besuch der »Grünen Woche« im größeren Umfang zu verhindern, wurden der Fahrkartenverkauf der Reichsbahn nach Berlin eingeschränkt.

Von den Organen der DVP, Grenz- und Transportpolizei wurden über 50 000 Personen kontrolliert, bei denen der Verdacht bestand, dass sie die »Grüne Woche« besuchten oder besuchen wollten. Von diesen wurden 10 108 Personen durch die DVP und Trapo registriert. Sie gliedern sich wie folgt auf die einzelnen Bezirke auf:

  • Potsdam: 3 077 Personen

  • Berlin: 1 755 Personen

  • Dresden: 972 Personen

  • Cottbus: 716 Personen

  • Frankfurt/O.: 690 Personen

  • Halle: 538 Personen

  • Magdeburg: 500 Personen

  • Leipzig: 353 Personen

  • Karl-Marx-Stadt: 338 Personen

  • Neubrandenburg: 316 Personen

  • Schwerin: 293 Personen

  • Erfurt: 223 Personen

  • Gera: 187 Personen

Von den registrierten Personen wurden 232 Personen festgestellt, die bereits im vorigen Jahr die »Grüne Woche« besuchten. Diese Zahl wird sich im Laufe weiterer Ermittlungen vermutlich noch erhöhen. Die Gegenmaßnahmen unserer Organe trugen mit dazu bei, dass die Besucherzahl der »Grünen Woche« gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von ca. 208 000 Personen aufwies. Die Westpresse schreibt, dass der Besucherrückgang auf den ungewöhnlichen Kälteeinbruch und auf die verschärften Grenzkontrollen zurückzuführen ist.

b) Zuführungen und Festnahmen

Im Zusammenhang mit der Aktion »Grüne Woche« erfolgten 1 195 Zuführungen (außer Bezirk Potsdam) durch die Organe der DVP und 685 Zuführungen durch die Grenz- und Transportpolizei. In den meisten Fällen erfolgte die Zuführung zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens, wovon 228 (davon allein in Potsdam 117) eingeleitet wurden. Der wesentlichste Teil der Ermittlungsverfahren wurde wegen Verstößen gegen das Gesetz zur Regelung des innerdeutschen Zahlungsverkehrs eingeleitet. Außerdem wurden Ermittlungen wegen Besitzes von Hetzmaterial u. a. eingeleitet. Insgesamt wurden 125 Haftbefehle (BDVP Potsdam 87) beantragt, wovon lediglich zwei abgelehnt wurden.

c) Sicherstellungen

Während der gesamten Aktion wurden insgesamt 19 Kraftfahrzeuge sichergestellt. Ursache dazu war in den meisten Fällen das Mitführen von Hetzschriften bzw. von Westwaren. Die Organe der DVP stellten ca. 3 600 Hetzschriften und vorgefundene Nagelpakete sicher.

d) Stimmung zu den Gegenmaßnahmen

Die Gegenmaßnahmen zum Besuch der »Grünen Woche« lösten örtlich begrenzt – besonders im Bezirk Potsdam – heftige Diskussionen aus. Da die Fahrkartenausgaben die Anweisung zur Beschränkung des Fahrkartenverkaufes oftmals formal handhabten, wurden viele Personen verärgert. (Z. B. wurden Fahrkarten verweigert bei beabsichtigtem Besuch von Krankenhäusern, Theatern, Sportveranstaltungen.) Heftige Erregung löste es aus, als Benutzer der S-Bahn an der Weiterfahrt gehindert wurden. Die Fahrgäste mussten auf den Bahnsteigen zurückbleiben und mit ihnen wurde agitiert. Hauptargumente waren:

  • »Die ›Grüne Woche‹ hat nichts mit Politik zu tun.«

  • »Warum sagt man da nicht offen, dass der Besuch der ›Grünen Woche‹ nicht erwünscht ist und lässt uns erst so viel Geld für die Fahrkarten ausgeben?«

  • »Das ist doch keine Freiheit, wenn man nicht mal fahren kann, wohin man will.«

Negative Elemente nutzten diese Diskussionen aus und brachten folgende Argumente dazu: Ein Angehöriger der Fachschule Wildau, Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, erklärte, dass die Fahrkartensperre der Generalappell für die gänzliche Absperrung Westberlins sei.

Im Bezirk Potsdam wurden diese Diskussionen besonders in nachstehenden Betrieben geführt:

  • VEB Kunstseidenwerk Premnitz19

  • Rathenower Optische Werke

  • VEB »Heinrich Rau« Wildau20

  • VEB Landmaschinenbau Falkensee, Kreis Nauen

  • VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow, Potsdam-Land

  • LEW Hennigsdorf

e) Aufgetretene Mängel

Teilweise hinderten sich einzelne Angehörige der Sicherungsorgane an der Arbeit. So kam es vor, dass lt. Bericht der HVDVP auf den Grenzbahnhöfen mit eingesetzten Angehörigen der DVP durch Grenzpolizisten mit dem Bemerken weggeschickt wurden, sie hätten dort nichts zu suchen. Auf den Bahnhöfen Potsdam und Teltow äußerten Angehörige der Transportpolizei zu Bürgern, dass nicht sie, sondern die Angehörigen der Volkspolizei daran schuld seien, dass sie zurückgeschickt würden. Schlecht war die formale Ablehnung des Fahrkartenverkaufes. Neben dem bereits Geschilderten kam es vor, dass selbst Inhaber von Arbeiterwochenkarten keine Fahrkarten erhielten. Diese Maßnahme erfolgte auch zu spät, sodass schon ein großer Teil der Fahrkarten verkauft war.

Innerhalb des demokratischen Sektors erfolgte nur eine mangelhafte Kontrolle nach mitgeführten Hetzschriften. Einzelne VPKA registrierten festgehaltene Personen nur mangelhaft oder gar nicht (z. B. Bezirk Magdeburg). Die Kreisstaatsanwälte des Bezirkes Potsdam erhielten erst zu spät (am 2.2.1956) Aufklärung darüber, wie die im Zusammenhang mit den volkspolizeilichen Maßnahmen anfallenden Verfahren, Haftanträge usw. zu handhaben sind.

Einiges über den Einsatz inoffizieller Mitarbeiter des MfS

Der Einsatz inoffizieller Mitarbeiter des MfS brachte bei der Berichterstattung über die »Grüne Woche« ein positives Ergebnis. Es war dadurch eine schnelle Information möglich. Ein Mangel der Berichte war, dass einzelne Mitarbeiter nicht konkret berichteten und sich mit Unwesentlichem beschäftigten. Die Verwaltung Groß-Berlin setzte inoffizielle Mitarbeiter gleichzeitig für die Beseitigung von Hetzmaterial ein. Es wurden ca. 3 500 Hetzschriften übergeben.

In 19 Fällen gelang es den eingesetzten Agenturen, Besucher aus der DDR namentlich festzustellen, wobei allerdings nicht immer die volle Anschrift ermittelt werden konnte. Sieben Personen wurden auf Veranlassung der Agenturen der VP zwecks Personenfeststellung zugeführt. Vereinzelt kam es dabei vor, dass die Angehörigen der VP bzw. des AZKW unsere Agenturen sehr abfällig behandelten. Das führte dazu, dass z. B. ein GI in einem Falle eine Mitteilung an die Kontrolle in der S-Bahn unterließ, als Frauen mit Hetzmaterial nach Oranienburg fuhren, da er zwei Tage vorher »ein unliebsames Erlebnis« mit der VP hatte.

Wiederholt wurden Agenturen der verschiedensten Bezirksverwaltungen festgenommen, da sie entweder Hetzmaterial bei sich hatten oder in eine Kontrolle der VP kamen. In den meisten bekannt gewordenen Fällen ließen sich die GI zum zuständigen Einsatzleiter führen, baten dort, das MfS zu verständigen und wurden dann wieder freigelassen. Aus den GI-Berichten der BV wurden folgende Fälle bekannt:

  • BV Erfurt: zwei Fälle,

  • BV Leipzig: sechs Fälle (davon wurde ein GI dreimal kontrolliert),

  • BV Cottbus: sieben GI an der Weiterfahrt gehindert.

Die Verwaltung Berlin meldet, dass sie mehrmals bei Festnahme von GI aus den Bezirken Dresden, Leipzig und Neubrandenburg eingreifen musste.

Die Ursache war einmal eine ungenügende Durchsprache der Aufträge der Agenturen. Zum anderen waren aber die BV nicht über die eingeleiteten Absperrmaßnahmen unterrichtet und konnten deshalb die Agenturen nicht entsprechend instruieren.

Anlage zur Information Nr. M70/56

Betrifft: »Grüne Woche« 1956

Abteilung Information. Berlin, den 27.3.1956

Auf der »Grünen Woche« wurden folgende Aussteller (Geflügelzüchter) festgestellt:

[Es folgt eine Liste mit den Namen und Anschriften von 14 Personen aus Berlin und Umgebung. Da diese im offiziellen Programm der Grünen Woche – vermutlich um sie zu schützen – nicht genannt sind, werden die Namen gemäß der Bestimmungen des StUG nicht wiedergegeben.]

Vertreter für die westdeutsche Firma Gebr. Kramer, GmbH, Gutmadingen/Baden, (Landmaschinen)

  • [Vorname Name 1], Berlin-Buch, [Straße, Nr.] (Brandenburg und Mecklenburg)

  • [Vorname Name 2], Radebeul, [Straße, Nr.] (Sachsen)

  • Kaiser und Co. Magdeburg-Sudenburg, Hallestraße 14 [Adresse] (Sachsen-Anhalt)

  • [Name 3, Vorname] Erfurt, [Straße, Nr.] (Thüringen).

Folgende Fahrzeuge aus der DDR bzw. dem Demokratischen Sektor wurden zur »Grünen Woche« festgestellt:

[Liste mit elf Kfz-Kennzeichen nicht wiedergegeben]

  • [Kennzeichen 12] [und] [Kennzeichen 13] (Tierarzt) kamen aus der Beratungsstelle Westberliner Parteien

  1. Zum nächsten Dokument Stimmung zur III. Parteikonferenz der SED (5)
    27. März 1956
    III. Parteikonferenz der SED (5. Bericht) [Information Nr. M72/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Westliche Rundfunk- und Presseberichte zur III. Parteikonferenz (1)
    27. März 1956
    Feindpropaganda zur III. Parteikonferenz [1. Bericht] [Information Nr. M70/56]