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Stimmung zu Prämienfragen (9)

20. Dezember 1956
Information Nr. 390/56 – Betrifft: Stimmung zu Prämienfragen (8. Bericht)

Die Diskussion über die Verteilung von Prämien steht bei einem großen Teil von Arbeitern weiterhin im Mittelpunkt ihrer Gespräche.

Die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht auf dem 29. Plenum des ZK der SED, worin eine Neuregelung der Prämienverteilung für 1957 angekündigt wird, findet unter allen Arbeitern große Beachtung und auch Unterstützung.1 Dabei kommt es bei einem Teil von Arbeitern zu überspitzten Forderungen, die beinhalten, dass bereits bei der Auszahlung der Quartalsprämie für das III. Quartal 1956 Änderungen eintreten und sie mehr als bisher berücksichtigt werden müssten. Dabei kam es in verschiedenen Betrieben zu heftigen Auseinandersetzungen, da die Arbeiter nicht damit einverstanden waren, dass die Prämien nur unter den Wirtschaftsfunktionären und Angehörigen der Intelligenz verteilt wurden und sie erst einige Tage später etwas davon erfuhren. Derartige Vorfälle wurden bekannt aus dem VEB Ernst-Thälmann-Werk Magdeburg, VEB »Klement Gottwald« Ruhla,2 [Kreis] Eisenach, [Bezirk] Erfurt, VEB Blechverformungswerk Bernsbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, und VEB Gießerei Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt.

Neben diesen heftigen Diskussionen gibt es aber auch eine Reihe von Betrieben, wo sich die Arbeiter damit beschäftigen, brauchbare Vorschläge zu unterbreiten, die sie bei einer neuen Prämienverordnung berücksichtigt wünschen. Dem gegenüber stehen Vorschläge von Arbeitern, die mit dem sozialistischen Leistungsprinzip nichts mehr zu tun haben und zum Teil eine Gleichmacherei bedeuten oder auf das kapitalistische Gewinnsystem (Dividende) hinweisen.

Von einem Teil der Angehörigen der technischen Intelligenz wird das zurzeit bestehende Prämiensystem ebenfalls verworfen, da dieses eine Spaltung zwischen Intelligenz und Arbeiterschaft fördert. Vielfach wird von diesem Personenkreis gesagt, man solle den Arbeiter in der Produktion mehr an der Prämienverteilung berücksichtigen. [sic!] Vereinzelt wurden aber Stimmen von Angehörigen der Intelligenz und Angestellten bekannt, die eine Änderung des Prämiensystems ablehnen, da sie bei einer Neuaufteilung befürchten, dass sie nicht mehr solche hohen Prämien wie jetzt erhalten. Daraus resultiert auch zum Teil die ablehnende Haltung von Wirtschaftsfunktionären und Angehörigen der Intelligenz zu der Bildung von Arbeiterkomitees, da diese in der weiteren Entwicklung auf die Prämienverteilung Einfluss nehmen sollen. Im Einzelnen wurden folgende Diskussionen bekannt:

So vertreten im VEB Hydrierwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, die Arbeiter die Meinung, dass die Auszahlung der Prämie je Belegschaftsmitglied nach den Prozenten der Planerfüllung entsprechend dem Monatslohn oder dem Gehalt erfolgen müsse. Eine ähnliche Meinung vertreten die Arbeiter und Angestellten des VEB Ernst-Thälmann-Werkes Suhl, die erklärten: »Die Prämien sollen nur die Arbeiter erhalten, die eine gute Arbeit leisten. Darüber müsste eine breite Diskussion im Betrieb entfaltet werden.«

Verschiedentlich wird auch von den Arbeitern die Forderung erhoben, dass vor jeder Prämienzahlung eine Veröffentlichung der Prämienlisten in der Betriebszeitung bzw. am Anschlagbrett zu erfolgen hat, woraus ersichtlich ist, wer eine Prämie erhält, aus welchem Grunde und die Höhe der Summe. Dadurch würde erreicht, dass nach der Auszahlung unliebsame Diskussionen und Unzufriedenheit unterbunden werden. (VEB »Klement Gottwald« Ruhla, [Kreis] Eisenach, [Bezirk] Erfurt, und VEB WEMA Eilenburg, [Bezirk] Leipzig)

Verschiedentlich werden Diskussionen in der Richtung geführt, dass die Quartalsprämien wegfallen sollen. Dafür solle lieber eine Gewinnbeteiligung am Jahresende basierend auf dem Leistungsprinzip eingeführt werden. (VEB Keramische Werke Hermsdorf, [Bezirk] Gera, und Verlade- und Transportanlagenbau (VTA) Leipzig, Angehörige der Intelligenz)

Im VEB Blechverformungswerk Bernsbach, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind die Arbeiter der Meinung, dass die Auszahlung der Prämien 50 zu 50 erfolgen soll, d. h., dass die zur Ausschüttung gelangte Prämiensumme zu 50 % auf die Angestellten und Angehörigen der Intelligenz und 50 % auf die Arbeiter verteilt werden solle.

In den Betrieben der HV Allgemeine Chemie verstärken sich die Diskussionen, dass zu einigen bestimmten Anlässen im Jahr (Tag der VEB,3 1. Mai oder Jahresabschluss) Leistungsprämien an die Beschäftigten gezahlt werden sollten. Man sollte keine Zersplitterung der zur Verfügung stehenden Mittel wie jetzt zulassen, sondern entsprechend der Leistung und der Dauer der Betriebszugehörigkeit Prämien wie oben gesagt auswerfen.

Der Technische Leiter der VDK Zündholzfabrik Riesa, [Bezirk] Dresden, ist der Meinung, dass die Prämienzahlung in vielen Fällen unkorrekt und der Unterschied zwischen den Angehörigen der Intelligenz und Arbeitern zu groß wäre. Er erklärte, dass sich die Stimmen, die Prämien nach den Quartalen ganz abzuschaffen, mehren würden.

Im Ernst-Thälmann-Werk Magdeburg wird unter den Arbeitern diskutiert, dass das Prämiengeld ohne Berücksichtigung der Leistungen des Einzelnen gleichmäßig pro Kopf verteilt werden solle. Gleichfalls wird im VEB Gaselan Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., von den Arbeitern die Meinung vertreten, dass die Prämien gleichmäßig unter allen Beschäftigten verteilt werden müssten. Nur die Drückeberger und Bummelanten sollten keine Prämie erhalten.

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    20. Dezember 1956
    Information Nr. 391/56 – Betrifft: Arbeitsniederlegung
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    20. Dezember 1956
    Information Nr. 389/56 – Betrifft: Berichtigung