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Stimmung zu Prämienfragen (1)

21. März 1956
Stimmung zu Prämienfragen [1. Bericht] [Information Nr. M61/56]

In der Zeit vom 19.1.1956 bis 17.3.1956 wurde in stärkerem Maße wieder Unzufriedenheit zu Prämienfragen unter den Beschäftigten einer Anzahl VE-Betriebe bekannt. Vereinzelt kam es dabei auch zu negativen Diskussionen. Die Unzufriedenheit und negativen Diskussionen sind im Wesentlichen auf Nichtauszahlung von Prämien sowie Unklarheiten und falsche Anwendung des Prämiensystems zurückzuführen.

1.) Nichtauszahlung von Prämien

Zur Unzufriedenheit über die Nichtauszahlung von Prämien kam es besonders in den Betrieben, wo der Plan erfüllt bzw. nicht erfüllt wurde und keine Prämien ausgezahlt wurden.

  • Im VEB Holzwerk Großbreitenbach, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, ist ein großer Teil Arbeiter unzufrieden darüber, dass am Jahresende keine Prämie zur Auszahlung kam, weil der Plan nicht erfüllt werden konnte. Sie bringen zum Ausdruck, dass das Verschulden nicht auf ihrer Seite lag, sondern beim Ministerium, das keine Materialien lieferte.

  • Im VEB Kali-Werk »Ernst Thälmann« Merkers, [Bezirk] Suhl, ist die Stimmung ähnlich, da die Monatspläne für Januar und Februar 1956 nicht erfüllt wurden. Die Angehörigen der Intelligenz und die Arbeiter vertreten die Meinung, dass der Plan zu hoch sei. Der Werkleiter selbst kümmert sich wenig um Maßnahmen, welche eine Planerfüllung vorantreiben würden und drückt sich vor Aussprachen mit der Parteileitung des Werkes.

  • Im Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind die Arbeiter empört darüber, dass sie trotz Übererfüllung des Planes keine Prämien erhielten. Sie erklären, dass sie ihr Bestes gegeben haben und keine Schuld dafür tragen, dass für ca. 600 000 DM Strümpfe nicht in Westdeutschland abgesetzt werden konnten. Der Betriebsleiter will unter solchen Umständen seine Funktion niederlegen.

  • Im Kraftwerk Zschornewitz, [Bezirk] Halle, ist die Stimmung ähnlich, da trotz Übererfüllung der Pläne im IV. Quartal 1955 bisher keine Prämie ausgezahlt wurde.

  • Im VEB Personenkraftverkehr Potsdam-Babelsberg ist die gleiche Stimmung. Obwohl der Plan erfüllt wurde, kam keine Prämie zur Auszahlung, weil bedingt durch die Frostperiode ein hoher Kraftstoffverbrauch vorhanden ist. Eine Schaffnerin, sie wurde inzwischen entlassen, äußerte zu den Arbeitern, dass sie streiken müssten.

2.) Unklarheiten und falsche Anwendung des Prämiensystems

Neben den bisher aufgeführten Beispielen gibt es noch einige Betriebe, in denen es zu schlechter Stimmung aufgrund von Unklarheiten über das Prämiensystem sowie durch falsche Anwendung des Prämiensystems kam.

  • Im Kesselhaus des VEB Zellwolle Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, wurden die zur Auszahlung gelangten Prämien wieder eingezahlt und gleichmäßig an alle Beteiligten dieser Abteilung zur Auszahlung gebracht.

  • Im Ernst-Thälmann-Werk Suhl fühlen sich die Arbeiter der Turbinenschaufel bei der Auszahlung der Abschlussprämien benachteiligt. In den Diskussionen brachten sie zum Ausdruck, dass sie alle am Wilhelm-Pieck-Aufgebot beteiligt waren,1 bei der Auszahlung der Prämie jedoch zum Teil nur die ausgezeichnet wurden, die bereits an der Quartalsprämie beteiligt waren, während die große Masse leer ausging. Außerdem wurden Stimmen laut, dass dies das letzte Aufgebot war, an welchem sie sich beteiligt hätten.

  • Im Bahnbetriebswerk Leipzig-Hauptbahnhof West sowie auf den Lokbahnhöfen Borna und Wurzen sind die Kohlenlager und Ausschlacker unzufrieden darüber, dass sie nur 6 % des Jahres-Bruttoeinkommens als Prämie ausgezahlt bekommen, während das Lokpersonal mit einem monatlichen Verdienst von 1.00 DM2 8 % ausgezahlt bekommt.

  • Im VEB Maschinenfabrik Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, sind die Arbeiter der Gießerei über die Prämienauszahlung verärgert. Der Betrieb erhielt für seine guten Exportlieferungen eine Prämie von 30 000 DM. Bei der Verteilung der Prämie wurde festgestellt, dass die Arbeiter der Gießerei nicht berücksichtigt werden. Das verstehen die Arbeiter nicht, da sie auch an den Lieferungen beteiligt waren.

Außerdem kam es in folgenden Betrieben wieder zu Unzufriedenheit und negativen Diskussionen über die Prämien der Angestellten, die höher als die der Arbeiter wären:

  • VEB Tischfabrik Großröhrsdorf, [Bezirk] Dresden

  • Werkin Königsee, [Bezirk] Gera

  • Fortschrittschacht I, Mansfeldkombinat

  • Eisleben,3 [Bezirk] Halle

  • Waggonbau Dessau

  • Biomalz Teltow, [Bezirk] Potsdam

  • »Heinrich Rau« Wildau,4 [Bezirk] Potsdam

  • [AWE] Eisenach, [Bezirk] Erfurt

Charakteristisch für die Diskussionen in diesen Betrieben ist die Meinung der Arbeiter der Abteilung Lackiererei5 des VEB AWE Eisenach, »wir bekommen 10,00 bis 20,00 DM Prämie und die Wirtschaftsfunktionäre Tausende«.

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    Informationsdienst Nr. 6 zur Beurteilung der Situation in der DDR
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    21. März 1956
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