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Zweiwochenbericht

22. März 1956
Informationsdienst Nr. 6 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Politische Probleme

In der Berichtszeit wurde zu politischen Fragen von den Beschäftigten der Industrie und des Verkehrswesens ausschließlich nur über den XX. Parteitag1 und den Artikel des Genossen Walter Ulbricht2 diskutiert, worüber in Sonderberichten Mitteilung erfolgte.3

Ökonomische Probleme

Zu ökonomischen Problemen erfolgte über die Diskussionen zu Norm-, Lohn- und Prämienfragen ebenfalls in Sonderberichten Mitteilung.4

1.) Materialschwierigkeiten

Außer zu den vorhergenannten Fragen wird gegenwärtig am meisten noch zu Materialschwierigkeiten in den Betrieben diskutiert. Verärgerung ruft vor allem der unkontinuierliche Materialeingang unter den Beschäftigten hervor. Sie sind dadurch gezwungen, bei plötzlichem Materialeingang Überstunden zu leisten, um den Plan zu erfüllen. Dagegen werden sie die meiste Zeit mit untergeordneten Arbeiten beschäftigt bzw. es werden Wartezeiten geschrieben, da kein Material vorhanden ist. In den einzelnen Produktionszweigen wurden folgende Materialschwierigkeiten bekannt:

  • Maschinenbau: legierter und unlegierter Bandstahl in den Abmessungen 80 L 1 mm H 11, 1, 1.2, 1.5 und 2 mm sowie an Rundmaterial in den Abmessungen 9 S 20 k und 10 S 20 k für Schreib- und Rechenmaschinen. Bohrmaterial und Spezialbohrer für Elektromotore, Getriebe für Kräne, Blankstahl für die Schraubenproduktion und Werkzeugstahl 130 CW für die Feilenproduktion;

  • Fahrzeugbau: Gummireifen für Gespannfahrzeuge, Achsen für Autodrehkräne, Lichtmaschinendeckel für Mopedräder, Normteile, Achsenschenkel und Armaturen für Kraftfahrzeuge;

  • Werften: Schiffbaubleche 5–7 mm und Motore;

  • Walzwerke: 500 t Bandstahl für Präzisionsstahlrohre;

  • Bahnbetriebswerke: Radreifen, Flacheisen, Bremsklötze, Dichtungen und Muttern zur Ausbesserung von Schadwagen;

  • Lebens- und Genussmittel: Zucker, Mandel- und Aprikosenkerne für Süßwaren;

  • Lederindustrie: Schwefelnatron für die Zubereitung von Lauge sowie Oberleder für Schuhe;

  • Erzbergbau: Batterien für E-Loks, Gummitransportbänder Größe 850, U-Eisen 10, 14, 16 und 18 sowie Ausbauholz;

  • Steinkohlenbergbau: nahtlose Rohre 300 mm für Luftleitungen.

Bei einem Teil dieser Materialien, besonders im Maschinen- und Fahrzeugbau, handelt es sich um Materialien, die die Zubringerbetriebe infolge anderer, ihnen durch die Ministerien zugeteilter Aufträge sowie infolge dort bestehender Materialschwierigkeiten nicht termingemäß liefern können.

2.) Umbesetzung von Arbeitskräften

In der Berichtszeit wurden negative Diskussionen aus einigen Betrieben bekannt, wo infolge technischer Verbesserungen, Produktionseinschränkungen und Betriebsverlegungen Umbesetzungen von Arbeitskräften vorgenommen werden mussten. Die negativen Diskussionen sind in erster Linie auf Unklarheiten über die wirtschaftliche Notwendigkeit der Verlagerung bestimmter Produktionsabteilungen in andere Werke sowie auf falsche Umbesetzungen zurückzuführen, indem die Arbeiter in niedere Lohnstufen eingesetzt wurden. Bekannt wurden derartige Diskussionen und Erscheinungen in folgenden Betrieben: VEB Glaswerk Großbreitenbach, [Bezirk] Suhl, VEB Motorradwerk Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in der privaten Strumpfindustrie der Kreise Zschopau und Reichenbach,5 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sowie in den nicht plangebundenen privaten Betrieben des Kreises Zittau, [Bezirk] Dresden.

3.) Lehrstellen für Schulabgänger

In der Berichtszeit wurden wiederum aus einigen Bezirken und Kreisen Schwierigkeiten bei der Unterbringung von Jugendlichen in Lehr- und Arbeitsstellen bekannt. Dadurch, dass den Eltern ebenfalls Schwierigkeiten bei der Unterbringung ihrer Kinder in Lehrstellen entstehen, kommt es zu negativen Diskussionen in den Betrieben. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass sie daran erkennen könnten, dass der Staat nur von Jugendförderung spricht aber nichts dazu unternimmt. Häufig wird auch die Absicht geäußert, die Jugendlichen in Westdeutschland lernen zu lassen, wenn keine Änderung erfolge. Im Einzelnen wurden folgende Schwierigkeiten bekannt:

  • In Halle sind 1956 für 600 Jugendliche keine Lehrstellen vorhanden.

  • Allein die Waggonfabrik Ammendorf hat 1956 nur 45 Lehrstellen gegenüber 150 Lehrstellen im Jahre 1955 zur Verfügung. Bisher liegen jedoch bereits 300 Bewerbungen vor.

  • Das BKW Edderitz, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, kann 64 Jugendliche, die 1956 auslernen, nicht unterbringen.

  • Im Bezirk Magdeburg fehlen 5 000 Planstellen für Lehrlinge. Allein der VEB Stern-Radio Staßfurt kann von den 330 eingegangenen Bewerbungen nur 30 Lehrlinge einstellen.

  • Im Kreis Oranienburg gibt es insgesamt an Schulabgängen und Überhängen aus dem Jahre 1955 2 692 Jugendliche. Vorhandene Lehrstellen für diese Jugendlichen bestehen 1 162, sodass für 1 530 keine Lehrstellen zu beschaffen sind.

  • Im Kreis Staßfurt, [Bezirk] Suhl,6 können von den 1 400 Jugendlichen, die die Schule verlassen, 400 nicht in Lehrstellen eingewiesen werden, da diese nicht vorhanden sind.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 8.3. bis 20.3.1956

Braunkohlenindustrie

Durch mechanische Störungen an Baggern, Wagenentgleisungen und Kabelstörungen kam es in der Berichtszeit in den Revieren Borna und Altenburg zu folgenden Produktionsausfällen: 827 530 cbm Abraum, 10 298 t Rohkohle, 402 t Brikett, 27 t Silika, 1 500 t Benzinarten. Zu Ausfall von Maschinen durch Kurzschlüsse und Schäden am Material kam es in den VEB Deutzen, Kraftwerk Kulkwitz und im Braunkohlenwerk Deutzen. Der Schaden beträgt 87 320 DM.

In anderen Industriezweigen

Im Erzbergbau kam es zu Produktionsstörungen infolge [von] Havarien, Maschinenschäden und Schienenbrüchen in den Objekten 277 Auerbach, 101 Zwickau und in den Schächten 235 Johanngeorgenstadt und 6 b Oberschlema. In der Porzellan- und Keramik-Industrie kam es durch Kohlenmangel noch im VEB Porzellanmanufaktur Meißen zu größeren Produktionsstörungen.

Brände entstanden:

  • am 8.3.1956 in der Tankanlage Minol Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, (Schaden 10 000 DM);

  • am 10.3.1956 im VEB Dachpappenfabrik Brüel, [Bezirk] Schwerin, (Ursache Überhitzung, Schaden 180 000 DM);

  • am 11.3.1956 im VEB Ziegelei Woldegk, [Bezirk] Neubrandenburg, (Schaden 250 000 DM) Ursache: Fahrlässigkeit;

  • am 2.3.1956 im VEB Chemiewerk Nünchritz, [Bezirk] Dresden, Schnellschalterbrand (Ursache Stromschwankung, Schaden insgesamt 59 000 DM);

  • am 12.3.1956 im VEB Geologische Bohrungen Gommern, Bohrstelle Röppisch,7 [Bezirk] Gera, (Ursache Fahrlässigkeit, Schaden 100 000 DM);

  • am 15.3.1956 im VEB Leipziger Wollweberei Werk II Mühlau,8 [Kreis] Karl-Max-Stadt[-Land], (Ursache unbekannt, Schaden 150 000 DM);

  • am 17.3.1956 in der Konsum-Spirituosen-Fabrik Salzwedel (Ursache unbekannt, Schaden insgesamt 24 900 DM).

Versorgung der Bevölkerung

Die Schwierigkeiten in der Versorgung halten auch weiterhin an. Eine Verbesserung ist in der Berichtsperiode nicht eingetreten. Die größten Schwierigkeiten bestehen dabei in HO-Fleisch und -Fleischwaren, HO-Butter, Margarine, Mehl Type 405 und z. T. in Nährmitteln. In den einzelnen vorgenannten Positionen zeigt sich folgendes Bild:

HO-Fleischversorgung

In den Bezirken Potsdam, Karl-Marx-Stadt, Rostock, Schwerin, Neubrandenburg, Leipzig, Halle, Magdeburg und Dresden besteht weiterhin ein Mangel an HO-Fleischwaren. Die Ursachen sind weiterhin in der mangelnden Erfassung von Lebendvieh durch die VEAB zu suchen. Zu Störungen in der Markenversorgung ist es in der Berichtsperiode nicht gekommen, lediglich war die Auswahl der Waren auf Markenbasis sehr mangelhaft.

HO-Butter

In der HO-Butterversorgung bestehen weiterhin Schwierigkeiten in den Bezirken Potsdam, Gera, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Rostock, Neubrandenburg, Schwerin, Cottbus, Halle und Magdeburg. Dies führte wieder dazu, dass es vereinzelt im Bezirk Gera zu Schlangenbildungen vor den Geschäften kam. Aus diesem Grunde wurden wieder vereinzelt negative Diskussionen, vor allem von Hausfrauen aus dem Bezirk Gera, Potsdam und Schwerin bekannt:

So erklärte eine Hausfrau aus Darmsdorf,9 [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin: »Es ist ja nicht verwunderlich, dass wir keine Butter mehr bekommen, denn diese wird ja alle unserer Volksarmee zur Verfügung gestellt.« Gleichlautende Diskussionen wurden noch aus Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, bekannt. Von Hausfrauen aus Gera wird vielfach in ihren Diskussionen zum Ausdruck gebracht, dass doch endlich die zuständigen Verwaltungsorgane eine Lehre aus der Vergangenheit ziehen mögen, dass nicht gerade immer wieder vor den Feiertagen eine Knappheit eintritt. In Potsdam wird dahingehend diskutiert, dass es heißt: »In den verantwortlichen Stellen müssen unfähige Kräfte sitzen oder solche, die bewusst eine schlechte Warenstreuung herbeiführen.«

HO-Margarine

Die verstärkte Nachfrage vor dem Osterfest nach HO-Margarine kann vom Handel nicht voll gedeckt werden, sodass in verschiedenen Bezirken bereits schon jetzt ein Mangel besteht. So wird aus den Bezirken Gera, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Halle und Suhl ein Mangel dieser Ware gemeldet.

Mehlversorgung

Ebenfalls bestehen weiterhin noch Schwierigkeiten in einigen Kreisen der Bezirke Dresden, Suhl und Potsdam in Weizenmehl der Type 405. Besonders vor dem Osterfest, wo ein erhöhter Bedarf an Weizenmehl besteht, werden sich diese Schwierigkeiten noch weiter vergrößern, da in diesen Kreisen keine Lagerbestände vorhanden sind.

Nährmittelversorgung

Aufgrund des erhöhten Bedarfs an Nährmitteln wie Nudeln, Gries, Graupen und Hülsenfrüchten durch die Großverbraucher macht sich in den Bezirken Suhl, Karl-Marx-Stadt, Rostock und Dresden ein Mangel dieser Waren bemerkbar, sodass sich in Rostock und Dresden eine Aufstockung über den vorgesehenen Plan notwendig macht.

Besondere Vorkommnisse

  • Am 9.3.1956 brach in der HO-Möbelverkaufsstelle in Limbach[-Oberfrohna], [Kreis] Karl-Marx-Stadt[-Land], ein Brand aus (Schaden ca. 35 000 DM, Ursache vermutlich Fahrlässigkeit).

  • Am 15.3.1956 entstand im Lager des Großhandelskontors Berlin N 4, Chausseestraße 92, ein Brand. Von den dort lagernden Textilien wurden Fertigwaren im Werte von ca. 190 000 DM vernichtet. Am Gebäude entstand ein Schaden von ca. 10 000 DM. Wegen Verdachts der vorsätzlichen Brandstiftung wurden vier Lagerarbeiter festgenommen.

  • Im VEB Kleidermacher »Saxonia« Sebnitz,10 [Bezirk] Dresden, sind für ca. 250 000 DM Überplanbestände vorhanden, welche der Großhandel nicht mehr abnimmt. Bei den Überplanbeständen handelt es sich zum größten Teil um Herrenwintermäntel.

  • Im VEB Leinen- und Baumwollweberei Wehrsdorf, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, lagern noch große Vorräte an Bettwäsche. Es handelt sich dabei um Bettwäsche, die vertraglich nicht gebunden ist. Aufgrund dessen sollte schon die Produktion eingestellt werden, mit der Begründung, die Bettwäsche würde nicht gebraucht. Festgestellt werden konnte, dass in verschiedenen Bezirken eine große Nachfrage danach besteht, es aber keine Bettwäsche zu kaufen gibt.

Die Lage in der Landwirtschaft

In der Landwirtschaft stehen die ökonomischen Probleme weiterhin in dem Mittelpunkt:

  • 1.)

    Saatgutbereitstellung

  • 2.)

    Futtermittelversorgung

1.) Saatgutbereitstellung

In der Saatgutbereitstellung, besonders bei Saatkartoffeln, bestehen nach wie vor große Schwierigkeiten. Trotz großer Anstrengungen, die Fehlmengen durch gegenseitige Hilfe oder durch Gegenlieferungen auszugleichen, werden nur geringe Fortschritte gemacht, und es lässt sich jetzt schon erkennen, dass durch diese Maßnahme keine endgültige Behebung dieser Fehlmengen eintritt. Durch das derzeitige Öffnen der Kartoffelmieten11 wurde festgestellt, dass beträchtliche Mengen erfroren bzw. verfault sind. So sind z. B. in der LPG »Einheit« Berthelsdorf, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, 20 % der eingekellerten Saatkartoffeln erfroren. In der LPG Netzeband,12 [Bezirk] Potsdam, wurden bei Untersuchungen der Kartoffelmieten ebenfalls ca. 20 % Frostschäden festgestellt. Ähnliche Beispiele können noch aus anderen Bezirken beliebig erweitert werden.

Von verschiedenen Mittel- und Großbauern wird die Saatkartoffelknappheit ausgenutzt, um ihre Kartoffelvorräte zu Überpreisen zu verkaufen. So wurden z. B. von einem Mittelbauern aus Uelitz13/Pulverhof,14 [Kreis] Schwerin[-Land], 250 Ztr. Kartoffeln zum Verkauf angeboten, wobei der Preis dafür 20,00 DM betrug. Gleiche Erscheinungen wurden noch von Groß- und Mittelbauern aus der Gemeinde Boldela,15 [Kreis] Schwerin[-Land], und aus dem Kreis Lübz, [Bezirk] Schwerin, bekannt.

Demgegenüber gibt es auch gute Beispiele, indem Verpflichtungen eingegangen werden, um in gegenseitiger Unterstützung Saatkartoffeln zu beschaffen. So verpflichtete sich in der BHG Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, jeder Mitarbeiter, 50 Pfd. Speisekartoffeln zur Verfügung zu stellen, um den werktätigen Bauern die Gegenlieferung zu ermöglichen. Ein Brigadier der LPG Tarnewitzerhagen, [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, verpflichtete sich, aus individuellem Besitz 100 Ztr. Kartoffeln für die LPG zur Saat zur Verfügung zu stellen.

2.) Futtermittelversorgung

Die Schwierigkeiten in der Futtermittelversorgung nehmen einen immer breiteren Raum ein, da die Bestände, vor allem der LPG, immer geringer werden, sodass in den LPG in immer größerem Umfang zu Erhaltungsfutter übergegangen werden muss. Besonders große Schwierigkeiten treten im Bezirk Magdeburg auf. So sind die Futtergrundlagen in den LPG des Kreises Halberstadt sehr schlecht. Sämtliche 48 LPG dieses Kreises füttern mit Erhaltungsfutter, neun davon besitzen nur noch für höchstens drei Wochen Futtermittelvorräte. In sämtlichen LPG des Kreises Loburg mangelt es besonders an Schweinefutter. Die Schweine können nicht mehr mit Kartoffeln gefüttert werden, sodass in der LPG Ladeburg bereits Brotgetreide verfüttert werden musste. Ähnliche Erscheinungen treten noch in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Frankfurt/O., Gera, Dresden und Neubrandenburg in Erscheinung.

Die Futterknappheit hat zur Folge, dass wertvolle Tiere von Seuchen befallen bzw. verkümmern oder notgeschlachtet werden müssen. Nur einige Beispiele, welche jedoch beliebig erweitert werden können, sollen zeigen, wie groß der Schaden unter dem Tierbestand ist, der durch Futterknappheit entsteht. So verendeten in den Monaten Januar und Februar 1956 in der LPG Letschin, [Bezirk] Frankfurt/O., 15 Rinder und in der gleichen Zeit in den VEG Wollup,16 [Bezirk] Frankfurt/O., insgesamt 309 Schweine. In der LPG Wedringen, [Kreis] Haldesleben, [Bezirk] Magdeburg, haben aufgrund der schlechten Futtergrundlage die Zuchtsauen zu wenig Milch, sodass bisher 38 Ferkel verendeten. Von der gleichen LPG wurden wegen Futtermangel zehn Schweine als Kümmerer abgesetzt. Weitere 30 Schweine werden in Kürze folgen.

Brände in der Zeit vom 8.3. bis 21.3.1956

In der Berichtszeit wurden insgesamt 19 Brände bekannt, davon drei [Mal] vermutliche Brandstiftung, neun durch Fahrlässigkeit, einer durch Kinderhand, fünf [Mal] Brandursache unbekannt, einer durch Flugzeugabsturz. Die drei Fälle vermutlicher Brandstiftung sind noch nicht überprüft und werden nach Klärung im nächsten Bericht nachgereicht.17

Bezirk Potsdam

  • ein Scheunenbrand LPG, vermutliche Brandstiftung;

  • drei Scheunenbrände, LPG, zwei Einzelbauern, Fahrlässigkeit;

  • ein Scheunenbrand, Einzelbauer, Brandursache ungeklärt;

  • ein Holzstallbrand, LPG, Brandursache ungeklärt;

  • ein Großbrand (2 Scheunen, 1 Stall), Mittelbauer, durch Flugzeugabsturz.

Bezirk Halle

  • ein Scheunen- und Stallbrand, Großbauer, Brandursache unbekannt;

  • ein Stallbrand, VEG, Fahrlässigkeit.

Bezirk Magdeburg

  • ein Stallbrand, LPG, vermutliche Brandstiftung;

  • ein Scheunenbrand, Einzelbauer, Brandursache unbekannt;

  • ein Geräteschuppenbrand, LPG, Kinderhand.

Bezirk Erfurt

  • ein Scheunen- und Stallbrand, LPG, vermutliche Brandstiftung;

  • zwei Scheunenbrände, LPG und Kleinbauer, Fahrlässigkeit.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

  • ein Dachstuhlbrand, Kleinbauer, Fahrlässigkeit;

  • ein Feldscheunenbrand, Großbauer, Fahrlässigkeit.

Bezirk Schwerin

  • ein Wirtschaftsgebäudebrand, Mittelbauer, Brandursache unbekannt.

Bezirk Dresden

  • ein Stallbrand, Mittelbauer, Fahrlässigkeit.

Ergänzungsmeldung zu dem Bericht vom 7.3.195618

Von den in der Berichtszeit vom 22.2. bis 7.3.1956 aufgeführten zwei vermutlichen Brandstiftungen konnte die vermutliche Brandstiftung in der MTS-Außenstelle Engerda, [Bezirk] Gera, als vorsätzliche Brandstiftung aufgeklärt werden. Der Täter wurde festgenommen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Industrie

  • Am 5.3.1956 ereignete sich im Gebläsehaus I des EKS Stalinstadt eine Explosion, die den Ausfall der Öfen 1 und 2 zur Folge hatte. Die Ursache ist noch nicht geklärt. Der Schaden beträgt 15 000 DM.

  • Am 5.3.1956 fiel im VEB Möbelwerk Neugersdorf,19 [Bezirk] Dresden, die Dampfmaschine aus. Durch vermutliche Nichtzuführung von Öl war die Pleuelstange vollkommen ausgefressen.

  • Im VEB Weberei und Chemie Vacha,20 [Bezirk] Suhl, werden Forderungen laut, den Betriebsleiter abzusetzen, da er die Einführung von Verbesserungen verhindert. Außerdem versteht die Belegschaft nicht, weshalb er die 5 000 DM Defizit der Küche aus dem Jahre 1955 bezahlt, da diese Sache vor Gericht geklärt werden soll.

  • Am 11.3.1956 musste der Martinofen21 C des Stahlwerkes Riesa stillgelegt werden, da der Luftkanal der rechten Luftkammer infolge zu hohen Einsatzes von Schrott und zu heißen Fahrens durchgeschmort und der Gaskanal mitangegriffen war.

  • Am 10.3.1956 kam es im Kalischacht Worbis, [Bezirk] Erfurt, zu einem Gasausbruch, da bei einer Sprengung eine Gasrachel22 im Durchmesser von 2 m gelöst wurde. Der Ausfall beträgt 300 t Salz.

  • Am 9. und 11.3.1956 wurden im Kalk- und Zementwerk Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/O., Fremdkörper im Löschkalkbrecher gefunden. Der Brecher musste angehalten und mehrere Hämmer ausgewechselt werden.

  • Zu Betriebsunfällen mit tödlichem Ausgang infolge Fahrlässigkeit kam es am 9.3.1956 im Großkraftwerk Hirschfelde und am 16.3.1956 im BKW Hirschfelde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden.

  • Im VEB Sachsenwerk Dresden-Niedersedlitz erfolgte am 13.3.1956 in der Kapunanlage eine Kesselexplosion, die vermutlich durch Überdruck entstand.

  • Am 10.3.1956 wurden in den Schlickerbottich für Porzellanmasse im VEB Porzellanwerk Freienorla, [Bezirk] Gera, Kohlenasche und Reste unverbrannter Kohle von unbekannten Tätern geworfen. Der Schaden beträgt 5 000 DM.

  • Am 17.3.1956 erhielt der VEB Kraftverkehr Olbernhau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, einen fingierten Anruf, keinen Omnibus für die Arbeiter nach dem VEB Baumwolle Hohenfichte23 einzusetzen, da der Betrieb Stromsperre hätte. Dadurch fielen 20 Arbeiter in der Produktion aus. Der Anrufer meldete sich als Angehöriger des Betriebsschutzes.

  • Am 16.3.1956 ereignete sich im Sprengstoffwerk Schönebeck (Elbe) eine Explosion von 2 000 bis 3 000 Zündhütchen für Jagdpatronen, die vermutlich auf Reibungen beim Auslesen mit dem Löffel zurückzuführen ist.

Besondere Vorkommnisse

Brände

Am 8.3.1956 entstand in der Hochschule für Außenhandel in Staaken, Kreis Nauen, ein Dachstuhlbrand. Schaden: 1 000 DM, Ursache: fahrlässige Brandstiftung durch den Maschinenmeister.

Massenerkrankung

  • Am 12.3.1956 musste die Schule in Hornburg, Kreis Querfurt, wegen Ziegenpeter-Erkrankung von 18 Kindern geschlossen werden.

  • Im Kreisgebiet Luckau sind vier Personen an Paratyphus erkrankt und bei 21 weiteren besteht Paratyphus-Verdacht.

  • Bei der vom 9. bis 11.3.1956 in Cottbus stattgefundenen SED-Bezirksdelegiertenkonferenz traten bei 80 Teilnehmern starke und bei weiteren 80 Teilnehmern schwächere Magenkrämpfe und Durchfall in Erscheinung, was auf den verabreichten Fleischsalat des Konsum zurückzuführen ist. Die Untersuchungen laufen noch.

Waffenfunde

Am 15.3.1956 wurde bei Bauarbeiten an der Schlosskirche in Karl-Marx-Stadt im Dachgeschoss folgende Waffen und Munition gefunden: zwei Pistolen mit Tasche, vier Magazine, 115 Schuss Munition, eine Bordflinte, ein Luftgewehr, ein Säbel und drei Dolche. Alle Waffen waren gut eingefettet und verpackt.

Im Kreisverband der FDJ Grimma, [Bezirk] Leipzig, wurde im Februar 1956 den hauptamtlichen Funktionären nicht der volle Gehaltssatz von der Bezirksleitung gezahlt mit der Begründung, dass aufgrund der mangelhaften Beitragskassierung die fehlenden Beiträge vom Gehalt des jeweiligen Funktionärs abgezogen werden (angeblich laut einer Vereinbarung zwischen FDGB und Zentralrat der FDJ). Der FDJ-Sekretär vom VEB BKW Regis, Markowski, wandte sich daraufhin an das Arbeitsgericht und bekam Recht. Die ganze Behandlung dieser Gehaltsfrage führte zu Missstimmung unter den FDJ-Funktionären und kann im Wiederholungsfalle zu einer ernsten Frage werden.

Anlage vom 21. März 1956 zum Informationsdienst Nr. 6

Übersicht über bekannt gewordene Feindtätigkeit in der Zeit vom 7. bis 21.3.1956

Anonyme Anrufe erhielt die SED-Kreisleitung III in Magdeburg mit dem Ziel der Desinformation. Danach sollten angeblich die angesetzten Aktivtagungen ausfallen.

Provokationen

Am 3.3.1956 wurde in der Gaststätte »Schloßbastei« in Bad Schandau ein Meister der Arbeit »I. Klasse«24 aus Altmannsgrün/Vogtland von zwei Jugendlichen mit der Äußerung »Ihr Halunken verdient Euer Geld umsonst« aufgefordert, sein Abzeichen abzunehmen. Als er dieser Aufforderung nicht nachkam, fingen die Jugendlichen eine Schlägerei an. Am 16.3.1956 wurde vor einem Aufklärungslokal in Potsdam-Babelsberg ein gusseisernes Relief Hitlers (31 × 21 cm) mit der Aufschrift: »Ich glaube an Deutschland und kämpfe dafür, heute, morgen und in der Zukunft, bis unser der Sieg ist.«25 (Täter unbekannt) gefunden.

Schmierereien gegen die DDR, SED, Volksarmee, SU wurden in Köthen, Postamt Dresden, Berlin Glühlampenwerk, Grevesmühlen, Dabel, [Bezirk] Schwerin, und Merseburg festgestellt. Hakenkreuze wurden in Köthen sowie in Potsdam-Babelsberg gemalt. Zwei Reifentöter wurden auf dem Weg vom Bahnhof Kirchmöser nach Wusterwitz Dorf, [Bezirk] Potsdam, ausgelegt. (Die Straße wird von Fahrzeugen der KVP benutzt.)

Beschädigungen

  • In Eisleben wurden von 24 Plakaten »Generalappell der Kampfgruppen«26 22 Plakate beschädigt.

  • In der Nacht vom 13.3.1956 wurde in Brandenburg vor dem Jugendclubhaus eine schwarz-rot-goldene Fahne27 abgerissen.

  • In der Nacht vom 3. zum 4.3.1956 wurde in Plötzin, [Kreis] Potsdam[-Land], die im Freien aufgestellte Büste »Friedrich Engels« zerstört.

  • Vom Ehrenmal der Sowjetarmee in Lommatzsch, [Bezirk] Dresden, wurden 16 Kränze entfernt und auf die Straße geworfen.

Gerüchte

In Magdeburg wird unter der Bevölkerung das Gerücht verbreitet, dass Magdeburg am 1.4.1956 in »Thälmannstadt« umbenannt wird und dass alle privaten Hausbesitzer in Magdeburg enteignet werden. Im Kreis Torgau, [Bezirk] Leipzig, taucht das Gerücht auf, dass die Gemeinden Zinna, Welsau,28 Süptitz, Großwig und Weidenhain wegen Errichtung eines sowjetischen Truppenübungsplatzes geräumt werden sollen.

Feindtätigkeit in der Industrie

Die Feindtätigkeit in der Industrie kam am stärksten wieder in faschistischen Schmierereien, Anbringen von Hetzlosungen und Beschädigungen von Bildern und Büsten fortschrittlicher Personen zum Ausdruck. Diese Erscheinungen wurden in folgenden VE-Betrieben festgestellt:

  • Kaffee- und Nährmittelwerk Halle;

  • Waggonbau Halle[-Ammendorf];

  • »Vorwärts« Köpsen,29 [Bezirk] Halle;

  • Gärungschemie Dessau, [Bezirk] Halle;

  • Zylinderschleiferei Naumburg, [Bezirk] Halle;

  • Reifenwerk Riesa, [Bezirk] Dresden;

  • Grobgarnwerk Löbau, [Bezirk] Dresden;

  • Mühlenwerk Riesa, [Bezirk] Dresden;

  • Stahlbau Abus Gispersleben,30 [Bezirk] Erfurt;

  • EKS Stalinstadt;

  • Berliner Glühlampenwerk.

In der Schiffswerft Rechlin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde das Gerücht verbreitet, dass die Werft in nächster Zeit verlegt werden soll und auch die Seesportschule aufgelöst wird. Der BGL-Vorsitzende des Bahnhofes Görlitz erhielt ein anonymes Schreiben mit der Aufforderung, seine Funktion niederzulegen, da er sich nicht um die Beschäftigten kümmern würde. Der VEB Dampfhammerwerk Großenhain erhielt einen fingierten Anruf durch eine männliche Person, die sich als Kriminalpolizei ausgab und die Belegschaftsstärke verlangte. Am 7.3.1956 wurden durch einen Transportarbeiter im Wolllager des VEB Baumwollspinnerei Lengenfeld,31 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, drei Brandherde gelegt, die entdeckt und im Keime erstickt werden konnten. Der Transportarbeiter handelte aus feindlicher Einstellung zur DDR. Am 2.3.1956 wurde bei einer Reparatur im Wasserturm des Objektes 31 – Auerbach – ein Brandsatz aus drei Flaschen Benzin, einem Paket Watte und einer Schlafdecke gefunden. Im VEB Schultheiß Berlin32 werden in der Autowerkstatt während der Arbeitszeit RIAS-Sendungen gehört.

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    22. März 1956
    Zur Lage im FDGB [Information Nr. M62/56]
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    21. März 1956
    Stimmung zu Prämienfragen [1. Bericht] [Information Nr. M61/56]