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Stimmung zum Artikel von Walter Ulbricht zum XX. Parteitag (3)

6. März 1956
Stimmung zur Veröffentlichung des Genossen Walter Ulbricht über den XX. Parteitag (1. Bericht) [Information Nr. M49/56]

Übereinstimmend wird berichtet, dass in allen Bevölkerungsschichten starke Diskussionen über die Erklärung Walter Ulbrichts geführt werden.1 Sie beschränken sich jedoch ausnahmslos auf die Frage »Stalin«. Zum übergroßen Teil kommen in den Diskussionen Unklarheiten und Nichtverstehen zum Ausdruck. Sie befassen sich mit den Fragen: Klassiker oder nicht, Personenkult, Verdienste Stalins,2 Gegenüberstellungen Stalin – Bulganin,3 Prinzip der kollektiven Leitung4 und dem Nichtverstehen der »heutigen« Politik überhaupt. Die Mitglieder der SED diskutieren besonders zahlreich, sind aber den gleichen Unklarheiten unterworfen.

Die Hauptargumente sind:

  • »Warum wird die Kritik des ZK an Stalin erst nach dessen Tod geübt.« (aus Angestelltenkreisen).

  • »Es ist unverständlich, dass Stalin nicht mehr zu den Klassikern zählt. Er hat doch zahlreiche marxistische Werke geschrieben, dem Genossen Lenin den Schwur geleistet und dessen Arbeit fortgesetzt.« (von Genossen und Angestellten).

  • »Die Alleinschuld liegt nicht bei Stalin, sondern auch bei den Mitgliedern des ZK der KPdSU.« (von SED-Mitgliedern).

  • »Stalins Verdienste werden zu wenig herausgestellt.« (Großer Vaterländischer Krieg) (von Angestellten und Arbeitern).

  • »Es ist zwecklos zu studieren; was heute richtig ist, ist morgen falsch.« (von Genossen).

  • »Wir brauchen uns mit den Werken Stalins nicht mehr beschäftigen, da sie falsch sind.« (von Arbeitern und Angestellten).

  • »Zur Kritik an Stalin ist eine tiefgründige Erklärung nötig.« (von Genossen).

  • »Was wird mit dem Marx-Engels-Lenin-Stalin-Emblem und den anderen Bildern Stalins?« (von Genossen).

  • »Den Personenkult wollte Stalin selbst gar nicht, genau wie bei uns die Genossen Pieck und Grotewohl, der wird von den ›Kleinen‹ gemacht. Bulganin erreicht mit seiner Politik mehr, als Stalin mit seiner Diktatur erreichte.« (von Arbeitern).

  • »Es wird Zeit, dass sich das Prinzip der Kollektivität auch bei uns durchsetzt und der Personenkult abgeschafft wird.« (von Angestellten im FDGB und VdgB – Bezirksvorstand Schwerin).

Hierzu einige konkrete Beispiele

  • »Warum merkt man erst jetzt, dass während der Zeit Stalins kein Kollektiv bestand. Ich bin der Meinung, dass die Mitglieder des ZK nicht wagten, Stalin darauf aufmerksam zu machen.«

  • »Ich kann das nicht verstehen, dass jetzt der Genosse Stalin kritisiert wird, denn das haben doch die führenden Genossen in der SU auch gewusst. Da muss ich schon sagen, dass dann die Genossen versöhnlerisch gehandelt haben. Auch das mit dem Personenkult kann ich nicht verstehen, denn meiner Meinung nach ist das nur Verehrung gewesen. Bei uns werden doch auch die Genossen geehrt, das hat mit Personenkult nichts zu tun.«

  • »Was ist denn nun überhaupt mit Stalin los? Erst wurde Stalin vergöttert und jetzt wird er schlechtgemacht. Warum hat man das nicht vorher getan, als er noch lebte? Es war ja seinerzeit so, dass, wenn von Stalin gesprochen wurde und einer nicht Beifall klatschte, [derjenige] als Gegner bezeichnet und eingesperrt wurde. Heute wird er von seinen eigenen Genossen herabgewürdigt.«

Diese Argumente wurden von Arbeitern (Mitglieder der Partei) aus den Bezirken Leipzig und Suhl vertreten.

Die Genossin Betriebsfunkredakteurin im VEB Waggonbau Niesky brachte zum Ausdruck: »Wenn Stalin nicht mehr zu den Klassikern gehört, muss er doch in seinen Werken entscheidende Fehler gemacht haben. Ich sehe jetzt nicht mehr klar, wie ich hier argumentieren soll.«

In einer FDJ-Veranstaltung in Magdeburg, am 5.3.1956, diskutierten mehrere Jugendliche: »Wenn sich Stalin über die Partei gestellt hat, ist er doch auch ein Parteifeind gewesen wie Zaisser5 und Berija?«6

Der werktätige Bauer [Name 1] aus Rehberg, Kreis Straßburg, sagte: »Vor Lenin nehme ich den Hut ab, doch Stalin war ein Diktator.«

Der Kollege [Name 2] aus Roßlau, [Kreis] Dessau, sagte, »dass auch ein Staatsmann wie Genosse Stalin einmal einen Fehler machen kann. Im Großen Vaterländischen Krieg habe er aber Ungeheures geleistet und richtig gehandelt. Was der Genosse Bulganin auf parlamentarischem Wege geleistet hat, hat allerdings der Genosse Stalin nicht getan. Man müsste jedoch die damalige Lage und die Umstände dabei berücksichtigen. Damals war die Sowjetunion ohne Freunde und Genosse Stalin musste meist allein entscheiden.«

Im Statistischen Kreisamt in Sondershausen wird in einer sehr höhnischen Form über die Stellungnahme des Genossen Walter Ulbricht diskutiert. »Was soll man jetzt mit unseren Stalinbildern machen, die wir kaufen mussten und daheim in der guten Stube hängen haben. Man muss uns zu dieser Frage eine Anleitung geben, damit wir nicht krumm angesehen werden, wenn wir Stalinbilder wegnehmen und andere hinhängen.«

Der Schulungsleiter vom HO-Kaufhaus Schwerin erklärte: »Im nächsten Jahr wird der Kurze Lehrgang7 sowieso nicht mehr gelehrt und wir beschäftigen uns bis zum Abschluss des Parteilehrjahres nur noch mit der Auswertung des XX. Parteitages8 und der III. Parteikonferenz.«9

Der Leiter des Buchhandels »Welt im Buch« Schwerin erklärte: »Jetzt müssen wir endgültig die Stalin-Literatur aus unseren Verkaufsstellen zurückziehen, das wird genauso eingestampft wie die Literatur über Tito.«10

In Bitterfeld, [Bezirk] Halle, wurde das Gerücht verbreitet, dass man in der Sowjetunion dazu übergegangen sei, Stalin aus dem Lenin-Mausoleum zu entfernen11 und alle Literatur, die Stalin herausgegeben hat, einzustampfen.

Diskussionen über Walter Ulbricht im Zusammenhang mit seiner Erklärung zum XX. Parteitag wurden nur aus zwei Fällen aus dem Bezirk Potsdam bekannt, wo einmal ein Parteiloser sein Unverständnis darüber zum Ausdruck brachte, dass Genosse Walter Ulbricht bisher über Stalin immer so gut sprach und jetzt eine andere Meinung vertritt. Eine andere Diskussion wurde im Stahlwerk Brandenburg von einer Kollegin mit der provokatorischen Frage verbunden, ob denn Walter Ulbricht für uns noch tragbar sei.

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