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Stimmung zum XX. Parteitag der KPdSU (5)

14. März 1956
Neue Argumente zum XX. Parteitag der KPdSU (5. Bericht) [Information Nr. M54/56]

Die Diskussionen zum XX. Parteitag halten weiter an.1 Nachdem Anfang März 1956 ein geringes Nachlassen der Stellungnahmen zu verzeichnen war, wurden nach dem Artikel des Genossen Walter Ulbricht am 4.3.1956 neue Diskussionen größeren Umfanges ausgelöst.2 Dabei wird nur noch wenig über Fragen des 6. Fünfjahrplanes der UdSSR,3 Übergangsmöglichkeiten zum Sozialismus u. a. gesprochen, sondern man beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Frage »Stalin«.

Positive Äußerungen enthalten Stellungnahmen zur Einführung des 7-Stunden-Tages,4 Erhöhung des Lebensstandards, Unterstützung der werktätigen Frauen und Anerkennung für die schonungslose Anwendung der Kritik und Selbstkritik.

Die positiven Stellungnahmen werden aber durch zahlreiche Unklarheiten zurückgedrängt. Meistens werden noch folgende, bereits früher gemeldete Argumente vorgebracht:

  • »Es ist unverständlich, warum Stalin kein Klassiker mehr ist. Die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht müssen mehr erläutert werden.«

  • »Die Mitglieder des ZK der KPdSU haben auch Schuld, dass Stalin Personenkult treiben konnte, und Fehler machte, die jetzt kritisiert werden.«5

  • »Die Stalinbände kann man jetzt wegstellen, die Bilder abhängen, Straßen werden wieder umgetauft u. Ä.«

Außer den vorstehend gemachten Ausführungen, die aus allen Bevölkerungsschichten bekannt wurden, traten folgende neue Argumente ebenfalls in allen Bevölkerungsschichten auf:

  • »Warum hat man den Todestag Stalins mit keinem Wort erwähnt?«6 (alle Bezirke)

  • »Stalin war ein Diktator; war bei den Sowjetbürgern nicht beliebt.« (Bezirke Karl-Marx-Stadt, Gera, Dresden, Frankfurt/O. und Trattendorf, [Bezirk] Cottbus, VEB »Heinrich Rau« Wildau, [Bezirk] Potsdam).

Beispiele

  • Einige technische Angestellte aus den Industriebetrieben in Zeulenroda, [Bezirk] Gera, diskutierten: »Es ist gut, dass die Diktatur des Mannes vorbei ist. Die Politik in der Sowjetunion hat sich unter der Führung Bulganins7 gewendet und es wurden auf außenpolitischem Gebiet große Fortschritte gemacht. Als Beispiel gilt Jugoslawien.8 Unter Stalin hätte es eine solche Politik niemals gegeben.«

  • Kollegen aus der Abteilung Montage der Rathenower Optischen Werke erklärten: »Der Genosse Stalin war nicht der richtige Mann, sondern war genau wie Hitler. Er ist diktatorisch und radikal vorgegangen und das gesamte Volk hat ihn gehasst. Die führenden Funktionäre, die ihm nicht recht waren, wurden abgeurteilt, denn umsonst wurde doch nicht gesagt, Russland ist das Völkergefängnis.« Weiter erklärten die gleichen Kollegen, dass die Straßen, »die nach Stalin benannt sind, jetzt umbenannt werden müssen«.

  • »Da Stalin Fehler gemacht hat, wird wohl auch die Oder-Neiße-Grenze revidiert?« (Student der ABF der Humboldt-Universität Berlin, VEB Phänomenwerk Zittau, [Bezirk] Dresden, Angestellter des Rates des Bezirkes Potsdam (SED), Arbeiter der Warnow-Werft Rostock).

Vereinzelt kommt es zu Äußerungen, die sich gegen den Genossen Walter Ulbricht richten. Neben diesen Argumenten, die aus allen Bevölkerungsschichten bekannt wurden, gab es in den einzelnen Schichten folgende charakteristische Argumente:

Arbeiter der Industrie und Verkehrsbetriebe

  • »Warum gibt es bei uns noch keinen 7-Stunden-Tag?« (Maxhütte Unterwellenborn, VEB »Heinrich Rau« Wildau).

  • »Die SPD hätte das schon vor 20 Jahren sagen können, dass Fehler gemacht werden.« (Arbeiter aus Zella-Mehlis, [Kreis] Suhl[-Land]).

  • »Die Stalinsche Verfassung muss geändert werden.« (Arbeiter aus Zella-Mehlis, [Kreis] Suhl[-Land]).

  • »Auch die Bücher und Schriften Walter Ulbrichts werden eines Tages einer Kritik unterzogen.« (VEB Elde-Süßwaren Parchim,9 [Bezirk] Schwerin).

  • In der Abteilung Transportwesen des VEB Zellwolle Wittenberge,10 [Bezirk] Schwerin, wird jetzt ständig versucht, Fehler in Stalins Schriften aufzuzeigen bzw. zu entdecken.

  • »Auch bei uns gibt es Personenkult.« (Bau-Union Magdeburg).

Intelligenz

  • Parteilose Kollegen des Zentralen Konstruktionsbüros Berlin-Köpenick sind der Meinung, dass aufgrund der Möglichkeit des friedlichen Weges zum Sozialismus die Kampfgruppen zwecklos seien und man könne sie ruhig auflösen.11

  • Das ingenieurtechnische Personal des VEB Gummi- [und] Textilwerkes Bad Blankenburg, [Bezirk] Gera, diskutiert, dass die Büste vom Genossen Stalin jetzt weggestellt und die Büste von Trotzki12 in den Vordergrund gerückt werden müsste.

  • Ein Techniker des Wasserwirtschaftsbetriebes »Peene«, Rostock,13 bezeichnet alle Bilder von Genossen als Personenkult.

Landwirtschaft

  • »Verpflichtungen zu Stalins Geburtstag brauchen nicht erfüllt werden.« (Brigade Schleusingen der MTS Suhl).

  • »Bei der Kritik an Stalin handelt es sich um Machtkämpfe in der SU.« (Mittelbauer in St. Egidien, Kreis Hohenstein[-Ernstthal], [Bezirk] Karl-Marx-Stadt).

  • In der LPG »Philipp Müller« in Velten, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, haben sich die Unklarheiten über Stalin verstärkt, nachdem ein Instrukteur des Rates des Bezirkes Potsdam in der LPG ein Stalinbild von der Wand mit dem Bemerken nahm, dass dieses hier nichts mehr zu suchen hätte. Eine gleiche Anweisung gab er beim Rat der Gemeinde Velten.

  • Ein werktätiger Bauer aus der Gemeinde Beerwalde,14 [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, sagte, als er angesprochen wurde, als Gärtner in die LPG einzutreten: »Unter den Bauern der Gemeinde wird diskutiert, dass auf dem XX. Parteitag festgelegt worden sei, dass die LPG nicht mehr bestehen bleiben und deshalb ein Eintritt in die LPG nicht mehr notwendig sei.«

Mitglieder und Kandidaten der SED

Immer wieder wird zum Ausdruck gebracht, dass Genossen unserer Partei unklar sind und nicht wissen, wie sie diskutieren sollen. Dabei bilden selbst Funktionäre keine Ausnahme. Vielfach wird geäußert, dass man die Kritik an Stalin nicht versteht, da er doch große Verdienste vor allem im Großen Vaterländischen Krieg errungen habe und dass gerade dort eine feste Führung notwendig gewesen sei. (Angestellte des VEB Deutrans Rostock, u. a. auch der Parteisekretär). Teilweise tritt das Argument auf, dass man »abwarten« soll und keine »unbedachten Äußerungen« tun soll (Bezirk Erfurt, Rostock und Karl-Marx-Stadt).

Beispiel: Der Parteisekretär des VEB Elektrotechnik Eisenach, [Bezirk] Erfurt, äußerte: »Bei uns im Betrieb werden keine Diskussionen wegen des XX. Parteitages geführt. Wir haben in der Leitung festgelegt, dass wir abwarten wollen, bis unsere Delegation aus Moskau mit konkreten Unterlagen kommt,15 denn jetzt zu reden hat keinen Zweck, weil man noch keine klare Linie sieht. Deshalb warten wir ab, das ist bei Weitem besser.« Angestellte (SED) von der RBD Greifswald, [Bezirk] Rostock, sagten: »Man muss noch warten, welche Erläuterungen in der Frage des Personenkultes folgen werden, damit man in der Diskussion nicht aneckt. Es ist besser, man schweigt. Sollen sich andere den Mund verbrennen.«

Negative Erscheinungen gab es unter Genossen, die beim Rat des Bezirkes Dresden beschäftigt sind. Meist werden die bereits bekannten Argumente gebracht. Darüber hinaus kommt es aber noch zu folgenden Äußerungen:

  • Ein Genosse der Org.-Instr.-Abteilung sagte, dass er mit der Politik des ZK, wie sie augenblicklich gemacht wird, nicht einverstanden ist.

  • Ein politischer Mitarbeiter des Sekretärs des Bezirkes sagte: »Es gibt drei klare Fragen bezüglich des Genossen Stalin: Erstens, das ZK der KPdSU hat geschlafen, oder zweitens, Genosse Stalin war allen anderen geistig überlegen, sodass sie sich nicht getrauten, etwas zu sagen, oder drittens, man wollte es absichtlich so laufen lassen.«

  • Zur Bezirksdelegiertenkonferenz in Magdeburg16 diskutierten während der Pause ca. zehn Genossen, dass sie mit den Ausführungen des Genossen Otto Schön17 über Stalin nicht zufrieden sind, da er nur wiederholt habe, was bereits in der Zeitung stand.18

  • Eine Delegierte der Bau-Union Magdeburg sagte: »Wenn schon etwas angesprochen wird, dann richtig. Der Genosse Schön hat uns mit seinen Ausführungen über Stalin nichts gegeben. Wir möchten endlich eine Begründung der Kritik auf dem XX. Parteitag.«

  • Genossen des VEB TRO »Karl Liebknecht« Berlin diskutierten, dass jetzt der Klassenkampf nur noch auf ideologischer Ebene geführt wird und ob man da überhaupt noch vom Klassenkampf sprechen kann.

  • Genossen beim Rat des Kreises Stadtroda, [Bezirk] Gera, sind der Ansicht, dass der mögliche friedliche Weg zum Sozialismus eine Schwäche des ZK der KPdSU zeige, weil sie sich vor einer blutigen Revolution fürchtet.

  • Im VEB Optima Erfurt19 wurde festgestellt, dass sich in den Diskussionen zwei Richtungen unter den Genossen herausbilden. Die ehemaligen Sozialdemokraten vertreten den Standpunkt, dass sie doch recht gehabt hätten, als sie schon vor 1933 Stalin als den Alleinherrscher betrachtet hätten. Die alten KPD-Genossen sind über den Artikel ziemlich empört, sie betrachten Stalin als ihr Vorbild, der ihnen die richtigen Richtlinien der politischen Entwicklung gab. Sie bringen zum Ausdruck, dass er in der SU Großes geleistet hat und sie können heute nicht verstehen, dass man so von Stalin spricht.

  • Der Verlag Volk und Wissen rief bei der HA Lehrerbildung des Ministeriums für Volksbildung an, wie man sich jetzt bei der Neubearbeitung des Psychologiebuches verhalten soll.20 In diesem Buch sind sehr viele Zitate vom Genossen Stalin und man bezieht sich immer auf ihn. Die Verantwortlichen für die Bearbeitung fragten, wie man sich verhalten soll, auch zum Beispiel in dem Kapitel über die Erziehung zur Persönlichkeit. Eine klare Stellung wurde von der HA nicht eingenommen und man vertröstete sie mit Warten.

Bürgerliche Parteien

  • Es zeigen sich Ablehnungen von Diskussionen zum XX. Parteitag und Interessenlosigkeit. (NDPD-Mitglieder in Worbis und Langensalza, Bezirk Erfurt, Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg).

  • »Die anderen Blockparteien können aufatmen, da sich auch in der Politik der SED eine versöhnliche Tendenz bemerkbar machen wird.« (Mitglieder der LDPD im Bezirk Gera).

Oberschüler und Studenten

Eine Gruppe von Oberschülern in Saalfeld, [Bezirk] Erfurt, meinte: »Es ist doch eine Schweinerei, wenn man jetzt Stalin schlechtmacht, damit die anderen ins richtige Licht gerückt werden.« Gleichzeitig diskutieren Oberschüler in Erfurt, dass in der Bezirksleitung der SED die Stalinbilder abgenommen wurden. Oberschüler in Golzow, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/O., diskutierten, dass man eine Revolution nur mit Waffengewalt durchführen kann. Sie forderten von dem Direktor der Oberschule eine ausführliche Erklärung über den XX. Parteitag.

Studenten der medizinischen Fakultät der Universität Greifswald, [Bezirk] Rostock, stellten dem Dozenten der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät am 5.3.1956 nach einer Vorlesung die Frage, ob Stalin zu den Klassikern gehört. Der Dozent hatte den Artikel des Genossen Walter Ulbricht noch nicht gelesen und wies anhand der Werke Stalins nach, dass dieser trotz einiger Fehler als Klassiker anzusprechen ist. Daraufhin applaudierten die Studenten lebhaft und zeigten ihm erst anschließend den Artikel vom Genossen Walter Ulbricht.

Negative bzw. feindliche Erscheinungen

In einem VEB des Kreises Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, wird von einem SED-Mitglied und von parteilosen Arbeitern diskutiert: »Stalins Politik ist falsch gewesen und die Leninbündler21 haben doch recht gehabt. Aufgrund dessen sind wir der Meinung, dass der aus der Partei ausgeschlossene Kollege wieder in seine alte Funktion eingesetzt werden muss.« Der betreffende Kollege selbst nimmt dazu keine Stellung.

Ein Angestellter aus Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, (als ehemalige Leninbündler aus der Partei ausgeschlossen) erklärte: »Es ist das erste Mal, dass man wagt, die Arbeit des Genossen Stalin zu kritisieren, und es hat sich jetzt bewiesen, dass der Genosse Stalin selbstherrlich und ein uneingeschränkter Diktator war.«

  1. Zum nächsten Dokument Westliche Rundfunk- und Presseberichte zum XX. Parteitag der KPdSU (4)
    15. März 1956
    Feindpropaganda zum XX. Parteitag der KPdSU (4. Bericht) [Information Nr. M55/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Stimmung zur Neufestsetzung der Arbeitsnormen (4)
    14. März 1956
    Die Stimmung zur Neufestsetzung der Arbeitsnormen (4. Bericht) [Information Nr. M53/56]