Direkt zum Seiteninhalt springen

Maßnahmen von SPD und Westberliner Senat zum Deutschlandtreffen

19. März 1964
Einzelinformation Nr. 220/64 über beabsichtigte Maßnahmen der Westberliner SPD und des Senats gegen das Deutschlandtreffen der Jugend zu Pfingsten in Berlin

Am 12.3.1964 fand in Westberlin eine Sekretärkonferenz der Westberliner SPD statt, auf der über Maßnahmen der SPD und des Senats gegen das Deutschlandtreffen der Jugend1 in Berlin gesprochen wurde. Von einer zuverlässigen Quelle wurde dazu Folgendes bekannt:

Der SPD-Landessekretär Eberhard Hesse2 teilte mit, dass es dem Senat gegenwärtig besonders darauf ankommt festzustellen, wie die Behandlung der Westberliner Teilnehmer am Deutschlandtreffen vor sich gehen soll. Hesse sagte: Die östliche Seite zeigt gegenwärtig größtes Interesse daran, für dieses Treffen westdeutsche und Westberliner Jugendliche in größerer Zahl einzuladen. Wenn die östliche Seite diese Absicht hat, dann müssen für die Jugendlichen aus Westberlin auch Möglichkeiten geschaffen werden, legal über die Grenze zu kommen. Wenn das genauso gehandhabt wird wie mit den westdeutschen Bürgern,3 wenn also die Westberliner Jugendlichen einen Passierschein an der Grenze erhalten, dann wären Verhandlungen über künftige Passierscheinabkommen4 nicht mehr diskutabel, denn dann könnte diese Methode generell für alle Westberliner angewendet werden. Wie Hesse weiter ausführte, ist der Senat interessiert zu erfahren, wie der Osten zu einem neuen Passierscheinabkommen für die Pfingstfeiertage steht.5 Der Senat rechnet für Pfingsten nicht mit einem neuen Abkommen,6 weil in dieser Zeit das Deutschlandtreffen der Jugend stattfindet und die östliche Seite wenig Interesse haben dürfte, zu Pfingsten noch recht viele Westberliner Bürger nach Ostberlin einreisen zu lassen.

Anschließend teilte der persönliche Referent des Jugendsenators Neubauer,7 Dietrich Stobbe,8 mit, dass der Westberliner Senat in Vorbereitung des Deutschlandtreffens eine besondere Kommission gebildet hat. Vorsitzender dieser Kommission ist Neubauer. Dietrich Stobbe erklärte, dass sich auch bereits der Landesjugendring in Westberlin mit Fragen des Deutschlandtreffens beschäftigt hat. Der Landesjugendring hat dem Zentralrat der FDJ einen Brief geschrieben. In diesem Brief wurde zum Ausdruck gebracht, dass der Landesjugendring bereit wäre, am Deutschlandtreffen teilzunehmen, wenn von der östlichen Seite die Grenzen geöffnet werden, sodass auch Ostberliner nach Westberlin kommen können.

Im Senat selbst haben, wie Stobbe weiter mitteilte, in Vorbereitung des Deutschlandtreffens bereits umfangreiche Diskussionen stattgefunden mit dem Ziel, Festlegungen zu treffen, was zu Pfingsten unternommen werden könnte. Der persönliche Referent von Albertz,9 Egon Erwin Müller,10 hatte z. B. vorgeschlagen, zu Pfingsten in Westberlin ein Gegenfestival durchzuführen und dazu 200 000 bis 400 000 Jugendliche aus Westdeutschland nach Westberlin zu holen. Durch ein großangelegtes Gegenfestival sollte nach Auffassung Müllers erreicht werden, die politische Bedeutung des Deutschlandtreffens in Ostberlin herabzumindern. Außerdem sollten Gruppen westdeutscher Jugendlicher gebildet werden, um sie gezielt nach dem Osten zu schicken. Stobbe teilte mit, dass der Senat diesen Vorschlag Müllers abgelehnt hat, weil es technisch unmöglich sei, für 200 000 bis 400 000 Jugendliche Unterkunftsmöglichkeiten in Westberlin zu schaffen. Außerdem sei die Organisationsfrist bis Pfingsten zu kurz.

Trotzdem wurde im Senat weiter diskutiert, ob es Möglichkeiten gibt, ein Gegenfestival durchzuführen. Stobbe erklärte, die Westberliner Jugendverwaltung rechnet damit, dass zu Pfingsten etwa 6 000 bis 7 000 westdeutsche Jugendliche besuchsweise in Westberlin sein werden. Es werden zurzeit Überlegungen angestellt, wie man diese Jugendlichen erfassen und ausnutzen kann:

  • a)

    Man könnte mit ihnen in Westberlin Gegenveranstaltungen durchführen, um sie davon abzuhalten, nach dem Osten zu gehen. Es ist z. B. daran gedacht, sogenannte Aufklärungsveranstaltungen zu organisieren. Es gibt aber auch Vorstellungen, z. B. im Sportpalast ein großes Tanzvergnügen durchzuführen, zu der die 6 000 bis 7 000 westdeutschen Jugendlichen eingeladen werden.

  • b)

    Man stehe außerdem vor der Frage, westdeutsche Jugendliche gezielt – mit bestimmten Aufträgen – nach dem Osten zu schicken.

Stobbe erklärte abschließend, dass man in Westberlin die Frage der Teilnahme westdeutscher und Westberliner Jugendlicher am Deutschlandtreffen sehr ernst und aufmerksam beachten müsse. Die Aktivität der FDJ in Westberlin zeuge davon, dass Versuche angestellt werden, eine große Zahl Jugendlicher für die Teilnahme am Deutschlandtreffen zu gewinnen. Im Senat gebe es noch keine Klarheit und Einigkeit, was zu tun ist. Stobbe bat die SPD-Sekretäre, Vorschläge zu unterbreiten, die der eingangs erwähnten Senatskommission vorgelegt werden können.

Der Bildungssekretär im SPD-Landesvorstand, [Vorname Name 1], schlug vor, in Westberlin zu Pfingsten Gegenveranstaltungen durchzuführen, um zu verhindern, dass die in Westberlin anwesenden westdeutschen Jugendlichen nach dem Osten gehen. Man sollte nach seiner Auffassung wirkungsvolle internationale Sportveranstaltungen organisieren. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt, weil dazu die Voraussetzungen fehlen und die Zeit für die Organisierung derartiger Veranstaltungen zu kurz ist. Landessekretär Hesse schlug vor, als Gegenmaßnahme eine Großveranstaltung in der Waldbühne zu organisieren.

Der Schöneberger Kreissekretär [Name 2] sprach sich für die Durchführung eines Gegenfestivals in drei bis vier Monaten in Westberlin aus, da die Zeit bis Pfingsten zu kurz sei.

Die Information kann aus Gründen der Sicherheit der Quelle nicht publizistisch ausgewertet werden.

  1. Zum nächsten Dokument Beabsichtigte Ernennung Havemanns zum ordentlichen Mitglied der DAW
    19. März 1964
    Einzelinformation Nr. 225/64 über die beabsichtigte Ernennung Prof. Havemanns vom korrespondierenden zum ordentlichen Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW)
  2. Zum vorherigen Dokument Ungesunde Atmosphäre an der Universitätsklinik Rostock
    18. März 1964
    Einzelinformation Nr. 221/64 über eine ungesunde Atmosphäre an der Chirurgischen Universitätsklinik in Rostock