Direkt zum Seiteninhalt springen

Verlauf der 2. Besuchsperiode des Passierscheinabkommens (3)

28. Dezember 1964
3. Bericht Nr. 1146/64 über den Verlauf der 2. Besuchsperiode des Passierscheinabkommens

Der Besucherverkehr über die KPP an der Staatsgrenze in Berlin verlief in der Zeit vom 24.12. bis 27.12.1964 wie folgt:

[Besuchsverkehr]

24.12.

25.12.

26.12.

27.12.

Aufgrund der ausgegebenen Passierscheine wurden erwartet

29 754

96 568

113 502

99 257

eingereist sind (Durchschnitt im 1. Besuchszeitraum 93,75 %)

24 302 (81,7 %)

84 979 (88 %)

93 079 (82 %)

75 532 (76,1 %)

mit Kfz

1 993

6 963

7 494

5 705

Davon reisten über die einzelnen KPP ein:

[Übergang]

24.12.

25.12.

26.12.

27.12.

Bahnhof Friedrichstraße

13 168

43 098

47 605

42 205

Chausseestraße

2 595

9 119

9 110

7 121

Invalidenstraße

1 967

7 359

9 065

5 566

Oberbaumbrücke

3 032

11 905

12 548

9 610

Sonnenallee

3 540

13 498

14 751

11 030

Damit reisten in der Zeit vom 24.12. bis 27.12.1964 insgesamt 277 892 Westberliner Bürger mit Passierscheinen in die Hauptstadt der DDR ein.1 Seit Beginn der zweiten Besuchsperiode haben somit insgesamt 465 173 Westberliner Bürger mit Passierscheinen die Hauptstadt der DDR besucht.

Mit Passierscheinen für dringende Familienangelegenheiten reisten außerdem ein: 34 Personen am 24.12., 25 Personen am 25.12., 23 Personen am 26.12. und 6 Personen am 27.12.1964.

Außer diesen Westberliner Bürgern reisten am

  • 24.12.: 8 740 Personen,

  • 25.12.: 9 501 Personen,

  • 26.12.: 9 384 Personen,

  • 27.12.: 7 700 Personen

aus Westdeutschland und anderen nichtsozialistischen Ländern in die Hauptstadt der DDR ein.

Im angegebenen Zeitraum (24.–27.12.) wurden an den KPP in Berlin insgesamt 1 697 ausreisende und 6 226 einreisende DDR-Bürger im Rentenalter abgefertigt.2

Für die nächsten Tage ist aufgrund der ausgegebenen Passierscheine mit folgenden Einreisezahlen Westberliner Bürger zu rechnen:

  • 28.12.: 72 431,

  • 29.12.: 48 435,

  • 30.12.: 51 723,

  • 31.12.: 96 951.

Die Abfertigung des Besucherstromes verlief an den genannten vier Tagen reibungslos und ohne besondere Vorkommnisse.3 Zu Wartezeiten bis zu etwa 30 Minuten kam es am 24. und 25.12. jeweils ab 23.00 Uhr, weil die Mehrzahl der eingereisten Westberliner (64 bzw. 57 %) erst zu diesem Zeitpunkt ausreiste.

Vom 25. bis 27.12. waren die KPP je nach Andrang vor der festgesetzten Zeit geöffnet worden. In Einzelfällen traten unmittelbar nach Öffnung der KPP infolge starker Konzentration der Einreise vorübergehend Wartezeiten auf.

Vom Verhalten der auf Westberliner Seite an den KPP eingesetzten Westkräfte sind bis auf zwei Einzelfälle keine besonderen Vorkommisse4 bekannt geworden. Am 24.12. wurde am KPP Chausseestraße eine weibliche Person, die auf Westberliner Seite lautstark gegen die DDR hetzte, von Westberliner Polizeikräften weggebracht. Am KPP Invalidenstraße verhielten sich am 25.12., 1.30 Uhr, drei Westberliner Polizeiangehörige provokatorisch. Diese drei Polizeiangehörigen – einer von ihnen hatte die Staatsgrenze überschritten – bedrohten die Grenzsicherungskräfte der DDR mit der Schusswaffe.5 Die Westberliner Polizisten befanden sich offensichtlich im angetrunkenen Zustand, zumal kurz vorher die Ausgabe von Spirituosen beobachtet wurde.

Bürgermeister Albertz6 hatte sich am 24.12. von 21.20 Uhr bis 21.30 Uhr am KPP Sonnenallee (etwa 50 m vom KPP entfernt) aufgehalten und sich mit den dort eingesetzten Westkräften unterhalten.

An den KPP Oberbaumbrücke, Sonnenallee und Chausseestraße traten wieder das Westfernehen und Bildreporter in Erscheinung und filmten die Ein- bzw. Ausreise der Westberliner. Amerikanische Bildreporter versuchten am 26.12. am KPP Chausseestraße innerhalb des DDR-Kontrollbereiches zu filmen, wurden jedoch von den DDR-Sicherungskräften zurückgewiesen.

Die eingereisten Westberliner Bürger führten an Geschenken vornehmlich wieder Genussmittel, Südfrüchte, Nylonerzeugnisse und teilweise Spirituosen mit. Bei der Ausreise wurden insbesondere Klein-Textilien, Spielzeug und kunstgewerbliche Gegenstände mitgeführt.

An den genannten vier Tagen erfolgten bei der Ein- und Ausreise insgesamt 70 Beschlagnahmungen. In einem Fall wurden bei der Einreise 1 080 MDN und 197 DM/West eingezogen. Außerdem wurden insgesamt 2 017 Zurückweisungen vor allem bei der Ausreise (u. a. Textilien und Porzellan) und 3 298 formlose Einziehungen bei der Einreise (überwiegend Zeitungen und Kalender) vorgenommen. Im verstärkten Umfange war versucht worden, vor allem westliche Tageszeitungen in die Hauptstadt der DDR einzuführen. Am 24.12. war außerdem eine Zunahme der Fälle festzustellen, wo Westberliner Bürger versuchten, den an den KPP eingesetzten DDR-Kräften kleinere Geschenke zu überreichen, was jedoch in allen Fällen abgelehnt wurde.

In der Zeit vom 24. bis 27.12. wurden 34 Westberliner Bürger, die in die Bezirke Potsdam und Frankfurt/O. einzureisen versuchten, zurückgewiesen.

Wie schon an den Vortagen wurden wieder negative Diskussionen unter den im Grenzgebiet der Hauptstadt der DDR wohnenden Bürgern bekannt. Teilweise wurde gefordert, zumindest mehr Möglichkeiten zum Empfang der Westberliner Gäste zu schaffen, wobei u. a. auf das Kasino im Walter-Ulbricht-Stadion hingewiesen wurde. Von Bürgern der Heinrich-Heine-Straße sei in einem Vorschlag an den Staatsrat empfohlen worden, fünf Wohnblöcke der Heinrich-Heine-Straße aus dem Sperrgebiet herauszulösen.

Geldumtausch

In den Tagen vom 24.12. bis 27.12.1964 zeigte die Durchführung des obligatorischen Mindestumtausches7 folgende Entwicklung:

[Tag]

Zahl der Umtauschenden

% der Tageseinreise

Umtauschsumme

24.12.1964

16 815

69,2 %

50 452

25.12.1964

57 222

67,4 %

171 677

26.12.1964

63 940

68,7 %

191 821

27.12.1964

52 354

69,3 %

157 159

Damit haben seit Beginn der zweiten Besuchsperiode insgesamt 327 787 Westberliner Bürger (70,5 % der eingereisten Personen) 983 507 DM/West im Mindestumtausch getauscht.

Außerdem tauschten eine Anzahl Westberliner Besucher Geld im zusätzlichen Umtausch, dessen Gesamtbetrag sich seit dem 19.12.1964 auf 56 214 DM/West beläuft.

Die Durchführung des Mindestumtausches ging im Besuchszeitraum reibungslos und ohne wesentliche Vorkommnisse vonstatten. Der überwiegende Teil der Westberliner Besucher nahm unaufgefordert den Umtausch vor. Es kann eingeschätzt werden, dass der gesetzlich festgelegte Mindestumtausch in immer stärkerem Umfang als eine Selbstverständlichkeit betrachtet wird. Von vielen Westberlinern, vor allem älteren Personen, wird die höfliche und schnelle Abfertigung beim Umtausch anerkennend hervorgehoben. Nur ein geringer Teil der Einreisenden versuchte, den Umtausch zu umgehen bzw. abzulehnen. Nach Hinweis auf die gesetzlichen Bestimmungen ist aber in jedem Fall der Mindestumtausch vorgenommen worden. In diesem Zusammenhang kam es in Einzelfällen zu negativen Äußerungen, wobei u. a. damit argumentiert wurde, dass der Mindestumtausch eine Verletzung des Passierscheinabkommens bedeute und Zwang sei. Einige provokatorische Äußerungen hatten solche Bemerkungen wie Wegelagererzoll, Spaltergeld usw. zum Inhalt. Es konnte festgestellt werden, dass derartige negative Diskussionen vor allem von Jugendlichen und verschiedentlich von Geschäftsleuten geführt wurden.

In einigen Fällen legten einreisende Westberliner fertig abgepackte Beutel mit 3,00 DM/West beim Mindestumtausch vor. Auf Befragen gaben sie an, diese Beutel beim Westberliner Senat empfangen zu haben. Vermutlich handelt es sich dabei um Gelder, die der Westberliner Senat an minderbemittelte Personen ausgibt, um ihnen den Mindestumtausch zu ermöglichen.

  1. Zum nächsten Dokument Festnahme eines holländischen Staatsbürgers
    30. Dezember 1964
    Einzelinformation Nr. 1151/64 über die Festnahme eines holländischen Staatsbürgers am KPP Marienborn wegen versuchter Schleusung von zwei Bürgern der DDR nach Westdeutschland
  2. Zum vorherigen Dokument Verlauf der 2. Besuchsperiode des Passierscheinabkommens (2)
    24. Dezember 1964
    2. Bericht Nr. 1144/64 über den Verlauf der 2. Besuchsperiode des Passierscheinabkommens