Direkt zum Seiteninhalt springen

3. Bericht über das Manöver Oktobersturm

18. Oktober 1965
3. Bericht Nr. 903/65 über die Aktion »Oktobersturm« (Berichtszeitraum bis 17. Oktober 1965, 24.00 Uhr)

Am 17.10.1965 wurden – wie bereits an den Vortagen – keine gegnerischen Maßnahmen größeren Umfangs im westzonalen Vorfeld und im rückwärtigen Grenzgebiet, die im Zusammenhang mit den Manövern in der DDR zu sehen sind, bekannt.1

Bei den Verbänden der Bundeswehr und anderer NATO-Streitkräfte wurden keine wesentlichen Veränderungen festgestellt. Der Dienstbetrieb verläuft im Allgemeinen normal. Es gab auch gestern keine Anhaltspunkte dafür, dass die auf westdeutschem Gebiet festgestellten Truppenbewegungen den bekannten üblichen Rahmen bei Manövern in Westdeutschland (gegenwärtig insbesondere der NATO-Übung »Double Deal«2 im Raum Hannover, Hameln, Paderborn und der Übungen des BGS) überschreiten.

Sprengschächte wurden in den letzten Tagen an einigen Straßen im Raum Fulda festgestellt.

In mehreren Abschnitten an der Staatsgrenze West der zum Manövergebiet gehörenden Bezirke war am 17.10. eine verstärkte Aufklärungs- und Streifentätigkeit insbesondere durch Angehörige der US-Armee und teilweise auch durch den BGS festzustellen (Bereich GR Zscharrenmühle, Beobachtungspunkte Willershausen, Sohlberg, Heldrastein und Kronberg). Alle im Raum Herleshausen festgestellten Jeeps der US-Armee und des BGS waren mit Funkgeräten ausgerüstet.

Im westlichen Grenzbereich des Bezirkes Erfurt und im Raum Neustadt–Coburg war außerdem eine verstärkte Aufklärungstätigkeit durch den westdeutschen Zollgrenzschutz festzustellen. Offensichtlich hat sich die Zahl der eingesetzten Streifenposten erhöht. Andere Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass die Ablösung der Postenpaare in jeweils kürzeren Zeitabständen erfolgt.

In den Vormittagsstunden des 17.10. flog ein US-Flugzeug (Hochdecker L-19 A3) den Grenzbereich des GR Sonneberg ab.

Am Grenzübergang Herleshausen wurden nach Westdeutschland reisende DDR-Bürger von westdeutschen Zollbeamten nach ihren Kenntnissen über die Manöver befragt. Sie versuchten diese Befragung damit zu begründen, dass sie Angaben über gesperrte Landstraßen und Autobahnabschnitte in der DDR benötigen würden. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass die westdeutschen Zollbeamten westdeutsche Kraftfahrer dahingehend zu beeinflussen versuchten, nicht in Richtung DDR oder Westberlin zu fahren, da sie eventuell stundenlang aufgehalten werden könnten. (Diskussionen in dieser Richtung wurden in Westdeutschland mehrfach festgestellt.)

In der Tätigkeit der westlichen Geheimdienste wurden keine neuen Gesichtspunkte bekannt. Am 17.10. wurden weitere Zivilpersonen, die in der Nähe militärischer Objekte auffällig in Erscheinung traten, unter operative Kontrolle genommen.

In der Tätigkeit der westlichen Militärverbindungsmissionen gibt es ebenfalls keine neuen Schwerpunkte. Es wurde festgestellt, dass die Angehörigen der britischen MVM bisher am aktivsten in Erscheinung traten. An den Grenzen des zeitweiligen Sperrgebietes wurden gestern insgesamt drei MVM-Fahrzeuge festgestellt.

Die Stimmung und Einsatzbereitschaft unter den eingesetzten Soldaten, Unterführern und Offizieren ist weiterhin gut. Die durchgeführten Kampfmeetings, Versammlungen und anderen Veranstaltungen in den an der Übung beteiligten NVA-Einheiten, trugen zur weiteren Erhöhung der Gefechtsbereitschaft und Kampfmoral der NVA-Angehörigen bei. Während aus den Einheiten der NVA ausschließlich positive Stimmen bekannt wurden, gibt es im Bereich der 9., 11. und 13. Grenzbrigade weiterhin vereinzelt unklare und negative Meinungen, die sich hauptsächlich gegen die Notwendigkeit einer verstärkten Grenzsicherung richten bzw. erkennen lassen, dass die politische Bedeutung der Truppenübung unterschätzt wird. Besonders Unteroffiziere und Soldaten sprechen vereinzelt von der dienstlichen Überlastung und kritisieren die verstärkte Grenzsicherung.

Wie bereits in den Vortagen, kam es auch am 17.10. zu mehreren Fällen von unerlaubter Entfernung von Armeeangehörigen aus den Konzentrierungsräumen, wobei die Soldaten vorwiegend Gaststätten aufsuchen und größere Mengen Alkohol zu sich nehmen. In einigen Fällen müssten die NVA-Angehörigen – hauptsächlich Soldaten und Unterführer – gewaltsam zu ihren Einheiten zurückgeführt werden.

Besonders im Verlaufe des 17.10. häuften sich sowohl in der 7. PD als auch in der 4. MSD4 die Festnahmen von Personen, die sich bei Spaziergängen den Konzentrationsräumen der Truppenteile und Gefechtsstäbe näherten.

Die festgestellte Feindtätigkeit richtet sich – wie bereits in den Vortagen – vor allem gegen die Nachrichtenverbindung der an der Übung beteiligten Truppen. Nachträglich wurde bekannt, dass am 15.10. anlässlich einer Leitungsprobe festgestellt wurde, dass im Dorotheenthal bei Arnstadt ein Fernsprechkabel der NVA durch unbekannte Täter zerschnitten wurde. (Maßnahmen zur Ermittlung der Täter wurden eingeleitet.)

Am 17.10.1965 wurde ca. 300 m südwestlich von Sondra, [Kreis] Eisenach, im Unterbringungsraum des Pz. Btl. des MSR 24, ein Funkstörballon sichergestellt. Das Gerät dient der Funkgegenwirkung und wurde mit primitiven Mitteln hergestellt. Am Ballon befand sich ein in der DDR hergestelltes Stromelement. Die Herkunft des Ballons ist noch unbekannt.

Weiter wurde am 17.10., 8.00 Uhr, festgestellt, dass von den Wasserbehältern (Sammelbecken) in Riechheim, [Kreis] Arnstadt, die Schlösser gewaltsam erbrochen waren. Die Wasserbehälter dienen der Trinkwasserversorgung des Ortes Riechheim sowie der in diesem Raum befindlichen sowjetischen Einheiten. Das nach Bekanntwerden des Vorfalles erlassene Verbot für die Wasserentnahme konnte durch die Hygieneinspektion gegen 17.00 Uhr aufgehoben werden.

Aus den an der Übung beteiligten Kräften wurde in der Berichtszeit lediglich ein Unfall bekannt. Am 16.10. gegen 12.00 Uhr, kippte ein Lkw der tschechoslowakischen Volksarmee, welcher 6 000 l Benzin in Kanistern von je 20 l geladen hatte, am Ortsausgang Kleinkochberg, [Bezirk] Gera um. Dabei sind zehn Kanister Benzin ausgelaufen. Ein Soldat wurde dabei verletzt und ins Krankenhaus Rudolstadt eingeliefert.

Am 16. und 17.10 vom westdeutschen Grenzgebiet aus durchgeführte Hetzschrifteneinschleusungen (Ballonaktionen) hatten keinen Einfluss auf die an der Übung beteiligten Kräfte. An den beiden Tagen wurden in den Bezirken Erfurt, Suhl und Gera über 3 300 eingeschleuste Hetzschriften sichergestellt (Erfurt/2 750, Suhl/rd. 600, Gera/knapp 100). Die Fundorte befinden sich in den folgenden Kreisen: Mühlhausen, Nordhausen, Arnstadt, Worbis, Erfurt, Neuhaus, Ilmenau, Bad Salzungen, Sonneberg, Suhl, Saalfeld, Lobenstein und Rudolstadt.

Inhaltlich wird in den Hetzschriften nicht auf das Manöver eingegangen. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Hetzschriften handelt es sich um das CDU-Blatt »Der Tag« vom August bzw. Oktober d. J. (CDU-Wahlkampfpropaganda bzw. Verherrlichung der CDU-Politik). Zahlenmäßig bewegt sich diese Hetzschriftenaktion bisher im üblichen Rahmen.

In der Reaktion und Stimmung der Bevölkerung sowie in den aufgetretenen negativen Diskussionen und Gerüchten gibt es keine wesentlichen Veränderungen. Es sind zahlreiche Beispiele bekannt geworden, wo sich DDR-Bürger über die Bestrebungen der Armee-Angehörigen, nach Möglichkeit Schäden zu vermeiden, sehr lobend aussprachen.

Nachträglich wurde bekannt, dass sich ca. 30 Beschäftigte des Feingerätewerkes Weimar und der größte Teil der Mitarbeiter der Konstruktionsabteilung des VEB Weimar-Werke (Angehörige der techn. Intelligenz) gegen die Teilnahme an der Veranstaltung auf dem Ettersberg ausgesprochen haben.

In den VEB Kali-Kombinat/Werra, Glaswerk Schönbrunn und Kalkwerk Oberrohn kam es wegen ungenügender Waggonbereitstellung durch die Reichsbahn zu zeitweiligen Stockungen im Abtransport der Erzeugnisse. Von Arbeitern dieser Betriebe wurde das Manöver als Ursache dieser Stockungen bezeichnet, ohne dass diese Diskussionen negativen Charakter annahmen.

Andere Bürger (u. a. im Bezirk Suhl) äußerten sich dahingehend, dass sie gerne bei den Manövern zusehen würden, vor allem im Hinblick auf das Kennenlernen der neuen Waffentechnik.

In den Gottesdiensten der katholischen und evangelischen Kirche wurde – nach bisher vorliegenden Informationen – nicht zum Manöver Stellung genommen. Der Stellvertreter des katholischen Bischofs Aufderbeck,5 Dr. Wenzel, brachte zum Ausdruck, dass die Manöver Angelegenheiten des Staates sind und der Kirche nichts angehen.

Besondere Vorkommnisse in den Grenztruppen

Fahnenflucht

Am 17.10.1965 wurden die als Kontrollstreifen eingesetzten Uffz. [Name 1, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1944, NVA seit 3.11.1964, und Gefr. [Name 2, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1944, NVA seit 5.5.1964, im Bereich der Kompanie Katharinenberg, GR Mühlhausen, nach Westdeutschland fahnenflüchtig.

Nach bisherigen Untersuchungen wurde Uffz. [Name 1] von [Name 2] unter Anwendung der Schusswaffe gezwungen, sich den Anweisungen des [Name 2] zu fügen und mit ihm die Grenzsicherungsanlagen nach Westdeutschland zu überwinden. Auf westdeutschem Gebiet wurde [Name 1] von [Name 2] weiter eskortiert, bis beide auf westdeutsche Zöllner trafen, von denen sie entwaffnet wurden. Uffz. [Name 1] erhob dabei die Forderung, dass er wieder in die DDR zurückgeschickt wird, da er nicht freiwillig, sondern unter Gewaltanwendung nach Westdeutschland kam. Uffz. [Name 1] wurde am 17.10., gegen 12.40 Uhr, über die GÜST Wartha in die DDR zurückgeschickt. (Die Untersuchungen der Ursachen und näheren Zusammenhänge der Fahnenflucht werden weitergeführt.)

Selbstmord

Am 17.10.1965, gegen 21.30 Uhr, beging der als Posten an der GÜST Wartha eingesetzte Soldat [Name 3, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1941, NVA seit 1.11.1964, Selbstmord durch Erschießen mit seiner Dienstwaffe. (Untersuchungen zur Klärung der Ursachen sind eingeleitet.)

Anhang

Politisch-operative Vorkommnisse aus den an das Manövergebiet angrenzenden Bezirken – Vorkommnisse, die im Interesse der Sicherung des Manövers Beachtung finden müssen

Selbstmordversuch

Am 16.10.1965 beging die Ehefrau des an der Armeeübung beteiligten Ofw. [Name 4, Vorname], wohnhaft Erfurt, [Straße Nr.], Zugführer im Rgt. Stab des MSR 24, mit ihrem Kind einen Selbstmordversuch. Für beide besteht Lebensgefahr. (Ursache: Untreue der Ehefrau)

Unerlaubter Schusswaffengebrauch

Am Abend des 17.10.1965 nahm der VP-Meister [Name 5], Mitarbeiter im Stab des VPKA Gera, mit seiner Frau an einer Tanzveranstaltung in Gera teil. Nachdem beide mit den Jugendlichen Enders, Harry und [Name 6, Vorname], beide wohnhaft in Gera, [Straße Nr.], gezecht hatten, kam es aus Eifersucht des [Name 5] zu einem Streit, der auf dem Heimweg gegen 21.00 Uhr zu tätlichen Auseinandersetzungen führte. Dabei gab [Name 5] – ohne dass dazu eine Notwendigkeit vorlag – Zielschüsse auf die beiden Jugendlichen ab. Enders und [Name 6] wurden durch die Schüsse verletzt und in ein Krankenhaus gebracht, wo Enders gegen 23.00 Uhr seinen Verletzungen erlag. (Die Untersuchungen über die näheren Zusammenhänge sind noch nicht abgeschlossen.)

Brandstiftung

In der LPG Typ I,6 Zeunröden/Sondershausen (gehört nicht zum Manövergebiet) brannten am 17.10. ein Stall und eine Scheune ab. Es entstand ein Sachschaden von ca. 60 000 MDN. Da der dringende Verdacht auf vorsätzliche Brandstiftung besteht, sind entsprechende Untersuchungsmaßnahmen eingeleitet worden.

  1. Zum nächsten Dokument Konferenz der evangelischen Bischöfe in Berlin
    18. Oktober 1965
    Einzelinformation Nr. 914/65 über die Konferenz der evangelischen Bischöfe der DDR am 30. September 1965 in Berlin
  2. Zum vorherigen Dokument 2. Bericht über das Manöver Oktobersturm
    17. Oktober 1965
    2. Bericht Nr. 902/65 über die Aktion »Oktobersturm« (Berichtszeitraum bis 16. Oktober 1965, 24.00 Uhr)