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Teilsynode der EKD in Magdeburg

22. März 1965
Einzelinformation Nr. 252/65 über die Teilsynode der EKD in Magdeburg

Über den Verlauf des ersten Tages der z. Zt. in Magdeburg stattfindenden Teilsynode der EKD (21.3.) berichteten mehrere zuverlässige Quellen. Am ersten Tag standen die Verlesung des Berichtes des Rates der EKD und die Wahl des stellvertretenden Präses der Synode im Mittelpunkt. Von den 41 Synodalen der ev. Kirche in der DDR nahmen 35 teil. Bischof Fränkel1 aus Görlitz erschien verspätet. Zu den nichtanwesenden Synodalen gehörte Landesbischof Noth2 aus Dresden.

Der Bericht des Rates der EKD wurde sowohl in Magdeburg wie auch in Frankfurt/M. vorgetragen. Er wurde von den Vortragenden – in Magdeburg Bischof Krummacher3 und in Frankfurt Präses Scharf4 – jedoch teilweise unterschiedlich kommentiert. Mit dem Bericht wurden vor allem die kirchlichen Bemühungen zu demonstrieren versucht, »die kirchliche Gemeinschaft in einem getrennten Volk« zu erhalten.

Bischof Krummacher führte u. a. aus, dass durch die Ereignisse vom 13.8.1961 und 31.8.1961 (Ausweisung von Präses Scharf) die Einheit der EKD infrage gestellt sei. Aus diesem Grunde habe die Synode in Bethel 1962 die Durchführung von Teilsynoden beschlossen. Grundsätzlich wichtiger als die rechtlichen Bindungen der EKD seien jedoch ihre geistlichen Verpflichtungen.

Unter Hinweis darauf, dass Präses Scharf in Frankfurt die gleichen Ausführungen gemacht habe, führte Krummacher weiter aus, dass sich die EKD nicht an eine rechtliche Fiktion klammere und auch nicht eine politische Demonstration liefern wolle. Es gehe nicht darum, dass die Kirche ein Restbestand alter nationaler Einheit sei. Sie wolle auch keinen Vorgriff auf die politische Wiedervereinigung darstellen. Die EKD könne deshalb nicht der Sprecher einer bestimmten Form der Zuordnung zwischen den beiden deutschen Staaten sein, wie das in mancher Hinsicht im Gespräch zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht und Landesbischof Mitzenheim5 zum Ausdruck kam.6 Die Kirche habe in den vergangenen zwei Jahren ihre Aufgaben richtig gelöst und durch Predigt und politischen Dienst Gelegenheit gegeben, sich zu äußern und zu bewähren.

Die Einheit der EKD habe in den letzten beiden Jahren auf innerkirchlichem und ökumenischem Gebiet sowie auf dem Gebiet des öffentlichen Lebens ihren Ausdruck gefunden.7 Krummacher wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Bischöfe in der DDR zur Verwirklichung der gemeinsamen ökumenischen Aufgaben Oberkirchenrat Pabst8 zu ihrem ökumenischen Beauftragten gewählt haben. Er führte weiter aus, dass die »Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen« in der DDR zwischen der EKD, den Gliedkirchen und Freikirchen unter Vorsitz von Bischof Jänicke,9 Magdeburg, nach dem 13.8.1961 besonders entwickelt worden sei.

Von Krummacher wurde besonders hervorgehoben, dass die Beziehungen der EKD zu den Kirchen in den sozialistischen Ländern (UdSSR, Polen, ČSSR, Ungarn und Rumänien) verstärkt und vertieft worden seien. Ebenfalls verstärkt habe die EKD ihre Verbindungen zu den Kirchen der skandinavischen Länder. Die guten Beziehungen zum ökumenischen Rat in der Schweiz seien die Grundlage für die Kurse, die in Bossey/Genf10 für Laien und Geistliche durchgeführt werden. Der kürzlich erfolgte Besuch einer Delegation des britischen Rates der Kirchen habe in Großbritannien ein großes Echo gefunden und zur Vertiefung der Beziehungen zwischen den Kirchen der DDR und Großbritanniens geführt. In diesem Zusammenhang sei auch der »Versöhnungsdienst junger Engländer« in Dresden11 bemerkenswert.

Unter Hinweis auf die sog. Friedensinitiative des ökumenischen Rates in den vergangenen Jahren erklärte Krummacher, dass die führenden Kirchenkreise die Entschließung des ökumenischen Rates zum Weltfrieden, zur Abrüstung und zur atomwaffenfreien Zone unterstützen würden. Die Synode danke besonders der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten in New York dafür, dass sie sich auch der deutschen Frage zugewandt habe.

Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit sei besonders deutlich geworden, dass die Einheit der EKD nur in einer solchen Form gewahrt werden könne, wenn »einer dem anderen die Freiheit gibt, jeweils unter seinen besonderen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen Entschlüsse zu fassen«. Es sei deutlich geworden, dass es keine formale und starre Einheit der EKD gebe. Diese Einheit müsse »im Vertrauen zueinander« existieren. Diese Form der Einheit werde gegenwärtig praktiziert und finde darin ihren Ausdruck, dass die Kirchenleitungen in der DDR eine gewisse Festigkeit erfahren hätten. Für die sog. Eigenständigkeit der Beschlussfassungen der Kirchenleitungen führte Krummacher Beispiele an. Für die Kirchen in Westdeutschland nannte er das »Wort zur Unanständigkeit in der westlichen Literatur und Filmarbeit« und für die Kirchen in der DDR die Stellungnahmen zum Arbeitsgesetz, zur Wehrpflichtverweigerung, zum Jugendgesetz, zum Bildungssystem usw.

Im weiteren Verlauf zitierte Krummacher Ausführungen von Präses Scharf auf der Teilsynode in Frankfurt/M. Scharf habe dort angeführt, dass die Kirche es nie als eine zweifelhafte Maßnahme hingestellt habe, wenn die EKD mit jeder der beiden Regierungen umzugehen bereit sei. Wenn seitens der DDR die entsprechende Genehmigung erteilt würde, sei die EKD auch bereit, das Amt des Bevollmächtigten der EKD in der DDR wieder neu zu besetzen.12 Es sei nicht Sache der Kirche, staatsrechtliche Anerkennungen auszusprechen, man sei jedoch zum Verkehr mit den Regierungen beider deutscher Staaten bereit. Krummacher kommentierte diese Ausführungen Scharfs mit dem Hinweis auf die »Notwendigkeit«, die letzten Verbindungen der Menschen zwischen beiden deutschen Staaten nicht abbrechen zu lassen. In diesem Zusammenhang begrüßte er die Maßnahmen der Regierung der DDR »zur Wiedervereinigung«, das Passierscheinabkommen13 und die Möglichkeit der Rentnerreisen14 nach Westdeutschland. Die Kirche hoffe auf weitere größere Schritte, die zu einer »Kooperation« der beiden deutschen Staaten führen. Nach der Schuld des deutschen Volkes in der Vergangenheit müsse die Kirche erklären, dass Atomwaffen nicht in deutsche Hände gehören. (Krummacher und Scharf haben über diesen Punkt einen Briefwechsel geführt, der den Tagungsteilnehmern im Wortlaut zugestellt werden soll.)15

Im Anschluss an den Rechenschaftsbericht gab Konsistorialpräsident Thiele bekannt, dass in Vorbereitung der Diskussion zu diesem Rechenschaftsbericht ein Ausschuss konstituiert würde. Seine Aufgabe sei die Lenkung der Diskussionen.

Zum stellvertretenden Präses der Synode der EKD wurde Präses Figur16 mit 37 von 38 Stimmen gewählt, einschl. der Stimmen von Bischof Fränkel und zwei weiteren Synodalen, die verspätet erschienen waren. (Am 22.3. wurde Präses Figur von den in Frankfurt versammelten Synodalen mit 78 Stimmen ebenfalls gewählt.)

Wie weiter bekannt wurde, fand zwischen beiden Teilsynoden ein Austausch von Grußtelegrammen statt. Während in dem von Magdeburg abgesandten Telegramm auf die »gemeinsame Tagung« hingewiesen wurde, betonte der Präses der in Frankfurt tagenden Synode in seinem Telegramm das »unzerreißbare Band der Einheit in Christus«.

Die Information darf im Interesse der Sicherheit der Quellen nicht publizistisch ausgewertet werden.

  1. Zum nächsten Dokument Beschmieren von Aushängekästen der SED/Westberlin
    23. März 1965
    Einzelinformation Nr. 257/65 über das Beschmieren von Aushängekästen der Westberliner Zeitung »Die Wahrheit« auf S-Bahnhöfen in Westberlin
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    22. März 1965
    4. Bericht Nr. 250/65 über die 2. Periode der (Beantragung und) Ausgabe von Passierscheinen des laufenden Passierscheinabkommens