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Veranstaltung des CVJM mit Prager Professor Heller in Berlin

4. Juli 1968
Einzelinformation Nr. 720/68 über eine Veranstaltung des »Evangelischen Jungmännerwerkes« mit dem Prager Professor Heller am 20. Juni 1968 in der Hauptstadt der DDR

Am 20.6.1968 fand in der Geschäftsstelle des »Evangelischen Jungmännerwerkes« in Berlin, Sophienstraße 19, ein Gesprächsabend statt, an dem ca. 40 Studenten der verschiedenen Fachrichtungen teilnahmen. Der stud. theol. [Name] von der Humboldt-Universität, der zurzeit sein Praktikum an der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg absolviert und bei der Organisierung von Veranstaltungen eng mit dem Leiter des »Evangelischen Jungmännerwerkes« Matschutat zusammenarbeitet, hatte als Referenten Prof. Heller1 (Theologische Fakultät Prag), der zurzeit Gastdozent an der Kirchlichen Hochschule in Westberlin ist, eingeladen. Prof. Heller, der nach unseren bisherigen Feststellungen im Zusammenhang mit den Ereignissen in der ČSSR noch nicht besonders in Erscheinung trat, gab einen Überblick über die jüngste Entwicklung in der ČSSR, wobei er folgende Auffassungen vertrat:

Die Ursachen der gegenwärtigen Entwicklung in der ČSSR,2 die nicht vom Sozialismus weg führe, sondern auf der Basis sozialistischen Eigentums erfolge, lägen auf ökonomischem und ideologischem Gebiet. Die Politik der Regierung Novotný,3 ihre Planung und Lohnpolitik hätte zu einem wirtschaftlichen Konkurs, zu wirtschaftlicher Stagnation und Abhängigkeit geführt. In ideologischer Hinsicht sei jede Weltanschauung, die ein geschlossenes System darstelle, dogmatisch und diktatorisch. Die Zeit dieser geschlossenen philosophischen Systeme sei vorbei, und solche doktrinären Systeme, wie das Novotnýs, der von den »Russen« an die Macht gebracht worden sei, wären auf die Dauer nicht von Bestand. In dieser Zeit hätten »viele über die Klinge springen« müssen.

Begonnen habe die neue Entwicklung innerhalb der Partei mit der Ausarbeitung eines neuen wirtschaftlichen Systems durch das Mitglied des ZK der KSČ4 Šik.5 Äußeren Anlass zum Sturz Novotnýs hätten die Forderungen der Schriftstellertagung im September 19676 nach Beseitigung des »ideologischen Drucks« und nach »Unabhängigkeit der Schriftsteller von der kommunistischen Ideologie« und die aufgrund schlechter Wohn- und Arbeitsverhältnisse der Studenten durchgeführten Protestmärsche gegeben, denen der »Dummkopf« Novotný mit »Schlägertruppen« entgegengetreten sei.7 Die Redner und Professoren der »Demokratisierung« hätten dieses »Komplott« aufgedeckt und Novotný zum Abtreten gezwungen.8

Den »bedeutendsten Anlass zur endgültigen Demokratisierung« habe der ehemalige General Šejna9 geleistet, der innerhalb des Warschauer Paktes eine große Rolle gespielt habe und nach seiner Flucht in die USA von hohen Politikern der USA als »der bedeutendste Flüchtling nach dem 2. Weltkrieg« bezeichnet worden wäre.

Großen Einfluss außerhalb der Partei in der ČSSR hätten nach Hellers Meinung die Christen im Gespräch mit der parteilosen Bevölkerung gehabt. Die Christen hätten erkannt, dass sie sich den Kommunisten anpassen müssen. Sie hätten Verständnis für die humanistischen Ziele des Marxismus gezeigt und damit bewiesen, dass sie weder Dummköpfe noch Reaktionäre sind.

Durch diese Haltung der Christen sei auch in der KSČ die Erkenntnis geweckt worden, dass sich der Marxismus mit dem Christentum ungenügend beschäftigt habe. Diejenigen in der KSČ, die das erkannt hätten, seien ebenfalls Kommunisten und keine Revisionisten, wie es »Herr Ulbricht«10 darzustellen versuche.

Die Wahl Dubčeks11 zum Vorsitzenden der KSČ sei vorteilhaft, weil er in der SU studiert und die höchste Parteischule besucht habe, wodurch er bei der sowjetischen Parteiführung Vertrauen habe. Ebenso sei die Wahl Svobodas12 zum Präsidenten der Nationalversammlung13 richtig gewesen, weil die Sowjetunion »einen zweifachen Helden14 ihres Landes nicht mit Schmutz bewerfen« könne. Die »Demokratisierung« würde sich auch keineswegs gegen die SU richten, die 1945 als Befreier begrüßt worden sei.

Die nächsten fünf Jahre würden für die ČSSR sehr hart, aber entscheidend werden. Da die ČSSR finanziell nicht gutgestellt sei und dem Westen gegenüber Schulden habe, müsste sie von der Sowjetunion starke wirtschaftliche Unterstützung verlangen. Dazu habe sich die Sowjetunion jedoch noch nicht geäußert. Innerhalb des »Ostblocks« gehöre die ČSSR dem RGW an. Dies sei jedoch von keiner großen Bedeutung, da dieser Wirtschaftspakt durch die Entwicklung in den einzelnen Mitgliedsländern in einer ernsten Krise stecke. Wichtig für die Entwicklung einer neuen Außenpolitik sei die Tatsache, dass die ČSSR innerhalb des Warschauer Paktes eine bedeutende Rolle spiele. In Prag sei man jedoch bestrebt, den Warschauer Pakt und die NATO langsam abzubauen. Die Bundesrepublik dürfe keine Atomwaffen erhalten und somit könnte eine atomwaffenfreie Zone von Frankreich bis zur Sowjetunion geschaffen werden.

Auf den provokatorischen Einwand eines Teilnehmers, dass Westdeutschland schon seit über zehn Jahren erkläre, auf Atomwaffen verzichten zu wollen, aber die DDR der Hemmschuh sei, weil sie auf die Abrüstungsvorschläge nicht einginge, reagierte Heller nicht.

Ein weiterer Schritt bei der Demokratisierung in der ČSSR sei die Rehabilitierung der politisch Verurteilten sowohl in moralischer als auch in finanzieller Hinsicht. Die kommunistischen Jugendorganisationen würden in der ČSSR nicht mehr die Rolle spielen, wie beispielsweise die FDJ in der DDR. Der tschechische »Christliche Verein Junger Männer« (CVJM) und die Pfadfinder seien wieder zugelassen. Die ČSSR würde jedoch, und das sei die Meinung von ca. 80 % der Bevölkerung, ein sozialistisches Land bleiben. Es würde künftig auch keine Oppositionspartei geben, sondern der Zusammenschluss in der Nationalen Front würde bestehen bleiben.

In den nächsten zehn Jahren wolle die ČSSR ein Wahlsystem entwickeln, das als Beispiel für alle anderen sozialistischen Länder gelten könnte. Dabei sollen verhältnismäßig kleine Wahlkreise gebildet werden, die ihre Abgeordneten für das Parlament selbst vorschlagen und wählen ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit und ohne Beeinflussung durch das ZK der KSČ.

Die Demokratisierung in der ČSSR würde für die VR Polen und die DDR ein verlockendes Beispiel sein. Heller wünsche der DDR. dass sie die bestehenden Tatsachen besser erkennen möge, damit in der DDR kein neues Ungarn entstehe. Ein neuer Weg dürfe nicht auf Blut basieren, denn man könne leicht im Blut ertrinken. Die Außenpolitik der ČSSR habe sich parallel zu der Rumäniens15 und Jugoslawiens entwickelt. Er schätzte weiter ein, dass die VR Polen eine besondere Rolle spiele, dies würde z. B. der Aufmarsch der polnischen Truppen an der Grenze zur ČSSR beweisen. Ungarn würde mit einem »lachenden und einem weinenden Auge« auf die Entwicklung in der ČSSR schielen.

Nur die DDR würde, wie immer, eine besondere Stellung beziehen. In diesem Zusammenhang ging er auf die vom Genossen Hager16 an Smrkovský17 geübte Kritik ein und meinte ironisch, dass Hager damit Smrkovský populär gemacht habe.

Auf die in der anschließenden Fragestellung aufgeworfene Frage nach den Gesprächen zwischen den Außenministern Hajek18 und Winzer19 antwortete Heller, dass ihm nichts weiter bekannt sei, Hajek sich aber auf einer Pressekonferenz noch einmal mit der Rede von Prof. Hager20 auseinandergesetzt habe.

Heller äußerte, dass er noch ca. sechs Wochen in Westberlin sein werde und machte von sich aus den Vorschlag, in vier Wochen noch einmal vor dem anwesenden Kreis zu sprechen. Er begrüßte das große Interesse, das die Studenten für die Probleme der Entwicklung in der ČSSR zeigten.

Eine Studentin der FU in Westberlin, die zusammen mit Heller erschienen war, vereinbarte mit dem Leiter des »Evangelischen Jungmännerwerkes« Matschutat, dass sie mit einigen westdeutschen Studenten zum Abschlussfest des Sommersemesters kommen werde, um über Probleme der westdeutschen Studentenbewegung zu diskutieren. Dieses Abschlussfest fand am 28.6.1968 im evangelischen Pfarramt Mahlsdorf statt. Neben ca. 40 Studenten der ESG der Humboldt-Universität waren sieben Mitglieder der ESG Westberlin erschienen. Die geführten Gespräche waren persönlicher und allgemeiner Art. Zu politischen Gesprächen über die Studentenbewegung kam es nicht.

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