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Auftreten des Schriftstellers Hanns Cibulka

4. April 1989
Information Nr. 156/89 über das Auftreten des Schriftstellers der DDR, Hanns Cibulka, Gotha, in der Evangelischen Akademie Berlin (West)

Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen fand am 14. März 1989 in der Evangelischen Akademie Berlin (West) eine Lesung des Schriftstellers der DDR, Cibulka, Hanns (68),1 wohnhaft in Gotha, Bezirk Erfurt, Mitglied der SED seit 1950, Mitglied des Vorstandes des Schriftstellerverbandes der DDR, vor ca. 40 Teilnehmern mit anschließender Diskussion statt.

Die Veranstaltung war eingeordnet in die im 1. Halbjahr 1989 laufende und vom Studienleiter der Evangelischen Akademie Berlin (West), Knabe, Hubertus,2 initiierte Lesereihe der Evangelischen Akademie Berlin (West) »DDR-Literatur heute«.

Cibulka wurde in dieser Veranstaltung durch Knabe, der später auch die Diskussion leitete, als bedeutender und realistischer Schriftsteller der DDR vorgestellt.

Cibulka las zunächst aus seinem 1988 im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichten Buch »Wegscheide«3 sowie aus bisher unveröffentlichten Gedichten, die er nach eigenen Angaben bis 1991 zu einem Sammelband zusammenstellen will. Die von ihm für diese Lesung ausgewählten Texte zeigten intern vorliegenden Hinweisen zufolge eine sehr ausgeprägte Tendenz zur Kritik an bestimmten Bereichen der Politik von Partei und Regierung der DDR, insbesondere in Bezug auf die Umwelt- und Hochschulpolitik. Er vertrat dabei Auffassungen, wonach eine »Umsetzung« des Umgestaltungsprozesses in der UdSSR4 auf die DDR erforderlich sei. Durch die von Cibulka vorgetragenen Auszüge aus seinen schriftstellerischen Arbeiten wurde der Eindruck der »Wahrhaftigkeit« erweckt und die Überzeugung vermittelt, dass sich seine Texte ausschließlich mit derartigen Problemen, aus der Sicht eines Kritikers betrachtet, befassen.

In der anschließenden Diskussion wurden, zielgerichtet gesteuert von Knabe, die von Cibulka gegen gesellschaftliche Bereiche der DDR erfolgten Aussagen aufgegriffen und ausgebaut, sodass der Verlauf der Veranstaltung einen im politisch-negativen Sinne gegen die DDR orientierten Charakter erhielt. Durch seine aktive Beteiligung an der Diskussion hat er nach vorliegenden Hinweisen durch das Aufzeigen einer Vielzahl angeblich in der DDR vorhandener Negativbeispiele insbesondere zu Umweltproblemen zur politisch negativen Ausrichtung der Veranstaltung wesentlich beigetragen.

Cibulka behauptete u. a., in der DDR gäbe es keine Konzeption zum Umweltschutz. Durch die zuständigen zentralen staatlichen Institutionen in der DDR würden keine Umweltdaten veröffentlicht,5 sodass die bestehende Bedrohung niemandem richtig klar werde.

Offiziell dürfe man sich zu Umweltfragen nicht äußern, sondern könne nur in privater Initiative oder in kleinen Gruppen wirksam werden. Er hätte durch persönliche Initiative verhindert, dass durch einen Stadtpark in Gotha eine Heißwasserleitung verlegt werde. Trotz privater Proteste würden im Thüringer Wald immer mehr Täler den Mülldeponien zum Opfer fallen oder als Rückhaltebecken zugestaut.

Bezogen auf den Umgestaltungsprozess in der UdSSR erläuterte Cibulka, es wäre wichtig, Glasnost in vollem Umfang in der DDR einzuführen. Die DDR-Bürger würden über sie interessierende Fragen nicht informiert. So habe er beim Volkskammerabgeordneten und Schriftsteller Holtz-Baumert6 offiziell nach dem Verbleib des »Strauß-Kredites«7 angefragt und die Antwort erhalten, das wisse die Volkskammer auch nicht.

Im Hinblick auf in der Diskussion angesprochene Fragen zur Hochschulpolitik der DDR erklärte Cibulka, in einer Einwohnerversammlung in Gotha solle angeblich ein Akademiker (Professor) dargelegt haben, dass von etwa 6 000 Professoren in der DDR nur etwa 30 »europäisches Format« hätten. Ursächlich verantwortlich dafür sei das falsche Hochschulbildungssystem, das keine allseitig gebildeten Menschen, sondern »funktionierende Fachidioten« hervorbringe. (Hinweise auf eine Einwohnerversammlung in Gotha mit dieser oder ähnlich lautenden Aussagen konnten nicht erarbeitet werden.)

Cibulka äußerte ferner die Auffassung, es existiere auch noch heute nur eine deutsche Nation, die in zwei unterschiedliche Staaten aufgespalten sei.

Im Verlaufe der Diskussion trat mehrfach zum Teil impulsiv eine namentlich nicht genannte Teilnehmerin, die sich als ehemalige DDR-Studentin bezeichnete, mit die DDR verleumdenden Äußerungen in Erscheinung. Kerngedanken bildeten dabei die »Unfreiheit« für Bürger in der DDR, »Verkrustung, deutlicher Rückschritt, Stagnation« in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in der DDR. Diese hetzerischen Äußerungen wurden durch ihn nicht zurückgewiesen.

In seinen schriftstellerischen Arbeiten äußert sich Cibulka seit längerer Zeit kritisch korrektiv zur Umweltpolitik in der DDR. Besonders deutlich wurde das in seinem in der DDR veröffentlichtem Buch »Swantow«.8 Er sympathisiert nach eigenen Angaben mit der Theologie. Von progressiven Personen aus seinem Umfeld wird er als politisch-ideologisch ungefestigt bezeichnet. Mehrfach führte Cibulka in den letzten Jahren Lesungen in kirchlichen Einrichtungen in der DDR durch, wobei auch dort kritische Aussagen zur Umweltpolitik in seinen Ausführungen eine zunehmende Tendenz aufweisen. Der Sohn von ihm ist nach Abschluss eines Theologiestudiums als Vikar im Bereich der evangelischen Kirche tätig.9

Cibulka realisierte seine Teilnahme an der genannten Veranstaltung im Rahmen einer Privatreise. Eine Abstimmung seinerseits über sein Auftreten in der Evangelischen Akademie Berlin (West) mit dem Schriftstellerverband der DDR oder der HV Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur ist nicht erfolgt.

Bezogen auf die Lesereihe der Evangelischen Akademie Berlin (West) ist von Bedeutung, dass die seit Beginn des Jahres 1989 laufenden Veranstaltungen unter dem Thema »DDR-Literatur heute« zu einer »Debatte über neuere Tendenzen in Literatur und Gesellschaft in der DDR« beitragen sollen. Dazu wurden DDR-Schriftsteller eingeladen, die Teilbereichen der sozialistischen Gesellschaft in der DDR kritisch gegenüberstehen.

Ein »Werbeblatt« wird in der Evangelischen Akademie Berlin (West) anlässlich der verschiedensten Veranstaltungen in diesem Gebäude verteilt (wird als Anlage beigefügt).

Streng internen Hinweisen zufolge verstehe sich die Evangelische Akademie Berlin (West) entsprechend einer kürzlich vorgenommenen Neubestimmung ihrer Arbeit als Institution, die sich in besonderer Weise dem »Auftrag des Brückenschlages zwischen den Fronten« verpflichtet fühle. Besonders die Prozesse der Umgestaltung in verschiedenen sozialistischen Staaten verlangten von der Akademie den »Dialog mit dem östlichen Nachbarn« zu einem Schwerpunkt ihrer Tätigkeit werden zu lassen. Verantwortlich für das Arbeitsgebiet »Themenbereich DDR« zeichnet der Studienleiter der Akademie, Knabe, Hubertus, der in einer Konzeption u. a. forderte, das Spektrum möglicher Gesprächspartner breiter zu fassen, den Dialog zu erweitern und auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen auszudehnen. In diesem Sinne werden längerfristige Vorbereitungen getroffen mit dem Ziel, in differenzierter Weise in spezifischen Veranstaltungen über die DDR zu informieren, ein breites Spektrum von Dialogpartnern zu gewinnen und das Netz bestehender Verbindungen enger zu gestalten.

Außer der Veranstaltungsreihe »DDR-Literatur heute« wurde von der Evangelischen Akademie Berlin (West) ab Anfang 1989 die Vortragsreihe »DDR konkret« gestartet, ebenfalls mit der Zielstellung der Vermittlung differenzierter und authentischer »Informationen« über die DDR. Eine Veranstaltung dieser Reihe unter Leitung des Knabe mit dem Thema: »Ein Jahr nach den Januarereignissen:10 Kirche, Staat und Gruppen in der DDR-Bilanz eines Konfliktes«, in deren Verlauf in verstärktem Maße Angriffe gegen die DDR vorgetragen wurden, fand am 1. Februar 1989 statt. Geladene hinlänglich bekannte Feinde der DDR wie Krawczyk11 und Hirsch12 befürworteten in dieser Veranstaltung in massiven Beiträgen die Schaffung einer Plattform für Basisgruppen in den Kirchen der DDR.

Der in diesen Veranstaltungsreihen immer stärker in Erscheinung tretende Knabe, Hubertus – Sohn des Bundestagsabgeordneten der Partei Die Grünen, Knabe, Wilhelm,13 seit Oktober 1988 Studienleiter dieser Einrichtung, Mitglied des »Sozialistischen Osteuropakomitees«14 – unterhält vielfältige Kontakte zu antisozialistischen Organisationen und Einrichtungen in der BRD und in Westberlin sowie zu feindlich-negativen Personen in der DDR und anderen sozialistischen Ländern. Nachweisbar forciert er seine Bestrebungen, mit Kräften des politischen Untergrundes in der DDR zusammenzuwirken und ein stabiles Informations- und Verbindungssystem auf- und auszubauen.

Knabe hat nach vorliegenden Hinweisen ein sogenanntes Positionspapier »10 Thesen zur Krise des Sozialismus«15 erarbeitet, in dem er u. a. die »Notwendigkeit« der Schaffung unabhängiger Organisationen und freier Gewerkschaften in den sozialistischen Staaten begründet und die Legalisierung freier Gewerkschaften und politischer Zusammenschlüsse fordert. Unter dem Pseudonym Ehring, Klaus, erschien von Knabe 1982 in »rororo-aktuell« die Schrift »Schwerter zu Pflugscharen – Friedensbewegung in der DDR«, in welcher er dieser Plattform Nachdruck zu verleihen beabsichtigte.16 Weitere Schriften von Knabe befassen sich in zum Teil verleumderischer Absicht mit Umweltschutzproblemen in der DDR.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

Anlage zur Information Nr. 156/89

[Kopie eines Flyers für die Veranstaltung »DDR-Literatur heute« 1. Halbjahr 1989]

[Faksimile vom Flyer für die Veranstaltung »DDR-Literatur heute«]

DDR – Literatur heute

Lesereihe der Evangelischen Akademie Berlin (West)

Evangelisches Bildungswerk Berlin, Haus der Kirche, Goethestraße 26–30, 1 Berlin 12, Telefon: 3191232, U-Bhf. Deutsche Oper, U-Bhf. Wilmersdorfer Straße, Bus 1, 94

»Für künftige Historiker wird die Lektüre unserer Gegenwartsromane viel wichtiger sein als die meisten gesellschaftswissenschaftlichen Schriften, die wir heute herausbringen.«

Mit diesen Worten hat der DDR-Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski17 in einem Brief an den Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes einmal umschrieben,18 worin seines Erachtens die Bedeutung der DDR-Literatur liegt. Auch hierzulande gilt sie weithin als besonders genauer Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR. Und dennoch hat die moderne DDR-Literatur kaum noch etwas mit dem »sozialistischen Realismus« von einst gemein.

Mit Beginn des Jahres 1989 startet die Evangelische Akademie Berlin (West) erstmals die Lesereihe »DDR-Literatur heute«. Eröffnet wurde sie mit einer Lesung der Ostberliner Schriftstellerin Brigitte Burmeister.19

»DDR-Literatur heute« lädt ein zur Debatte über neuere Tendenzen in Literatur und Gesellschaft in der DDR. »DDR-Literatur heute« ist Ort des Gespräches mit einem breiten Spektrum von Autoren der älteren Generation bis hin zu den »neuen Wilden« im Sozialismus. »DDR-Literatur heute« ist auch ein Versuch, die Distanz zwischen Kirche und Literatur zu verringern.

14. Februar 1989

Waldemar Dege,20 Berlin/DDR.

Der in der Bundesrepublik noch weithin unbekannte Autor hat sich in der DDR einen Namen gemacht durch die einfühlsame Nachdichtung russischer Lyrik. Seine eigenen Gedichte sind von satirischer Schärfe, sarkastisch, manchmal auch bitter.

14. März 1989

Hanns Cibulka, Gotha/DDR.

Cibulka ist Lyriker, Tagebuchautor und Prosa-Schriftsteller. Sein bekanntestes Buch »Swantow« setzt sich kritisch mit den Folgen des technischen Fortschritts auseinander und konnte nur mit großen Veränderungen erscheinen.

18. April 1989

Günther de Bruyn,21 Berlin/DDR.

Der Autor, 1926 geboren und Soldat am Ende des Zweiten Weltkrieges, ist einer der prominentesten und zugleich engagiertesten Schriftsteller der DDR. Bekannt geworden ist er vor allem mit seiner Erzählung »Märkische Forschungen«, die auch verfilmt wurde.22

16. Mai 1989

Uwe Saeger,23 Berlin/DDR.

Der Autor gehört zu jener Gruppe von DDR-Schriftstellern, die im Sozialismus groß geworden sind und diesen vor allem als deformierte Alltagswirklichkeit erlebt haben. Seine bekannteste Erzählung »Das Überschreiten einer Grenze bei Nacht« thematisiert das Eingeschlossensein in der DDR.24

13. Juni 198

Jurij Koch,25 Cottbus/DDR (angefragt).

Der sorbische Literat, geboren 1936, zählt zu jener Generation, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre eine neue Vielfalt in der DDR-Lyrik begründete. Beim letzten DDR-Schriftstellerkongress erregte er Aufmerksamkeit mit einer Rede, die sich gegen den drohenden ökologischen Untergang der Menschheit wandte.26

Alle Veranstaltungen finden jeweils am Dienstag um 20.00 Uhr im Haus der Kirche statt.

Verantwortlich: Hubertus Knabe

In Zusammenarbeit mit dem Buchladen am Savignyplatz, Carmerstraße 9, 1000 Berlin 12.

Kostenbeitrag: DM 3,00

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