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13. Bericht zum Verlauf der Passierscheinerteilung

4. Januar 1964
13. Bericht Nr. 10/64 über den Verlauf der Maßnahmen zur Passierscheinerteilung und über die Einreise Westberliner Bürger in das demokratische Berlin

Am 3.1.1964 wurden mit nach Westberlin genommen: 126 090 Antragsformulare1. Davon wurden am 3.1.1964 ausgegeben: 22 380 Antragsformulare. Unbeschrieben zurückgebracht wurden 103 710 Antragsformulare. Insgesamt wurden vom 18.12.1963 bis 3.1.1964 ausgegeben: 950 960 Antragsformulare.

[Tabelle 1: Gestellte Anträge]

[Zeitraum]

[Anzahl Anträge]

auf denen erfasst sind [Personen]

[auf denen erfasst sind: Kfz]

Am 3.1. wurden Anträge gestellt und genehmigt

21 566

36 013

4 585

Insgesamt wurden vom 18.12.1963 bis 3.1.1964 Anträge gestellt und genehmigt

698 124

1 318 519

157 518

Das bedeutet, dass 252 836 Antragsformulare

  • sich noch in Westberlin befinden,

  • nach Aushändigung an Westberliner Bürger verloren gingen,

  • verschrieben oder vernichtet wurden oder für ungültig erklärt werden mussten.

[Tabelle 2: Ausgegebene Passierscheine]

[Zeitraum]

[Anzahl]

Bis zum 3.1. wurden insgesamt Passierscheine ausgegeben

673 611

Seit dem 18.12.1963 genehmigte Passierscheine (einschließlich 249 inzwischen verfallener Passierscheine) wurden noch nicht abgeholt

2 947

Am 4.1.1964 sind neu genehmigte Passierscheine auszugeben

21 566

Insgesamt

698 124

Nach den bisher ausgegebenen Passierscheinen ist in den folgenden Tagen mit folgender Einreise Westberliner Bürger zu rechnen:

  • 4.1. = 248 595 Personen mit 29 809 Kfz,

  • 5.1. = 288 896 Personen mit 36 412 Kfz.

Am 3.1. reisten in das demokratische Berlin ein: 58 633 Westberliner Bürger mit 4 696 Kfz. Damit haben seit dem 20.12.1963 bisher insgesamt 722 337 Westberliner Bürger das demokratische Berlin besucht. Die Ein- und Ausreise erfolgte auch am 3.1. zügig und reibungslos. Besondere Vorkommnisse an den KPP wurden bis jetzt nicht bekannt.

Die Passierscheinstellen wurden am 3.1.1964 wieder zwischen 12.30 Uhr und 12.45 Uhr geöffnet und pünktlich 18.00 Uhr geschlossen. In der Regel befanden sich zum Zeitpunkt der Eröffnung rund 300 bis 400 Personen vor den Passierscheinstellen. In Kreuzberg waren es etwa 1 000 Wartende.

Ein etwas größerer Andrang war noch bei der Ausgabe von Passierscheinen zu verzeichnen. Obwohl die Zahl der DDR-Angestellten in den Passierscheinstellen am 3.1. verringert wurde, war ein reibungsloser und flüssiger Ablauf gewährleistet und es kam zu keinen Stauungen. Von Bevollmächtigten der Westberliner Großbetriebe wurden keine Anträge mehr abgeholt.

Während am 3.1. in Reinickendorf eine verhältnismäßig große Anzahl von Studenten Passierscheinanträge abgab, war in Zehlendorf auffallend, dass zahlreiche Angehörige der Westberliner Intelligenz (Professoren, Ärzte, Komponisten usw.) Anträge stellten.

Im Laufe des Nachmittags besuchte der Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister erneut die Passierscheinstelle, unterhielt sich jedoch nur mit den Westberliner Einsatzkräften. Der Zweck seines Besuches konnte nicht festgestellt werden.

In der Tätigkeit der Westberliner Sicherungs- und Hilfskräfte gab es keine wesentlichen Veränderungen. Eine Reduzierung der Westberliner Einsatzkräfte wurde in Steglitz und Wilmersdorf festgestellt, die sich jedoch auf den Arbeitsablauf nicht auswirkte. In Spandau wurde die Zahl der eingesetzten Kräfte der Westberliner Polizei wesentlich verringert. Weiter wurde in Spandau festgestellt, dass die Kräfte des Senats und der Westberliner Polizei gegenüber den Postangestellten der DDR2 reservierter und nicht mehr so freundlich auftraten wie bisher, ohne jedoch zu provokatorischen Handlungen überzugehen.

In Tempelhof traten erstmals bei den Westberliner Sicherungskräften zwei Personen in Erscheinung, die offensichtlich zum Landesamt für Verfassungsschutz gehören.

Für die Tätigkeit der Westberliner Hilfskräfte in Reinickendorf war am 3.1. bezeichnend, dass bedeutend mehr Ordner eingesetzt waren als an den Vortagen. Dabei handelte es sich größtenteils um junge Männer, deren Hauptaufgabe offensichtlich darin bestand, Gespräche der DDR-Angestellten untereinander sowie zwischen den DDR-Angestellten und der Westberliner Bevölkerung unter Kontrolle zu bekommen.

Vertreter westlicher Publikationsorgane traten in den Passierscheinstellen wieder stärker in Erscheinung. In Neukölln, Wedding und Schöneberg wurde vom westdeutschen bzw. Westberliner Fernsehen in den Passierscheinstellen gefilmt. In Neukölln kam es dabei zu hartnäckigen Auseinandersetzungen mit dem angeblichen Postrat [Name 1], der gegenüber den Postangestellten der DDR drohte, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen, und den Vertretern des Westfernsehens die Genehmigung für die Filmaufnahmen erteilte. Außerdem betrat in Schöneberg gegen 16.15 Uhr eine internationale Journalistendelegation in Stärke von etwa 20 bis 25 Personen die Passierscheinstelle, stellte sich jedoch nur dem Leiter der Westberliner Einsatzgruppe vor.

Weitere Beispiele der Störtätigkeit der Westberliner Einsatzkräfte wurden aus verschiedenen Bezirken berichtet. So gab beispielsweise in Kreuzberg der Verantwortliche des Senats [Name 2] der Westberliner Polizei die Anweisung, alle Antragsteller zurückzuweisen, die keine Kontrollmarken besitzen. Ein ähnliches Vorkommnis gab es in Reinickendorf, wo die Westberliner Polizei auf Anweisung des Senatsbeauftragten über Lautsprecherwagen die Bevölkerung aufforderte, sich zu beeilen, da die Passierscheinstelle vorzeitig geschlossen würde.

Der RIAS-Sonderdienst3 gab ebenfalls wieder desorientierende Informationen und verbreitete u. a. gegen 16.30 Uhr die Meldung, dass es in den Bezirken Wedding und Neukölln keine Abfertigungsmöglichkeiten mehr geben würde. Kurze Zeit später (gegen 17.20 Uhr) wurde vom RIAS-Sonderdienst die Haltung der DDR-Angestellten durch die Behauptung zu verleumden versucht, dass ein Postangestellter der DDR angerufen und sich für die Unterstützung der Aktion (angeblich im Interesse der Berliner) durch den RIAS bedankt habe.

Bei der Überfahrt der DDR-Einsatzgruppe nach dem Bezirk Wedding wurde vom zuständigen Vertreter der Westberliner Kriminalpolizei der Versuch unternommen, einzelne DDR-Angestellte getrennt zu befördern und dadurch zu isolieren. Er begründete seinen Vorschlag damit, dass einer der VW-Busse eine Panne habe. Durch das Zusammenrücken der DDR-Angestellten in den übrigen Bussen, konnte dieser Versuch vereitelt werden. Bei der Kurierfahrt nach Charlottenburg wurde erstmals eine neue Route benutzt, die eine wesentlich längere Fahrtzeit erforderte.

Zu Kontakt und Bestechungsversuchen größeren Umfanges kam es nicht. Hervorzuheben sind jedoch die in Reinickendorf unternommenen hartnäckigen und plumpen Versuche eines Angehörigen der Westberliner Kriminalpolizei, die DDR-Angestellten einzeln und nacheinander zur Annahme von Zigaretten zu bewegen.

Wie bereits am 2.1.1964 wurde in fast allen Passierscheinstellen in verstärktem Umfange von Westberliner Bürgern versucht, Anträge für Besuche in das Randgebiet der Hauptstadt der DDR zu stellen. Passierscheine wurden insbesondere für Einreisen nach Kleinmachnow, Hohen-Neuendorf, Teltow, Babelsberg und Hennigsdorf verlangt. Zahlreiche Antragsteller beriefen sich dabei erneut auf Meldungen des RIAS und auf »optimistische« Pressemeldungen.

Einem in der Passierscheinstelle Steglitz abgewiesenen Antragsteller, der einen Passierschein nach Erkner beantragen wollte, wurde offensichtlich von dem dort anwesenden Westberliner Kriminalpolizisten [Name 3] die »Empfehlung« gegeben, eine vorgetäuschte Adresse im demokratischen Berlin auf den Antrag zu schreiben.

Alle Anträge auf Einreise in die Randgebiete wurden unter Hinweis auf die getroffenen Vereinbarungen zurückgewiesen, wobei es in einzelnen Fällen zu Verärgerungen unter den Westberliner Antragstellern kam.

Insgesamt hielt jedoch die überwiegend positive Stimmung der Westberliner zur Passierscheinaktion und gegenüber den Postangestellten der DDR an. Auch am 3.1. brachten viele Westberliner in ihren Äußerungen den Wunsch zum Ausdruck, dass der Besucherverkehr fortgesetzt wird, weitere Verhandlungen stattfinden und Passierscheinstellen zu einer ständigen Einrichtung werden.

Für Tempelhof war bezeichnend, dass mit dem Nachlassen des Besucherstromes viele Westberliner Bürger ihre Meinung zur Passierscheinaktion offener als an den Vortagen zum Ausdruck brachten. Der überwiegende Teil dieser Bürger sprach sich vor allem über die schnelle und unkomplizierte Abfertigung lobend aus.

Vertreter der BGL des Reichsbahnbetriebswerkes Papestraße verbanden ihren Dank an die in der Passierscheinstelle Tempelhof tätigen DDR-Angestellten mit der Überreichung eines Straußes roter Nelken, der jedoch etwa eine Stunde später im Interesse der Vermeidung größerer Auseinandersetzungen mit Westberliner Polizeiangehörigen vom Ausgabetisch entfernt wurde.

In Wedding sprachen sich auch Betriebsräte positiv über die schnelle Abfertigung und die gute Haltung und Einsatzbereitschaft der Postangestellten der DDR aus. Betriebsräte der Schultheißbrauerei sprachen im Namen der Belegschaft den DDR-Angestellten ihren Dank aus und erklärten, sich dafür einzusetzen, dass auch künftig ähnliche Vereinbarungen getroffen werden.

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    6. Januar 1964
    14. Bericht Nr. 15/64 über den Verlauf der Maßnahmen zur Passierscheinerteilung und über die Einreise Westberliner Bürger in das demokratische Berlin
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    3. Januar 1964
    Einzelinformation Nr. 8/64 über einen Zusammenprall zwischen dem Güterzug Dg 6072 und dem Personenzug P 837 auf dem Bahnhof Seebergen bei Gotha am 3. Januar 1964