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4. Tagung der Synode der BEK in Züssow (Greifswald)

27. September 1976
Information Nr. 674/76 über den bisherigen Verlauf der 4. Tagung der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR vom 24. September bis 28. September 1976 in Züssow, Kreis Greifswald

Die Tagung der Synode wurde am 24. September 1976, 14.00 Uhr, vom Präses der Synode, Schröder (Superintendent in Parchim), eröffnet.1 Dr. Kühn (Theologisches Seminar Leipzig) hielt danach eine kurze Andacht und sprach u. a. zum Problem Angst und Hektik. Er hob hervor, dass es zu einem Abbau des »Misstrauens zwischen Kirche und Staat« kommen müsse. Der einzelne Christ und die gesamte Kirche sollten nicht vor dem Unausgesprochenen zurückweichen. Die Hoffnung von Brüsewitz sei die Hoffnung aller Christen. Kühn zitierte einige Passagen aus dem Abschiedsbrief von Brüsewitz an die Pfarrer seines Kirchenkreises und bemerkte, es wäre gut, wenn die Synode nicht nur Strukturfragen, sondern Probleme behandeln würde, die die Gemeinden bewegen.2

Die anschließende Anwesenheitskontrolle ergab, dass von 85 Synodalen zwei nicht teilnehmen.

Als Gäste der Synode wurden begrüßt:

  • Prof. Hans Ruh, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Theologieprofessor der Universität Bern/Schweiz,

  • Pfarrer Franz Xaver Walter, Bischöfliches Ordinariat Berlin,

  • Dammann, Generalsekretär der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinden in der DDR,

und etwas später

  • Glen Sarfield Williams, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen Genf/Schweiz,

  • Dr. Helmut Class, Landesbischof, Vorsitzender des Rates der »Evangelischen Kirche in Deutschland« (EKD/BRD)

    (Die Mitteilung seiner Teilnahme wurde mit Beifall aufgenommen).

Bekanntgegeben wurde, dass die bulgarische orthodoxe Kirche telegrafisch ihre Nichtteilnahme an der Tagung mitgeteilt hat. Grußtelegramme gingen vom Ökumenischen Rat der Kirchen Genf und vom Ökumenischen Kirchenrat Großbritanniens ein. Im Telegramm aus Genf wurde mitgeteilt, der Generalsekretär sowie andere leitende Vertreter könnten wegen Arbeitsüberlastung an der Synode nicht teilnehmen.

Dr. Demke, Sprachenkonvikt Berlin, verlas die Zusammenfassung der Stellungnahme aller evangelischen Landeskirchen der DDR zur Problematik der Vereinheitlichung von Taufe, Abendmahl und anderen unterschiedlichen Glaubensauslegungen.

Nach Dr. Demke hielten Generalsuperintendent Dr. Lahr, Potsdam, und Superintendent Fritz, Karl-Marx-Stadt, zwei theologische Referate zum Hauptthema der Synode »Kirchengemeinschaft – Einheit und Vielfalt«. (Superintendent Fritz verlas das Referat von Oberkirchenrat Dr. Tannert, Dresden, der wegen Erkrankung nicht an der Synode teilnehmen kann.)

Der schriftliche Tätigkeitsbericht der Konferenz der Kirchenleitungen wurde im Zusammenhang mit der Konstituierung der Ausschüsse an die Synodalen verteilt. Er enthält eine Aneinanderreihung von Fakten aus der Tätigkeit des Sekretariats und der Konferenz (Anzahl und Themen der Sitzung, welche Gäste empfangen, welche Reisen unternommen). Dabei ist auch angeführt, dass am 10./11. September 1976 die Konferenz der Kirchenleitungen zum Fall Brüsewitz eine Tagung durchgeführt hat (siehe Information Nr. 629/76 vom 13. September 1976).

Die Konstituierung der Ausschüsse der Synode erfolgte erstmals unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch bereits vorbereitete schriftliche Mitteilungen, durch die die einzelnen Synodalen davon Kenntnis erhielten, in welchem Ausschuss sie mitarbeiten werden. Dadurch besteht für die Tagungsteilnehmer keine Übersicht über die Zusammensetzung der einzelnen Ausschüsse.

Der 1. Beratungstag wurde um 16.30 Uhr abgeschlossen. Am Abend fand ein Empfang der Kirchenleitung Greifswald für die Teilnehmer an der Synode statt, der durch Bischof Gienke, Greifswald, mit einer kurzen Begrüßungsansprache eingeleitet wurde. Im Verlaufe des Empfangs traten keine Besonderheiten auf.

Der 2. Beratungstag der Synode begann mit einem Grußwort des Generalsekretärs der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) Williams. W. überbrachte die Grüße der KEK an den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und führte aus, die KEK spiele in Europa eine besondere Rolle, da sie eigenständig sei und Beschlüsse fassen könne. Er hob die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Staaten hervor. Helsinki3 sei einer der bedeutendsten historischen Akte dieses Jahrhunderts in Europa gewesen und stelle die Basis für die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Völkern in Europa dar. Man müsse das Dokument von Helsinki für die Zusammenarbeit in Europa nutzen. Williams sprach der DDR und besonders dem Staatssekretär für Kirchenfragen Seigewasser seinen Dank für die gute Unterstützung der KEK besonders während ihrer Konferenz in Buckow4 aus, die sich mit der KSZE beschäftigt hatte.

Williams erwähnte, im März 1978 fände eine neue Konferenz der KEK »Die dritte Welt im Licht von Helsinki« statt. Den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR mahnte er, die Kirchen in der DDR seien nicht nur für die DDR da, sondern hätten Verantwortung für Europa und die Welt. Es sei die Aufgabe der Kirchen, für Frieden, Menschlichkeit und Versöhnung zu wirken.

Für die weitere Arbeit der KEK orientierte Williams u. a. auf die

  • Schaffung der Einheit der Kirchen in Europa,

  • Gewährleistung des Friedens in Europa auf der Grundlage der KSZE,

  • Beschäftigung mit den Problemen in Nordirland.

Im Anschluss an das Grußwort von Williams wurde die Diskussion im Plenum zum Hauptthema der Synode »Kirchengemeinschaft – Einheit und Vielfalt« begonnen. Die Diskussion, in der sich elf Synodale zu Wort meldeten, befasste sich ausschließlich mit Problemen der Theologie und der derzeitigen und zukünftigen Struktur der evangelischen Kirchen. Dabei konnte kein einheitlicher Standpunkt zu einem zukünftigen Modell einer vereinigten evangelischen Kirche der DDR erarbeitet werden. Es wurde sichtbar, dass die derzeitigen Gegensätze zwischen den Gliedkirchen in Bezug auf eine größere Zentralisierung des Bundes außerordentlich groß sind.

In dieser Diskussion betonte der Synodale Peper, Bernburg, insbesondere die kleinen Kirchen würden den Bund benötigen.

Superintendent Große, Saalfeld, setzte sich für das Zustandekommen einer Vereinigten Synode ein, die die bisher existierenden Synoden des Bundes, der Evangelischen Kirche der Union und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen der DDR, ersetzen sollte.

Präsident Domsch, Dresden, sprach sich gegen zu viel Administration des Bundes gegenüber den Landeskirchen aus.

Superintendent Günther, Beelitz, vertrat die Meinung, in der Jugendarbeit müssten mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Freikirchen, der katholischen und der evangelischen Kirche angestrebt werden.

Bischof Hempel, Dresden, meinte, es solle davon ausgegangen werden, was denn überhaupt unter Kirche zu verstehen sei. Er persönlich suche immer noch nach der »wahren Kirche«. Von wahrer Nächstenliebe und Hoffnung sei die institutionelle Kirche noch weit entfernt. Seine Sorgen wären nicht Sachsen oder Thüringen, sondern der »Termitenhügel Bund«,5 den er als unzulänglich besetzt bezeichnete, und die Manager in der Kirche. Wirkliche Gemeinschaft müsse »aus und in der Gemeinschaft geboren« werden.

Frau Dr. Blumenthal, Berlin, wandte sich energisch gegen die »theologischen Haarspaltereien« und verglich die Diskussionen und Aktivitäten in der Synode mit »Handlungen von geistig behinderten Kindern« in ihrem Krankenhaus (Herzberge), die Aggressivität aufgreifen und ohne Motiv auf andere losschlagen. Dagegen verwahrte sich scharf Pfarrer Gabriel, Halberstadt.

Kirchenpräsident Natho, Dessau, wandte sich gegen Verdächtigungen und Anonymitäten in der Kirche. Mit seinem Beitrag wurde die Diskussion beendet.

Im Anschluss an die Diskussion nahmen die fünf Ausschüsse ihre Tätigkeit zum Hauptthema auf. Sie beschäftigten sich mit folgenden Themen:

  • »Was nötigt uns zu gemeinsamem Handeln?«,

  • »Der Bund als Kirche«,

  • »Die Gemeinden und der Bund«,

  • »Föderatives Handeln/Gliedkirchen – Bund«,

  • »Interzelebration« (Zulassung der unterschiedlich geregelten Formen bei Abendmahl, Taufe usw. in den unierten und lutherischen Kirchen).

Darüber hinaus existieren noch der Berichtsausschuss, der Themenausschuss und der Legitimationsausschuss. Die Tätigkeit der Ausschüsse erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Um 11.00 Uhr wurde im Tagungsobjekt der Synode eine Ausstellung über das Leben des Schweizer Theologen Karl Barth (Leihgabe aus der Schweiz) eröffnet. An der Eröffnung dieser Ausstellung nahm der Botschafter der Schweizer Eidgenossenschaft in der DDR, Dr. Miesch (begleitet von einem Botschaftsrat), teil.

Nach der formellen Eröffnung durch den Präses der Synode Schröder, Parchim, ergriff der Schweizer Botschafter das Wort. Er ging auf die guten Kontakte zwischen den Kirchen der DDR und der Schweiz ein, würdigte die guten Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR und äußerte die Hoffnung, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern noch weiter ausbauen lassen.

Nach der Mittagspause erfolgte der mündliche Bericht von Pfarrer Kramer, Magdeburg, Mitglied des Vorstandes der Konferenz der Kirchenleitungen, zum Tätigkeitsbericht der Konferenz. Kramer hob zu Beginn seiner Ausführungen hervor, er verantworte alle Formulierungen persönlich, da über seinen Bericht keine Abstimmung erfolgt sei. Er sei der Meinung, dass dadurch manche Fragen offener angesprochen werden könnten. Zum Hauptthema der Synode führte er aus:

»Wie kann aus den drei gegenwärtigen Zusammenschlüssen ein neuer entstehen? Es erscheint auf den ersten Blick komplizierter, wenn hier von einer neuen Größe anstelle der drei gegenwärtigen gesprochen wird. Doch der Gedanke, der Bund in seiner gegenwärtigen Gestalt könne die Aufgaben von VELK und EKU aufnehmen, übersieht die praktischen Gegebenheiten. Erfahrungen und Regelungen der drei gegenwärtigen Zusammenschlüsse müssen im doppelten Sinne aufgehoben werden, wenn die genannte Zielvorstellung Gestalt gewinnen soll.«

Zur Problematik eines Gespräches zwischen kirchlichen Vertretern und dem Ministerium für Volksbildung heißt es:

»… Die Konferenz war durch die Synode beauftragt worden, sich um ein grundsätzliches Gespräch zu bemühen. Die Antwort auf diese Bitte um ein Gespräch kann nicht befriedigen. Es wäre auch wichtig, dass durch deutlichere Aussagen alle Verantwortlichen im Bildungsbereich auf örtlicher Ebene angeleitet würden, die Gewissens- und Glaubensbindung junger Menschen und ihrer Eltern echt zu respektieren. Denn Christen und Marxisten sind auf unabsehbare Zeit aufeinander angewiesen, und hier liegt eine wichtige Bewährungsprobe.«

In diesem Zusammenhang zitierte Kramer eine Äußerung von Wilhelm Pieck aus dem Jahre 1944: »Die Zusammenarbeit für den Aufbau eines neuen Deutschlands setzt sich nicht zum Ziel, die eine oder andere Weltanschauung oder Lehre durchzusetzen.«6 Unter Bezugnahme auf das neue Programm der SED stellte er fest:7

»… Wenn das neue Programm der SED als der führenden gesellschaftlichen Kraft in unserem Staat davon spricht, den ideologischen Inhalt der sozialistischen Lebensweise (einschließlich der Weltanschauung der Arbeiterklasse) in unserer Gesellschaft durchzusetzen, muss das wohl auf dem Hintergrund der Präzisierung im Programm gesehen werden, nach der die Gleichberechtigung der Bürger unabhängig von Weltanschauung, religiösem Bekenntnis und sozialer Stellung gewährleistet ist. Wir sind über diese Präzisierung erfreut und haben es durchaus bemerkt, wie diese Formulierung seither verschiedentlich wiederholt worden ist bis hinein in den Wahlaufruf der Nationalen Front.«

Zur ökumenischen Arbeit der Kirchen der DDR brachte Kramer zum Ausdruck:

»Wir sind froh, dass wir unsere Stellungnahme in der Ökumene selbst abgeben können. Wir meinen, dass auch manches in der ökumenischen Bewegung durch die Mitarbeit unserer Kirchen gefördert wurde.«

Zu Kirchenneubauten:

»Mit großer Freude und Dankbarkeit haben die Vertreter der Kirchen die Einräumung von kirchlichen Bauvorhaben in Neubaugebieten erfahren. Vor einem halben Jahr hätte niemand von uns dies für möglich gehalten. Es ist uns deutlich, wie sehr die verantwortlichen Vertreter von Staat und Gesellschaft ihre bisherige Entscheidung in dieser Frage überprüft haben und über eigene Vorbehalte hinweggegangen sind. Ganz offenkundig zeigt sich darin auch ein erhebliches Stück Vertrauen in die Arbeit der Kirchen. Vertrauen wächst nur dann, wenn es gegenseitig gewährt wird. Es enthält für jeden Partner ein gewisses Risiko.«

In Bezug auf Stellungnahmen und Verlautbarungen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Problemen führte er aus:

»Wir können es wohl begreifen, dass Enttäuschungen entstehen, wenn die Kirchen sich auf Initiativen nicht oder nicht gleich so einlassen, wie es gesellschaftliche Anregungen erwarten. Andererseits meint die Konferenz, dass sie gemäß ihrer Verantwortung auch aus eigener Initiative Themen aus dem gesellschaftlichen Bereich aufgreifen muss. Wenn bei den Gelegenheiten, in denen sie das tut, zunächst Besorgnis hervorgerufen wird, können wir das unsererseits nur schwer begreifen.«

Zur Selbstverbrennung von Brüsewitz nahm er wie folgt Stellung:

»Während der letzten Wochen sind Kirche und Öffentlichkeit durch die Tat von Pfarrer Brüsewitz und deren Wirkungen bewegt worden. Der Brief der Konferenz vom 11. September liegt der Synode vor.8 Darum brauche ich an dieser Stelle nicht alle Überlegungen zu wiederholen, die in ihn eingeflossen sind. Die Fragen, die in diesen Wochen inner- und außerkirchlich formuliert worden sind, sind für mich weder neu noch überraschend gewesen. Die Konferenz stand jetzt vor der Aufgabe, die Situation in den Gemeinden und in der Gesellschaft zu bedenken. Sie war sich darüber im Klaren, dass ihre Äußerungen vor Missbrauch nicht geschützt werden können. Aber die Sorge vor einer publizistischen und propagandistischen Verwendung in der Bundesrepublik Deutschland gegen die Deutsche Demokratische Republik musste geringer bewertet werden als die Situation der fragenden Gemeinden in unseren Kirchen. In Bezug auf die Anfragen unseres Staates an das Verhalten der Kirchen können wir nichts anderes tun, als uns auch an dieser Stelle um Verständnis zu bemühen. Weder vor dem 18. August noch danach liegt den Kirchen an einer Gegnerschaft oder Konfrontation zum Staat und zur Gesellschaft. Wir empfinden es nach wie vor als Auftrag unseres Herrn, dem wir freilich letztlich verantwortlich sind, als Kirche in der sozialistischen Gesellschaft zu leben. Das wird nicht durch eine Erklärung ein für allemal festgestellt, sondern das ist ein Prozess, in dem wir versuchen, deutlich zu machen, welche Beweggründe uns zu welchen aktuellen Entscheidungen führen. Wir bedauern sehr, dass manchmal offenbar enttäuschte Erwartungen Gefühle hervorrufen, die einer sachlichen Erörterung im Wege stehen können. Unabhängig von dem Anlass des jetzt intensiven Fragens nach der Stellung von Kirchen und Christen in der Gesellschaft, werden wir diese Fragen weiterhin noch ernster als bisher nehmen müssen.«

Abschließend wandte sich Kramer an die Teilnehmer der Synode mit dem Ersuchen, aus seinem Text keine Bestätigung eigener Vorurteile herauszusuchen.

Am Vormittag des 3. Beratungstages (26. September 1976) fand von 10.00 bis 11.30 Uhr im Dom Greifswald ein Gottesdienst statt, an dem ca. 350 Personen teilnahmen, darunter die Synodalen und Gemeindemitglieder aus Greifswald. In der Predigt wies Bischof Gienke darauf hin, dass sich die Christen nicht zu Anklägern entwickeln, sondern im Glauben an Gott ihre Sorgen und Nöte tragen sollen. Sie sollten sich mit Gebeten an Gott wenden und nicht auf den Marktplatz gehen. An anderer Stelle betonte er, Aufgabe der Christen sei es, sich nicht nur den kleinen persönlichen Sorgen und Nöten zu widmen, sondern die großen politischen Probleme in der Welt zu sehen und an ihrer Lösung mitzuwirken. Besondere Aufgabe der Kirche sei es, an der Erhaltung des Friedens mitzuwirken.

Die Tagung der Synode wurde 13.30 Uhr mit dem Grußwort des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Class, fortgesetzt. (Class war am 25. September 1976, gegen 18.00 Uhr in Greifswald eingetroffen. Er wohnt gemeinsam mit Generalsekretär Williams und den Bischöfen Hempel und Braecklein bei Pfarrer [Name] im Pfarrhaus Weitenhagen/Greifswald.)

Class brachte zu Beginn seiner Ausführungen seine Freude über die Möglichkeit der Teilnahme an der Tagung der Synode zum Ausdruck und überbrachte die Grüße der »EKD«. Class führte aus, nach der KSZE in Helsinki habe sich die Intensität des Erfahrungsaustausches und der Begegnungen der Kirchen wesentlich verstärkt. Hier werde die »grenzüberschreitende Kraft des Evangeliums und des Glaubens« sichtbar.

Unter Bezugnahme auf das theologische Hauptthema der Synode sagte Class, die Gemeinschaft im Evangelium müsse stärker gefördert werden, die kleiner werdende Kirche dürfe sich nicht von der Welt trennen lassen, die Christenheit dürfe auch am Leid in der Welt nicht vorbeigehen. Die gesamten Ausführungen von Class waren auf die Betonung der »Notwendigkeit der Einheit der Christen, die sich aus der Geschichte und aus dem Glauben ergibt«, ausgerichtet.

Im Anschluss an das Grußwort von Class fand die Aussprache zu den Ausführungen von Pfarrer Kramer, Magdeburg, und zum Tätigkeitsbericht der Konferenz der Kirchenleitungen statt. Zu Beginn stellte der Synodale Opitz, Arzt aus Bad Salzungen, den Antrag, die Öffentlichkeit auszuschließen. Über diesen Antrag erfolgte eine geheime Abstimmung, in deren Ergebnis sich die Mehrheit für den Antrag entschied. Im Verlauf der Debatte wurden u. a. folgende Komplexe behandelt:

  • In den Gliedkirchen ist alles zu unternehmen, damit ein zweiter Fall Brüsewitz ausgeschlossen bleibt.

  • Hierzu wurden verschiedene Vorschläge unterbreitet, die darauf hinausliefen, dass die Kirchenleitungen ein engeres persönliches Verhältnis zu den einzelnen Mitarbeitern herstellen sollten.

  • Es wurde dahingehend Kritik geübt, die Kirchenleitungen hätten zwar oft zu den staatlichen Organen, aber nicht zu ihren Mitarbeitern ein gutes Verhältnis. Die Kirchenleitungen sollten die Sorgen und Nöte ihrer Mitarbeiter besser kennen.

  • Die Kirchenleitungen sollten sich in Gesprächen mit staatlichen Organen stärker und konkreter für ihre Mitarbeiter einsetzen und sich auch für die Probleme der Gemeindemitglieder engagieren.

Die angesprochenen Probleme wurden als Kritik und Auftrag an die Kirchenleitungen formuliert. Die innerkirchlichen Widersprüche und Spannungen zwischen den Kirchenleitungen und den Gemeinden bildeten den Schwerpunkt der Diskussion.

Eine Reihe von Synodalen versuchte, die realistischen Kräfte wegen deren Haltung zur Angelegenheit Brüsewitz anzugreifen. Dabei trat insbesondere Kirchenpräsident Natho, Dessau, in Erscheinung.

Bischof Krusche, Magdeburg, gab bekannt, ihm bzw. der Kirchenleitung Magdeburg seien zahlreiche Drohbriefe mit Beschimpfungen wie »Leisetreter«, »Schlappschwänze«, »Verräter« und »Du bist schuld, dass es zu der Handlung gekommen ist«, zugegangen.

Propst Bäumer, Magdeburg, teilte mit, er habe mehrmals versucht, mit Brüsewitz ins Gespräch zu kommen; dieser sei jedoch ständig ausgewichen. Ebenso habe Brüsewitz nicht mit dem Gemeindekirchenrat zusammengearbeitet. Er bedauerte, dass Brüsewitz nicht ausreichend wegen seiner eigenartigen Handlungen zur Verantwortung gezogen worden sei. Auf mehrmalige Angebote eines »Stellenwechsels« sei Brüsewitz nicht eingegangen.

Im Sinne einer Beendigung der Brüsewitz-Diskussion traten die Bischöfe Fränkel und Schönherr auf. Bischof Krusche versuchte dabei eine vermittelnde Position einzunehmen.

Bischof Schönherr, Berlin, ging auf andere Probleme des Berichtes der Konferenz der Kirchenleitungen ein, wie z. B. Bauprobleme, Strukturfragen, Informationsprobleme, Fragen des Gottesdienstes usw.

Zum Abschluss der Diskussion wurde der Bericht Kramers an den Berichtsausschuss verwiesen.

Bischof Gienke, Greifswald, nahm an der Nachmittagssitzung nicht teil. Er hatte für 19.00 Uhr alle Bischöfe sowie die Gäste der Synode zu einem Abendessen in seine Wohnung eingeladen.

In der Abendsitzung berichteten die Synodalen Frühauf, Berlin, und Führ, Potsdam, im Rahmen einer ersten Informierung zur Ausschussarbeit über die Rolle der Laien in der Kirche. Sie brachten zum Ausdruck, die Laien würden in der Kirche Geborgenheit suchen, und es sei noch nicht klar, ob der Laie Missionar oder Mitarbeiter in der Kirche sein soll – d. h. Prediger mit Ausbildung – oder ob eine Zurüstung für das gesellschaftliche Engagement erfolgen sollte.

Für 21.00 Uhr lud das Präsidium der Synode die Synodalen und die Gäste zu einem »offenen Abend« ein. Im Verlaufe dieser Zusammenkunft wurden ausschließlich innerkirchliche Probleme, u. a. zur Situation in der BRD-Kirche und zu den Beziehungen mit der katholischen Kirche in der BRD, erörtert. Als ökumenische Gäste nahmen der Ratsvorsitzende der EKD Class und der Vertreter der Schweizer Kirche, Prof. Dr. Ruh, teil.

Die Gäste Williams, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, und Dammann, Generalsekretär der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinden in der DDR reisten am 26. September 1976 ab.

Wie bekannt wurde, hielten sich in Züssow bisher folgende Journalisten aus der BRD und Westberlin zur Berichterstattung über die Tagung der Synode auf:

  • Sager, Dirk (ZDF), mit Aufnahmeteam,

  • Loewe (ARD), mit Aufnahmeteam,

  • Zielinski, Hans (SFB – Westberlin),

  • Horstmeier, Gerhard (SFB und NDRBRD/Kreuzthal),

  • Schabrahm und Röder (Evangelischer Pressedienst BRD),

  • Schulz (DPA).

Intern äußerten Vertreter von ZDF und SFB, sie würden von der Synode »sensationelle Meldungen« zum Fall Brüsewitz erwarten und seien enttäuscht, dass bisher nichts geschehen sei.

Weiter wurde bekannt, dass die Westjournalisten durch Gespräche mit Synodalen mehrfach versuchten, eine Diskussion im Plenum zum Fall Brüsewitz anzuheizen. Der Tagungsort und Synodale wurden von Kamerateams mehrfach gefilmt. Ebenso wurde das Eintreffen von Bischof Class (EKD) aufgenommen.

Diese Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme geeignet.

  1. Zum nächsten Dokument Statistik Einnahmen Mindestumtausch 20.9.–26.9.1976
    29. September 1976
    Information Nr. 677/76 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 20. September 1976 bis 26. September 1976
  2. Zum vorherigen Dokument Fahnenflucht eines Offiziers des MfS-Wachregiments in die BRD
    27. September 1976
    Information Nr. 673/76 über die Fahnenflucht eines Offiziers des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« des MfS nach der BRD