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Lage in der DDR (24) 9.–10.11.

10. November 1956
Information Nr. 324/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 9.11.1956, 8.00 Uhr, bis 10.11.1956, 8.00 Uhr)

I. Industrie

Karl-Marx-Stadt: Im VEB Feinstrumpfwerk Oberlungwitz reicht der Kohlevorrat nur noch bis zum 10.11.1956, 12.00 Uhr. Der tägliche Verbrauch in diesem Werk beträgt 18 t (eigene Stromerzeugung). Es herrscht dort schlechte Stimmung wegen der Nachtschicht, die sich dadurch noch verstärkt.

Dresden: Am 9.11.1956 fiel im VEB Flachsspinnerei Hainitz1 die Dampfmaschine mit 800 PS aus. Wahrscheinliche Ursache: Ausfall eines Hauptlagers. Dadurch kann die Produktion zu 70 bis 80 % bzw. ganz ausfallen. (Im Betrieb sind 700 Personen beschäftigt.) Unter der Belegschaft des VEB Vereinigte Grobgarnwerke Kirschau wird in Diskussionen zur Arbeitsniederlegung aufgefordert, um zu erreichen, dass die Stromabschaltungen wegfallen. Der Parteisekretär kann die Arbeiter nicht von der Notwendigkeit dieser Maßnahmen überzeugen. Ebenso herrscht im VEB Waggonbau Bautzen Missstimmung wegen dieser Maßnahmen. Die Arbeiter verlangen Aufklärung, die aber von der Betriebsleitung nicht gegeben werden kann, weil diese selbst von der Notwendigkeit dieser Maßnahme nicht unterrichtet wurde. Ähnliche Diskussionen werden im gesamten Bezirk geführt (»DDR gibt Energie nach Ungarn ab und drosselt den Verbrauch im eigenen Lande«).

Potsdam: Im VEB Fabrik für Präzisionsschlösser in Babelsberg versucht in letzter Zeit ein gewisser [Name 1] die Belegschaft mit provokatorischen Reden aufzuputschen. (»Die leitenden Funktionäre des Betriebes sind eine Kommunistenclique, die Arbeiter aller sozialistischen Länder müssten sich gegen die Kommunisten erheben« u. a.) [Name 1] verkehrt viel in Westberlin und wollte auch an der Protestdemonstration am 5.11.1956 teilnehmen.2 Er ist außerdem der Sabotage verdächtig.

Leipzig: Am 9.11.1956 wurden im VEB MAB von unbekannter Seite die Kampfgruppen alarmiert.3

Frankfurt/O.: Im VEB Teerwerk Plasta, Erkner,4 sind die Rohstoffe aufgebraucht. Wenn keine neue Lieferung erfolgt, muss die Abteilung für einige Tage stillgelegt werden. Dies führt zu negativen Diskussionen unter den Arbeitern.

Rostock: Im Bereich I der Neptun-Werft Rostock werden noch 119 Arbeiter im Ernteeinsatz außerhalb der Werft beschäftigt, obwohl genügend Aufträge vorliegen. Es fehlt jedoch an 12-mm-Blechen. Bei 11-mm-Blechen sind keine richtigen Abmessungen vorhanden, sodass zusätzlich Schweißarbeiten erforderlich sind. Der Plan für das IV. Quartal wird deshalb nicht erfüllt werden können. Im Fischkombinat Rostock forderten zwei Kraftfahrer Lohnerhöhung (obwohl sie im Monat über 1 000 DM verdienen), sonst würden alle Kraftfahrer zum Streik aufgerufen.

II. Landwirtschaft

Dresden: Im Kreis Zittau kommen zahlreiche Großbauern ihrer Ablieferungspflicht im Getreide nicht nach. (»Es wird nichts abgeliefert, bevor nicht die Sollpreise5 erhöht werden.«)

Rostock: In den LPG Klausdorf, Groß Mohrdorf6 und Groß Kedingshagen7 befinden sich wegen Arbeitskräftemangel noch eine große Anzahl Kartoffeln in der Erde.

Karl-Marx-Stadt: Am 6.11.1956 brach bei dem Mittelbauer [Name 2] in Lichtenberg ein Scheunenbrand aus. Schaden: 15 000 DM, Ursache: Brandstiftung.

III. Feindtätigkeit

a) Flugblattverbreitung: Flugblätter wurden festgestellt

  • Dresden: TH Dresden, ein Flugblatt gegen DDR – für Konterrevolution in Ungarn.8

  • Erfurt: In den Orten Rudisleben, Töttelstädt, Roda, Ballstädt, Erfurt, Ahnershausen,9 ca. 650 Flugblätter.

    • »Der Tag«10

    • »Gewerkschaftswahlen – Was ist zu tun«

    • »Sofortige Registrierung« (UfJ)11

    • »Recht gegen Unrecht« (UfJ)

    • »Langsamer arbeiten, länger leben«

  • Leipzig: Auf dem Flugplatzgelände Schkeuditz12 am 7.11.1956 verschiedene Flugblätter der KgU,13 Zope,14 UfJ, SPD-Ostbüro.15 Am 5.11. wurde im Schönefelder Park ein handgeschriebener Hetzzettel an einem Baum befestigt. Text: »Ungarn mahnt, deutsche Patrioten wir fordern:

    • 1.

      Rücktritt der Regierung Grotewohl und Ulbricht

    • 2.

      freie, geheime Wahlen

    • 3.

      Abzug der russischen Okkupanten«

      Unterzeichnet: »Die Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus«.

  • Halle: In der Torstraße in Halle ein selbstgefertigtes Flugblatt: »Unser Kampf ist dreimal Streik, Streik, Streik! In Ungarn zeigt der Kommunismus sein wahres Gesicht. Freiheit!«

b) Hetzlosungen

  • Dresden

    • Gaststätte »Zur Börse«, Dresden, »Nieder mit der SU«

    • Baustelle Altmarkt-Ost, Dresden: »Keinen Pfennig für die Kommunisten in Ungarn«.

    • In Pirna: (Energiebezirk Ost, Postamt, FDGB und an mehreren Häusern): »Helft Ungarn«.

    • Zellstoffwerk Pirna: ein Totenkopf und die Buchstaben KPR.16

  • Dresden-Klotzsche: »Wir wollen freie Wahlen«.

  • Leipzig, Heimteichstraße: »Nieder mit der KPD«, Zeitungskiosk Leninstraße: »Pieck, ein Verbrecher – Lumpen!«

  • Halle: Zentralschule Artern, LPG Kalbsrieth,17 [Kreis] Artern: faschistische Schmierereien.

  • Suhl: An einem Waggon im Kaliwerk »Ernst Thälmann« in Merkers: Ein Galgen mit vier Gehängten. Darunter stand: SED. Eine ähnliche Zeichnung im Kaliwerk »Einheit«, Dorndorf.

  • Potsdam: Bahnhofshalle Werder: Vier Hakenkreuze.

  • Rostock: Matthias-Thesen-Werft: »Raus mit den Russen aus Ungarn« und (bereits am 2.11.1956) »Freiheit für Deutschland, folgt dem Beispiel der ungarischen und polnischen Arbeiter,18 kämpft für eure Freiheit. Lasst den 17.6. nicht noch einmal so ausgehen.« Unbekannte Täter rissen in der Nacht vom 7. zum 8.11.1956 in Wismar eine rote Fahne herunter und zogen eine Fahne des RFT-Rostock auf Halbmast.

  • Gera

    • VEB Keramisches Werk Hermsdorf (in Englisch): »Keine Freundschaf zur SU«

    • Rudolstadt: Vier Hakenkreuze

    • Bad Blankenburg: Ausschnitte aus westdeutschen Zeitungen mit Hetze gegen SED und Regierung an eine Litfaßsäule geklebt.

  • Erfurt

    • Bleicherode: drei selbstfertigte Hetzschriften: »Wir protestieren gegen das Vorgehen der Russen in Ungarn, wir rufen zum passiven Widerstand auf« – Spartakus –

    • Gerstungen: an einem Güterwagen der Bundesbahn: »Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl sind Vaterlandsverräter, hängt sie auf«

  • In Fürstenwalde wurden in der Nacht vom 8. zum 9. die Kränze vom VVN-Ehrenmal zerstört.

  • In Dresden wurde abermals das Gebäude der Kreisleitung VIII mit Steinen beworfen.

c) Provokationen

Am 7.11.1956 wurde der bei der Bau-Union Neubrandenburg beschäftigte [Name 3] wegen Hetze und Belästigung von Angehörigen der VP und der Volksarmee festgenommen. (»Ihr seid Strolche und Lumpen, wenn es wie in Ungarn kommt, steche ich allen Uniformierten das Messer in den Leib.«)

d) Anonyme Schreiben und Anrufe

  • Am 8.11.1956 wurde ein Parteiveteran aus dem Kreis Erfurt in einem anonymen Schreiben bedroht und aufgefordert, schnellstens zu verschwinden.

  • Am 5.11. erhielt der Kulturgruppenleiter vom VEB Pels, Erfurt,19 einen anonymen Anruf, dass die Revolutionsfeier in Weimar nicht stattfindet und der Chor nicht aufzutreten braucht.20

  • Das bereits bekannte »Ultimatum« vom sogenannten zentralen Lenkungsausschuss, in dem zum Generalstreik am 12.11. aufgefordert wird, wurde jetzt auch an den Prager Rundfunk mit der Bitte um Bekanntgabe gesandt.21 In der DDR erhielten das Ultimatum bis jetzt der Studentenrat der Karl-Marx-Universität Leipzig, VEB Chemie Karl-Marx-Stadt, VEB Porzellanmanufaktur Meißen. Weiter wurde es an die politische Redaktion von Radio Warschau gesandt zur Bekanntgabe in der Sendung in deutscher Sprache.

IV. Besondere Vorkommnisse

Halle: Am 9.10.1956 wurde der [Vorname Name 4] aus Bernburg wegen Mordhetze festgenommen. Am 6.11.1956 läuteten in Roßlau, [Kreis] Sangerhausen, alle Glocken. Alle Pfarrer des Kreises trafen sich im Pfarrhaus zu Roßlau.

Potsdam: In der 8. Klasse der Grundschule Eichwalde tauschten die Schüler Zettel mit folgendem Text aus: »Was machen wir mit den Lehrern? Hängen wir sie auf, lynchen wir sie wenn es soweit ist und wen lassen wir laufen?« Von der Klasse 12 b/2 der Goethe-Oberschule in Königs Wusterhausen wurde am 5.11.1956 ohne Wissen der Schul- und Parteileitung eine Klassenversammlung durchgeführt, wo Unterschriften »gegen die Einmischung der sowjetischen Truppen in Ungarn« gesammelt wurden. Am 8.11.1956 wurde von zwei Schülern der Berufsschule Königs Wusterhausen [die Flagge] beim Fahnenappell auf Halbmast gesetzt.

Schwerin: In der Nacht vom 7. zum 8. wurden 30 Kränze vom Ehrenfriedhof der Sowjetarmee entwendet und in die Elde geworfen. Die drei Täter wurden festgenommen (Dömitz).

Frankfurt/O.: Am 8.11.1956, gegen 15.00 Uhr, durchfuhr ein amerikanischer Missionswagen die Stadt Wriezen. In Schulzendorf ließ ein Amerikaner den LPG-Vorsitzenden holen um sich von diesem über die Stimmung zu Polen berichten zu lassen (Ermittlungen werden noch geführt).

Wismut: Ein Arbeiter von der Bohrabteilung IV Ronneburg (aus der SED ausgeschlossen) erklärte: »Auch bei uns wird es langsam Zeit, dass man die Richtigen ablöst und die Genossen ins KZ sperrt. Das Volk hat erkannt, dass es an der Zeit ist zu handeln. In diesem Jahr werden bei einigen Ministern der DDR noch die Köpfe rollen.« Ein Arbeiter vom Schacht 31 Ronneburg, Johanngeorgenstadt, erklärte: »Wenn 1953 hier alle mitgemacht hätten, wäre es auch anders gewesen. In Gera war ja schon die Polizei übergetreten. Waffen waren genug vorhanden und sind jetzt zum größten Teil in den Händen der Untergrundbewegung; die findet die Polizei nicht.«

Berlin (Nachtrag): Am 27.10.1956 wurde auf dem Oktoberfest im Bezirk Friedrichshain eine Streife der NVA von zwei Zivilisten namens [Name 5] und [Name 6] beschimpft und provoziert, weil sie verhinderte, dass die beiden Zivilisten gegen einen Offiziersschüler der NVA tätlich vorgingen. Wörtlich äußerte [Name 5]: »Wenn ich jetzt zweimal pfeife, dann seid ihr sowieso verloren, wir hauen euch zusammen wie Dreck. Mit euch ist es sowieso bald aus, es kommt wie in Ungarn.« Als die Streife ihn daraufhin festnehmen wollte, mischte sich [Name 6] ein. Die Zuführung beider Zivilisten zum nächsten VP-Revier wurde durch eine ca. 150 bis 200 Personen umfassende Menschenmenge verhindert. Als der Streifenführer das VP-Revier verständigte, schrie [Name 5]: »Jetzt holen sie die grüne Garde, aber denen geht es allen so wie in Budapest, sie werden alle noch erschossen und aufgehängt.« Die hinzukommenden Angehörigen des VP-Revieres namen die beiden, die Widerstand leisteten, fest. Außerdem wurde noch ein Westdeutscher festgenommen, der die umstehenden Personen mit den Worten aufhetzte: »Das sind alles Kommunistenschweine, schlagt die Hunde tot.«

Hinweise auf Absichten des Gegners

Wie in Erfahrung gebracht wurde, hat der englische Generalstab in Berlin geheime Anweisungen gegeben, dass sich alle Zivilangestellten und Familienangehörigen der englischen Besatzungssoldaten zwecks Ausflug aus Berlin für die nächsten zwei Tage bereitzuhalten haben. Wie durch die Kreisleitung Halberstadt bekannt wurde, will der Gegner am 10. und 11.11.1956 im Westen des Bereiches Halberstadt Provokationen durchführen. Näheres ist noch nicht bekannt. Nach einer Mitteilung befinden sich die Luftwaffenverbände der amerikanischen Besatzungsmacht im Raum Westerwald in Sitzalarm. Außerdem sind die Truppen im Raum Hersfeld angeblich zu Manövern zusammengezogen worden.

Ein Mitarbeiter des UfJ erklärte auf die Frage, welche Auswirkungen die Ereignisse in Ungarn auf die DDR haben:

  • »1.

    Hätte man von maßgeblicher Seite aus vor Übereilungen gewarnt,

  • 2.

    fehle in der DDR eine einheitliche Führung, um einen Erfolg zu haben und

  • 3.

    ergeben sich so oder so Veränderungen auf friedlicher Basis.«

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    10. November 1956
    Information Nr. 326/56 – Betrifft: Durchgeführte »Schweigeminuten« aus Anlass der Niederschlagung der Konterrevolution in Ungarn
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    9. November 1956
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