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Stimmung zur Schaffung der NVA (4)

23. Januar 1956
Nationale Volksarmee (4. Bericht) [Information Nr. M17/56]

I. Gesamteinschätzung

In allen Bevölkerungsschichten der DDR wird lebhaft über die Schaffung der Nationalen Volksarmee diskutiert.1 Durch die regen Gespräche über diese Frage kommt es fast gar nicht zu Stellungnahmen zu anderen politischen Problemen. Vorwiegend diskutieren Arbeiter der Industrie- und Verkehrsbetriebe, aber auch Angestellte und Angehörige der Intelligenz beschäftigen sich ausgiebig mit dieser Frage. In der Landwirtschaft werden Diskussionen fast nur im sozialistischen Sektor geführt, während von Groß- und Mittelbauern nur Einzelstimmen bekannt werden, die aber meistens negativ sind. In der übrigen Bevölkerung finden ebenfalls rege Diskussionen statt, die inhaltlich denen der Industrie gleichen.

Ein großer Teil der Bevölkerung stimmt der Schaffung einer Nationalen Volksarmee zu und es zeigte sich in den letzten Tagen, dass sich die Stimmung in der Industrie positiv verändert und die Zahl der zustimmenden Äußerungen in einigen Bezirken größer wird. In diesen Stellungnahmen zeigt sich die Erkenntnis, dass die DDR eine Nationale Volksarmee braucht und dass wir unsere Errungenschaften schützen müssen. Diese positiven Stimmen gibt es auch in der Landwirtschaft, wo sie die negativen überwiegen.

Neben diesen positiven Erscheinungen gibt es einen kleineren Teil, der sich überhaupt nicht äußert, und die anderen, deren Zahl im Abnehmen begriffen ist, lehnen die Aufstellung einer Nationalen Volksarmee ab bzw. diskutieren negativ. Dabei treten in allen Bezirken der DDR, einschließlich Berlin, die gleichen Argumente auf, mit denen man die Nationale Volksarmee ablehnt. Besonders müssen hierbei die Jugendlichen erwähnt werden, die in der Überzahl negativ diskutieren. Auch bei Frauen überwiegen ablehnende Äußerungen. Feindliche Äußerungen machen sich jetzt gegenüber den Vortagen etwas stärker bemerkbar. Feindtätigkeit zeigt sich in Anschmieren von Hetzlosungen gegen die Nationale Volksarmee.

II. Hauptargumente

In den positiven Argumenten kommt das Verständnis für die Schaffung einer Nationalen Volksarmee und die Erkenntnis der Bevölkerung über die Bedeutung des Beschlusses der Volkskammer zum Ausdruck. Die wesentlichsten Argumente sind:

  • »Wenn Westdeutschland aufrüstet,2 müssen wir auch was tun, um unsere Errungenschaften zu schützen.«

  • »Es ist notwendig eine Volksarmee aufzustellen, um unseren Familien die Möglichkeit zu geben, im Frieden zu leben.«

  • »Der Ernst der Situation zeigt uns, dass wir uns selber einig sein müssen. Der Kapitalist hilft uns auf keinen Fall.«

  • »Es wurde höchste Zeit, dass eine Nationale Volksarmee gebildet wurde.«

Diese Argumente könnten noch beliebig erweitert werden.

Zu den ablehnenden und negativen Äußerungen wurden wiederum die schon bekannten Argumente bekannt, wie:

  • »Dass die VP und KVP doch genügt, und dass man nicht noch eine Volksarmee braucht.«

  • Dass sie kein Gewehr mehr anfassen.

  • »Dass ein neuer Krieg bevorsteht.«

  • »Dass der Westen nicht angreift.«

  • »Dass alles ›von oben‹ bestimmt wurde.«

  • »Dass die Vorbereitungen ›wie bei Hitler‹ vorgenommen wurden.«

  • Dass der Lebensstandard nunmehr sinken würde.

  • Dass 1945 gesagt wurde, »kein Deutscher soll mehr eine Waffe tragen«.

  • Dass sie die Gestellungsbefehle zerreißen werden.

  • »Dass sich die DDR damit nicht an das Potsdamer Abkommen hält«3 und die Schaffung der Volksarmee verfrüht durchgeführt würde.

  • »Dass dadurch die Wiedervereinigung beiseite gedrängt wird.«

  • Dass sie Bekannte in Westdeutschland haben, gegen die sie keine Waffe erheben.

  • Dass es nach einem neuen 17. Juni aussähe.

Zu diesen Argumenten wurden folgende neue negative bekannt:

  • a)

    Ausgehend von ihrem jetzigen Verdienst bringen besonders Jugendliche zum Ausdruck, dass sie nicht zur Volksarmee gehen werden, da es nur 1,00 DM Sold geben würde und für dieses Geld gingen sie nicht.

  • b)

    Ebenfalls in der Mehrzahl von Jugendlichen wird angeführt, dass sie nicht freiwillig gehen werden, sondern erst wenn es zur Pflicht gemacht wird.

  • c)

    In Betrieben, wo viele Umsiedler beschäftigt sind, tauchte aus Unkenntnis über die Politik der SU und dem Charakter der Volksarmee das Argument auf, dass sie »sich nicht für die Russen hergeben würden«.

  • d)

    Vereinzelt wurde bisher auch aus Unkenntnis über Aufgaben der Kampfgruppen das Argument bekannt, nicht in die Kampfgruppen einzutreten.4 Man befürchtet, dass diese zuerst zur Volksarmee eingezogen werden.

  • e)

    Von Frauen wird häufig das Argument gebracht, dass sie nicht dazu da sind Kinder zu gebären, damit diese später als Kanonenfutter verwendet werden. Auch unter den Frauen ist erkenntlich, dass sie diese Argumente aus Unkenntnis über die Rolle der Volksarmee anführen.

Zum Beschluss über die Einführung der neuen Uniform5 wurden folgende Argumente bekannt. Dazu muss jedoch gesagt werden, dass sie in der Mehrzahl von fortschrittlichen Personen geäußert wurden.

  • a)

    Aus Unkenntnis über die fortschrittlichen militärischen Traditionen wird dazu zum Ausdruck gebracht, dass die Uniformen denen der faschistischen Wehrmacht sehr ähnlich sind.

  • b)

    Ebenfalls aus Unkenntnis über die fortschrittlichen militärischen Traditionen wird argumentiert, dass die alten Offiziere und Soldaten, die ihre Uniform noch zu Hause haben, diese wieder hervorholen könnten.

  • c)

    Weiter wird argumentiert, dass man neue schneidige Uniformen einführt, um die Jugendlichen dafür zu begeistern. Dabei werden Vergleiche mit den Nazis gezogen.

III. Charakteristische Beispiele

Industrie

Gegenüber den Vortagen ist in mehreren Bezirken zu erkennen, dass sich die Stimmung in der Industrie zum Positiven ändert und diese Argumente bereits überwiegen, sodass man sagen kann, mehr als die Hälfte der Werktätigen stimmen diesem Gesetz zu und erkennen die Schaffung der Nationalen Volksarmee an. Während bisher die Wismut, mit Ausnahme einzelner Objekte, ausschließlich positiv dem Beschluss gegenüberstand, ist das Überwiegen positiver Stellungnahmen jetzt auch in den Bezirken Gera, Dresden, Potsdam und Leipzig festgestellt. Von dem anderen Teil der Werktätigen ist zu sagen, dass sie sich entweder überhaupt nicht äußern oder eine ablehnende Haltung einnehmen. In der Mehrzahl sind die Träger der ablehnenden Diskussionen Jugendliche und weibliche Beschäftigte. Letzteres besonders in den Betrieben, wo überwiegend Frauen tätig sind. In den Kreisen der Angestellten und der Intelligenz ist weiterhin eine Zurückhaltung in den Diskussionen zu verzeichnen.

Dagegen wird unter den Arbeitern am meisten diskutiert und auch am stärksten im positiven Sinne. Unter den Arbeitern sind für die positiven Stellungnahmen folgende Beispiele charakteristisch: Im VEB Schaltgerätewerk Werder, VEB Verkehrsbetriebe Potsdam und auf der Großbaustelle Sago Potsdam6 wurden in der Mehrzahl von den Belegschaften Zustimmungen gegeben wie: »Wenn der Westen aufrüstet, müssen wir auch etwas tun, um unsere Errungenschaft zu schützen.« Oder die Diskussion des Steigers [Name 1] und des Arbeiters [Name 2] vom Schacht 18 der Wismut in Johanngeorgenstadt: »Dass es unbedingt nötig ist eine Volksarmee aufzubauen, um unseren Familien die Möglichkeit zu geben in Frieden zu leben und nicht wieder die Nächte im Bombenkeller zu verbringen.«; »Der Ernst der Situation zeigt uns, dass wir uns selber einig sein müssen, der Kapitalist hilft uns auf keinen Fall.«

Für die negativen Diskussionen unter den Arbeitern sind folgende Beispiele zutreffend: Im VEB Modul Karl-Marx-Stadt kam durch mehrere Arbeiter in der Belegschaftsversammlung zum Ausdruck, dass »1945 erklärt wurde, Deutschland wird nie wieder ein Militärstaat. Wenn bei uns eine Volksarmee aufgebaut wird, so werden auch Waffen gebraucht. Für das Geld sollte man lieber Wohnungen bauen.« Im Übrigen sind die Beispiele ähnlich den bisher schon bekannt gewordenen.

Für die negativen Stellungnahmen der weiblichen Beschäftigten ist die Meinung der in der Abteilung Perlon des Kunstfaserwerkes »Wilhelm Pieck« in Schwarza, [Bezirk] Suhl, dass es »durch die Schaffung der Volksarmee nun bald zum Kriege kommt und dass sie nicht dazu da sind Kinder zu kriegen, damit diese später Kanonenfutter werden«.

Unter den Angestellten und der Intelligenz ist folgendes Beispiel für die positiven Stellungnahmen charakteristisch: »Um alle Errungenschaften, die wir in der DDR aufgebaut haben, zu sichern, ist eine Volksarmee am richtigen Platze, aber eine Armee, die nicht getragen wird vom Geiste des Militarismus und Faschismus, wie es wieder in Westdeutschland der Fall ist, wo die faschistischen Offiziere das wieder ergriffen haben, was wir 1945 vernichtet haben.« Die ablehnende und negative Haltung kommt unter der Intelligenz und Angestellten hauptsächlich dadurch zum Ausdruck, dass sie sich bei Abstimmungen der Stimme enthalten oder die Versammlungen verlassen.

Unter den Jugendlichen der Industrie sind für die positiven Stellungnahmen folgende Beispiele charakteristisch.

  • Im Schacht 367 Ronneburg, [Bezirk] Gera, der Wismut äußerte der Jugendliche [Name 3], »dass es jetzt höchste Zeit wird, dass eine nationale Armee gebildet wird«. Diesen Ausführungen schlossen sich alle Jugendlichen und anderen Arbeiter an, nachdem [Name 3] auch die Rolle der Westmächte aufzeigte.

  • In der Bauabteilung 3 der Wismut, [Kreis] Ronneburg, erklärte der Jugendliche [Name 4]: »Die Bildung der Volksarmee ist notwendig, um unsere Errungenschaften zu schützen und uns der Freundschaft der friedliebenden Staaten würdig zu erweisen.«

Für die negativen und ablehnenden Diskussionen sind nachstehende Argumente zutreffend:

  • Im VEB Lederfabrik Weida, [Bezirk] Gera, äußerte die Mehrzahl der Jugendlichen: »Wir brauchen keine Volksarmee; wer dafür ist, der soll nur selber hingehen.«

  • Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« Schwarza, [Bezirk] Suhl, äußern die Jugendlichen der Rohrlegerwerkstatt: »Wir nehmen keine Waffen in die Hand.« Sämtliche Jugendliche lehnten ihre Unterschrift unter die Resolution ab.

  • Im Objekt Mifa7 ist unter der Umsiedlerjugend eine negative Stimmung gegenüber der Aufstellung der Volksarmee zu verzeichnen. Der Jugendliche [Name 5] äußerte sich dahingehend, »für die Russen geben wir uns schon lange nicht her«.

  • Auf der Großbaustelle Sago, [Kreis] Potsdam[-Land], erklärten mehrere Jugendliche: »Wir gehen nicht zur Volksarmee, denn hier wird es nur 1,00 DM am Tage geben und für dieses Geld gehen wir nicht.«

  • Im VEB »Vorwärts« Blasendestillation Hohenmölsen,8 [Bezirk] Halle, erklärten die meisten Jugendlichen: »Freiwillig gehen wir nicht, erst wenn es zur Pflicht gemacht wird.«

b) Landwirtschaft9

Nach wie vor kommen die meisten Stimmen in der Landwirtschaft aus dem sozialistischen Sektor. Auch am heutigen Tage zeigt sich eine überwiegende positive Stellungnahme. Darin kommt zum Ausdruck, dass sie nie zulassen werden, dass die Schlotbarone wieder zurückkehren. Ausdruck der positiven Einstellung sind auch zahlreiche Verpflichtungen.

Die Groß- und Mittelbauern halten sich in den meisten Fällen noch mit der Diskussion zurück. Bei auftretenden Diskussionen sind diese allerdings meist negativ, vor allem bei den Großbauern. In den negativen bzw. ablehnenden Äußerungen werden die gleichen Argumente wie in der Industrie gebracht. Zusätzlich tritt noch das Argument – wie bereits berichtet – auf, dass die Aufstellung der Nationalen Volksarmee zu Arbeitskräftemangel führen wird (Bezirk Frankfurt/O. und Neubrandenburg).

Aus den geführten Diskussionen ist ersichtlich, dass unter der Landbevölkerung große Unklarheiten über den Charakter unserer Nationalen Volksarmee bestehen, sodass eben aufgrund dessen die ablehnenden Äußerungen auftreten, z. B. wird in der Gemeinde Unterpörlitz, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, diskutiert: »Soldaten sind Soldaten, ob in Ost- oder Westdeutschland, denn diese Soldaten bedeuten eine Gefahr und zugleich einen neuen Krieg. Wir haben keine Volksarmee gefordert.«

Von Mittel- und Großbauern wurden folgende Äußerungen bekannt: Der Mittelbauer [Name 6] aus Bärenklau, [Kreis] Guben, [Bezirk] Cottbus, sagte: »Wenn sein Junge zur Volksarmee gezogen wird, lässt er seine Wirtschaft liegen und setzt sich nach dem Westen ab.« In der Gemeinde Golmsdorf, [Kreis] Jena, [Bezirk] Gera, wird unter den werktätigen Bauern wie folgt diskutiert: »Die Aufstellung einer Volksarmee kann uns nur schaden. Auch heißt es in unserer Nationalhymne, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweinen soll.10 Das stimmt doch nun auch nicht mehr.«

c) Übrige Bevölkerung

Während zum Großteil die Stimmung der übrigen Bevölkerung von den gleichen Argumenten wie in der Industrie gekennzeichnet ist, muss doch festgestellt werden, dass die einzelnen Schichten verschieden diskutieren. Auch in Verwaltungen und im Handelsapparat wird sehr lebhaft über die Aufstellung der Nationalen Volksarmee diskutiert. Dabei zeigt sich, dass oftmals die negativen Stimmen einzelne positive Äußerungen überwiegen. Sowohl bei den positiven als auch bei den negativen Äußerungen werden die gleichen Argumente wie in der Industrie gebracht.

Im Einzelnen wurden folgende, besonders negative Äußerungen bzw. Erscheinungen bekannt: Gleichfalls vielfach ablehnend verhalten sich auch die Angestellten unserer Handelsorgane. Von 900 Belegschaftsmitgliedern des HO-Warenhauses in Leipzig unterschrieben nur 240 die vorgebrachte Entschließung für die Schaffung einer Volksarmee. Die Verkaufsstellenleiterin der Verkaufsstelle 35 in Frohburg, [Bezirk] Leipzig, äußerte sich dahingehend negativ: »Man spricht hier immer vom Frieden und meint den Krieg. Man kann den Rundfunk überhaupt nicht mehr hören. Die DDR soll doch nicht immer so gehässig sein.«

Die Studenten und Oberschüler beschäftigen sich sehr zahlreich mit der Aufstellung der Nationalen Volksarmee, wobei sie diese Frage vielfach mit der Frage nach der Möglichkeit ihres weiteren Studiums verbinden. Neben den positiven Äußerungen, in denen die Bereitschaft zur Verteidigung unserer Heimat zum Ausdruck kommt, diskutierte man vor allem über die Uniformen, über die Besoldung und über die Frage, wo die Menschen für die Volksarmee herkommen sollen.

In der ABF der Humboldt-Universität Berlin wurde durch die FDJ-Leitung eine Diskussion darüber eingeleitet, wie die militärische Ausbildung der Studenten vor sich gehen wird. Es sollen Vorschläge gemacht werden, dass Vorlesungen in Militärwissenschaften stattfinden. Bei den negativen Äußerungen gibt es wohl auch die gleichen Argumente wie in den anderen Bevölkerungsschichten. Besonders diskutiert man aber, dass der Beschluss der Volkskammer wohl nicht auf Wunsch des Volkes gefasst wurde, sondern dass die Forderungen organisiert worden seien. Dafür liegen folgende Beispiele vor:

  • Ein Student der Bergakademie in Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Ich glaube nicht, dass die Betriebe die Aufstellung einer Volksarmee verlangt haben. Man merkt doch, wenn man mit den Arbeitern spricht, dass keiner mehr ein Gewehr in die Hand nehmen will.«

  • Im Block 4 der KVP-Mediziner der Universität Greifswald, [Bezirk] Rostock,11 diskutierte der parteilose Student [Name 7] zu anderen parteilosen Studenten folgendermaßen: »Ich schicke voraus, dass ich kein Parteigenosse bin. Es ist aber sonderbar, dass gerade jetzt in den letzten Tagen seit der Kampfdemonstration am Sonntag12 schlagartig überall die Forderung aus der Bevölkerung nach einer Volksarmee laut wird. Das ist doch gelenkt und in die Massen von zentraler Stelle hineingetragen, das kann doch so plötzlich nicht überall von selbst entstehen.« Er wurde aber von den anderen Studenten zurechtgewiesen, dass diese Probleme nicht erst seit Sonntag akut seien. Diese Maßnahme müsste jedem Bürger der DDR einleuchten, ohne erst eine große Umfrage zu halten.

  • Angehörige der Forstschule Tharandt, Dresden,13 äußerten, dass der Volkskammerbeschluss unter den Forstschülern Missstimmungen hervorgerufen hätte, die in Aussprüchen wie: »Die Volksarmee bringt uns um unser Studium, jetzt studieren wir auf dem Kasernenhof.«; »Die Volksarmee ist nur ein Deckname, es ist genau wie bei den Nazis; aber Gott sei Dank ist es noch freiwillig, sonst wäre es besser nach Westdeutschland zu gehen«, ausarten.

Aus den Reihen der Lehrer und von Ärzten wurden folgende Einzelbeispiele bekannt: In den Grundschulen in Kamenz, [Bezirk] Dresden, besteht unter der Lehrerschaft zum überwiegenden Teil eine abwartende Haltung. In Diskussionen wurden von den Lehrern folgende Fragen aufgeworfen:

  • 1.)

    Werden die Kampfgruppen Bestandteil der Volksarmee?

  • 2.)

    Wie lange wird es dauern, bis die allgemeine Wehrpflicht kommt?14

  • 3.)

    Werden wir Atomwaffen in die Volksarmee aufnehmen?

Als der Vorschlag gebracht wurde, eine Zustimmungserklärung abzugeben, wurde das von einigen Lehrern abgelehnt. Der Direktor der Grundschule vertrat hier die Meinung, dass dazu noch keine Anweisung da sei.

Bei den Abstimmungen in den Krankenhäusern und Polikliniken des Bezirkes Schwerin wurde festgestellt, dass die Ärzte der Aufstellung der Nationalen Volksarmee abwartend gegenüberstehen. So sagte ein Arzt vom Krankenhaus Schwerin: »Jede Mittel, die zur Politik der Stärke führen, müsste man ablehnen.« Im Krankenhaus Güstrow, [Bezirk] Schwerin, erklärten zwei Ärzte, dass sie es nicht verstehen könnten, wie ein Teil der Angestellten dieser Anstalt ihre Zustimmung geben könnten. Diese Ärzte machten u. a. einer Schwester einen Vorwurf für ihre Unterschriftenleistung. Bei der Abstimmung in dieser Anstalt wurde beobachtet, dass alle einheitlich offen abgestimmt haben, jedoch bei der Unterschriftenleistung die Ärzte und ein großer Teil der Schwesternschaft den Versammlungsraum ohne Unterschrift verließen.

IV. Forderungen nach einer Volksabstimmung

Forderungen nach einer Volksabstimmung über die Schaffung einer Volksarmee wurden noch in folgenden Betrieben gestellt:

  • VEB IKA Annaberg,15 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt

  • VEB Papierfabrik Greiz, [Bezirk] Suhl

  • VEB IKA Steinheid, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl

  • VEB Zeiss, Fertigungswerkstätten Saalfeld, [Bezirk] Suhl

  • VEB Buna-Werk, Hauptwerkstatt B 79, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle

  • VEB Gummiwerke »Elbe« Wittenberg, [Bezirk] Halle

  • VEB Nähmaschinenwerk Altenburg, [Bezirk] Leipzig

  • VEB Kreisbaubetrieb Seelow, [Bezirk] Frankfurt/O.

V. Objekte mit negativen Erscheinungen

Zu negativen Erscheinungen, besonders bei Abstimmungen und Unterschriftenleistungen, kam es wieder in folgenden VE-Betrieben.

  • Im VEB Medizintechnik Leipzig stimmten von 70 Jugendlichen nur zwei dafür.

  • Im VEB Werkstoffprüfmaschinenwerk Leipzig stimmten von 80 Anwesenden nur 22 dafür.

  • Von 400 Kollegen der Frühschicht in der Hauptwerkstatt Espenhain, [Bezirk] Leipzig, stimmten 300 zu und 100 enthielten sich der Stimme.

  • Im VEB Vereinigte Hüttenwerke Guben,16 [Bezirk] Cottbus, stimmten von 280 Anwesenden 200 dagegen und 80 dafür.

  • Im VEB Kamerawerkstätten Dresden stimmten von 350 Jugendlichen 340 dagegen.

  • In den Verkehrsbetrieben Dresden-Tolkewitz stimmten alle Jugendlichen dagegen.

  • Im VEB Horch-Werk Zwickau,17 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, stimmten von 5 000 Beschäftigten 3 000 dafür und 2 000 dagegen.

  • Im Konstruktionsbüro des VEB Horch-Werk Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, waren von 140 Angestellten 120 dagegen.

  • Im Gaswerk Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, stimmten von 86 Beschäftigten 36 dagegen.

  • Im VEB Fewa-Werk Karl-Marx-Stadt18 waren von 51 Beschäftigten 24 dagegen.

  • Im Werk II des EKB Bitterfeld, [Bezirk] Halle, unterschrieben von 26 Anwesenden nur neun die Resolution.

  • In der Zeche C des Objekts 101 Wismut in Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von 80 % der Jugendlichen keine Unterschrift geleistet.

  • Im VEB Baubetrieb Frankenberg, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, unterschrieben von 24 Arbeitern nur vier die Entschließung.

  • Im Werk IV des VEB Plauener Damenkonfektion, wo 120 Beschäftigte bei einer Betriebsversammlung anwesend waren, entstand unter den Beschäftigten ein derartiger Lärm, dass die Versammlung abgebrochen werden musste, als ein Genosse über die Aufstellung der Volksarmee sprach.

  • Im VEB Einspritzpumpenteilewerk in Wolfspfütz, [Kreis] Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde bei der Übertragung der Rede des Genossen Stoph festgestellt,19 dass bei Beifall der Volkskammerabgeordneten viele Kollegen mit Schraubenschlüsseln und Hämmern auf Schraubstöcke und andere Eisenstücke schlugen, um somit ihre negative Einstellung zum Beschluss der Volkskammer zum Ausdruck zu bringen.

  • Im VEB Braunkohlenwerk Profen, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, brachten die Arbeiter einer Abteilung, wo vorwiegend Umsiedler beschäftigt sind, ihre Ablehnung durch höhnisches Lachen zum Ausdruck, als der 1. Sekretär der SED dort sprach.

VI. Republikflucht Jugendlicher

In der Zeit vom 19. bis 20.1.1956 wurden 48 Jugendliche wegen Verdachtes der Republikflucht von den VP-Organen festgenommen. Sie kamen aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Magdeburg und Halle.20

VII. Feindtätigkeit

a) In den letzten Tagen traten unter den verschiedenen Schichten der Bevölkerung feindliche Kräfte hervor, die andere Personen gegen unsere Regierung und gegen die Aufstellung der Nationalen Volksarmee beeinflussen wollten oder Bürger der DDR beschimpften und bedrohten. Dabei ist vielfach zu erkennen, dass man vor allem Jugendliche zur Republikflucht veranlassen will. Es ist auch eine stärkere Verbreitung von Gerüchten zu verzeichnen.

In der Zweijahresschule des Mansfeld-Kombinates21 »Wilhelm Pieck« in Eisleben, [Bezirk] Halle, hetzt ein Jugendlicher andere auf, sich nach Westdeutschland abzusetzen. Weiterhin beeinflusst er die Schüler, welche als freiwillige Helfer für die VP geworben wurden, ihre Zustimmung zurückzuziehen, da sie ja nur zur KVP müssten.

Der Schießmeister [Name 8] vom Schacht 18 – Johanngeorgenstadt – (Wismut) versuchte durch seine Diskussionen die Schießmeister von der Unterzeichnung der Entschließung abzubringen. Bei der Unterzeichnung der Entschließung stellte er sich den Kollegen, die bereit waren diese zu unterschreiben, in den Weg, sodass er erst beiseite geschoben werden musste.

Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« Rudolstadt, [Bezirk] Suhl, erklärten ehemalige Faschisten (Offiziere der Naziwehrmacht und NSDAP-Mitglieder) gegenüber jüngeren Arbeitern, dass alle die, die Resolutionen unterschreiben würden, auch in die Volksarmee eintreten müssten. Im Übrigen zeigt sich jetzt in diesen Kreisen eine offene negative Einstellung.

In der Weinkellerei Klötze, [Bezirk] Magdeburg, (Privatbetrieb) sagte ein Arbeiter, als der Parteisekretär eine Resolution verlesen hatte, zu diesem: »Ihr Baum zum Hängen ist schon gepflanzt.«

Gerüchte

Beim Kreisvorstand der VdgB Weißenfels, [Bezirk] Halle, wurde von einem Angestellten argumentiert, dass alle Personen bis 45 Jahre jetzt eine 3-monatige Ausbildung durchmachen müssen. Ein Kraftfahrer aus der Fahrbereitschaft des Arbeitsgebietes Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt »W«22 brachte in einem Gespräch zum Ausdruck: »Nun haben wir es wieder soweit, man darf nur nicht so viel sagen, sei ja vorsichtig und sage nichts. Acht Mann von der Wismut-Poliklinik usw. hat die Staatssicherheit verhaftet, weil sie sich über die Volksarmee geäußert haben.«

Anbringen von Hetzlosungen

  • Am 20.1.1956 wurden in zwei Stadtbezirken Dresdens auf verschiedenen Straßen in den Briefkästen selbstgedruckte Hetzzettel gefunden, welche folgenden Inhalt hatten: »Deutsche! Durch die Aufstellung einer kommunistischen Bruderkriegsarmee soll Deutschland endgültig gespalten werden. Leistet Widerstand!«

  • Im Gebäude des Rates des Kreises Apolda, [Bezirk] Erfurt, wurde an der Mitteilungstafel von einem unbekannten Täter ein Zettel mit dem Inhalt angebracht, dass die Kollegen und Kolleginnen gegen die Aufstellung einer Nationalen Volksarmee23 protestieren.

  • In Halle wurden zwei selbstgeschriebene Hetzzettel mit folgendem Inhalt angeklebt: »Kampf gegen die Aufstellung einer Volksarmee in der DDR

  • In Röblingen [am See], Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, wurde an ein Schaufenster einer Konsumverkaufsstelle ein mit Tinte geschriebener Hetzzettel angeklebt. »Achtung. Volksarmee??? [sic!] Ohne uns Jugend. Soll die Regierung selbst ins Massengrab marschieren.« Mit Bleistift wurden darunter fünf Hakenkreuze gemalt.

  • Im VEB Elmo in Dessau, [Bezirk] Halle, im Kopfbau, wurden in der Toilette Hakenkreuze und »Heil Hitler« angeschmiert.

  • In24 der MTS Luckau, [Bezirk] Cottbus, wurde an die Wand des Werkstattgebäudes folgende Losung angeschmiert: »Wir schießen nicht auf unsere Brüder.« Auf der anderen Seite der Wand »Ohne uns«.

  • In der Nacht vom 20.1.1956 wurde mit Kalkfarbe oder ähnlicher in Frankfurt/O., gegenüber der Goethestraße 23, flüchtig eine Losung angeschmiert: »FDJVEB – Bau – das Rennen hat begonnen.« Die Größe der Buchstaben betrug ca. einen halben Meter. Die Länge des Verses ca. 20 Meter. Die Unterschrift unter der Losung lautet »BU«. Die Größe der Buchstaben der Unterschrift waren ca. 20 cm. Zu bemerken ist, dass in der Goethestraße sich der Kreishof25 befindet.

  • Der Betriebsleiter des VEB Vetschau, [Name 9], [Bezirk] Cottbus, SED, äußerte, »dass die Volkskammer beschlossen hat, die Volksarmee zu gründen. In diesem Zusammenhang beschloss sie, dass alle diejenigen, die dann keinen Waffenrock tragen, eine Armbinde mit der Aufschrift ›dR‹26 bekommen«. Als ihm die Frage gestellt wurde, was das zu bedeuten hätte, erklärte er, »was soll das schon heißen. Das heißt, ›Der dämliche Rest‹.«

  1. Zum nächsten Dokument Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (4)
    23. Januar 1956
    Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (21.–22.1.1956) [Information Nr. M18/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (2)
    21. Januar 1956
    Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (19.–20.1.1956 – 2. Bericht) [Information Nr. M16/56]