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Stimmung zur Schaffung der NVA (8)

31. Januar 1956
Nationale Volksarmee (8. Bericht für die Zeit vom 28. bis 31.1.1956) [Information Nr. M30/56]

I. Gesamteinschätzung

In der Stimmung zur Nationalen Volksarmee sind in der Berichtszeit keine Änderungen der Argumente zu verzeichnen.1 In allen Bevölkerungsschichten hat jedoch der Umfang der Diskussion stark nachgelassen. Schwerpunkte starker negativer Stimmungen sind immer noch die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Suhl sowie die Werften und deren Zweigbetriebe des Bezirkes Rostock. Unter den einzelnen Bevölkerungsschichten sind es weiterhin die Jugendlichen und Frauen. Es zeigt sich jedoch unter den Jugendlichen in den Bezirken, wo eine gute Aufklärungsarbeit geleistet wird, wie im Bezirk Rostock, dass die positiven Stellungnahmen und Verpflichtungen zur Volksarmee zunehmen. Im Bezirk Cottbus wurde unter Jugendlichen das Argument bekannt, dass Westdeutschland flüchtige Jugendliche aus der DDR aus politischen Gründen nicht in die Armee aufnehmen wird, was offensichtlich auf Feindeinfluss zurückzuführen ist.

Obwohl sich bisher Ärzte und Krankenpersonal ebenfalls wie die Intelligenz abwartend verhielten, wurde in der Berichtszeit eine Anzahl Stimmen dieser Kreise im Bezirk Rostock bekannt, die in der Mehrzahl die Volksarmee mit den bereits bekannten Argumenten ablehnen. Ähnlich ist die Stellungnahme der Lehrer. Offene feindliche Äußerungen wurden wiederum nur vereinzelt bekannt.

Feindtätigkeit trat wiederum in Form von Hetze, Hetzlosungen und Gerüchteverbreitung auf.

II. Hauptargumente

Der Inhalt der Argumente bei den positiven Stimmen hat sich nicht geändert. Weiterhin wird die Notwendigkeit des Aufbaues der Volksarmee zum Ausdruck gebracht. Es ist jedoch zu verzeichnen, dass der Umfang der positiven Äußerungen ständig zunimmt. Die Frage der Bezahlung steht bei den sich mehrenden Zustimmungs- und Bereitschaftserklärungen von Jugendlichen weiterhin im Vordergrund. Bei den negativen Äußerungen ist inhaltsmäßig ebenfalls keine Veränderung zu verzeichnen, während der Umfang der negativen Diskussionen in den meisten Bezirken stark zurückgegangen ist. In der Berichtszeit wurden besonders pazifistische Argumente bekannt, wobei besonders solche Argumente wie »keine Waffen mehr anfassen« und »die KVP und VP genügt zum Schutze der DDR« vorherrschend waren.

Unter den Jugendlichen wurden neben den bisher schon bekannten Argumenten noch Äußerungen bekannt, in denen die Frage gestellt wird, warum nur Oberschüler und Abiturienten als Offiziersschüler eingestellt werden. Im Bezirk Cottbus tauchte das Argument auf, dass der Westen jugendliche Flüchtlinge aus der DDR nicht in die Armee einzieht. Bei den Frauen ist weiterhin zu verzeichnen, dass die bereits bekannten ablehnenden Äußerungen gebracht werden.

III. Charakteristische Beispiele

a) Industrie

In der Industrie überwiegen in den meisten Bezirken die positiven Stellungnahmen bereits die negativen Äußerungen und nehmen täglich zu. Schwerpunkte sind, wie schon erwähnt, noch die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Suhl und Rostock sowie Frauen und Jugendliche.

Im positiven Sinne unter Arbeitern ist die Meinung des parteilosen Transportarbeiters Werner [Name 1] vom Glaswerk Gießübel,2 [Bezirk] Suhl, charakteristisch, der äußerte: »Mit Empörung und Entrüstung habe ich die Äußerung von Dulles3 gehört. Daraus erkennt man die wahren Absichten der USA, sie wollen keinen Frieden und friedlichen Aufbau der Völker. Mit allen Mitteln arbeiten sie auf einen neuen Krieg hin. Ich begrüße deshalb die Maßnahmen der Regierung zur Schaffung Nationaler Streitkräfte zum Schutze unserer Errungenschaften.«

Zutreffend für negative Meinungen ist die Erklärung eines Arbeiters im VEB »Heinrich Rau«, Wildau:4 »Die neue Wehrmacht ist jetzt noch freiwillig. Es dauert nicht mehr lange, dann heißt es Zwang und die Frauen werden dann auch eingezogen, genau wie bei Hitler.«, sowie die Meinung der Arbeiter im VEB Kaliwerk »Ernst Thälmann«, Merkers, [Bezirk] Suhl, Grube II und III: »1946 sagte unsere Regierung und Partei nie wieder – ein Deutscher, der ein Gewehr in die Hände nimmt, dem müssten die Finger brechen, daran halten wir uns.«

Im VEB Simson Suhl wurde ein Arbeiter aufgrund feindlicher Äußerungen entlassen. Seitdem wird dort die Meinung vertreten: »Wenn man etwas äußert wird man entlassen.« Es kommt dadurch nur noch wenig zu Stellungnahmen.

Unter den weiblichen Beschäftigten werden die Diskussionen weiterhin von der Angst vor einem neuen Krieg und dem Verlust ihrer Söhne bestimmt und die bereits berichteten Argumente angeführt.

In den Diskussionen Jugendlicher ist auch in der Berichtszeit eine Veränderung zum Positiven in der Stimmung festzustellen. Dabei steht weiterhin bei Zustimmungs- und Bereitschaftserklärungen die finanzielle Seite im Vordergrund sowie die Meinung, dass es besser wäre, wenn die Wehrpflicht eingeführt würde,5 da ihnen dadurch seitens der Eltern viele Unannehmlichkeiten erspart blieben. Dazu folgende charakteristische Äußerung. Ein Jugendlicher im VEB Sachsenglas Ottendorf-Okrilla, [Bezirk] Dresden, erklärte: »Dass die Armee für uns kommt war gewiss, wir müssen unseren Staat schützen. Das man aber freiwillig gehen soll, ist nicht schön, es sollte eingezogen werden wie im Westen. Jetzt wird das Gefrage wieder losgehen, willst du oder willst du nicht. Die Braut und die Eltern sind meistens dagegen und will einer freiwillig gehen, dann gibt es immer zu Hause Auseinandersetzungen.«

Im negativen Sinne treten am stärksten die schon bekannten pazifistischen Argumente auf. Neu ist das Argument, dass nur Abiturienten und Oberschüler als Offiziersschüler infrage kommen, was auch unter Schülern an den Oberschulen auftritt, sowie die Meinung unter Jugendlichen des Bezirkes Cottbus, dass der Westen »Flüchtlinge« nicht in die Armee aufnimmt. Zutreffend dafür sind: Die Erklärung des Jugendlichen [Name 2] vom VEB Glasverarbeitungsmaschinenbau Ilmenau,6 [Bezirk] Suhl: »Wer wird der Oberkommandant sein, es wird doch bestimmt ein sowjetischer Offizier sein? Wie ist es mit dem Sold oder gibt es Gehalt? Wie lange ist Dienstzeit? Warum kommen nur Abiturienten und Oberschüler als Offiziersschüler infrage?« Und die Äußerung der Lehrlinge im VEB Bärenhütte Weißwasser, [Bezirk] Cottbus: »Bevor wir zur Volksarmee gehen, hauen wir lieber nach dem Westen ab, denn drüben bekommen die Flüchtlinge Arbeit und brauchen nicht zur Armee gehen. Dies tut der Westen aus politischen Gründen, dass Jugendliche, die aus der DDR kommen, nicht in seine Armee eingezogen werden.«

In der Berichtszeit wurden auch aus dem Bezirk Suhl negative Diskussionen der Umsiedler bekannt, die ebenfalls die Forderung auf Rückgabe der Heimat beinhalten und zum Ausdruck bringen, dass sie nichts zu verteidigen haben. Zutreffend ist die Äußerung eines Umsiedlers im Glaswerk Großbreitenbach, [Bezirk] Suhl: »Wir haben nichts zu verteidigen, sondern nur zu erobern. Sie sollen uns lieber wieder in unsere Heimat zurückschicken, dann können sie uns am A… lecken.«

Die Intelligenz und Angestellten der Betriebe verhalten sich weiterhin abwartend und nehmen dazu wenig Stellung. Die bekannt gewordenen Einzelstimmen waren in der Berichtszeit vorwiegend positiv.

b) Landwirtschaft

In der Landwirtschaft bildet weiterhin der Beschluss der Volkskammer die Grundlage zu ausgedehnten Diskussionen. Die Stimmung im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft ist überwiegend positiv und übertrifft in einigen Bezirken zum Teil die Stimmung der Arbeiter in der Industrie. Unter den Klein-, Mittel- und Großbauern haben in den letzten Tagen die Diskussionen etwas nachgelassen, sodass besonders bei den beiden letztgenannten Gruppen eine Zurückhaltung zur Schaffung einer Volksarmee festzustellen ist.

Unter den negativen Stimmen im sozialistischen sowie im privaten Sektor taucht immer wieder das Argument auf, dass bei der Bildung einer Volksarmee in der Landwirtschaft ein Arbeitskräftemangel auftreten wird. Gleichzeitig sind noch große Unklarheiten vorhanden über den Charakter und Aufgaben der Volksarmee. Zutreffend im sozialistischen Sektor sind folgende Äußerungen: In der MTS Arendsee, [Bezirk] Magdeburg, wird geäußert, dass mit Dienstantritt der Jugendlichen bei der Volksarmee eine große Lücke in der Landwirtschaft gerissen wird, da z. B. in dieser MTS vorwiegend Jugendliche beschäftigt sind. Unter den Bauern der LPG »Walter Ulbricht« in Schneidlingen, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, ist dieses Argument vorherrschend. Einige Genossenschaftsbauern erwähnen, dass die Jugendlichen aus der Landwirtschaft nicht eingezogen werden dürften. Ein Beschäftigter des VEG Nadrensee,7 [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte auf einer Einwohnerversammlung: »Wir haben auf dem Lande nichts zu verteidigen, wenn ihr auch für die Volksarmee werbt, da können nicht mehr so viel auf dem Lande arbeiten, aber das Brot ist doch das Wichtigste.« Weiterhin sagte er, dass er »auch keine Waffe mehr in die Hand nimmt und wenn sie ihn an die Wand stellen«.

Charakteristisch für die im negativen Sinne geführten Diskussionen der Mittel- und Großbauern sind folgende Argumente:

  • Ein Großbauer aus Rietzel, [Kreis] Burg, [Bezirk] Magdeburg, äußerte, dass die Bauern durch die Bildung der Volksarmee wieder geschädigt würden, da es nun noch weniger Arbeitskräfte als bisher gebe.

  • Ein Mittelbauer aus Nitzschka, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, sagte dazu, »die Aufstellung der Volksarmee bedeutet den Anfang zu einem neuen Krieg. Man stellt eine Volksarmee nicht umsonst auf. Es ist genau so wie bei den Nazis, die haben genau so angefangen.«

  • Von den Groß- und Mittelbauern der Gemeinde Breitenrode, [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg, wird verlangt, dass überall eine Liste herumgereicht wird, in der die Bevölkerung für oder gegen eine Armee stimmen soll.

c) Übrige Bevölkerung

Die Diskussionen unter der übrigen Bevölkerung über die Nationale Volksarmee hält nach wie vor weiter an, wobei im Allgemeinen die positive Stimmung die negative überwiegt. Die aufgetretenen negativen Argumente sind die gleichen wie in der Industrie. Die Stellungnahmen aus den bürgerlichen Parteien haben sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich geändert.

Obwohl uns aus den Kreisen der Ärzteschaft sowie dem Pflegepersonal noch wenig Stimmen bekannt wurden, liegen in der jetzigen Berichtszeit Meldungen aus dem Bezirk Rostock vor, wo besonders die Ärzte eine negative Haltung gegen die Aufstellung einer Volksarmee einnehmen. So sagte der Facharzt Dr. [Name 3] von der Poliklinik Stralsund: »Wenn wir vor zwei Jahren von einer Volksarmee gesprochen hätten, wären wir eingesperrt worden. Sie drehen sich wie das Blatt im Wind, diese Lumpen.« Der Oberarzt dieser gleichen Poliklinik sagte: »Also stehen wir jetzt Gewehr bei Fuß.« Die Krankenschwestern und Pfleger dieser Klinik vertreten in der Mehrzahl die Meinung, dass »unsere Jugend jetzt endlich wieder einen Drill bekommen wird«. Der eigentliche Charakter der Volksarmee wird dabei aber vollkommen verkannt.

Ähnliche Äußerungen wie bei den Ärzten kommen aus den Reihen der Lehrer. In den überwiegenden negativen Diskussionen zeigen sich ebenfalls Unklarheiten über den Charakter und die Aufgaben einer Volksarmee. Zutreffend sind dafür folgende Äußerungen: Ein Lehrer (Mitglied der SED), Gerhart-Hauptmann-Schule8 Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, sagte: »Die Bildung einer Volksarmee ist das gleiche wie überall, denn Armee bleibt Armee und am Ende haben alle das Ziel zu schießen und zu töten.« Eine Lehrerin aus dem Lehrerbildungsinstitut ist der Meinung, dass die Schaffung der Volksarmee zum Krieg führe.

Die Stimmung an den Oberschulen und Universitäten ist immer noch sehr unterschiedlich. Wo eine gute Arbeit durch die FDJ und das Lehrerkollektiv geleistet wird hinsichtlich der patriotischen Erziehung der Jugendlichen, herrscht auch überwiegend Zustimmung zur Schaffung einer Volksarmee. Positive Beispiele wurden in der Berichtszeit besonders aus der Oberschule Greiz, [Bezirk] Gera, und der ABF Leipzig bekannt, wo der überwiegende Teil der Schüler die Schaffung der Volksarmee begrüßt. Dem gegenüber wird von den Studenten der Fachschule für Bauwesen in Magdeburg und von den Oberschülern der Oberschule Saalfeld, [Bezirk] Gera, zum überwiegenden Teil negativ über die Aufstellung einer Volksarmee diskutiert. Dies zeigt sich besonders in dem Nichtunterschreiben der Resolutionen an die Volkskammer, im ablehnenden Verhalten zur Volksarmee und im Verhöhnen der Uniformen für die Volksarmee.9

IV. Forderung nach Volksabstimmung

In der Berichtszeit wurden wieder einzelne Forderungen nach Volksabstimmung bekannt, die auf Feindeinfluss zurückzuführen sind. Die Forderungen traten in folgenden Betrieben und Orten auf:

  • VEB Industrie und Armaturen Leipzig,10

  • VEB Baumaschinen Gatersleben,

  • unter Großbauern in Breitenrode, [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg.

V. Objekte mit negativen Erscheinungen

In der Berichtszeit wurden negative Erscheinungen bei Abstimmungen und Unterschriftenleistungen in folgenden Betrieben und Schulen bekannt:

  • VEB Buntsockenwerk Großolbersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: von 40 Personen drei dafür, 37 dagegen;

  • VEB Zwirnerei Crottendorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: von 42 Personen acht dafür, 34 dagegen bzw. Stimmenenthaltungen;

  • Bw Zwickau: von zehn Personen eine dafür, neun dagegen;

  • VEB Schlachthof Karl-Marx-Stadt: von 500 Personen 200 dafür, 300 dagegen bzw. Stimmenenthaltungen;

  • RAW Dresden: 37 Jugendliche, neun dafür, 19 dagegen, 17 Stimmenenthaltungen;

  • Medizinische Fachschule Dresden: von vier Klassen lehnten drei 100 %ig ab;

  • Bw Leipzig-West: von 60 Personen sieben dafür, 53 Stimmenenthaltungen;

  • Bww Erfurt: von 40 Personen 20 dafür, zehn dagegen, zehn Stimmenenthaltungen;

  • VEB Wollen- und Seidenwebereien Greiz, [Bezirk] Gera, Werk III: 90 % dagegen;

  • Institut für Lehrmeisterausbildung Gotha, Klasse 4: von 30 Personen lehnten 14 ab;

  • VEB Henneberg Porzellanwerk Ilmenau, [Bezirk] Suhl: von 20 Jugendlichen einer dafür;

  • Internatschule Bad Liebenstein, [Bezirk] Suhl: von 150 Schülern 70 dafür, 30 dagegen, 50 Stimmenenthaltungen;

  • Graugießerei Velten, [Bezirk] Potsdam: von 25 Personen unterschrieben drei;

  • Gerätewerk »Askania«, Werk II, Brieselang,11 [Bezirk] Potsdam: von 60 Personen nur sieben dafür;

  • VEB Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Bezirk] Halle, Teerkugelanlage: von 96 Personen 45 Unterschriften;

  • Grundschule Frankfurt/O., Klasse 7b: von 43 Schülern 40 dagegen.

VI. Republikflucht Jugendlicher

In der Zeit vom 24. bis 29.1.1956 wurden 198 Jugendliche von den Organen der Transportpolizei und der Grenzpolizei wegen Verdachtes der Republikflucht festgenommen. Es handelt sich vor allem um die Jahrgänge 1930 bis 1940.12

VII. Feindtätigkeit

Eine Verstärkung der Feindtätigkeit war in der Berichtszeit nicht zu verzeichnen.

Anschmieren von Hetzlosungen u. a.

  • Im VEB Kirow-Werk Leipzig wurden in der Klosettanlage der Abteilung Lohnbuchhaltung die Buchstaben CIC13 an die Wand geschrieben. In der Klosettanlage des Verwaltungsgebäudes wurden die Worte »Volksarmee nieder« geschrieben. In der Klosettanlage der mechanischen Werkstatt, an der Innenseite der Tür, wurden die Worte »Nieder mit der Volksarmee« angeschmiert.

  • Im VEB Wurzener Teppichfabrik, [Bezirk] Leipzig, wurde an eine Anschlagtafel ein selbstgefertigter Hetzzettel mit folgendem Inhalt angebracht: »Verbrechen am Volke ist die Schaffung einer Volksarmee. Arbeiter der WTF kommt alle zur Kampfgruppe der WTF,14 desto eher haben wir Waffen und können uns frei von diesem Joch machen. Die Widerstandsgruppe.«

  • Im VEB Lederfabrik Hirschberg, [Bezirk] Gera, wurde im Betriebsgebäude auf ein Brett die Hetzlosung »Nieder mit der SED« und auf der Toilette »Heil Hitler« angeschmiert.

Hetze

An der Hochschule für Musik in Weimar, [Bezirk] Erfurt, zeigte ein Student den anderen Studenten einen von ihm geschriebenen Zettel mit dem Bemerken, dass man diesen Zettel ohne Unterschrift an die Wandzeitung hängen müsste. Auf dem Zettel stand: »Mit größtem Bedauern müssen wir ihnen mitteilen, dass ihr Sohn in Erfüllung seiner patriotischen Pflicht zur Verteidigung unserer demokratischen Heimat am …195… gefallen ist.«15

Im VEB Lederfabrik Hirschberg, [Kreis] Schleiz, äußerte ein ehemaliger SS-Mann nach einer Versammlung, in der eine Resolution unterschrieben wurde: »Wir haben alle nur mit Kotzen unterschrieben.«

Auf dem Verschiebebahnhof Wustermark, [Bezirk] Potsdam, äußerte ein Vorarbeiter (SED): »Ich nehme nie eine Waffe in die Hand, weil es in unserer Nationalhymne heißt, dass nie eine Mutter ihren Sohn beweinen soll.16 Walter Ulbricht war Major in der sowjetischen Armee und hat gegen Deutsche gekämpft und jetzt ist er an der Regierung und will das deutsche Volk regieren. So etwas kann es nicht geben und ich werde mich nie mit der Volksarmee einverstanden erklären.« Daraufhin äußerte ein Diesellokfahrer: »Der 17. Juni war nicht einmalig und wird sich wiederholen.«

Gerüchte

Im VEB Textima Saalfeld, [Bezirk] Gera, kursiert unter den Jugendlichen das Gerücht, dass ab 1.2.1956 alle Jugendlichen im Alter von 18 bis 22 Jahren zur Volksarmee eingezogen würden.

  1. Zum nächsten Dokument Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (7)
    31. Januar 1956
    Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (24.–29.1.1956) [Information Nr. M31/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Stimmung in den bewaffneten Einheiten zur Schaffung der NVA (3)
    31. Januar 1956
    Stellungnahmen der Angehörigen der bewaffneten Einheiten zur Nationalen Volksarmee (3. Bericht) [Information Nr. M29/56]