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Zweiwochenbericht

8. Februar 1956
Informationsdienst Nr. 3 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Politische Probleme

An politischen Problemen wurde in der Berichtszeit hauptsächlich die Schaffung der Nationalen Volksarmee1 in den Diskussionen behandelt. Darüber wird laufend in Sonderberichten geschrieben.2

Ökonomische Fragen

1.) Altersversorgung der Reichsbahn

Die Wiedereinführung der Altersversorgung bei der Deutschen Reichsbahn rief unter den Beschäftigten der Reichsbahn in starkem Maße Diskussionen hervor.3 Überwiegend wird diese Maßnahme von den Eisenbahnern begrüßt und als ein Ausdruck der ständigen Bemühungen der Regierung um die Verbesserung der Lebenslage gewertet. Verschiedentlich führte es dazu, dass Eisenbahner, die nach 1945 andere Arbeit aufnahmen, sich wieder bei der Reichsbahn um Aufnahme bewarben. Vereinzelt trat die Meinung auf, dass auch für die Eisenbahner gesorgt werden müsste, die im vorherigen Jahr aufgrund ihres Alters ausgeschieden sind und bei der Wiedereinführung der Altersversorgung keine Berücksichtigung fanden. Bisher wurden keine übermäßig hohen Kündigungen bekannt.

Vereinzelt kam es zu negativen Diskussionen, in denen zum Ausdruck gebracht wird, »dass mit dieser Verordnung das wiedergegeben wird, was 1945 den Eisenbahnern genommen wurde«. Eine weitere negative Diskussion ist die, »dass nur der Bruttoverdienst gerechnet, während bei Beitragsentrichtungen der Zusatzlohn mit berechnet würde«.

2.) Schwierigkeiten infolge Kälteeinbruchs

Durch den plötzlichen Kälteeinbruch kam es in einigen Bezirken zu ernsthaften Schwierigkeiten in der Strom- und Gaserzeugung sowie zu Produktionseinstellungen und Störungen in den Industriebetrieben und bei der Reichsbahn. In den Diskussionen der Arbeiter kommt zum Ausdruck, dass der Plan und die Selbstkostensenkung nicht erfüllt werden kann[sic!], wenn solche hohen Ausfälle durch Wartezeiten verursacht werden. Außerdem bringen sie zum Ausdruck, dass solche Pannen zehn Jahre nach Kriegsschluss nicht mehr passieren dürften. Schwierigkeiten in der Stromversorgung und Stromabschaltungen infolge Kohlenmangels traten auf in den Bezirken Potsdam, Dresden, Karl-Marx-Stadt und Gera. Zu erheblichen Kürzungen in der Gasverteilung kam es in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Suhl und Schwerin.

Produktionseinstellungen und Störungen wurden bekannt aus folgenden VE-Betrieben:

Bezirk Dresden

  • »Ferdinand Kuhnert« Schmiedeberg,4 [Kreis] Dippoldiswalde, Grau- und Tempergießerei;

  • Edelstahlwerk »8. Mai 1945« Freital,

    • Walzenstraße, am 2. und 3.2.1956 Frühschicht ausgefallen,

    • Hammerwerk, am 3. und 4.2.1956 Frühschicht ausgefallen;

  • Granitwerk Arnsdorf, [Kreis] Görlitz, am 1. und 2.2.1956 Arbeitsstillstand;

  • Webstuhlbau Großenhain, am 1.2.1956 nicht produziert;

  • Papierfabrik Großenhain, am 2.2.1956 Kartonmaschine abgestellt;

  • Dampfhammerwerk Großenhain, Kohlenmangel;

  • Kabelwerk Meißen, 1.2.1956 Produktion eingestellt;

  • Papierfabrik Nossen, [Kreis] Meißen, Kohlenmangel;

  • Kunstleder[werk] Coswig, [Kreis] Meißen, Kohlenmangel;

  • Lowa Zittau, zu wenig Gaszufuhr;

  • Textima Zittau, durch Stromsperren;

  • Waggonbau Niesky, durch gekürzte Stromzuteilung;

  • Schreibmaschinenwerk Dresden, durch Strommangel.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

  • »August-Bebel-Werk« Zwickau,5 Ammoniakfabrik, am 2.2.1956 ausgefallen;

  • »Karl-Marx-Werk« Zwickau,6 durch Stromkürzung;

  • »Karl-Liebknecht«-Werk Oelsnitz, 31.1. bis 1.2.1956 Produktion eingestellt;

  • Grubenlampenwerk Zwickau, Kohlenmangel;

  • IFA »Ernst Grube« Werdau, Schmiede- und Härterei, durch Gasmangel;

  • Blechverformungswerk Blema Aue,7 durch Strommangel;

  • Halbzeugwerk Auerhammer Aue, durch Strommangel;

  • Gaswerk Annaberg, Kohlenmangel.

Bei Nichteingang von Kohle müssen folgende VE-Betriebe die Produktion ganz einstellen:

  • VdK Stützengrün Aue;8

  • Kammgarnspinnerei Glauchau;

  • Textilwerk Glauchau,9 Werk 1, 1a und 3;

  • Feinpappenwerk Thalheim,10 [Kreis] Stollberg;

  • Streichgarnspinnerei Rodewisch, Vogtland.

Bezirk Magdeburg

  • Brikettfabrik Völpke, [Kreis] Oschersleben, am 1.2.1956 Produktion durch Kohlenmangel eingestellt;

  • Walzwerk Burg,11 Walzproduktion infolge Gasmangels stillgelegt (31.1.–2.2.1956);

  • Gasversorgung Magdeburg, Kohlenmangel;

  • Knäckebrotwerke Burg, fünf Öfen abgeschaltet infolge Gasmangels;

  • Schiffswerft »Edgar André«, Außenproduktion eingestellt.

Bezirk Potsdam

  • Stahlwerke Brandenburg und Hennigsdorf, Strommangel;

  • Konsum-Bekleidungswerke und Konsum-Keks- und Süßwarenfabrik Brandenburg, Strommangel;

Bezirk Gera

  • Werkmaschinenwerk Zeulenroda, Strommangel;

  • Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal, [Kreis] Lobenstein, Produktionseinstellung mit 1 100 Arbeitern vom 2.2. bis 3.2.1956, infolge Kohlenmangels.

Bezirk Suhl

  • IKA Suhl, Abteilung Ankerwickelei und Gießerei, vom 2.2. bis 4.2.1956 Produktion eingestellt.

Wismut

  • Ronneburg, Bohrabteilungen I und III, von 54 Bohrtürmen arbeiten noch 15 infolge ungenügender Winterfestmachung.

3.) Materialschwierigkeiten

In einer Anzahl von Betrieben kam es in der Berichtszeit wiederum infolge fehlenden Materials zu Wartezeiten und Verärgerung unter den Arbeitern. In den Diskussionen kommt zum Ausdruck, dass es jedes Jahr das Gleiche wäre. Am Anfang würden sie ohne Arbeit herumstehen und am Ende des Jahres müssten sie Überstunden leisten. Dadurch hätten die Normen, wie auch die Wettbewerbe, überhaupt keinen Zweck, da eine Erfüllung nicht möglich wäre.

Aus folgenden VE-Betrieben wurden Materialschwierigkeiten bekannt:

  • Strumpffabriken des Kreises Hohenstein-Ernstthal,12 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Perlonmaterial;

  • Papier- und Kartonfabrik Niederschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, 6 t Siederohr zur Maschinenreparatur;

  • Schuhfabrik Zwönitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Oberleder;

  • Patentpapierfabrik Penig, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Zellulose;

  • Görlitzer Schuhfabrik, Schweinsvelourleder;

  • Perfecta Bautzen,13 [Bezirk] Dresden, 15 t Gussteile;

  • Bekleidungswerke Görlitz, Reißverschlüsse;

  • Sachsenwerk Radeberg, [Bezirk] Dresden, Gehäuse für Fernsehempfänger und Truhen;

  • Konsum-Kleiderfabrik Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, Stoffe für Wintersakkos;

  • Eisenmanganerzbergbau Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, Grube Fortschritt, Grubenholz;

  • Kraftverkehr Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, Buna-Motorenöl;

  • Porzellanwerk Unterweißbach, [Kreis] Hildburghausen, Uranoxid für Porzellanmalerei;

  • Anhängerbau Streufdorf, [Kreis] Hildburghausen, Reifen 6–16;

  • Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, Ersatzteile für Rechenmaschinen, Lichtmaschinen und Kühlungsdeckel, 1,5 mm Bandstahl für Mopedräder;

  • EHW Thale, [Bezirk] Halle, Kugellager, Schrauben, Muttern für Behälter- und Apparatebau;

  • Kraftwerk Zschornewitz, [Bezirk] Halle, 600 bis 800 t Schotter für Gleisanlagen, Schamottsteine und Mehl für Kessel;

  • Zemag Zeitz, [Bezirk] Halle, Gussstücke;

  • RFT Stern-Radio Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, Radiogehäuse;

  • »Karl-Marx-Werk« Potsdam[-Babelsberg], Kümpelteile;

  • Schacht 12 der Wismut in Oberschlema, Hunte14 und Holz;

  • Werk 536 Zwickau, 30er Rundeisen, U-Eisen, 8, 12, 14 und 16 mm;

  • Objekte Ronneburg, Kern- und Schlammrohre, Bauabteilung I;

  • Ronneburg, 50er Bohrstangen, Bohrschrott und Bohrschrottkronen.

4.) Arbeitskräfteentlassungen

Große Unzufriedenheit unter den Beschäftigten in einigen VEB und Privatbetrieben riefen durchgeführte Arbeitsentlassungen aus [sic!]. Die Betriebe waren aufgrund der Herabsetzung ihrer Planziffern für das Jahr 1956 zur Entlassung von Arbeitskräften gezwungen. In den Diskussionen bringen die Arbeiter zum Ausdruck, dass die Regierung ihre Arbeitsplätze wegnimmt. Außerdem wird die Frage aufgeworfen, weshalb sie noch FDGB-Beiträge zahlen, wenn die Gewerkschaft nicht hilft. Folgende VE- und Privatbetriebe mussten Arbeitskräfte entlassen:

  • VEB Wachstuchwerke Coswig,15 [Bezirk] Dresden, 40 Arbeitskräfte;

  • Kunstblumenfabrik Schierz, Sohland [an der Spree], [Bezirk] Dresden, zehn Heimarbeiter;

  • VEB Alda-Werk, Altendambach, [Kreis] Suhl[-Land], 107 Arbeitskräfte;

  • Treuhandbetrieb Gummi- und Lederwaren, [Bezirk] Magdeburg;

  • Reparaturwerk Wünsdorf, [Bezirk] Potsdam, 31 Arbeiter.

Ähnliche Diskussionen lösen auch die ungenügend zur Verfügung stehenden Arbeitsstellen für Jugendliche aus. Die Jugendlichen äußern, dass man die Lehrwerkstätten in den Betrieben nicht schließen soll, bevor geeignete und entsprechende Lehrkombinate vorhanden sind. Schwierigkeiten in der Unterbringung von Jugendlichen bestehen in Piesteritz, [Bezirk] Halle, ca. 60 Jugendliche. Im Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, 270 Jugendliche, 180 Oberschüler, hinzu kommen 1956 noch 900 jugendliche Schulabgänger, die keine Lehrstellen erhalten können.

5.) Auftragsmangel

In der Berichtszeit kam es in einer Reihe von Betrieben wiederum zu negativen Diskussionen unter den Beschäftigten infolge Auftragsmangels. Ebenso wie bei Materialschwierigkeiten vertreten die Beschäftigten in den betreffenden Betrieben die Ansicht, dass unter diesen Voraussetzungen Normen und Wettbewerbe keinen Zweck haben, wobei sie jedoch in erster Linie von ihrer Verdienstschmälerung ausgehen. Auftragsmangel wurde aus folgenden VEB und Privatbetrieben bekannt:

  • Bandweberei Crottendorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, für das I. Quartal;

  • Falgard Falkenstein,16 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt;

  • Halbzeugwerk Auerhammer Aue, I. Quartal 56 fehlen noch 60 % Aufträge;

  • Schuhfabrik »Ernst Richter« Seifhennersdorf, [Bezirk] Dresden;

  • Waggonbau Dessau, I. Quartal;

  • Kreisbaubetriebe Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, für 1956;

  • Rathenower Optische Werke, Rathenow, [Bezirk] Potsdam;

  • »Ernst-Thälmann«-Werk17 Magdeburg für II., III. und IV. Quartal.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 20.1.1956 bis 6.2.1956

Braunkohlenindustrie

Infolge Materialschadens an Baggern, Wagenentgleisungen und elektrischen Störungen kam es in der Berichtszeit wiederum zu größeren Produktionsstörungen in den Braunkohlenbetrieben der Kreise Borna und Altenburg. Der Produktionsausfall beträgt: 102 789 cbm Abraum, 15 120 t Rohkohle, 1 586 t Brikett.

In anderen Industriezweigen

Bei den Kraftwerken wurden Produktionsstörungen durch Kesselschäden aus folgenden Betrieben bekannt: Kraftwerk Premnitz, Kraftwerk Böhlen. In der Steinkohlenindustrie wurden Produktionsstörungen durch Maschinenschäden aus dem Werk »Deutschland« in Oelsnitz-Falkenstein, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bekannt. In der Kunstfaser erzeugenden Industrie wurden Produktionsstörungen durch schlechten Stickstoff aus dem Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« in Rudolstadt bekannt. Innerhalb der Wismut wurden Produktionsstörungen durch Havarien in folgenden Objekten bekannt: Schacht 64 Oberschlema, Schacht Schneeberg-Oberschlema, Schacht 66, [Kreis] Aue, Objekt 101 Zwickau.18

Brände

  • am 23.1.1956 im Energieunterwerk des Bahnhofes Köthen, [Bezirk] Magdeburg,19 Kabelbrand (Gesamtschaden 15 000 DM);

  • am 23.1.1956 Karl-Marx-Werk Magdeburg,20 Werkstatt 715 ein Ofentrafo (Gesamtschaden 4 000 DM);

  • am 25.1.1956 im VEB Sanitas,21 Abteilung Zuschneiderei Görlitz (Gesamtschaden 1 500 DM);

  • am 25.1.1956 VEB Pappenwerk Liebethal,22 [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, im Trockenturm (Gesamtschaden 100 000 DM);

  • am 31.1.1956 Baubude VEB Kreisbaubetrieb Riesa (Gesamtschaden 2 000 DM);

  • am 1.2.1956 Werkzeugbaracke der Bau Union Michendorf, [Kreis] Potsdam[-Land] (Gesamtschaden 150 000 DM);

  • am 2.2.1956 RAW Meiningen in der Rotgussgießerei (Gesamtschaden 350 DM);

  • am 31.1.1956 VEB Sägewerk Rechenberg-Bienenmühle, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Produktionsraum (Gesamtschaden 100 000 DM);

  • am 1.2.1956 im VEB Zinnerzgrube Ehrenfriedersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in der Sink- und Schwimmanlage (Gesamtschaden 40 000 DM);

  • am 28.1.1956 Zuckerfabrik Lübz, Lehrlingsheim (Gesamtschaden 2 000 DM);

  • am 30.1.1956 Gefrierschiff 1523 der Werft Stralsund (Gesamtschaden 120 000 DM), das Schiff wurde am gleichen Tage erst der SU übergeben.

Versorgung der Bevölkerung

Die Kartenversorgung der Bevölkerung ist weiterhin in allen Bezirken gesichert.23 Lediglich aus einigen Bezirken wird ein Mangel an HO-Waren gemeldet. So besteht in einigen Kreisen der Bezirke Gera, Erfurt und Rostock ein Mangel an HO-Butter. In den Bezirken Suhl, Erfurt und Karl-Marx-Stadt ist die Belieferung mit HO-Fleisch und Fleischwaren ungenügend. Besonders stark tritt dies in den Grenzgemeinden des Bezirkes Suhl und Erfurt in Erscheinung. Durch das Fehlen von Bohnenkaffee in den Bezirken Magdeburg, Frankfurt/O. und Karl-Marx-Stadt treten unter der Bevölkerung negative Diskussionen auf, wobei die alten Argumente wieder in Erscheinung treten wie: »In Westdeutschland gibt es alles. Bei uns geht es eben bergab.« Oder: »Jetzt ist das Weihnachtsfest vorbei und gleich sind die Geschäfte wieder leer.«

Kartoffelversorgung

Einen Schwerpunkt in der Kartoffelversorgung bildet weiterhin der Kreis Bitterfeld, [Bezirk] Halle. Gegenwärtig besteht noch ein Bedarf von 750 t. Schwerpunkte bilden diesbezüglich:

  • Filmfabrik Wolfen mit 300 t,

  • Farbenfabrik Wolfen mit 130 t,

  • Stadtküche Bitterfeld mit 70 t,

  • HO-Gaststätten mit 50 t,

  • Mitropa mit 26 t,

  • Tbc-Heilstätte Carlsfeld24 mit 25 t.

Ebenfalls fehlen in den Betrieben des Kreises Zittau 900 t Kartoffeln.

In der letzten Zeit werden verstärkt aus den Kreisen der Raucher Klagen bekannt über die schlechte Qualität der Importzigarren aus der ČSR im Preise zwischen 0,30 und 0,80 DM. Es wird erklärt, dass sie ungenießbar sind und zum Teil keinen Geschmack haben. Die Klagen sind besonders aus den Bezirken Halle, Potsdam und Frankfurt/O. bekannt.

Die Neufestsetzung der Holz- und Möbelpreise ruft unter den Werktätigen in den Betrieben und der übrigen Bevölkerung heftige Diskussionen hervor. Charakteristisch für die geführten Argumente ist Folgendes: »Wenn die Margarine oder Butter im Westen um einen Groschen teurer wird, macht man bei uns eine große Brühe. Wenn sich aber bei uns die Holzpreise und demzufolge auch die Möbelpreise bald um 100 % erhöhen, sagt man von amtlicher Stelle kein Wort.« – »Sonst macht man so viel Geschrei im Radio und in der Zeitung über jede kleine Preissenkung, aber bei Preiserhöhungen lässt man keinen Ton verlauten.« Derartige Diskussionen wurden aus den Bezirken Suhl, Gera, Erfurt und Karl-Marx-Stadt bekannt.

Besondere Vorkommnisse

Am 2.2.1956 brach im Kaufhaus Neubrandenburg ein Brand aus, wobei in der Schuhabteilung ein größerer Schaden entstand. Der Brand ist entstanden durch fahrlässigen Umgang mit einer Lötlampe beim Auftauen einer Wasserleitung. Der Schaden beläuft sich auf ca. 20 000 DM.

Die Lage in der Landwirtschaft

In der Landwirtschaft werden neben der Aufstellung der Volksarmee [sic!] hauptsächlich Diskussionen über ökonomische Probleme geführt. Dabei handelt es sich um

  • 1.)

    Jahresendauszahlung und Auszahlung von Arbeitseinheiten in den LPG

  • 2.)

    Materialschwierigkeiten in den MTS

1.) Jahresendauszahlung und Auszahlung von Arbeitseinheiten in den LPG

Aus den Bezirken Potsdam, Schwerin, Neubrandenburg, Frankfurt/O., Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Magdeburg und Dresden wird weiterhin gemeldet, dass die Lage in den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, aufgrund der Nichtauszahlung der restlichen Prozente für die geleisteten Arbeitseinheiten, unverändert ist. Die Genossenschaftsbauern fordern die Jahresendauszahlung und z. T. eine Heraufsetzung der neufestgesetzten Arbeitseinheiten für 1956 und drohen bei Nichtzahlung mit Arbeitsniederlegung bzw. Austritt aus der LPG. So können z. B. im Bezirk Frankfurt/O. von den 310 LPG [bei] 200 LPG aufgrund der Nichterfüllung der Finanzpläne die Forderungen der Genossenschaftsbauern nicht erfüllt werden, und im Kreis Wanzleben von 43 LPG haben 33 mit Verlust abgeschlossen [sic!].

Aufgrund der Nichtauszahlung der restlichen Prozente für die geleisteten Arbeitseinheiten sowie der Neufestsetzung der Bezahlung der Arbeitseinheiten kam es in der Berichtszeit wiederum zu Arbeitsniederlegungen. So z. B. am 1.2.1956 in der LPG Klein Luckow, [Kreis] Teterow,25 [Bezirk] Neubrandenburg; am 4.2.1956 legten in der LPG Bristow, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, fünf Jugendliche die Arbeit nieder. Am 2.3. und 4.2.1956 kam es in der LPG Kirch-Kogel, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin, zur Arbeitsniederlegung.

Gleichfalls führen diese Unzufriedenheiten der Genossenschaftsbauern zu Austrittserklärungen. In der LPG Behrendorf, [Kreis] Osterburg, [Bezirk] Magdeburg, kündigten elf Bauern ihr Arbeitsverhältnis. So gaben in den LPG Manschnow 28 Personen, LPG Reitwein drei Personen, LPG Quappendorf vier Personen und Neubarnim, [Bezirk] Frankfurt/O., acht Personen ihre Austrittserklärungen ab.

2.) Materialschwierigkeiten in den MTS

Aus allen Bezirken wird gemeldet, dass bei der Durchführung des Winterreparaturprogrammes bei den meisten MTS große Materialschwierigkeiten bestehen, sodass verschiedene landwirtschaftliche Geräte, besonders Traktoren, nicht rechtzeitig repariert werden können und somit der Termin, »Tag der Bereitschaft«, nicht eingehalten werden kann.26 Ein besonderer Engpass ist in Schrauben und Muttern in der Größe von 5 bis 22 mm zu verzeichnen.

  • In der MTS Burkartshain,27 [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, fehlen Wellen und Kegelräder für Ausgleichsgetriebe zum RS 30 sowie Teile für Kupplungen, Ersatzteile für DZ 25, spezielle Lenkungen.

  • In der MTS Nöbdenitz, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, fehlen Kugel- und Rollenlager Nr. 6308, 30010, 30308 für KS.

  • In der MTS Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, werden zehn Traktorenreifen 12,75 bis 24 benötigt.

  • In der MTS Schleusingen, [Kreis] Suhl, fehlen an drei Traktoren des Typ RS 04/30 die Lichtmaschinen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Industrie

In der Berichtszeit wurden innerhalb der Industriebetriebe eine Anzahl besondere Vorkommnisse bekannt, die bisher noch nicht geklärt werden konnten.

  • In mehreren Betrieben wurden Fremdkörper in Maschinen festgestellt, durch die bei Nichtbemerken größerer Maschinen- und teilweise auch Personenschaden entstanden wäre. Derartige Vorfälle wurden bekannt im:

    • VEB Blechwalzwerk Olbernhau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

    • VEB Draht- und Nagelwerk Wilischthal, [Kreis] Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

    • VEB Sprengstoffwerk Schönebeck [Elbe], [Bezirk] Magdeburg,

    • VEB Chemie-Werk Oranienburg, [Bezirk] Potsdam;

  • Am 27.1. zum 28.1.1956 wurde von einigen Arbeitern im Carl-Ossietzky-Werk Teltow,28 [Kreis] Potsdam[-Land], Kohle in den Ofen nachgeschüttet, worauf sofort eine Stichflamme erfolgte. Die bisherige Untersuchung ergab, dass die Kohlen mit einer Nitro-Lösung übergossen waren. Die Täter sind unbekannt.

  • Am 27.1.1956 erfolgte im BKW »John Schehr«29 eine Kohlenstaubverpuffung, durch die sämtliche Fenster des Kühlhauses zerstört wurden. Der Schaden beläuft sich auf 30 000 DM. Die Ursache konnte noch nicht geklärt werden.

  • Am 26.1.1956 erfolgte in der Zelle 86 der Deutschen Solvaywerke Osternienburg, [Bezirk] Halle, eine Explosion. Der Schaden beträgt 5 000 DM. Die Ursache ist ungeklärt.

  • Am 24.1.1956 stürzten im VEB Industriebedarf Pirna – Objekt Dresden-Klotzsche30 – in der Halle zwei 74 m lange Eisenbinder zusammen. Schaden 300 000 DM. Die Ursache ist noch nicht geklärt.

  • Am 31.1.1956, gegen 11.00 Uhr, wurde auf dem Flugplatz [Leipzig-]Mockau das Verbindungskabel zwischen der Verwaltung und dem Sender zerschnitten.

  1. Zum nächsten Dokument Stimmung zur Schaffung der NVA (10)
    8. Februar 1956
    Nationale Volksarmee (10. Bericht für die Zeit vom 4.2. bis 8.2.1956) [Information Nr. M35/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (9)
    7. Februar 1956
    Verdacht der Republikflucht bei Jugendlichen (2.2.–6.2.1956) [Information Nr. M34/56]