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Auftreten von Bischof Krusche auf der Synode in Magdeburg

30. Oktober 1976
Information Nr. 749/76 über das Auftreten von Bischof Krusche, Magdeburg, auf der 2. Tagung der 8. Synode der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen

Am 27. Oktober 1976 fand beim Rat des Bezirkes Magdeburg ein Gespräch mit Bischof Krusche und Oberkonsistorialrat Schultze statt, in dem im Zusammenhang mit der bevorstehenden Synode der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen Fragen zum Verhältnis Staat – Kirche nach dem Vorfall Brüsewitz erörtert wurden.1

In diesem Gespräch betonte Krusche gegenüber den Vertretern des Staatsapparates, die Kirchenleitung und die Synode hätten nicht die Absicht, weitere Stellungnahmen oder Resolutionen zum Fall Brüsewitz zu verabschieden; er sei allerdings nicht in der Lage, eventuelle Antragstellungen zu diesem Punkt aus der Synode heraus zu verhindern.

Er habe jedoch die Absicht, seinen Bericht an die Synode so abzufassen, dass es zu keiner weiteren Belastung oder Zuspitzung des Verhältnisses Staat – Kirche komme, und er werde sich insbesondere mit dem Verhältnis zwischen Kirchenleitung und Kirchengemeinden beschäftigen. Krusche betonte, die Kirchenleitung »sei mündig genug, um den Fall Brüsewitz zum Abschluss zu bringen«.

Unter Hervorhebung seiner »guten Absicht« und des »Einvernehmens mit dem Staat« erwähnte er sein Auftreten gegen westliche Journalisten während der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen der DDR (24.–28.9.1976) in Züssow,2 das ihm von der Zeitung »Die Welt« die Bezeichnung »linientreuer Bischof« eingebracht habe. Insbesondere sei der Verlauf des Kirchentages der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (17.–19.9.1976) in Halle3 Beweis dafür gewesen, dass alles unternommen worden sei, um Störaktionen gegen den Staat zu verhindern. Er sagte wörtlich: »Wenn wir gewollt hätten, dann hätten wir den Kirchentag in Halle dazu benutzt, um gegen den Staat in Front zu ziehen. Wir haben aber alles unternommen, dass es zu keiner Konfrontation kam.« In diesem Sinne wolle er auch während der Synode in Magdeburg wirken.

Es ist jedoch festzustellen, dass Bischof Krusche entgegen seinen Beteuerungen vor Vertretern des Staatsapparates, für ein gutes Verhältnis zum Staat und für den Abschluss des Falles Brüsewitz einzutreten, am ersten Beratungstag der 2. Tagung der 8. Synode der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, die in der Zeit vom 28. Oktober bis 31. Oktober 1976 in Magdeburg tagt,4 einen Bericht der Kirchenleitung gab, der sich nur mit dem Fall Brüsewitz befasst und in dem zum Teil in verbrämten Formulierungen Anwürfe gegen den Staat enthalten sind.

In dem Bericht der Kirchenleitung – der als Drucksache der Kirchenleitung Nr. 25/76 wörtlich im Umfang von 21 Seiten vorliegt – führte Bischof Krusche anfangs aus, die Kirchenleitung sei der Auffassung, auf dieser Tagung der Synode von einem eigenen Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit im letzten halben Jahr abzusehen, da der Synode ein Bericht des Konsistoriums vorliegt. (Eine solche Handlungsweise weicht von der üblichen Praxis ab, die jeweils eine Berichterstattung der Kirchenleitung in Form eines Rechenschaftsberichtes vorsieht.) Stattdessen habe die Kirchenleitung festgelegt, unter dem Thema »Wie bleibt die Kirche bei der Sache« eine Analyse zu geben, in der über Entscheidungen, Gesichtspunkte, aufgebrochene Fragestellungen und die »geistliche Verarbeitung der sichtbar gewordenen Ursachen und Auswirkungen dieses Geschehens« – Vorkommnis Brüsewitz – berichtet werde.

Im Verlaufe seiner Ausführungen nahm Bischof Krusche Bezug auf Stellungnahmen, die von Kirchenanhängern und Amtsträgern an die Kirchenleitung Magdeburg gerichtet wurden, auf Zuschriften aus gleichen Kreisen und der Kirchenleitung an die Redaktionen der Zeitungen »Neues Deutschland« und »Neue Zeit«5 sowie auf den Brief der Konferenz der Kirchenleitung an die Gemeinde zum Fall Brüsewitz.6 Krusche verlas dabei im Rahmen des Berichtes der Kirchenleitung Auszüge aus diesen Schreiben bzw. interpretierte sie, offensichtlich mit dem beabsichtigten Effekt, die ganze Problematik – die sich in vielen Passagen gegen den Staat, speziell gegen die Volksbildungspolitik der DDR richtet – in der Diskussion in den Gemeinden »aufzuwärmen« bzw. nicht auslaufen zu lassen.

In den Ausführungen wurde unter Bezugnahme auf die Bibel und durch eigene Wertungen der Versuch einer Rechtfertigung der Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz und seiner Motive unternommen, wobei durch Verlesen wörtlicher Stellungnahmen aus den Gemeinden eine Parteinahme für Brüsewitz sichtbar wurde. Im Bericht von Krusche wurde z. T. durch Verlesen weiterer Stellungnahmen darüber hinaus verbrämt gegen die Veröffentlichung in »Neues Deutschland« vom 2. September 1976 zu Pfarrer Brüsewitz,7 gegen die Nichtveröffentlichung der kirchlichen Stellungnahme dazu, gegen staatliche Maßnahmen im Zusammenhang mit der Beisetzung von Brüsewitz polemisiert, und es wurde für diejenigen Partei ergriffen, die wegen ihrer christlichen Anschauung in der DDR angeblich benachteiligt würden.

Im Bericht von Bischof Krusche sind u. a. folgende ausgewählte Passagen bemerkenswert:

»Die Kritik (aus den Gemeinden am »Wort an die Gemeinden«) ging in die Richtung: es sei der Signalcharakter dieser Tat, die auf schwere objektive Schäden in unserer Gesellschaft habe aufmerksam machen wollen, unterschlagen, es sei also nichts von dem Protest hörbar gemacht worden, den diese Tat gegen die von unserer Jugend wehrlos hinzunehmende Dauerbeeinflussung mit marxistisch-atheistischer Ideologie, gegen die Züchtung eines Geistes rückständiger Intoleranz, gesellschaftlicher Heuchelei und ohnmächtiger Resignation habe erheben wollen.«

»Die Erfahrung habe gezeigt, dass eine eigenständige Mitarbeit von Christen nach den vom Evangelium gesetzten Maßstäben unerwünscht und unmöglich sei.«

»Bis auf wenige Ausnahmen waren die Einsendungen an die Kirchenleitung ernsthafte Versuche, das unfassbare Geschehen in Zeitz zu begreifen und sich die darin auf einen äußersten Ausdruck gebrachte Existenzproblematik bewusst zu machen. Erstaunlich war die fast durchweg vorhandene Bereitschaft, diese Tat zu akzeptieren und sich mit ihr zu identifizieren.«

»Die Kirchenleitung hat bewusst unterlassen, was die Situation emotional aufladen könnte. Sie hat bestimmte Sicherheitszumutungen bei der Beerdigung von Bruder Brüsewitz ebenso abgewiesen wie bestimmte Sensationsgelüste und dafür gesorgt, dass der gottesdienstliche Charakter der Beerdigung gewahrt bliebe und zugleich die weit über den Kirchenkreis hinausgehende Betroffenheit der ganzen Kirche zum Ausdruck käme. Trotz dieses überlegten Verhaltens der Kirchenleitung kam es zu Behinderungen von Menschen, die an der Beerdigung teilnehmen wollten.«

»Diese die Ehre eines Verstorbenen herabsetzenden, die Wahrheit verletzenden und im Ton sich so völlig vergreifenden Artikel (gemeint ist die Veröffentlichung im »ND«)8 haben die Atmosphäre in einer bösen Weise vergiftet und eine Welle der Empörung ausgelöst.«

»Aber wir hören nicht auf zu hoffen, dass es hier eines Tages zu vernünftigen Regelungen kommen wird.«

»Das Gespräch in Halle am 4. Oktober 1976 mit Amtsträgern zum Fall Brüsewitz9 zeigte, wie wenig wir mit dem fertig sind, was der Tod von Oskar Brüsewitz an Fragen aufgerissen und an Wirkungen ausgelöst hat.«

»Die Kirchenleitung muss Verantwortung wahrnehmen im Kontext der Innenpolitik unseres Staates, in dem die Kirche nicht den abgesteckten Lebens- und Rechtsraum eines ausgeführten Staatskirchenvertrages hat, sondern nur die sehr schmale Basis einer allgemeinen Erwähnung in der Verfassung mit dem Hinweis auf Einzelvereinbarungen. Dadurch ist sie im Interesse der Kirche auf ständige Verhandlungen mit Vertretern des Staates angewiesen.«

»In den Verhandlungen machen die staatlichen Vertreter ihre außen- und innenpolitischen Gesichtspunkte deutlich, geben ihre politische ›Einschätzung‹ bestimmter kirchlicher Handlungen, sprechen Beurteilungen vergangener Vorgänge und Erwartungen für zukünftige aus, die nicht ohne Anerkennung und Tadel sind. Dabei wird oft indirekt zu verstehen gegeben, dass die Berücksichtigung staatlich-politischer Erwartungen die Erfolgsaussichten für die kirchlichen Anliegen vergrößern würden. Schema: do ut des (ich gebe, damit du gibst). Die Nötigung, im Interesse der Kirche und der Menschen, für die die Kirche da sein möchte, sich immer wieder auf solche Verhandlungen einzulassen, heißt aber auch, sich in ihren Spielregeln, Sprachregelungen, Norm- und Tabu-Erwartungen zustimmend oder ablehnend zu bewegen. Das führt leicht – vielleicht unvermeidlich – dazu, dass die kirchenleitend Verantwortlichen bei ihrem Handeln und öffentlichen Reden die nächste Reaktion der staatlichen Vertreter mit im Kopf haben. (Nicht Angst waltet hier, sondern Sorge um die Aussicht der nächsten Verhandlung.) Auch wenn die Betreffenden selbst mit gutem Gewissen sich sagen können, sie haben staatlich-politischen Erwartungen nicht einfach, sondern aus eigener kirchlicher Verantwortung gehandelt und geregelt, schimmert in ihren Worten für unbefangene Gemeindemitglieder und Pfarrer der Gedanke an die staatlichen Gesprächspartnerschaft manchmal hindurch.«

»Die Pfarrer haben nicht selten aus enger Tuchfühlung die Belastungen (und Frustrationen) vor Augen, die Menschen unter der innenpolitischen Praxis empfinden, Belastungen die sich oft nur noch in Nachbarschaftsgesprächen äußern.«

»Aus der Tuchfühlung mit den Menschen wissen die Pfarrer von dem kritischen Unbehagen gegenüber Einseitigkeiten der Berichterstattung und parteilicher Wertung in unserer Presse. Sie wissen von der oft wahrnehmbaren Apathie gegenüber verantwortlich politischem Mitdenken für das Ganze, die aus Enttäuschungen resultieren. Und sie wissen auch von der Scheu vieler Menschen, ihren christlichen Glauben und die Verbindung zur Kirche öffentlich zu erkennen zu geben, weil sie Folgen für Berufs- und Bildungsaussichten befürchten.«

»Die Spannung zwischen der erklärten Absicht, die marxistische Weltanschauung in unserer Gesellschaft durchsetzen zu wollen, und die in der Verfassung gegebene Zusicherung, dass jeder Bürger Gewissens- und Glaubensfreiheit genieße, würde zu einer Dauerbelastung führen, wenn nicht alles wirksam ausgeschlossen wird, was als Druck empfunden und wodurch Angst erzeugt wird. Die Kosten für Zivilcourage sollten nicht hochgetrieben werden. Es müssen Freiräume für das offene Gespräch gelassen werden, in denen der Mensch die Chance hat, sich als mündig und als eigenständig denkender zu erfahren, ohne befürchten zu müssen, dass auf seine Anfragen, Einwände und Ideen mit Standardantworten oder gar mit gesellschaftlich disqualifizierenden Kennzeichnungen reagiert wird. Tabuisierung von Problemen erzeugt offensichtlich Frustration und führt zur Resignation oder auch zur Anstauung von Aggressionen gegenüber der Gesellschaft.«

»Die im Zusammenhang mit den Ereignissen in Zeitz10 sichtbar gewordenen Probleme werden hier genannt, um mit unseren staatlichen Partnern darüber sprechen und nach Lösungen suchen zu können. Uns liegt an diesem Gespräch. Darum betone ich ausdrücklich und nachdrücklich, dass es gegen unserer erklärte Absicht wäre, wenn das hier Gesagte zur Propaganda gegen die DDR benutzt würde.«

»Der Vorgang in Zeitz und die Reaktionen darauf haben die Frage, wie wir Kirche im Sozialismus sein können, noch keineswegs so klar beantwortet, wie das die in Eisenach gefundene Formulierung vermuten lässt.«

»Wir werden uns die kritische Frage nicht ersparen dürfen, inwieweit es bei uns das Missverständnis des Evangeliums als Anti-Ideologie gegen den Kommunismus immer noch gibt. Es bleibt dabei, dass wir in der DDR den Staat sehen, in dem wir nach Gottes Willen leben und für den wir uns mitverantwortlich wissen. Auch dann, wenn wir kritisch fragen oder auf Schäden aufmerksam machen, geschieht dies nicht aus heimlicher Gegnerschaft, sondern aus offener Bereitschaft zur Mitverantwortung. Wir haben nicht die Absicht, von unserer eingeschlagenen Grundrichtung abzugehen, freuen uns über alles, was in unserem Staate zum Wohle der Menschen geschieht und tun das Unsere dazu. Wo wir Gefahren sehen, werden wir das offen sagen. Wir sind dankbar für alle Freiheit, in der wir unseren Dienst tun können, und für alle Unterstützung, die wir erfahren, für alle Klärungen, die erreicht werden konnten, und wir geben die Hoffnung nicht auf, dass noch manches befriedigend gelöst werden kann, was wir als belastend und einschränkend erfahren.«

Der volle Wortlaut des Berichtes von Bischof Krusche kann bei Bedarf angefordert werden.

Die Information ist nicht für eine öffentliche Auswertung bestimmt.

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    Oktober 1976
    Information über die Beendigung der Tätigkeit der an der Stadtgrenze der Hauptstadt der DDR, Berlin, befindlichen Kontrollpassierpunkte [Bericht K 2/10]
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    27. Oktober 1976
    Information Nr. 738/76 über Zusammenhänge der vom Vatikan vorgenommenen Erhebung der »Berliner Ordinarienkonferenz« in den Rang einer Bischofskonferenz für die DDR